Die schwierige Wende des Hans R.

Von | 27. Juni 2017

(C.O.) Der mittlerweile verblichene deutsche Großschriftsteller und Nobelpreisträger Günter Grass hat 2012 unter dem Titel “Was gesagt werden muss” ein törichtes Gedicht veröffentlicht, in dem er gegenüber Israel eine pseudo-moralische Pose einnahm: Es müsse endlich gesagt werden, dass “die Atommacht Israel den Weltfrieden gefährdet” und ein “Recht auf den Erstschlag” behauptet, der “das iranische Volk auslöschen könnte”. Daraufhin hat ihm der Wiener Kolumnist Hans Rauscher im “Standard” ordentlich eines übergebraten. “Grass und all die ,Das wird man ja noch sagen dürfen‘-Zeitgenossen wollen im Grunde die bleibende Verantwortung für die Folgen des größten Verbrechens der Weltgeschichte abschütteln”, ätzte Rauscher – völlig zu Recht – gegen Grass.

Heute, fünf Jahre später, ist Rauscher offenkundig selbst unter die “Das wird man ja noch sagen dürfen”-Zeitgenossen gegangen. Sein jüngstes Buch trägt nämlich den merkwürdigen Titel: “Was gesagt werden muss, aber nicht gesagt werden darf”. Merkwürdig ist der Titel, weil Rauscher hier auf etwa 150 Seiten ausführlich ausführt, was seiner Meinung nach unbedingt gesagt gehört, ganz besonders zur Zuwanderung, zu Frauen, zum Journalismus, zur Political Correctness, zu Israel und einem ganzen Sack anderer Themen, ohne dass ihn irgendjemand im Geringsten daran hindern würde, zu sagen, was er will, wie er will, wie oft er will.

Das Buch ist im Handel erhältlich, wird über Amazon ins Haus geliefert und wurde da und dort auch bereits rezensiert – was hier “nicht gesagt werden darf”, erschließt sich dem Leser nicht im Geringsten. Rauschers Buch ist ja sozusagen die Widerlegung seiner titelgebenden These. Sei es drum. Inhaltlich erweckt das Buch ein wenig den Eindruck, hier würde einer der wesentlichen Kommentatoren des Landes den Versuch unternehmen, seine Positionierung innerhalb des Meinungsspektrums etwas zu korrigieren, vor allem in der Frage der Zuwanderung. Was ganz interessant im Detail zu beobachten ist.

Der Autor ist flexibel
Führte er etwa im Herbst 2015 den hypermoralisierenden Begriff des “Schutzerflehenden” (statt Zuwanderer, Asylwerber oder wenigstens Schutzsuchender) in den hiesigen publizistischen Diskurs ein, lesen wir heute, der populistische Wähleraufstand sei auf die “Bedrohung traditioneller Lebensstile durch Zuwanderung” verursacht. – Schnöde Zuwanderung? Und wir dachten, “Schutzerflehende” seien das allesamt? Auch sonst zeigt sich der Autor flexibel. Lasen wir im September 2015 noch: “Eine ,Völkerwanderung‘? Der Begriff trifft die Sache nicht”, so fragte er im Jänner 2017 bereits: “Wie soll man mit der neuen Völkerwanderung umgehen?” (Beides im “Standard”). Und gibt jetzt in seinem Buch die Antwort: “Echte Kriegsflüchtlinge sind nur ein Drittel.” Für die große Mehrheit der Österreicher, befindet er, sei “die Zuwanderung zu viel”. Vor allem die islamische Zuwanderung: “Die Europäer wollen keine muslimische Zuwanderung mehr. Basta.”

Denn: “Der europäische und der muslimische Lebensstil sind nicht problemlos vereinbar.” Rauscher schließt daraus heute in seinem Buch, was er 2015 den “Schutzerflehenden” nicht einmal ansatzweise zumuten wollte: “Irgendeine Lösung mit Lagern in Nordafrika wird es bald geben müssen.” Auch wenn die Verwendung des Begriffes “Lager” in einem derartigen Kontext eine frühere Hans-Rauscher-Version zum prompten Auspacken der Nazi-Keule getrieben hätte, hat er damit natürlich vollkommen recht.

Nur, dass dergleichen “nicht gesagt werden darf”, mag vielleicht noch für letzten willkommenskulturellen Rückzugsbiotope im Wiener Bobo-Milieu des achten Bezirkes gelten, im ernsthafteren politischen Diskurs ist diese Forderung mittlerweile Allgemeingut. Dass das Buch trotz der Prominenz seines Autors (noch?) kein rechter Bestseller geworden ist, könnte daran liegen, dass Rauscher sein “Rebranding” permanent relativiert, passagenweise gar den Eindruck erweckt, er fühle sich nicht eben pudelwohl dabei. Was freilich eher als Indiz für die Redlichkeit seiner Absicht verstanden werden sollte. (WZ)

Was gesagt werden muss,
aber nicht gesagt werden darf

Hans Rauscher, Ecowin

152 Seiten, 18 Euro

43 Gedanken zu „Die schwierige Wende des Hans R.

  1. Thomas Holzer

    Wäre mal an der Zeit, daß uns “unsere” gewählten Politikerdarsteller erklären, warum! die EU z.B. in Afrika Lager für die “Schutzerflehenden” errichten und “betreiben” soll, ja muß.

    Mir, als Naivling zumindest hier in diesem Forum bekannt, fällt kein stichhaltiger Grund ein, geschweige denn eine wie auch immer geartete rechtliche Grundlage.

  2. Der Realist

    Rauscher hat ja lange Zeit damit gut gelebt, dass er sozusagen als hauptberuflicher “Vergangenheitsbewältiger” agierte, praktisch an jeder Ecke, hinter jedem Baum einen potentiellen Nazi vermutete. Er fühlt sich auch immer noch im Besitz der alleinigen Wahrheit, als Hüter der Meinungsfreiheit, nur andere Meinungen sind ihm ein Gräuel.
    In den letzten Jahren war er als Schreiberling im “Standard” von der breiten Öffentlichkeit relativ isoliert, und wirklich abgegangen ist er auch keinem, aber ganz dürften die aktuellen Entwicklungen auch an ihm nicht vorbei gegangen sein.

  3. Christine

    Die “Gutmenschen” gibt es weiterhin zahlreich. Nicht nur im 8. Bezirk. Bequemlichkeitsverblödung.

  4. Erich

    Ich habe mir lieber das Buch von Günther und Reichel (Hg.) gekauft: “Populismus – Das unerhörte Volk und seine Feinde”. Das hat sogar 195 Seiten Text (gegen 128 bei H.R.) von 12 kritisch denkenden Autoren. Ich lese ebenso von denselben Herausgebern “Infantilismus – Der Nanny-Staat und seine Kinder”. All diese Autoren vertreten seit 2015 und früher dieselbe Meinung, die (angesichts der kommenden Wahlen?) immer mehr bei uns “salonfähig” wird. Bei H.R. geht es wohl um den stetigen Leserschwund der Tages- und Wochenpresse, den er durch seine “Wandlungsfähigkeit” stoppen versucht?

  5. stiller Mitleser

    Rauschers switch ist nur einer der Indikatoren, daß der große Karren langsam&ächzend wendet – nicht so wie hierorts gewünscht und unter Hinterlassung nachhaltiger Schäden und Verwerfungen, aber doch
    (gelesen hab ich ihn sei über einem Jahrzehnt nicht mehr, seit ich nämlich im Bus an ihn geriet, als er meinen sanften, kinderliebenden, bemaulkorbten Hund mit der Aktentasche von seinem Kleinkind wegschob – was alte Propellerväter denken&schreiben kann nicht interessant sein, nein!).

  6. stiller Mitleser

    @ Thomas Holzer
    in dieser Sache stimme ich Ihnen eher nicht zu, allgemein jedoch kann der Vorwurf der Naivität durchaus ehrend sein, denn naiv meint einen frischen, unvoreingenommenen Blick auf die Dinge, der auch zu neuen Lösungen und nicht zum Immergleichen führen kann. (aber natürlich, ansonsten beurteile&verurteile auch ich gern, schnell&unverzüglich und umso präziser, je weniger ich über tatsächliche Sachverhalte weiß…)

  7. sokrates9

    Es dauert eigentlich ziemlich lange bis diverse Journalisten erkennen am falschen Schiff zu sitzen! Langsam scheinen sie zu kapieren dass Multikulti und die islamische Zuwanderung doch nicht die Vorteile bringt, die man erwartet hat. Die Raketentechniker und Hirnchirurgen bringen anscheinend nicht den Nutzen den man erwartete!

  8. sokrates9

    sokrates9@Wie sollen solche Lager außerhalb Europas funktionieren? Dort werden die Menschenrechte eingehalten und jeder wird gratis verpflegt, schlimmstenfalls dann wieder ( auf unsere Kosten) in das Ursprungsland zurückgebracht! Sozusagen ein Club Med für verfolgte Afrikaner!

  9. KTMTreiber

    @sokrates9

    Eben, – die Errichtung solcher “Lager”, oder nennen wir sie ganz lieb, “Primär- Sammelstelle für ausreisewillige Afrikaner zur Verbesserung deren Lebensstandartes” ist ein kompletter Schwachsinn und dient lediglich als Magnet um diese Klientel, die sich (mit Recht) ein “Dolce e’ Vita” in Germanistan, oder Ösiland erhoffen, anzuziehen. Um eine “Festung Europa” wird, wenn wir als Europäer überleben wollen, kein Weg vorbeigehen. (Punkt)

    Abschließend: Mit den “unschönen” Bildern kann ich sehr, sehr, sehr gut leben. Schließlich waren es u. a. auch meine Großeltern, die dieses Land aus “Schutt und Asche” zu dem aufbauten, was es bis vor kurzem war.

  10. stiller Mitleser

    encore
    Herrn Ortners Kommentare in der WZ werden auch von Grünen regelmäßig gelesen, wenn nicht mit Zustimmung, so doch mit Vergnügen

  11. Herbert Manninger

    Rauscher tritt stets ,,couragiert“ offene. Türen ein. Ein trotz seines Alters wendiger Zeitgeistsurfer, wie so viele seiner Kollegen.

  12. Falke

    Ich vermute einen ganz prosaischen Grund: Dem Standard kommen die Leser abhanden, und diejenigen, die noch dabei sind, haben inzwischen ebenfalls eine ziemliche Wende vollzogen. Daher muss der (fast) tägliche Kolumnist – schwer ächzend, aber doch – da mit, ob er nun will oder nicht.

  13. KTMTreiber

    @Falke:

    … u. a. werden es Meldungen wie diese (http://www.krone.at/oesterreich/afghane-stoesst-schwangere-aus-fenster-im-2-stock-mann-gefluechtet-story-575841) sein, die den einen, oder anderen Standard- Leser zu einer “Wende” veranlassen ….

    … wurde wohl nix aus den versprochenen Neuro / Onko- oder Kardiologen … – auch nix aus den ganzen Ingenieuren und Raketenbauspezialisten; – schade, – offensichtlich werden weder Deutsche, noch Österreicher, die ersten Menschen auf dem Mars sein …

  14. Reini

    KTMTreiber,… Wien würde sich als Sammelstelle eignen, viele “Reisende” zieht es jetzt schon freiwillig in die schöne Stadt wegen der finanziellen Sehenswürdigkeiten, …
    wichtig für die Sicherheit! ein Zaun um Wien, mit geschlossenen Seitentürln, damit eine gewisse Selbstheilungskraft Eintritt … 😉

  15. mariuslupus

    Interessant wenn sich Wendehälse die hauptberuflich, staatstragend mit den Machthabern in Symbiose lebend, sich plötzlich versuchen, auch noch als Opposition zu verkaufen. Ähnlich, wie die staatseigenen staatlich gefütterten Kabarettisten, die auf alle eindreschen auf die es staatlich empfohlen ist einzudreschen.

  16. Hausfrau

    Hans Rauscher ist eben sehr flexibel – oder wie man heute zu sgaen pflegt: situationselastisch.

  17. Selbstdenker

    Und ja: es ist das gute Recht von jedermann, die Macht von denen in Frage zu stellen, die sich über allgemeine Grundsätze von Moral, Recht und Logik hinwegsetzen.

  18. Selbstdenker

    „If we do not believe in freedom of speech for those we despise* we do not believe in it at all.“
    (Noam Chomsky)

    *…Das beruht übrigens auf Gegenseitigkeit

  19. KTMTreiber

    @Selbstdenker:

    “Zecken” eben,- Zecken, nutzlos, lästig und nicht ungefährlich.

  20. astuga

    @Thomas Holzer
    Sie haben schon recht.
    Für Anlaufstellen in Afrika gibt es auch keinen einzigen sinnvollen Grund.
    Die würden erst recht wie ein Magnet auf Migrationswillige wirken, und alle die abgewiesen werden versuchen es dann eben weiterhin illegal (im berechtigten Vertrauen darauf, nicht zurückgeschickt zu werden).

    Der australische Weg ist der einzige rationale, erfolgreiche, und vor allem auch humane.
    Den Europäern wie den Migrationswilligen gegenüber.
    Denn wir haben ein Menschenrecht auf Erhalt unserer Kultur und Heimat, und die Migranten darauf nicht Opfer falscher Versprechen zu werden.

  21. sokrates9

    Astuga@ Anlaufstellen wären der Club Med für Afrikaner- alles gratis unter europäischer Menschenrechtsaufsicht – divere Vergewaltigung werden halt zufällig passieren – mit dem Roulettespiel eines freien Tickets nach Europa! Die die am Besten lügen können wie sehr sie verfolgt werden bekommen Gratisticket, 95% gehen freiwillig ?? in ihre Herkunftsländer zurück?

  22. raindancer

    im Moment jubeln aber alle dem Herrn Kern zu, weil er wie von Merkel verlangt, die Afrika-Lager anpreist.
    Ich versteh nicht warum die Menschen schon wieder vertrauen, wo Vertrauen nicht ratsam ist.
    Das einzige was sinnvoll ist, ist die Grenzen zuzumachen und das Asylrecht aufkündigen.

  23. Oliver H.

    Sich am erkennbar satisfaktionsunfähigen Substandardrau abzuarbeiten, der wie eine defekte Uhr versehentlich zweimal pro Tag die Zeit korrekt anzeigt, hat was Kafkaeskes, wenn dabei eingangs ausgerechnet dessen vormaliges Eintreten fürs Aufrecherhalten “der bleibenden Verantwortung für die Folgen des größten Verbrechens der Weltgeschichte” affirmativ in den Zeugenstand gerufen wird.

    Was damals eine bis zum Erbrechen wiederholte Ansage der Linken war zur sorgsamen Wiederaufzucht und Pflege eines Nationalkomplexes, an dessen Griffen der renitente Untertan vom Diskurs weggehebelt wurde, entfliegt auch heute noch schillernd den Seifenblasenspendern derer, denen mit mutmaßlich identen Motiven am krampfhaften Bewahren einer religiös anmutenden, kollektiven Erbschuld gelegen ist. Danke, aber nein danke!

    Autoren sind wie Tonbänder, sie rauschen zu Beginn ihrer Funktionsperiode und erneut an deren Ende.

  24. mariuslupus

    @Selbstdenker
    Was wird sich ändern ? Sind vielleicht etwas hochgeschraubte Erwartungen.

  25. Oliver H.

    @mariuslupus

    “Was wird sich ändern ? Sind vielleicht etwas hochgeschraubte Erwartungen.”

    Man kann niemanden zwingen, die Wahrheit zu schreiben oder seine Absichten offenzulegen. Für denselben Zweck aber reicht es, sie in zunehmend erkennbare Widersprüche zu verwickeln.

  26. Selbstdenker

    @Oliver H.:
    So ist es. Lügengebäude können nur mit steigenden Einsätzen (Double down) aufrecht erhalten werden.

    Jede Lüge kommt früher oder später zu einem Ende, wobei der Schaden umso größer ist, je länger die Lüge das jeweilige Geschehen bestimmt.

    Viele von denen, die sich “Linke” nennen, sind de facto Utopisten. Da Sie Ihre Ideen nicht an der Realität, sondern an ihrer Utopie messen, biegen die meisten in die Einbahnstraße der pathologischen Lügner ein.

    Reformierte Utopisten (z.B. Ayaan Hirsi Ali oder Alexander Issajewitsch Solschenizyn) sind eine eher seltene, aber sehr wertvolle Spezies, da sie das Lügengebäude von innen kennen. Sie sind so gut wie immer die unerschrockensten und hartnäckigsten Kämpfer gegen das Lügenkonstrukt und den damit verbundenen Terror.

    Auf die “Ehemaligen”, die sich langsam auf die andere Seite schleichen, wenn ihnen der Boden unter den Füßen zu heiß wird, sollte man hingegen aufpassen: meist sind sie nämlich keine “Ehemaligen”, sondern Unverbesserliche mit geänderter Rhetorik.

  27. kreuzberg4

    Das Bobobiotop ist im Achten aufgrund des seegensreichen Richtwertmietzinses zwar erheblich gestiegen – es läßt sich dort abseits der Favoritener Richtwertmietzinsler doch angenehm leben. Aber auch dort existieren ein paar kritische Stimmen.

    Jeglicher Kommentar zum Thema muslimische Zuwanderung ist ohne Auseinandersetzung mit dem Koran und der daraus resultierenden, über Jahrhunderte eingebläuten, Haltung entbehrlich. Selbst kritische journalistische Auseinandersetzung geht in der Behandlung des Islam nicht den ganzen Schritt. Von auf Hörensagen, Halbwissen, Emotionalität und Ignoranz beruhender Propaganda des Linksliberalismus ganz zu schweigen.

  28. Oliver H.

    @Selbstdenker

    Es sind tatsächlich viele ‘Ehemalige’, denen unser gesteigertes Augenmerk gelten möge, aber mehr noch den Honeypots, die leuchtturmhaft seit jeher ‘die Guten’ sein sollen, als Meisterchirurgen hochgejubelt werden und dennoch in der Nähe des Herzens einen Fehlschnitt nach dem anderen setzen. “Ja mei”, mag der Ratsuchende stöhnen, “wenn nicht die, wer bleibt denn dann sonst, um den deklarieren Sozialisten wortgewaltig eins auszuwischen?”

    Liebe Deflektoren und Kontextdisruptoren, liebe Kryptolinken und Anhänger der These, eure Leser wären mindestens genauso geschichtsblind, wie ihr selbst, teure Helden der Klitterung, liebe Pseudoopponenten, geschätzte Edelfedern mit den zunehmend gröberen Patzern, Siegelbewahrer der Narrative, willfährige Wasserträger und ihr Bemitleidswerten, denen die kognitive Dissonanz schon aus allen Poren läuft, euch allen sei versichert: Eure Dämmerung ist angebrochen.

    Vielleicht mag es zu spät sein, daß man euch auf die Bühne zerrt, denn immer unverhohlener kommen die Ansagen einer ‘Governance’ als Chiffre dafür, die Menschen ins neue Utopia zu führen, ob die’s wollen oder nicht. Es kann durchaus sein, der Zug wäre sprichwörtlich abgefahren, aber eines könnt ihr Weichensteller und subordinierten Dienstleiter des medialen Fahrplans als Versprechen schon jetzt per Post-It auf eure Monitore kleben: Am Zielbahnhof seid ihr die letzten, die etwas zu melden haben. Dann habt ihr eure Schuldigkeit getan, und nicht nur die Machthaber werden auf euch spucken, sondern auch jene, die ihr verraten habt.

    Noch ist Gelegenheit zum desserdieren oder zumindest zum Schweigen! Andernfalls freut auch ein Weilchen an den erhaltenen Linsengerichten für den Betrug und am Schultklopfen eurer Kampfgefährten. Klatscht einandern High-Five, solange ihr noch Idioten findet, die euch die Verdrehungen, Halbwahrheiten und subtilen Lenkungen für’s alternativlose Gruppenkuscheln noch abkaufen; nutzt die verbliebene Zeit bis zu eurer erzwungenen Abdankung, denn danach werdet ihr noch weniger Spaß haben als jene, die ihr heute mit einer honigsüßen Mischung aus Luzidem, Fast-Richtigem, Horrorgeschichten und Flötentönen in die Knechtschaft lockt.

    ‘Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.’ — Hölderlin

  29. Johannes

    Es ist wohl so wie schreiben Herr Ortner nur bringt es uns, uns im Sinne von jenen die von Beginn an gewarnt haben, nichts wenn wir beginnen aufzurechnen.
    Jeder der, vielleicht auch mit Hilfe ihrer Arbeit, beginnt die Problematik von allen Seiten zu erkennen ist ein Mensch der nicht mehr die Gefahren leugnet und somit helfen kann den sich anbahnenden schweren Verwerfungen entgegen zu halten.
    Wir werden uns noch wundern wie viele Menschen in Zukunft wenn der große Crash eintritt, sich von ihrer jetzigen Meinung distanzieren werden.
    Die Probleme werden kommen und sie sind dann real und keiner der jetzt schön redet hat ein Rezept, denn hätte er ein Rezept so wäre er ein Lump wenn er es nicht anwendet, in jenen Ländern von wo sich die Millionen auf den Weg machen.
    Diese Leute werden denn den Problemen im eigenen Land genauso hilflos gegenüberstehen wie sie es den Problemen in Afrika tun.
    Alles was diese Leute jetzt tun ist die Beruhigung des eigenen Gewissens, solange die Völkerwanderung keinen unmittelbaren Einfluß auf ihr Leben hat läßt sich das ganz gut betreiben.

  30. Selbstdenker

    @Oliver H:
    Ich habe von mehreren Seiten die These vernommen, dass im Westen ein gesellschaftlicher Paradigmenwechsel stattfindet, der direkt gegen viele – wenn auch nicht alle – linken Ideale gerichtet ist.

    Diejenigen, die sich Linke nennen, waren sich derart betreffend den Lauf der Geschichte sicher, dass sie das Jahr 2016 völlig kalt erwischt hat. Ich behaupte, dass die meisten westlichen Länder (Ausnahme: Schweden und Frankreich, die meiner Meinung nach bereits verloren sind) haarscharf am Point of No Return vorbeschlittert sind und die Sache noch lange nicht ausgestanden ist.

    Die Gewaltbereitschaft der Linken ist dem Frust geschuldet, dass sie dem Ziel bereits zum Greifen nahe waren und in letzter Sekunde gestoppt wurden. Man geht von zwei Dingen aus: einen grundsätzlich erreichbaren Point of No Return einerseits und einen Paradigmenwechsel anderseits.

    Das Rennen ist – noch! – völlig offen. Aber die von denen, die sich Linke nennen, gewählten Methoden lassen den Rückschluss zu, dass man von einer Art “Endkampf” ausgeht. Dementsprechend wird maximal aufmagaziniert.

  31. Oliver H.

    @Selbstdenker

    “Ich habe von mehreren Seiten die These vernommen, dass im Westen ein gesellschaftlicher Paradigmenwechsel stattfindet, der direkt gegen viele – wenn auch nicht alle – linken Ideale gerichtet ist.”

    Dafür gibt es zwei potentielle Antworten: Nachdem der gesellschaftliche Crash, sich an einer noch nie dagewesenen monetären Krise oder ergänzend an einem Krieg mit Russland entzündend, unvermeidbar scheint, sollen ‘Rechte’ hierfür den Sündenbock abgeben. Eindrucksvoller ließe sich weltweiter Kommunismus aus dem Chaos heraus nicht einführen.
    Die zweite mögliche Erklärung kann im Umstand liegen, wonach eben nicht alle linken Ideale vom Tisch sind und diese verbleibenden ausreichen, den nächsten Level der Knechtschaft auszurufen. Zumindest für Europa ist das mittelfristig hochplausibel.

    Die verbindende Klammer über beiden Theorien liegt in der Annahme, wirkmächtig seien die Überlegungen im Sinne Trotzkis, wonach der Kapitalismus sich erst vollends entfalten muß, bevor er final in die Tonne getreten wird.

    “Man geht von zwei Dingen aus: einen grundsätzlich erreichbaren Point of No Return einerseits und einen Paradigmenwechsel anderseits.”

    Beides ist trefflich vereinbar, solange der Paradigmenwechsel inszeniert ist.

    “Das Rennen ist – noch! – völlig offen. Aber die von denen, die sich Linke nennen, gewählten Methoden lassen den Rückschluss zu, dass man von einer Art „Endkampf“ ausgeht. Dementsprechend wird maximal aufmagaziniert.”

    So manches erinnert an einen Crook-Fight, bei dem man nur zu leicht falschen Idolen auf den Leim geht, solange man bloß das Spektakel auf der Bühne verfolgt.

  32. stiller Mitleser

    @ Oliver H.
    Die Libertären scheinen eben auch einer Utopie, ja einer kommenden Revolution anzuhängen und in diesem
    Kontext dürfen auch die Abweichler, Verwässerer und fehlleitenden Verräter, gefährlicher als schlichte Renegaten, nicht fehlen. Die Bitterkeit Ihrer Vorwürfe und Mahnungen geht zu Herzen.
    Vermutlich aber werden crashes und soziale Kollisionen nicht in einer Art Revolution (oder Krieg) kulminieren, sondern durch Gewurstel gedämpft, beschönigt und irgendwie moderiert werden.

    Dem, was Sie in einem anderen thread zu den internen Konflikten&Differenzen im Judentum sagten, stimme ich weitgehend zu; ich schätze auch, daß Sie besser als andre Kommentatoren verstehen, daß Schweigen und Multi-Kulti-Zustimmung der Gemeinden nicht aus bloßem Opportunismus sondern aus Angst, tiefer Angst, erfolgen. Die Verfolgungsgeschichte ist viel, viel länger als das bißchen, nicht unopportunistische, Kurskorrektur der Rechten.

  33. Selbstdenker

    Originell: es wird sogar der Hinweis das ein harmloser Kommentar betreffend Herrn Raucher gelöscht wurde, zensuriert.

    Die Klasse der Unkritisierbaren eben.

  34. Oliver H.

    @stiller Mitleser

    “Die Libertären scheinen eben auch einer Utopie, ja einer kommenden Revolution anzuhängen und in diesem Kontext dürfen auch die Abweichler, Verwässerer und fehlleitenden Verräter, gefährlicher als schlichte Renegaten, nicht fehlen.”

    Dieser Eindrück kann tatsächlich entstehen, doch er täuscht. Libertäre streben keinen radikalen Umbruch an, sie befürchten einen. Die bevorzugte Alternative dazu ist ein allgemeines Erwachen, ein Erkennen, was auf Erden tatsächlich abgeht. Was sich danach einstellt, muß keineswegs revolutionär sein, haben dann doch kollektive Zugänge inklusive marschierender Menschenmassen mit erhobenen Fäusten fürs Erste ausgedient. Zeiten der Rückbesinnung sind hoffentlich friedlich.

    “Die Bitterkeit Ihrer Vorwürfe und Mahnungen geht zu Herzen.”

    Es ist die Systematik des Verrats, die verbittert, die Gleichförmigkeit der Parolen derer, die ich unlängst nebenan im Kontext der ganz und garnicht links anmutenden “Antideutschen” und deren journalistischen Aushängeschilder thematisierte. Erlebt man zugleich am eigenen Leib, wie diese medialen Lichtgestalten hinter den Kulissen agieren zur Wahrung des öffentlichen Anscheins, dann ist der Vorwurf der Doppelstandards noch tiefgestapelt.

    “Vermutlich aber werden crashes und soziale Kollisionen nicht in einer Art Revolution (oder Krieg) kulminieren, sondern durch Gewurstel gedämpft, beschönigt und irgendwie moderiert werden.”

    Ja und nein. Trefflich vorhersagbar ist eine kommende ‘dollar liquidity crisis’, die tatsächlich ~beiläufig~ zur Einführung der vom IMF verwalteten SDRs (Special Drawing Rights) als rein elektronische Weltwährung genutzt wird [1]. Ohne ökonomische Schocks aber wird das nicht abgehen, weder in den USA noch in Europa, die Folgen können soziale Unruhen sein, insbesondere in multikulturellen Ballungszentren. Der Sündenbock dafür ist nicht minder leicht auszumachen, exemplarisch [2].

    Ebenso aufgelegt ist die Annahme eines kommenden kriegerischen Konflikts mit Russland, Iran oder Venezuela mit ebenfalls damit einhergehenden ökonomischen Verwerfungen. Viel mehr ist nicht nötig, aufdaß der Big Brother und dessen starker Arm zur Herstellung der Ordnung von der Masse regelrecht herbeigefleht wird.

    “Dem, was Sie in einem anderen thread zu den internen Konflikten&Differenzen im Judentum sagten, stimme ich weitgehend zu; ich schätze auch, daß Sie besser als andre Kommentatoren verstehen, daß Schweigen und Multi-Kulti-Zustimmung der Gemeinden nicht aus bloßem Opportunismus sondern aus Angst, tiefer Angst, erfolgen.”

    Das sehe ich ebenso, doch ich befürchte, besagte Angst erwächst dem Irrtum, mit dem allseits beschworenen Antismitismus der Westeuropäer hätte es seine Richtigkeit. Erst der falsche Anschein, als Jude und Individuum zwischen Pest und Cholera wählen zu müssen, bedingt m.M.n. die Zustände, die viele Beobachter, wie auch hier im Blog, irritiert den Kopf schütteln läßt.

    “Die Verfolgungsgeschichte ist viel, viel länger als das bißchen, nicht unopportunistische, Kurskorrektur der Rechten.”

    Ja. Einverstanden, wenn ich bei dieser kurzen, undifferenzierten Zustimmung belasse?

    [1] socioecohistory.files.wordpress.com/2014/07/theeconomist-phoenix_get_ready_for_world_currency_by_2018.jpg
    [2] economist.com/blogs/buttonwood/2017/03/financial-regime-change

  35. Oliver H.

    Korrektur zu oben: “bedingt m.M.n. die Zustände, die viele Beobachter, wie auch hier im Blog, irritiert den Kopf schütteln läßt.”

    Das Wort ‘Blog’ ist falsch respektive irreführend und durch ‘Forum’ zu ersetzen.

  36. stiller Mitleser

    @ Oliver H.
    danke für Ihre – wie immer – ausführliche, für mich erhellende, Antwort!

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