Die Sozialdemokratie, ein Nachruf

(JÜRGEN POCK)  Oscar Wilde meinte einst, dass Mitleid das Übel der Welt noch schlimmer mache. In seinem Essay „Der Sozialismus und die Seele des Menschen“ plädierte der Schriftsteller für mehr Liebe zum Denken, weniger Liebe zu Leidenden. Grund: Mitleid heile die Krankheit nicht, sie verlängere sie nur. Ihre Heilmittel seien geradezu ein Stück der Krankheit. Klare Worte von einem Dichter, der sich selbst in jenem Geisteslager verortete, das im Hier und Jetzt von allen Seiten mit Empathiebekundungen überladen wird. Davon unbeeindruckt gibt sich aber nicht nur die politische Gegenseite. Auch im Inneren der Sozialdemokratie beweint man sich, das Ende der eigenen Geschichte vor Augen, ausgiebig selbst. Hinzu kommen Medienvertreter, Publizisten und Politikwissenschaftler, welche die roten Irrungen und Wirrungen mit einfühlender Güte kommentieren. Getragen von der Hoffnung, dass die alte, gebrechliche Dame irgendwann wieder einmal aufzustehen vermag.

Empathie verspürte auch Peter Pelinka,  als er den Auftritt der SPÖ-Vorsitzenden Rendi-Wagner vergangene Woche beim Talk mit Chefredakteur Rainer Nowak im Wiener Ringturm in der “PRESSE” analysierte. Schon im ersten Absatz seines Kommentars prophezeit er, dass ein neuerlicher Regierungseinzug der Sozialdemokratie noch dauern könne. Gelernt ist gelernt.

Zusatz: Dies liege aber am wenigsten an der Parteichefin. Am Höhepunkt der Krise gehen die Reflexionen in eine neue, ungewohnte Richtung: Der Parteiapparat, die Programmatik seien zu hinterfragen, ja, sogar von „Eigenfehlern“, „internen Kabalen“ und „Machogehabe“ ist plötzlich die Rede. Lange Zeit waren ausschließlich die anderen schuld.

Vor allem die unbelehrbaren Wähler, die rechten Parteien, der sich drehende Zeitgeist. An Feindbildern und Prügelknaben hat es der Partei nie gemangelt. Die Vorsitzende von der Partei abzukoppeln, um sie vor berechtigter Kritik zu schützen, ist jedoch ein dialektischer Winkelzug, der nicht wirklich aufgeht. Immerhin ist Pamela Rendi-Wagner nicht dem Himmel entstiegen, sondern beim Parteitag in Wels von knapp 98 Prozent zur Chefin gewählt worden. Eine schicksalhafte Entscheidung, auf jeden Fall, aber nicht das Resultat einer höheren, unabwendbaren Gewalt.

Zumindest ist das Mitgefühl von Pelinka universell angelegt. Einerseits für eine marode Partei, die Komapatient bleibt, und andererseits für Rendi-Wagner, der jetzt die undankbare Aufgabe zufällt, den politischen Chaosverein zu einen, zu stärken, zu kultivieren, also: wiederzubeleben. Glücklicherweise vereint die rote Notärztin alle essentiellen Charaktereigenschaften, die es braucht, um diese historische Herausforderung zu stemmen. Pelinka gibt zu bedenken, dass die SPÖ-Chefin nicht nur sympathisch und eloquent sei, sie antworte auf unangenehme Fragen rasch, direkt und ohne die üblichen Floskeln. Schade, dass sich die schlagfertige Politikerin gar so selten zu Wort meldet und den Eindruck entstehen lässt, die größte Oppositionspartei habe die Lust an der Politik verloren. Zu den ehernen Gesetzen der Parteiendemokratie gehört es eigentlich, dass sich die Regierung mit der Zeit abnutzt. Die SPÖ, mit Rendi-Wagner an der Spitze, bringt indes das Kunststück zuwege, dass die Zustimmung mit der Regierung weiter hoch ist. Freilich: Das Oppositionsgeschäft ist hart, besonders dann, wenn man nichts zu melden hat.

Mag sein, dass das süße Gift des Mitgefühls für viele SPÖ-Nostalgiker beruhigend wirkt, als Wundermittel für ein gutes, noch verbleibendes Miteinander zum Einsatz kommt. Aber weder wird die Sozialdemokratie dadurch kuriert noch hilft es der SPÖ-Chefin bei ihrer Sisyphosaufgabe. Auch Zeit, die Herr Pelinka für Rendi-Wagner und die SPÖ einfordert, wird die Wunden der Partei nicht heilen. Dafür ist es zu spät.

One comment

  1. sokrates9

    Eine Patientin die mit multiplen Organversagen im Koma liegt ist schwer als attraktive Partnerin zu verkaufen! Noch dazu wenn man sich scheut den an Krebs leidenden Körper zu operieren und dann mit Chemo und Strahlentherapie wider aufzupäppeln sondern wenn man Alternativmedizin mit sanften Homöopathischen Mitteln als Therapie bevorzugt.Da kann die attraktive Krankenschwester Joy noch so lange Händchen halten, so wird der Patient sicher nicht gesund!

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