Die USA – das großartige, seltsame Land

Von | 20. April 2013

New York 2001. Bali 2002. Djerba 2002. Istanbul 2003. Madrid 2004. London 2005. Mumbai 2006. Boston 2013. “Terror Is Back”, der Terror ist wieder da, titeln die Zeitungen, als ob er sich jemals verabschiedet hätte. Nur Minuten nach dem letzten Anschlag hat Wikipedia die “Liste von Sprengstoffanschlägen” aktualisiert. Sie fängt am 13. Dezember 1867 mit dem Anschlag von Clerkenwell in London an, als bei einer versuchten Gefangenenbefreiung 12 Menschen getötet und 50 verletzt wurden. Und sie endet – vorläufig – am letzten Montag: mit zwei Bomben, drei Toten und über 140 Verletzten beim Boston Marathon.

Schaut man sich die Liste genauer an, fällt einem zweierlei auf. Zwischen dem ersten und dem zweiten großen Sprengstoffanschlag (1875 in Bremerhaven, 83 Tote) vergingen acht Jahre. Dann dauerte es weitere 45 Jahre bis zu einem Bombenanschlag in der Wall Street, der 38 Menschen das Leben kostete.

Je näher man aber man der Gegenwart kommt, umso kürzer werden die Abstände zwischen den Anschlägen. Allein in diesem Jahr waren es bereits 56, Boston mitgerechnet.

Terror mit wenig Aufwand

Zweitens: Über 90 Prozent aller registrierten Sprengstoffanschläge “gegen Einrichtungen und Ansammlungen von Menschen” unter Einsatz von “Autobomben und Rucksackbomben” bleiben weitgehend unbeachtet, denn sie passieren jenseits unserer Wahrnehmungsgrenzen, an so exotischen Orten wie Aleppo in Syrien, Schakra im Jemen, Rawalpindi in Pakistan, Tikrit im Irak und Kano in Nigeria.

Es gibt Gegenden in Asien und Afrika, in denen Sprengstoffanschläge zum Alltag gehören wie Verkehrsunfälle in Europa. Damit ist eingetreten, wovor Kenner der Materie, wie der Historiker Walter Laqueur, schon früh gewarnt haben: Der Terror ist die Waffe des “kleinen Mannes” geworden.

Auch die zweite Vorhersage ist im Begriff, Realität zu werden. Flugzeugentführungen sind zwar spektakulär aber extrem aufwendig und riskant. Anschläge gegen weiche Ziele – Züge, Busse, Massenveranstaltungen – sind viel einfacher durchzuführen. Ein Zyniker könnte auch hier von einem Preis-Leistungs-Verhältnis sprechen, das die Entscheidungen der Terroristen mitbestimmt.

Und egal, wer sich für die Bomben von Boston verantwortlich erklären wird, er hat sein Ziel mit relativ wenig Aufwand erreicht: Die Amerikaner fühlen sich zum ersten Mal seit “9/11” nicht mehr sicher. Besucher der “National Mall” in Washington, die verdächtig große Taschen mit sich führen, werden angehalten und gebeten, die Taschen aufzumachen. Einige Hotels weigern sich, das Gepäck von Gästen, die bereits ausgecheckt haben, zur Aufbewahrung anzunehmen.

Als am Dienstag das Computersystem der American Airlines zusammenbrach und über 1000 Flüge abgesagt werden mussten, da fragten sich etliche der mehr als 100.000 gestrandeten Reisenden, ob es wirklich ein “computer glitch” war oder doch etwas mehr, etwas, das mit dem Anschlag von Boston zu tun haben könnte. Aber es gab nirgendwo eine Panik, keine Veranstaltung wurde abgesagt.

Die Amerikaner rücken zusammen

Komiker wie Stephen Colbert (“The Colbert Report”) und Jon Stewart (“The Daily Show”) fingen am Dienstagabend ihre Sendungen mit einer Verbeugung vor den Bürgern von Boston an, die Mut und Hilfsbereitschaft in einer schrecklichen Situation bewiesen hätten. “Ich danke den Bostonians dafür, dass sie meinen Glauben an dieses Land bestätigt haben”, sagte Stewart – und plauderte Minuten später mit Tom Cruise über dessen neuen Film “Oblivion”, der am 19. April in die Kinos kommt.

Überall im Land wurde “Sweet Caroline” von Neil Diamond gesungen, ein Lied, das zur Routine bei den Baseball-Spielen der Boston Red Sox gehört. Es war wie nach den Anschlägen vom 11. September, das Land rückte zusammen, ein Amerikaner gab die Stimmung in einem Satz wieder: “Wer sich mit einem von uns anlegt, legt sich mit allen von uns an.”

Tatsächlich ist es für den Gast aus Europa immer wieder erstaunlich, dass die Amerikaner in kritischen Situationen wie eine Familie reagieren. Man merkt es überall, an der Tankstelle, im Supermarkt, beim Bäcker. Statt des üblichen – und nie ernst gemeinten – “How you doin’ today?” begrüßen sich die Menschen mit der Frage, ob es was Neues aus Boston gäbe. Dabei berichten die Nachrichtensender ununterbrochen über jedes Detail, das die Ermittler frei geben. Und jeder kennt jemanden, der jemanden kennt, der beim Marathon mitgelaufen ist.

Sprachlos machende Normalität

Andererseits: Es dauerte nur zwei Tage, bis Amerika den Ausnahmezustand hinter sich ließ und zu jener “Normalität” zurückfand, die einen immer wieder sprachlos macht. Am Mittwoch fiel im Senat eine vom Präsident initiierte Gesetzesinitiative durch, mit der Obamas Demokraten, unterstützt von einigen Republikanern, den Waffenerwerb im Internet und auf Waffenmessen ein wenig erschweren wollten, durch sogenannte Background Checks der Käufer.

Im “normalen” Waffenhandel in Geschäften sind solche Kontrollen längst üblich. Obama war über das Ergebnis der Abstimmung dermaßen außer sich, dass er in einer längeren Erklärung, die im Fernsehen live übertragen wurde, von einem “Tag der Schande” sprach und die Waffen-Lobby beschuldigte, Lügen zu verbreiten. Neben ihm standen Angehörige der Opfer von Amokläufern, darunter die Eltern eines Mädchens, das beim Blutbad an der Grundschule von Sandy Hook in Newtown/Connecticut im Dezember 2012 erschossen wurde zusammen mit 19 weiteren Kindern und sechs Lehrern.

Ja, Amerika ist ein seltsames Land. Mit geschätzten elf Millionen illegalen Einwanderern, die jährlich etwa sieben Milliarden Dollar in die Sozialversicherung einzahlen. In einigen Bundesstaaten ist es komplizierter, eine Flasche Whiskey zu kaufen als eine Handfeuerwaffe.

Der Präsident entschuldigt sich bei einer attraktiven Staatsanwältin dafür, dass er sie eine attraktive Staatsanwältin genannt hat. Angehörige des öffentlichen Dienstes müssen sich einmal im Jahr einem Test im Fach “Sexual Harrassment” unterziehen; nicht um zu lernen, wie man Frauen belästigt, sondern um zu erfahren, was man auf keinen Fall tun oder sagen darf, wenn man einer Frau ein Kompliment machen möchte. Am besten sollte man es ganz sein lassen.

Unterm Strich aber ist es ein großes und großartiges Land – dynamisch, unfertig und immer auf der Suche nach sich selbst. (Henryk Broder/ Welt)

12 Gedanken zu „Die USA – das großartige, seltsame Land

  1. FDominicus

    Ich stimme dem absolut nicht mehr zu. Zu viel Menschenrechte wurden/werden dort mit Füssen getreten. Der Krake Finanzamt streckt seine tödlichen Arme weltweit aus. Guantanamo ist immer noch offen, es gibt Todeslisten für wen-der-Präsident-es-will. Es kann von staatlicher Seite ohne große Nachfragen gemordet werden. Es hat sich weiter von seiner Verfassung entfernt als selbst Deutschland sich vom Grundgesetz. Nein an Amerika ist nichts mehr zu bewundern als die Landschaft.

    Erst wenn es wieder ein Land des Rechts und ein Land der Wahrheit staat der Lüge wird, werde ich es wieder als groß empfinden…

    Solange es die Fed noch gibt, wird Amerika nur eines der übelsten merkantilistischen Staaten bleiben. Der Kampf gegen den Terror hat inzwischen m.E. jedes Maß verloren….

  2. Lodur

    @FDominicus
    Ausnahmsweise sind wir ein und derselben Ansicht. Ich würde merkantilistisch jedoch durch imperialistisch ersetzen.

  3. Lodur

    Und “Krake Finanzamt” ist wohl eher durch “Trusts und Konzerne” zu ersetzen.

  4. Rennziege

    @FDominicus
    Broder kennt die USA. Ich auch, in aller Bescheidenheit.
    Die drei bislang vorhandenen Kommentare können nur von Postern kommen, die nordamerikanischen Boden noch nie betreten haben.

    P.S.: Selbst der flammendste Amerikahasser (meist kenntnislos die hiesige USA- und Israelfeindlichkeit nachplappernd) liebt die Vereinigten Staaten, sobald er ein, zwei Jahre dort gelebt und gearbeitet hat.

  5. Michael Haberler

    @Rennziege: Amen. Dort gelebt, gleiche Erfahrung.

    Nebenan im Substandard-Forum schauen übrigens ein paar generische Experten gerade ziemlich blöd aus – die, die sofort gewusst haben, dass das es nur ein hasugemachter rechter Spinner und keinesfalls ein importierter islamistischer Bombenleger gewesen sein kann

  6. LePenseur

    @Rennziege:

    Ihre positive Einschätzung kann ich nicht ganz nachvollziehen. Ich habe zwar nicht, wie Sie für notwendig erachten, »ein, zwei Jahre dort gelebt und gearbeitet«, aber kenne eine hinreichende (für meinen persönlichen Geschmack sogar: mehr als hinreichende!) Menge an US-Bürgern, die mir mit ihrer unkritischen Naivität in politisch-gesellschaftlichen Dingen ebenso auf den Senkel gehen, wie mich ihre bedenkenlos auftrumpfende Macher-Art abstößt. Dazu noch der nasal-quängelnde Slang, den sie für Englisch halten, und der für mich einfach ein Brechmittel ist (das ist bspw. auch einer der ganz wenigen Punkte, die mich an Ron Paul stören).

    Ein erheblicher Anteil dieser mir persönlich bekannten Personen befindet sich (trotz akademischer Grade, die sie durch die Bank haben) darüberhinaus unter dem kulturellen Bildungsniveau eines Durchschnittsösterreichers.

    Das alles sind für mich durchaus entscheidende Punkte, die mir einen jahrelangen Aufenthalt in den USA nicht verlockend machen — denn, will ich partout hemdsärmelige Proleten mit Raffzahn-Mentalität sehen, brauche ich mich nur im 1. Bezirk in einen Schanigarten zu setzen, und den Russkis beim Flanieren zuzusehen …

    Sicher: die USA sind ein mächtiges Land, das seine Interessen weltweit recht effektiv und höchst unbedenklich durchsetzt, und damit seinen Bürgern nmanchen Vorteil verschafft. Schön für die, aber nicht so schön für den Rest der Welt.

    Deshalb aber gleich in Broder’schen Enthusiasmus (»ein großes und großartiges Land«) zu verfallen, sehe ich keinen Grund.

  7. FDominicus

    Lassen Sie mich mal schauen.
    1. Mal 1985 (USD: DM 3.3 : 1)
    2. Mal ca 5 Jahre später (USD: DM ist mir nicht mehr so bekannt
    3. Mal um 1997 herum (Hochzeitsreise)

    Also ich war dort, habe dort sogar entfernte Verwandte mit denen wir seit 1985 in Kontakt waren/sind. Habe ich dennoch irgendetwas vergessen?
    1) Todesstrafe gibt es in xy Staaten
    2) wurde Guantanamo geschlossen (read my lips…)
    3) müssen nicht alle Flugreisenden sogar noch Ihre Menüs mit angeben
    4) Über den Kragen US Finanzamt mögen Sie sich bitte durch eine Google suche informieren, Tipp Schweiz ist ein guter Anlaufpunkt
    5) Todesliste des Präsidenten:

    Meine Meinung ist durchaus nicht immer so gewesen 1985 fand ich Amerika nur großartig. Leider haben es die letzten Präsidenten zu Grunde gerichtet.

    Ich nehme durchaus an, daß die meisten Amerikaner nicht sonderlich glücklich darüber sind. Das werden Sie wohl genauso gelinkt wie wir.

    Fakt ist auch die USA sind auf den Weg in eine Überwachungsstaat der Freiheit nur noch als Lippenbekenntnis kennt.

    Es steht Ihnen selbstveständlich frei das anders zu sehen, nur muß ich dann fragen wieviele Maßstäbe setzt man für Recht an?

    Der Zerohedge ist sicherlich nicht US feindlich. Lesen Sie aber einfach nur dort ein paar Tage mit. Vielleicht könnten Sie dann meine erste Antwort verstehen.

  8. world-citizen

    Stellen wir uns ma vor, die USA würden von 50 Gouverneuren regiert werden, die sich 2x jährlich für ein langes Wochenende treffen und jeder hätte nur die Interessen seines Staates, in dem er auch gewählt wurde im Auge.

    Wer würde dann die USA noch ernst nehmen.

    Die Stärke der USA ist, daß es dort auch eine Bundesregierung gibt. Das ist das einzige, aber wesentliche, was wir von den USA lernen sollten.

  9. FDominicus

    Wenn ich könnte wähle ich Jeannie. Aber in gewisser Weise haben Sie Recht der Geist ist aus der Flasche und Pandorras Box ist auch offen. Und glücklicherweise entkam der Box auch das Übel für alle Diktatoren ebenfalls, nämlich die Hoffnung.

    Und eines haben auch Diktatoren mit uns Normalos gemein. Auf lange Sicht sind auch Sie tot… Was für ein Glück…

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