Die Venezianisierung Wiens

(von N.N.) Die Wiener Handelsdrehscheibe Ost hat im Kalten Krieg einen wertvollen Beitrag für den wirtschaftlichen Wiederaufstieg Österreichs geleistet. Wenn wir schon neutral sind und sich alle Trenchcoats bei uns treffen, sollte das auch Vorteile für das Land bringen. So war es auch. Diese Funktion wurde nach dem Fall des Eisernen Vorhanges aber nicht neu definiert und strategisch genutzt. Die grossen Bartertrader haben dicht gemacht. Ein Eckstein der Österr. Wirtschaft ging verloren. Nicht nur die Familien Porsche/Piech waren da auf beiden Seiten des Eisernen Vorhanges etwas agiler. Auch Treichl in der ErsteBank oder Leitner bei Andritz haben die Möglichkeiten genutzt. Es gibt die Erfolgsgeschichten, aber die Republik hat ihren Teil völlig versäumt. Seit Jahrzehnten gehen die Absolventen der österr. TUs deshalb in Scharen ausser Landes.

Industriebetriebe von Rang (praktisch die gesamte österr. Papierindustrie) sind verkauft worden, weggezogen oder vom Markt verschwunden.

Auf den Dächern des ersten Bezirkes haben sich Gewerkschaftsfunktionäre und Arbeiterkämmerer in Penthäusern mit Spa breit gemacht.

Was wurde aus der Z-Sparkasse, der ÖCI, Creditanstalt, Länderbank, Postsparkasse, BAWAG, Bank Austria, den Volksbanken, der Kommunalkredit? Die ehrwürdigen Bankgebäude werden in Hotels umgebaut. Immerhin boomt der Tourismus.

Kürzlich ist mir ein besonderes Beispiel beruflich aufgefallen: Die Gemeinde Wien hat etwa 1983 ein Labor an einen Deutschen verkauft, der den Firmensitz umgehend in die Schweiz verlegt hat. Das Hauptprodukt des Labors war Blutplasma, das damals noch bei der Weitergabe ein gesundheitsgefährdendes Risiko war. Die neue Firma Octapharma hat nach der Jahrtausendwende die Milliardengrenze im Umsatz überschritten, in Euro natürlich. Das Unternehmen produziert in Wien, Stockholm, Mexiko und anderen Standorten, nach fleissigen Übernahmen. Das Unternehmen hat heute ein weltweites Monopol auf diesem Gebiet erobert. Verwaltung und Vertrieb sitzen aber in einem kleinen Ort um Zürcher See, Lachen. Im Kanton Schwyz.

In etwa die gleiche Position hatten Unternehmen wie Metatherm bei Stranggussanlagen für Nichteisenmetalle weltweit, oder König & Bauer aus Mödling bei Banknotendruckmaschinen. Das ist nun alles bald Geschichte, ebenso wie der Papiermaschinenbau in St.Pölten.

Im Palais Kaunitz sitzt heute ein Taxifahrer, der vermutlich auch eine Installateurslehre begonnen hat. Der Flüchtlingsstreit mit Ungarn ist scheint heute wertvoll für unser Land und unsere Wirtschaft zu sein, und löst vielleicht parteipolitische Probleme. Ehrlicherweise wird Faymann die Syrer in Nickelsdorf bald mit ‘welcome in Germany’ begrüssen. Mit Flüchtlingen aus dem Nahen Osten habe ich prinzipiell kein Problem, meine Eltern waren schliesslich selbst ungarische Flüchtlinge. Auch waren Mitglieder meiner Familie und der meiner Frau im Krieg in Dachau. Der Zuzug von sehr vielen Muslimen wird uns aber noch erhebliche Probleme bereiten.

Zu Kaisers Zeiten hatte angeblich der Adel durch Geburt und ohne eigene Leistung ungeheuerliche Privilegien und Reichtümer geerbt. Ich kenne meine Familienchronik. Heute ist die soziale Mobilität in Österreich auf einem historischen Tiefststand. Es sind vorrangig Kinder von Akademikern die studieren. Die Leistung des Einzelnen wird unglaublich in Einkommen, Mehrwert, Mineralöl, Luxus oder Schaumwein etc. besteuert, die Erbschaftssteuer aber ist abgeschaft, Kapital lässt sich in Stiftungen steuersparend anlegen. Nationalhymne und Staatsbürgerschaft sind eine relativ neue Erfindung, und letztere ist mit erheblichen Privilegien verbunden, die man wohl in der Regel durch Geburt erwirbt. Gibt es da einen Widerspruch?

2 comments

  1. Fragolin

    Wenn man den sogenannen “Feudalismus” mit der sogenannten “Demokratie” vergleicht, wird man feststellen, dass heute die gleichen Strukturen bestehen wie damals. Es wurde nie wirklich das System geändert, sondern nur die Elite ausgetauscht. Hat der “alte” Adel seine Legitimation aus Gottesrecht und Geburt abgeleitet, tut dies der “neue” Adel durch angeblich demokratische Wahl und moralische Gesinnung. Die Teilung in Obertanen und Untertanen besteht nicht nur weiterhin, nein, die Obertanen haben durch die angebliche Legitimation durch die Untertanen selbst eine noch absolutistischere Macht, eine noch gierigere Ausbeutungsmentalität und sogar das selbstgefühlte Recht, ihren Untertanen das Denken und Glauben vorzuschreiben abgeleitet.
    Und so kommt es zu diesem paradoxen Gefühl der Ohnmacht des Einzelnen gegenüber den Mächtigen, das es in einer realen Demokratie ja niemals geben dürfte und eigentlich ein Symptom einer Feudalgesellschaft ist. Die Antwort ist: wir leben in keiner Demokratie sondern in einer feudal organisierten Diktatur, in der Adelshäuser, genannt Parteien, in konsequenter Zusammenarbeit mit Finanz- und Wirtschaftsadel (also nicht “den Unternehmern” sondern einer Handvoll wirklich reicher Scheichs und Oligarchen) den Staat und seine Untertanen ausquetschen.
    Tagtäglich blättert mehr demokratischer Lack von dieser Diktatur einer unseligen Allianz. Und tagtäglich begegnen einem die Zeichen und Widersprüche, die alle den Begriff “Demokratie” für unsere Gesellschaft widerlegen.
    Aber die Mächtigen müssen keine Angst haben. Ihre Schauspieler und Erklärbären, genannt Politiker und Medien, haben das durch ein konsequent Unfähigkeit schaffendes Bildungssystem vorbearbeitete Untertanenvolk locker im Griff, an Lügen und Propaganda so gewöhnt und mit Medienkonsum und Handygewische so sediert, dass es keinen mehr kratzt, auch nur darüber nachzudenken.
    Das gute alte Prinzip “Teile und Herrsche” hat eine Weile gut funktioniert, als man Junge gegen Alte, Männer gegen Frauen auszuspielen versuchte und Unfrieden am Köcheln halten konnte. Aber es war zu schwach; die Familien haben sich nicht genug entzweien lassen um wirklich drastische Machtmaßnahmen durchsetzen zu können. Selbst das Nebeneinanderleben mit zugewanderten Parallelgesellschaften reichte nur zu kleinen halbherzigen Unzufriedenheiten. Das Potenzial der Familienentzweiung war erschöpft, das Potenzial der Völkerentzweiung mit den vorhandenen Schnittmengen zu klein, also rüsten wir nach. Wir werden uns noch umschauen, welche Rechte der neue Adel sich damit verschaffen kann. Enteignung im Namen der Humanität ist ja schon festgeschrieben. Weisungsbefugnis des Staates über Gemeinden steht schon im Verfassungsrang. Waffengewalt gegen Volksaufstände ist sogar explizit in EU-Richtlinien festgeschrieben.
    Was noch kommt? Ich tippe auf Zwangsenteignungen, Strafsteuern auf Immobilien und Kapitalbesitz – es muss Schmerzen bereiten, den Hass auf die Fremden schüren und die eigenen Taschen füllen. Denn im Gegensatz zum “alten” Adel, der seine Untertanen und seine Ländereien nachhaltig bewirtschaften und an seine Kinder vererben wollte, hat der “neue” Adel nur ein kurzfristiges Interesse an der Macht – DAS sind die wahren Heuschrecken, die ganze Länder und Kontinente abfressen und dann sich selbst überlassen. Und sollten sich die Landstriche erholen, kommen sie wieder. Inzwischen gibt es woanders einiges zu holen, denn der Niedergang des Einen ermöglicht den Aufstieg eines Anderen – und schon ziehen wir zur Großen Ernte weiter.
    Europa erlebt gerade eine Erntezeit.

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