Ein Begräbnis erster Klasse für die Tobin-Tax

Von | 27. Juli 2016

“….Beinahe wäre es im Trubel der Ereignisse ein wenig untergegangen: Die Finanztransaktionssteuer (Tobin Tax), für die sich Österreich besonders starkmacht, ist tot. Der deutsche Finanzminister, Wolfgang Schäuble, bisher ein starker Unterstützer, hat sie am Wochenende beim G20-Treffen zu Grabe getragen…” (hier)

10 Gedanken zu „Ein Begräbnis erster Klasse für die Tobin-Tax

  1. gms

    Josef Urschitz: “Die öffentlich immer wieder als Grund für die Einführung der Steuer geäußerte Eindämmung der Spekulation (Stichwort: Hochfrequenzhandel) ist ja schwer zu erreichen, wenn man Spekulanten nur auf andere Handelsplätze vertreibt.”

    Wer meint, Hochfrequenzhandel erhöhe die Volatilität oder führte gar zu extremen Kursausschlägen, der hält auch Schmieröl für Motoren abträglich. Neben dem prinzipiellen Verkennen zusätzlicher Liquidität im börslichen Handel verstehen offensichtlich selbst halbwegs Aktienkundige nicht, wie entsprechende Algorithmen operieren, nehmen diese doch schon allerkleinste Gewinne mit oder rechnen beim speziell zeitkritischen Sculping sogar explizit mit der späteren Trendumkehr.

    Im Gegenzug erhöht die Tobin-Tax den Spread und vervielfälltigt ihn bei besonders marktgängigen Papieren auf ein Vielfaches. Das ansich erhöht schon die Volatilität und wird durch das Verringern der Anzahl der Marktteilnehmer zunehmend vergrößert, jene Player, und das ist die nächste Pointe, erst dann wieder vermehrt auf einen Trend aufspringen, wenn dieser sogar trotz der Tax rentabel aussieht.

    Im Kontext von Optionen schoß man ergänzend den Vogel ab mit dem Ansinnen, eine Polizze mit dem Wert des des Underlyings zu versteuern. Wer das nicht als pervers kapiert, der frage sich, was eine Versicherung gegen einen dreimalig hintereinderfolgenden Lottosechser denn real kosten könne und was zugleich an Tax hierfür angefallen wäre.

    Zugleich ist diese Art von Steuer aus der Distanz und bei Tageslicht betrachtet die extremste Form des Zolles, das zwischen jeden Marktteilnehmer einen Schlagbaum setzt.

    Daß nur wenige besonders verkorkste Geister an der Idee dieser Tax festhielten und daher mangels Masse auch fallen ließen, ist ein Sieg der Vernunft, wonach selbst absurde und allenfalls Lachen evozierende Bestimmungen, wer wann wie sogar für die Abfuhr der Steuer seines Handelspartners hätte haften müssen, das Werkel nicht retten konnten.

    Finanztransaktionssteuer für bessere Börsen? — Klar, ist wie Negativzinsen für besseres Geld, meinen zumindest jene, die “Spekulation” mit derselben knurrenden Verachtung aussprechen, wie den Namen von Heinrich Brüning.

  2. Thomas Holzer

    So ganz stimmt das nicht, mit dem “Begräbnis erster Klasse”
    Schäuble und “Konsorten” der G20 haben sich darauf -mehr oder weniger- geeinigt, die Tobin-Tax in einer konzertierten Aktion weltweit einzuführen.
    Jene Länder, die da nicht mitmachen wollen, werden über kurz oder lang an den medialen Pranger gestellt, als “Steueroasen”, asoziale, unverantwortliche, dem Gemeinwohl abholde Staaten verflucht und sanktioniert werden.
    Und wieder einen Schritt näher zu einer Weltregierung

  3. Fragolin

    @Thomas Holzer
    Und wieder ganz vorne dabei der Herr Schäuble, die eigentliche Macht in Deutschland und Europa.
    Wenn man die Fäden sucht, an der die Marionette Merkel hängt, landet man unweigerlich immer wieder in den Fingern des Rollifahrers.

  4. Thomas F.

    Aber man könnte doch wenigstens noch schnell nochmal eine Milliarde einkassieren und für “Zukunftsthemen” hinausblasen. Staatliche Forschung, sozialistische Bildung…

  5. Falke

    @Thomas Holzer
    Großbritannien (mit London als größtem Finanzplatz der Welt) wird dieser Steuer nie zustimmen – jetzt, als Nicht-mehr-EU-Mitglied, noch weniger. Und ohne GB wäre die Transaktionssteuer ohnehin ein Torso.

  6. Thomas Holzer

    @Thomas F.
    Sie haben Integration vergessen 😉

  7. Fragolin

    @Thomas Holzer
    Das nennt sich dann “entfesselte Wirtschaft”.
    Ich bin seit 10 Jahren EPU. Heute würde ich das nicht nochmal anfangen.

  8. gms

    Fragolin,

    Der wahre Weidmann erschießt kein gefesseltes Tier.

    > Das nennt sich dann „entfesselte Wirtschaft“.

    Erstens das, zweitens sind ausgerechnet die im Artikel genannten Gastronomen durch ihre Standortgebundenheit ideale Opfer der stationären Plünderer, festmachbar an der dünnsten Eigenkapitaldecke und geringsten Rentabilität aller KMUs in Austriachstan.

    > Ich bin seit 10 Jahren EPU. Heute würde ich das nicht nochmal anfangen.

    Ich hätte meine Firma früher ins Ausland verlegt. Der Fairness halber und ohne falsche Bauchpinselei sei angemerkt, daß in Finanzämtern unter allen öffentlichen Einrichtungen noch die smartesten Vollzugsbeamten operieren, während es speziell bei Gewerbebehörden auch meiner Erfahrung nach regelrecht entrisch zugeht und die Beschreibung “kafkaesk” hierfür noch euphemistisch ist.

    Apropos: Hast sich inzwischen schon rumgesprochen, wonach von Amtswegen eingehobene Strafen aus Verstößen gegen die Gewerbeordnung an die lokalen Kammern fließen?

  9. Fragolin

    @gms
    Ich kann Ihre Worte nur unterschreiben!
    Danke für den Tipp, das wusste ich noch nicht, passt aber nahtlos in das Bild…

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