Ein bißchen “Charlie” sein geht nicht

(GEORG VETTER) „Wir sind Charlie“ ist ein derzeit gängiges Synonym für die Bejahung von Meinungsfreiheit, für manche sogar von Zivilcourage, irgendeiner Mischung von Rebellion und Mut. Zivilcourage hat immer Saison. John F. Kennedy hat mit seinem gleichnamigen Buch den Weg ins Weiße Haus vorbereitet. In Österreich hatte besondere Tapferkeit schon zu Kaisers Zeiten Tradition, als hiefür der Maria-Theresien-Orden verliehen wurde. Manche denken bei der Sehnsucht nach dem Aufbegehren an den Lehrer aus dem Club der toten Dichter, der mit der ersten Verszeile eines Gedichts für Abraham Lincoln geehrt wurde (O Captain, my captain!).

Viele sind nicht Charlie, aber wären es gerne. Mir sind diese vielleicht etwas hochgegriffenen Reaktionen tausendmal lieber als jene, die die Verbrechen differenziert betrachten und damit relativieren. In unserer westlichen Zivilisation kann Unrecht niemals anderes Unrecht rechtfertigen. Umso weniger darf vermeintlicher oder tatsächlicher schlechter Geschmack dazu verführen, Verbrechen zu verharmlosen. Die Frage, ob das wirklich notwendig war, verleiht dem Verbrechen fast schon so etwas wie Legitimität.

Wer heute Charlie sein möchte, sollte es aber nicht damit bewenden lassen, seine Solidarität mit den Toten zu zeigen. Charlie ist man insbesondere dann, wenn man die Freiheit der Andersdenkenden verteidigt – etwa die Freiheit zu demonstrieren oder sich zum Tanz zu treffen.

Wenn sich heute in Mekka ein paar Tausend Menschen zusammenfinden, um gegen die Christianisierung des Morgenlandes zu demonstrieren, wird dies kaum jemanden erschrecken. Was würde allerdings geschehen, wenn PEGIDA für sich jene Meinungsfreiheit in Anspruch nehmen würde, die Charlie Hebdo für sich in Anspruch genommen hat (etwa durch Hochhalten entsprechender Karikaturen) und für die sich heute so viele einsetzen (Ich bin Charlie)? Ist es konsequent, öffentlich gegen PEGIDA aufzutreten und gleichzeitig die Schließung des König Abdullah Dialogzentrums zu fordern? Sollte man nicht eher mit einem Staat, der nicht alle Menschenrechte beachtet (Saudi-Arabien), zusammenarbeiten, um einen anderen, den Islamischen Staat, zu bekämpfen, der alle Menschenrechte verletzt?

Dieser Tage arbeiten FPÖ und GRÜNE eng zusammen, um den Hypo-Untersuchungsausschuss auf Schiene zu bringen. In zwei Wochen werden beide Parteien außerhalb des Parlaments Stellvertreterauseinandersetzungen führen, die, wenn überhaupt, nur durch ein Massenaufgebot an Polizei in den Griff zu bekommen sein wird. Wenn die Linke nicht nur demonstriert, sondern die Verhinderung des Balls als solchem anstrebt oder gar mit Gewaltgeneigten sympathisiert, mutiert sie zur FPÖ-Wahlkampfhilfe der besonderen Art. Wäre die Linke Charlie, würde sie eher selbst einen Ball organisieren als einen anderen zu torpedieren.

Es gibt viele Möglichkeiten Charlie zu sein. Wir sollten es immer wieder versuchen.

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