Ein notwendiges Eingständnis eines schweren Irrtums

Von | 28. August 2021

(Christian Ortner) Die Idee, dass Teile der Welt unseren Way of Life nicht als besonders erstrebenswert finden, kränkt uns irgendwie. Stattdessen bevorzugt der Westen daher die Annahme, dass alle Menschen, gleich, wo sie aufgewachsen sind, ähnliche Vorstellungen vom „guten Leben“ haben: eine Regierung friedlich durch Wahlen loswerden zu können, Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit, Rechtsstaatlichkeit und seine sexuellen Präferenzen ausleben zu können. Es ist dies eine Annahme, die nach dem Kollaps des Sozialismus 1989 unter dem Begriff „Ende der Geschichte“ populär geworden ist.

Doch der würdelose Abzug der westlichen Soldaten aus Afghanistan und die Machtübernahme der Taliban innert kürzester Zeit zeigen, wieder einmal, wie falsch diese Annahme war.

Dass ich selbst viel zu lang an diesen Blödsinn felsenfest geglaubt habe und ihn naturgemäß nicht nur einmal journalistisch vertreten habe, war gleichermaßen naiv wie weltfremd, ist aber leider nicht mehr rückgängig zu machen. Einen Irrtum einzugestehen und öffentlich zu machen ist die einzige Möglichkeit, wenigstens redlich mit ihm umzugehen zu versuchen.

Anstelle des Endes der Geschichte erleben wir heute einen Wettstreit zwischen drei Systemen, die alle breite Unterstützung ihrer jeweiligen Bevölkerungen genießen: das westliche, das islamische und immer mehr auch das chinesische autoritäre. Die Annahme, dass Hunderte Millionen Muslime und auch Hunderte Millionen Chinesen nichts lieber hätten als morgen eine westliche Demokratie und die damit verbundenen – in deren Wahrnehmung – Exzesse an Dekadenz und hypertrophierendem Individualismus, die ist gescheitert.

Wir werden uns damit abfinden müssen, dass nicht wenige Menschen auf dieser Welt völlig andere Vorstellungen als wir haben in der Frage, wie sie leben möchten. Afghanistan zeigt das vor: Der rasche Sieg der Taliban wäre nie möglich gewesen, teilte nicht ein Großteil der Bevölkerung die Werte der Taliban; selbst viele Frauen. Das gilt, wenn auch unterschiedlich ausgeprägt, für die ganze islamische Welt. Das „liberal-demokratische“ Projekt ist dort bloß eine Idee städtischer Eliten; die Mehrheit der Menschen hat damit nichts am Hut.

Sehr wahrscheinlich, wenn auch aus anderen Gründen, ist das auch in China so. Die westliche Annahme, hier würde ein nach Freiheit ächzendes Volk von einer grausamen Diktatur niedergehalten, ist ungefähr so wirklichkeitsnah wie „Sound of Music“ als Erklärung des österreichischen politischen Systems.

Tatsächlich besteht in China eine Art Gesellschaftsvertrag zwischen Regime und Bevölkerung, der Stabilität, den Verzicht auf demokratischen Luxus und auf Opposition bringt – solang das Regime im Gegenzug Wohlstand und Lebensqualität der Bevölkerung spürbar steigert. Was bisher gut geklappt hat. Auch hier gilt: Die Vorstellung, China zu einer demokratisch-liberalen Gesellschaft zu transformieren, ist im besten Fall naiv, im schlechteren gefährlich.

In beiden Fällen wäre der Westen gut beraten, einfach zu akzeptieren, dass andere Menschen andere Vorstellungen vom „guten Leben“ haben als wir. Auch wenn es nicht einfach ist, daraus die entsprechenden Konsequenzen zu ziehen. Nämlich nicht mehr bei jeder Gelegenheit das „Ende der Geschichte“ herbeizubomben, sondern wieder mehr Realpolitik zu betreiben, die sich primär am eigenen Interesse orientiert. (“Presse”)

18 Gedanken zu „Ein notwendiges Eingständnis eines schweren Irrtums

  1. Kluftinger

    Die Tatsache, dass sich 30 Jahre nach dem Mauerfall nicht wenige Menschen das “System” DDR zurückwünschen, stützt die These von Herrn Ortner.

  2. Wolfgang Niedereder

    Danke Herr Ortner, die aktuell beste Stellungnahme zu dieser Thematik- bitte mehr davon!

  3. Walter Mitterbauer

    Das Eingeständnis einer Fehleinschätzung, wer ist davon schon frei?, ehrt Sie, ändert aber doch nichts an Ihrer Grundeinstellung, wenn Sie damit anfangs gleich das Ende des Kommunismus der Sowjetunion mit einem – ungenannten – westlichen Sozialismus verbinden. Ihre Vorstellung einer tripolaren Welt hatte vor Ihnen schon G. Orwell in “1984”. Wie das dann aussieht, schrieb er auch schon.
    Grüßt uns dann ein Wahrheitsministerium?
    Freundlichst
    Walter Mitterbauer

  4. Erwin Tripes

    Würdevoll wäre gewesen, wenn die Westler erst gar nicht in Afghanistan eingezogen wären.
    Scholl-Latour hat schon vor zehn Jahren vorausgesagt, wie das laufen wird.

  5. Rudolf Spranger

    Scholl-Latour hat schon vor zehn Jahren vorausgesagt….

    Ich kann mich sehr gut erinnern, dass meine Arbeits-Kollegen und ich dies schon beim Abzug der Russen und dann wieder beim Beginn des westlichen Engagements in Afghanistan ebenso als Diskussionsergebnis festgehalten haben.
    Dazu bedarf es keiner Politiker und keiner Journalisten; es bedarf lediglich Menschen, die sich in die Materie eingearbeitet haben.

    Einen Hang zur Veränderung haben immer nur dekadente Systeme. Dazu zählen weder die muslemische Welt noch China.

  6. Cora

    Die Verteidigungsministerin Deutschlands, Frau Annegret Kramp-Karrenbauer, sitzt diesem fundamentalem Irrtum, dass alle Menschen dieser Erde dem westlichen Modell nacheiferten, immer noch auf. Begründete sie doch tatsächlich den Bundeswehr-Einsatz im Nachhinein damit, dass es ohne ihn „wahrscheinlich bis heute keine Schulen für Mädchen und keine Frauen in höchsten Ämtern” in Afghanistan gäbe. Geschlechtergerechtigkeit für Afghanistan, dafür wurde also dieser Krieg geführt, wie viele sind dafür gestorben, wie viele Männer und wie viele Frauen eigentlich, für eigentlich doch ihre Sache? (Antwort: gar keine, aber jede Menge Männer.) Solange Frauen Männer in den Krieg schicken, solange sich an ihrer Arroganz, insbesondere der in den höchsten Ämtern nichts ändert, die da meinen westlichen Werte in andere Länder exportieren zu müssen, sehe ich keine Zukunft in Frieden für uns, nur weitere Kriege. Eine Verteidigungsministerin, die andernorts für den Feminismus Krieg führt. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen.

  7. Kluftinger

    @ Cora
    Mit einer ähnlichen Einstellung hatte auch damals die USA Außenministerin H. Clinton den Krieg gegen Libyen gerechtfertigt. Und mit dem Tod von Ghadaffi die Büchse der Pandora geöffnet.

  8. Selbstdenker

    Chapeau!

    Hypnotisiert von ihren Wunschdenken (“alle wollen letztendlich das gleiche, gute Leben”) sind westliche “Eliten” nicht mehr in der Lage Freunde von Wettbewerbern und Feinden zu unterscheiden:

    Man öffnet die Grenzen für Millionen junger Männer aus anderen Kulturen, die “bei uns arbeiten, Steuern zahlen und so wie wir werden wollen”.

    Man verlagert immer mehr Industrien nach China und verschenkt aufwändig entwickelte Technologien von hoher strategischer Bedeutung, weil man sich vormacht, dass sich die Chinesen an Regeln halten würden.

    Man überlässt den wildesten Schurkenstaaten internationale Gremien, wenn sie sich zu Floskeln bekennen, die sie selbst ganz anders auslegen.

    Man teilt als USA mit den Taliban Geheimdienstinformationen, weil alle ja nur die Sicherheit der dort festsitzenden Westler wollen.

    An das “Ende der Geschichte”, Gender, Gleichheit und den drohenden Klimakollaps glauben nur die Weseler, während alle anderen diesen Glauben für sich zu nutzen wissen.

  9. Falke

    Mit Einschränkungen ist dies allerdings auch auf Länder und Völker unseres Kulturkreises anzuwenden. Die Spitzen der EU (vor allem der Kommission) weigern sich standhaft zur Kenntnis zu nehmen, dass etwa die Ungarn anders “ticken” als die Schweden, ebenso die Polen anders als die Spanier, das alles natürlich im Rahmen der Demokratie. Alle über einen Kamm scheren zu wollen und in ein enges Schema zu zwingen produziert nur Ärger, Spaltung und Feindseligkeit. Ein Land hat die EU schon verlassen; wenn sich an der Einstellung der Kommission nichts ändert, werden noch einige folgen. Leider ist aber – angesichts des derzeitigen völlig ungeeigneten Personals an der Spitze der EU – eine Verbesserun in dieser Hinsicht kaum zu erwarten.

  10. Johannes

    Als man die Taliban im Kampf gegen die Russen mit allen Mitteln unterstützte hatte man keine Skrupel uns ein Bild von den Taliban zu vermitteln als wäre es ein Volkes das in innerer Harmonie lebt und nur unter dem Joch der Russen leide.

    Mit der Unterstützung durch westliche Militärberater wurden unzählige Russen in Hinterhalten grausam getötet sodaß am Ende Russland zum Aufgeben gezwungen wurde.
    Noch in Filmen mit ” Rambo Stallone” wurden die Taliban in Hollywoodmanier als die engen Verbündeten des Westen in die Gehirne gehämmert.

    Dann kam Osama bin Laden und nach seinen verheerenden Terroranschlägen wurde er von den Taliban versteckt und seither sind die Taliban nicht mehr das als was sie uns in den 80ger Jahren 10 Jahre lang verkauft wurden, nun sind sie unsere größten Feinde.

    Ich bin es leid mich in dieser Art und Weise verarschen zu lassen.
    Nun gehen wir in die nächste Runde der dummen Manipulation und lassen uns Afghanen als Flüchtlinge aufzwingen, statten sie mit Staatsbürgerschaften aus und erfahren nun das sehr, sehr viele eine rege Reisetätigkeit zwischen Europa und Afghanistan pflegen.

    Diesmal werden wir von den Gutmenschen verarscht die uns einreden wollen es gehe um Leben und Tod für die” armen Flüchtlinge”.

  11. sokrates9

    Wir haben doch derzeit 4 “Bedrohungen”. Covid, Klima, Bevölkerungswachstum,Migration. eigenartigerweise wird die Hauptbedrohung nicht wahrgenommen und die heisst ISLAM.
    Das Hauptziel der” freien Welt” müsste sein den Islam zu bekämpfen indem man ihm den tabuisierenden Religionsstatus aberkennt.Diese brachile Philosophie ist mit den Menschenrechten nicht vereinbar. Millionen Frauen werden massiv unterdrückt und können dank dieses Terrors kein freies Leben führen. Drastisch sieht man das jetzt wieder in Afghanistan, doch 40 Mio Perserinnen binden sich auch täglich den Schleier um.Das findet der Bundespräsident aller Österreicher für klass und meint dass auch österreicherinnen aus Solidarität Schleier tragen sollten und wird aber dafür leider nicht mit einem nassen Fetzen aus der Hofburg verjagt.Der Islam ist der Schlüssel mit dem man jetzt die Welt wieder in das Mittelalter zurückdrängen will, all die black matter Ideen, die Hinterfragung von wissenschasftlichen Grundprinzipien, dass Ignoriern von Darwin und vielen wissenschaftlichen Erkenntnissen wird freudig auf dem Weg ins Mittelalter zurück begrüßt. Jetzt fürchten sich wieder alle von den Taliban, ein neues Terrornest entsteht welches die gesamte freie Welt in Zukunft bedroht.Es sind nicht die Talban sondern der Islam der bekämpft werden müsste.Wo kommt die Überbevölkerung her die auch dramatisch das Weltklima beeinflusst, wo gibt es Bevölkerungsexposionen, wo sind die shitholes der Welt – natürlich ausnahmslos ALLE in islamischen Ländern. Leider sind wir schon so weit dass man sich scheut das Wort ISLAM in den Mund zu nehmen da man die brutale Gewalt der Friedensreligion fürchtet!

  12. Gast

    Unser Kanzler Kurz scheint ja vom chinesischen Modell sehr angetan zu sein, wie er bei einem Vortrag im Mai 2019 betont.
    https://www.youtube.com/watch?v=ErZiVgPj_fQ
    …Dass es paralell dazu noch eine andere – ganz andere Erzählung und Idee gibt. Die Idee eines nicht wirklich demokratischen, stark und streng geführten Landes, das vielleicht – so mit eingeschränkter Freiheit, wirtschaftlich mindestens genauso, oder vieleicht sogar erfolgreicher seinkann…

    Gesamtes Video: https://www.youtube.com/watch?v=lzbAOE4qfDw&t=0s

  13. Leo Dorner

    Die EU-Kommissionfordert neuerlich einen „Verteilungsschlüssel“ für die nächsten Millionen „refugees“ nach Europas. Pro Flüchtling will man 10 000 Euro zahlen. Der Untergang der EU nimmt wieder Fahrt auf. Ein dummer Krug geht solange zu seinem Quellbrunnen, bis er eines Tages an diesem zerbricht.
    Der neue failed state Afghanistan steht vor der Tür. Nach Syrien der zweite, wenn man ungenau zählt. Armes Europa, arme Welt. Nach dem dritten und vierten failed state (Iran, vielleicht Türkei, das Angebot ist groß, auch Algerien könnte in der Reihe der fallenden Dominosteine nachrücken) wird man mehr wissen…. Es ist noch Platz da (für mehr Dummheit und mehr Harakiri.)
    LD

  14. Leo Dorner

    Der Iran ist knapp vor der A-Bombe. Eine Rückkehr zum Obama-Abkommen von 2015, das Trump erst (zu) spät löschen konnte, ist nicht mehr machbar, meint der Vizegeneralsekretär der IAA Heinonen. Was nun, armes liebes Europa? Von Obama über den Tisch gezogen, von Biden demnächst in den Orkus gestoßen?
    Es gibt noch eine Steigerung des Unheils „fallender Dominostein“ (failed-state): Krieg gegen die Mullahs, in dem der Neo-Sultan die richtige Seite der Geschichte finden wird, und die EU-Kommissionen die richtigen Zurückhaltungs-Worte….

  15. Mourawetz

    Wie auch in anderen Teilen der islamischen Welt scheint das liberal-demokratische Modell keine breite Anhängerschaft gefunden zu haben, sagt Professor Ebrahim Afsah von der Universität Wien, der ganze Text ist erschienen in der NZZ vom Montag, 23. August. Nun findet also das große Umdenken statt. Hoffentlich dringt diese Erkenntnis auch bis zur Löwelstraße und Würtzelstraße vor. Absolute Leseempfehlung: das Ende einer Illusion.

  16. CE___

    Sehr treffender Artikel.

    Es ist aber nicht so das wir als Westen Individualität und Freiheiten wie “eine Regierung friedlich durch Wahlen loswerden zu können, Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit, Rechtsstaatlichkeit und seine sexuellen Präferenzen ausleben zu können” sozusagen auf alle Zeiten “eingeimpft” bekommen hätten.

    Wir als Westen haben uns diese Ideen einer freiheitlichen Gesellschaft mühsam erarbeiten müssen, und schon oft hing das Verschwinden oder Überleben nur noch an einem seidenen Faden.

    So wie heute.

    Wir haben selber im Westen genug totalitär-kollektivistische-übergriffige Elemente vorhanden, die derzeit an vielen Stellen ihr Haupt erheben, ein kleines Beispiel nur die derzeitige schwarz-grüne Demokratur-Regierung, wo das Gewicht auf der zweiten Silbe liegt, um ganz nah zu bleiben.

  17. Selbstdenker

    Wenn den Mullahs Stimmen aus dem Jenseits zuflüstern, dass sie die Bombe einsetzten sollen, die ihnen Obama und Biden ermöglicht hat…

    …werden sie dann das nicht bindende Abkommen befolgen?

    …und hat es sich dann ausgezahlt, auf Befehl von Uschi, Angela, Greta um Kamala jeden Furz zur Rettung der Welt zu verkneifen?

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