Ein seltsamer Tod im Gefängnis

(GEORG VETTER) Am letzten Mittwoch sich hat der Nationalrat, eher unbemerkt, gegen die Todesstrafe und für deren weltweite Abschaffung ausgesprochen. Am Vortag wurde der kasachische Ex-Botschafter Aliyev erhängt im Straflandesgericht aufgefunden. Drei Tage später sollen in seinem Blut Spuren eines Betäubungsmittels nachgewiesen worden sein. Eine solche Substanz sollen angehende Selbstmörder erfahrungsgemäß selten zuvor freiwillig einnehmen.

Jahrelang bemühte sich Kasachstan um die Auslieferung ihres Ex-Botschafters, der offensichtlich in eine regierungs-/familieninterne Fehde dieses Staates geraten war. Die Republik verweigerte dieses Ansinnen standhaft. Dennoch fand sich ein Staatsanwalt, der auf Basis der aus Kasachstan gelieferten Beweise eine Anklage erstellte, die demnächst verhandelt werden sollte. Aliyev fürchtete um sein Leben und schrieb über seine Geschichte zwei Bücher (The Godfather-In-Law und Tatort Österreich). Das Damoklesschwert des gewaltsamen Todes hing beständig über ihm. 10 Millionen Euro sollen auf ihn ausgesetzt gewesen sein. Sollte es tatsächlich einem Exekutionskommando der eigenen Art gelungen sein, in Österreichs größtem Gefängnis zur Tat zu schreiten, erhielte die eingangs erwähnte Aufforderung des Nationalrats einen ziemlich makabren Beigeschmack.

10 comments

  1. H.Trickler

    Auch in der Schweiz hat ein Flüchtling aus ähnlichen Umständen Asyl beantragt. Hier ist aber noch keine Anklage erhoben worden.

    >”Dennoch fand sich ein Staatsanwalt, der auf Basis der aus Kasachstan gelieferten Beweise eine Anklage erstellte”

    Was will die Formulierung “fand sich” sagen? Nur wenn die Beweise ganz offensichtlich unhaltbar – d.h. keine eigentlichen Beweise waren – kann auf die Anklage verzichtet werden.

    Und warum war Herr Aliyev denn im Gefängnis? Aus Gefälligkeit für Kasachstan??

  2. sokrates9

    Amry, Apfalter, Sekyra, Lütgendorf, Haider, Fuchs, Alyiew, für unsere Behörden ist immer alles klar!

  3. Der Realist

    @sokrates9
    weil es so halt einfacher ist, ist ja eh sonst alles so kompliziert, und so nebenbei bekommt man keine Schwierigkeiten mit Staaten, wo eben etwas andere Rechtsnormen gelten

  4. Manuel Leitgeb

    ad sokrates9
    Ich weiß, ich erwähne es ständig und eigentlich viel zu oft, aber es ist eben sehr interessant, daß bei vielen dieser Toten immer ein Name irgendwie beteiligt ist oder die Leute enger kennt: Unser “Tscharli”.

  5. Christian Peter

    H.Trickler

    ‘Was will die Formulierung ‘fand sich’ sagen’

    Dass Staatsanwälte in Österreich weisungsgebunden sind. Nicht selten werden aufgrund politischen Drucks Ermittlungen bzw. Anklagen unterlassen bzw. trotz dürftiger Beweislage Anklagen erhoben. Für Staatsanwälte in Deutschland und Österreich gilt das EDEKA – Prinzip : Tun sie pflichtgemäß ihre Arbeit, bedeutet das in der Regel : Ende der Karriere.

  6. Kristian Scheed

    So ist es ! Staatsanwälte müssen unabhängig sein und höchstens von einem Richtergremium o.ä. kontrollierbar sein. Aber davor hat eine große Menge unserer Politiker Angst , das wäre sehr gefährlich (siehe z.B. die St.Marx Sache der Gemeinde Wien mit A. und den massiven Versuch, durch Umsiedlung des ORF dorthin den großen Deal zu landen oder die aufgelassenen Spitäler mit folgenden Luxusbauten für Günstlinge…. Cui bono ?)

  7. Thomas Holzer

    @sokrates9
    Mit Verlaub, aber das Jörgerlein können Sie aus Ihrer Liste getrost streichen!

  8. Christian Peter

    @Kristian Scheed

    Nichts fürchten die (korrupten) politischen Parteien in Österreich und Deutschland mehr als unabhängige Strafverfolgungsbehörden, denn dann müssten für die zahllosen Politik – und Wirtschaftsverbrecher in unseren Breitengraden eigene Gefängnisse errichtet werden. Die Erfahrung machte man auch in Italien : Dort konnten alleine im ersten Jahr der verfassungsrechtlich garantierten Unabhängigkeit der Staatsanwaltschaft 1992 mehr als 2.000 namhafte Vertreter aus Politik und Wirtschaft verhaftet werden.

  9. Christian Peter

    Dass es sich im Fall Aliyev um keinen Selbstmord handeln kann, liegt auf der Hand : Kein vernunftbegabter Mensch würde sich knapp vor der Verhandlung, in welcher über Schuld oder Unschuld des Angeklagten entschieden wird, das Leben nehmen. Vermutlich wäre Aliyev in wenigen Wochen ein freier Mann gewesen, denn die Anklage drohte in sich zusammenzufallen.

  10. Nimbus59

    . . . interessant ist auch, dass die gefundene Substanz (Barbiturat) heute gar nicht mehr verschrieben wird.
    – War das jetzt die eiserne Reserve, für akute Notfälle?

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