Eine andere Inseratenaffaire

Von | 19. Oktober 2021

(CHRISTIAN ORTNER) Die kleine Episode liegt jetzt zwar wirklich schon sehr, sehr weit zurück, erscheint mir in diesen Tagen aber von einer gewissen zeitlosen Schönheit, oder eher doch Unschönheit. Es war in den Monaten vor der Volksabstimmung über den österreichischen Beitritt zur EU, als mich, damals Chefredakteur eines munteren Wirtschaftsmagazins, ein Regierungsmitglied (m/f/d) zu einem vertraulichen Gespräch einlud. Dabei berichtet mein Gegenüber, einer der mächtigsten Medienunternehmer des Landes habe angeboten, eine massive redaktionelle Kampagne für den Beitritt zu fahren. Nicht ganz umsonst freilich, als Dank des Vaterlandes erwarte der einen Betrag von rund weiterlesen hier

10 Gedanken zu „Eine andere Inseratenaffaire

  1. CE___

    Was hier beschrieben wird schockt mich jetzt nicht sonderlich.

    Medien eben wie eh‘ und je‘, schon vor hundert oder zweihundert Jahren in Karikaturen treffendst beschrieben.

    Oder kürzlicher zurückliegend in der ernüchternd-erheiternden ersten Folge der deutschen 1980er-Serie KIR ROYAL.

    Die einen, pardon, scheiß..n (käufliche) Medien mit Geld zu um in die Klatschspalten zu kommen, und andere (mit entwendeten Steuergeldern) um ihre politische und wirtschaftliche Ränkespiele zu propagieren.

    Irgendwie haben es aber Medien und die dort tätigen Menschen geschafft in der Bevölkerung eine Schafsgläubigkeit der Leser aufzubauen, die nur an die Schafsgläubigkeit gegenüber Politikern, Ärzten, Wissenschaftismus, und Doktoren herankommt.

    Mal sehen ob man in den letzten zwei Jahren das Werkl‘ endlich, endlich überdreht hat, die Vorkommnisse des Jahres 2015 waren offenbar noch nicht lehrreich genug für viele Leut‘ da draussen.

    „…wie man möglichst schnell die toxischen Inserate vom Staat durch zusätzliches Markteinkommen ersetzen kann…“

    Vielleicht ist auch eher das nüchterne Fazit hilfreich dass ein Medienjob halt nicht am freien Markt das Gehalts-Einkommen einbringt bzw. den Umsatz-Gewinn um den ganzen Hofstaat und Apparat zu finanzieren, den sich aber „Medienschaffende“ als zum Glamour der Medien dazugehörend einbilden.

    Frei nach dem bei unseren Medien so beliebten Davoser-Milliardärs-Cliquen-Bonmotscherl:

    you will have nothing, and you will be happy!

    Vielleicht nimmt diese Erkenntnis und das Begnügen mit der Tonne des Diogenes ein wenig Druck weg vom Glauben sich prostitutieren zu müssen.

    Denn, Agitpropaganda als Platzfüller wird eh‘ gratis mittels Pressemeldungen aus den globalen und lokalen Bürokratiestuben und Unternehmen in die Welt hinaus geblasen, und zum Verbreiten origineller Ideen und Gedanken sind eine Website vollkommen ausreichend.

  2. dna1

    Wenn wir schon einmal über Inserate sprechen: Sie schreiben ja auch für die Wiener Zeitung, sehr geehrter Hr. Ortner, und dieses Blatt hat eine einmalige Sonderstellung, weil sie täglich mit Zwangsinseraten der Wirtschaft zugeschüttet werden. Jede noch so kleine GmbH muss dort veröffentlichen, wenn sie einen Jahresabschluss fertiggebracht haben, oder sonst irgendwas von Firmenbuchrelevanz. Das liest kein Mensch, weil es niemanden interessiert, und falls doch dann schaut man auf deren Homepage oder bemüht andere Quellen, in der heutigen Zeit.
    Mich würde einmal interessieren, wie viel Geld die Wiener Zeitung jährlich aus diesen Zwangsinseraten lukriert, diese Summe wäre gleichzeitig der Schaden, der der Wirtschaft aus diesem uralten Gesetz entsteht.

  3. Christian Ortner Beitragsautor

    Da ich bei der WZ keinerlei Funktion innehabe, sondern Zulieferer bin, ersuche ich Sie, direkt bei der WZ nachzufragen.
    Beste Grüße, C.O.

  4. GeBa

    @dna1 es könnte sich bei der WZ einiges ändern

    Angeblich plant die ÖVP, schon demnächst die Pflichtveröffentlichungen von Unternehmen im „Amtsblatt“ der Tageszeitung zu streichen. In Regierungskreisen wird die Abschaffung der Pflichtveröffentlichungen mit der Umsetzung einer EU-Richtlinie erklärt, die bis Sommer vorgesehen sei.

    Ob es bei den „Sorgen“ die die ÖVP derzeitig hat, dabei bleibt, darüber ist nichts zu finden.

    ttps://www.wienerzeitung.at/nachrichten/kultur/medien/2115956-Wiener-Zeitung-Chefredakteur-Haemmerle-bis-Ende-2022-verlaengert.html

  5. Allahut

    Das überrascht wohl nur schlichte Gemüter und eventuell noch Junge, denen halt die Lebenserfahrung fehlt. Interessierten der politischen wie medialen Szene ist das ohnehin längst bekannt, aber wie e so schön heißt „Wo kein Kläger, da kein Richter“.
    Bezüglich Medienbestechung war ja die Corona-Kampagne der Regierung im letzten Jahr ein Musterbeispiel. Da war Impfstoff nur in Einzeldosen vorhanden, und schon wurden in allen Medien eine beispiellose Inseratenschaltung „Österreich impft“ gestartet. Dass auch nur regierungstreue „Experten“ zu Wort kommen dürfen, sei nur nebenbei erwähnt.

  6. dna1

    @GeBa
    Vielen Dank für diese Information.
    Dann halten wir es einstweilen mit Beckenbauer, „schauen wir einmal und dann werden wir schon sehen“.

  7. Thomas F.

    Ohne Bestechungsinserate würde wohl die Hälfte der österreichischen Zeitungen eingehen, weil nicht genug Platz für sie alle am Markt ist. So lange das – leider – nicht passiert, können wir davon ausgehen, dass das Schmieren munter weiter geht.

  8. Rado

    Der EU-Beitritt damals war ja ein wichtiger Schritt der damaligen österreichischen Regierungsparteien um sich gegen die Unberechenbarkeiten von Wahlergebnissen zu immunisieren. Abgesehen davon hat die Politikerbranche aller Parteien damals sehr schnell mitgekriegt, wie schön es sich in den Kehrwassern der heimischen Aufmerksamkeit in und mit Brüssel leben lässt. Gegen die geballte Dampfwalze der damaligen österr. Staatspropaganda 1994 standen damals viele Berichterstatter und Warner auf verlorenem Posten.
    Dennoch sollte man ihre Namen nicht vergessen, denn sie haben alle recht behalten!

  9. sokrates9

    Dieses zuschütten mit Steuergeld bewirkt natürlich auch dass die relevanz guter Journalisten wenig Rolle spielt. So können gute Journaöisren leider den Markt für sich nicht erschließen.

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