Eine kleine Sonntagspredigt

Von | 21. Februar 2016

Die billigste Art des Stolzes ist hingegen der Nationalstolz. Denn er verrät in dem damit Behafteten den Mangel an individuellen Eigenschaften, auf die er stolz sein könnte, indem er sonst nicht zu dem greifen würde, was er mit so vielen Millionen teilt. Wer bedeutende persönliche Vorzüge besitzt, wird vielmehr die Fehler seiner eigenen Nation, da er sie beständig vor Augen hat, am deutlichsten erkennen. Aber jeder erbärmliche Tropf, der nichts in der Welt hat, darauf er stolz sein könnte, ergreift das letzte Mittel, auf die Nation, der er gerade angehört, stolz zu sein. (Artur Schopenhauer)

20 Gedanken zu „Eine kleine Sonntagspredigt

  1. gms

    An wen richtet sich diese Sonntagspredigt? Wer sind denn heute die erbärmlichen Tropfe, die sich des Nationalstolzes befleißigen? Braune Socken, so sie hier mitlesen, werden sich kaum ex cathedra missionieren und Hippiemähnen auf den Glatzen wachsen lassen.

    Die tatsächlich Untersten der Gesellschaft, die Obdachlosen, sind wohl ebenfalls keine geeigneten Adressaten, so es hierfür nicht tragfähige Demoskopie gibt, die Gegenteiliges nahelegt. Jene Erschöpften, die heute tausendfach von außen gegen die Landesgrenzen und darüber hinaus drängen, sind es definitiv auch nicht, wenngleich sie mit Germany-Rufen offenbar etwas von dem abhaben wollen, das landäufig unter ‘Nation’ firmiert.

    Stolz sind Eltern auf wohlgeratene und erfolgreiche Kinder. Analoge valide Beispiele laufen auf dasselbe hinaus: Erst der eigene Beitrag legitimiert zum Empfinden eines Stolzes, der wiederum positives Motiv fürs dergestalte Weiterhandeln ist. Wäre der Stolz ansich etwas Unnatürliches oder gar Schädliches, hätte er sich längst schon in eine evolutionäre Sackgasse vertschüßt.

    Könnte der Abkömmling einer Kulturnation im Geiste Kants, wie etwa Schopenhauer einer war, auf jene Gesellschaft stolz sein, die sich auch und insbesondere durch sein Wirken zum Besseren weiterentwickelte? Kann ein heutiger Bürger stolz sein, durch Steuerzahlungen und sein gesellschaftliches, politisches und ökonomisches Wirken die Nation etwas besser gemacht zu haben? Der Beckmesser wird nun eine Formel für den nötigen Beitrag einwerfen und einen Schwellwert nennen, ab dem dem sich Nationalstolz einstellen darf. Geschenkt. Daß insbesondere jene Nationalstolz forcieren, die vermehrt durch die damit evozierte Solidarität profitieren wollen, liegt auf der Hand und schlägt gerade rezent drollige Volten.

    So eine Nation funktioniert, faßt sie unzählige unterschiedlichste Leute zusammen, die bei allen Differenzen durch das gemeinsame Narrativ ein Mindestmaß an Solidarität empfinden und als Schicksalsgemeinschaft natürliches Konkurrenzverhalten moderater praktizieren läßt, als es ohne diese verbindende Klammer möglich wäre.
    Der Mensch ist ein soziales Wesen, das naturbedingt mit anderen, die einem aus welchen Grünen auch immer ähnlich sind, gemeinsam sein Umfeld gestaltet. Manifestiert hatte sich das über Jahrtausende hinweg in Territorien, die man gegen Feinde verteidigte, noch lange vor Erfindung des Nationalstaates. Oftmals umfaßten Nationen bloß Landstriche, Täler oder Hügelketten, charakteristisch für alle war und ist plausibles Wir-Gefühl.

    Heute wird Schopenhauer just von jenen in die Arena geschickt, welche den Nationalstaat schleifen und statt dessen ausgerechnet die Supernation errichten wollen. Der oberste Einpeitscher darf dann schon mal die Parole ausgeben: „Seid stolz auf Europa!“ [1] und findet auch prompt Gehör [2].
    Auch das Tandem Merkel-Hollande läßt sich nicht lumpen, wenn zu lesen ist: ‘Man lebe auf einem “tollen Kontinent”, sagte die Kanzlerin, und der Präsident pflichtete bei, man könne stolz auf Europa sein.’ [3].
    Sogar der ökonomische Überflieger Varoufakis stimmt wohltönend in den süßen Chor, da er laut rp-online den Satz des Abends spricht: “Der klügste Moment des Jahres war der, als Kanzlerin Merkel in einer Geste des Humanismus die Grenzen geöffnet hat. Da war ich sehr stolz auf Europa und auch auf Deutschland.” [4].

    Frei nach Schopenhauer: Aber jeder erbärmliche Tropf, der nichts in der Welt hat, darauf er stolz sein könnte, kann sich als Sprachrohr andienen und anderen Honig ums Maul schmieren, damit sie etwas tun, das sie weder wollen, noch auf das sie später stolz sein könnten.

    ps.:„Eine Allegorie ist ein Kunstwerk, welches etwas anderes bedeutet, als es darstellt“ — Fast könnte man meinen, der Stolz und die EU hätten mehr gemeinsam, als es oberflächlich den Anschein hat, oder einmal mehr mit Schopenhauer: “Die Welt als Wille und Vorstellung.”

    [1] aachener-nachrichten.de/dossier/karlspreis/schulz-seid-stolz-auf-europa-1.1090847
    [2] twitter.com/maischberger/status/697561711713210368
    finanzen/boerse/interview-stolz-auf-europa_id_3737900.html
    [3] welt.de/politik/deutschland/article113034271/Angela-und-Francois-preisen-den-tollen-Kontinent.html
    [4] rp-online.de/panorama/fernsehen/maischberger-yanis-varoufakis-zofft-sich-mit-nikolaus-blome-aid-1.5760416

  2. sokrates9

    Nachdem die EU keine Nation sondern maximal eine Diktatur ist, kann sich nie ein Nationalstolz entwickeln! Und das ist gut so!

  3. Christian Peter

    Kann in Nationalstolz nichts Schlechtes erkennen, ganz im Gegenteil. Eine Gesellschaft ohne gemeinsame kulturelle und historische Wurzeln ist dem Untergang geweiht. Gemeinschaftsgefühl, Patriotismus und Nationalstolz sind die Grundlage für Wohlstand, wenn sich Bürger nicht mehr vertrauen nimmt die Kooperationsbereitschaft ab und der Wohlstand einer Gesellschaft sinkt, wie aktuelle Forschungsergebnisse belegen.

  4. Falke

    Völlig richtig! Stolz kann man nur auf etwas sein, was man selber geleistet oder geschaffen hat. Österreicher, Deutscher, Türke oder sonstwas zu sein hat mit eigener Leistung überhaupt nichts zu tun, das ist reiner Zufall bzw. Glück. Ich hätte ja auch Somalier oder Afghane sein können, ohne das beeinflussen zu können. Genausowenig kann ich “stolz” auf Mozart, den Großglockner oder den Wörthersee sein – die gibt es alle ohne mein Zutun. Ich kann höchstens froh und glücklich sein, hier zu leben – “stolz” wäre hier das völlig falsche Gefühl.

  5. sokrates9

    Falke@..”Stolz kann man nur auf etwas sein, was man selber geleistet oder geschaffen hat ” Finde das stimmt nicht ganz! Jeder ist ein Teil eines Systems und trägt ein kleines Scherflein zum Ganzen bei. Warum geht es Österreich kollektiv wesentlich besser als diversen afrikanischen Staaten, die von der Natur und den Bodenschätzen wesentlich bessere Ausgangsbedingungen gehabt haben? ( Das von den bösen Kolonialausbeutern glaubt nur die extreme Linke!)Anscheinend gibt es eine gewisse Kombination von Ethik, Moral, Fleiß die sich positiv auswirken! Eine Gesellschaft muß bereit sein gewisse “Unproduktive” zu fördern. dadurch entsteht Kultur, Musik, Sport und was auch immer. Ein Mozart wäre im Islam erschlagen worden weil Musik gegen den Koran verstößt! Somit können sie auch stolz sein, wenn es bei uns herausragende Persönlichkeiten ( leider immer weniger) gibt!

  6. Christian Peter

    @Falke

    mit dieser Diktion können Sie es bei den Roten oder Grünen probieren. Auch diese versuchen mit ähnlicher Argumentation alle möglichen Steuern (z.B. Erbschaftssteuern : ‘Erben haben nichts geleistet’) zu installieren.

  7. gms

    Falke,

    “Ich kann höchstens froh und glücklich sein, hier zu leben – „stolz“ wäre hier das völlig falsche Gefühl.”

    Kein prinzipieller Widerspruch, und dennoch: Das Unangenehme an dieser Debatte ist die dabei nahezu unvermeidbare Schwarzweiß-Malerei, was wiederum charakteristisch ist bei der Thematisierung ideologisch umkämpfter Begriffe. ‘Nation’ und ‘Stolz’ sind mitterdings derart aufgeladen, daß nun andernorts (und eben nicht hier im Forum, was positiv ist) umso heftiger die Funken fliegen.

    Aufgelegt und paradetypisch für linke Untergriffigkeit ist die Zuschreibung von Motiven und Seelenzuständen an Opponenten. Das falsche Bewußtsein wird mangels Argument reflexartig attestiert und damit die Debatte als gewonnen behauptet. Gebracht werden kann weder der Beweis noch dessen Widerlegung, aber irgendwas wird für den Punktesieg schon am Gegenüber hängenbleiben.

    Ambivalenter in der Beurteilung sind Debatten, die nahezu unvermeidbar an sprachlichen Verkürzungen leiden, und hierfür wiederum sind solche um Emotionen paradetypisch. Graduierungen, Nuancen, Spannungen, Überlagerungen — all das läßt sich schwer in Worte hüllen. Weder kann Nationalstolz wissenschaftlich definiert werden, noch gibt es eine Einheit hierfür oder eine Formel für Eigenleistung und berechtigtes Gefühl.

    Wie Sie absolut zutreffend einmal mehr betonen, kann legitim nur ein eigener positiver Beitrag Stolz begründen. Alles andere ist billige Trittbrettfahrerei.
    Daran anknüpfend stellt sich die Frage, ob jemand, der sich entweder von Kleinauf als Teil der Gesellschaft betrachtet hatte, einen Beitrag leistete, wie auch jener, der sich erst später in diese integrierte. Beiden gemeinsam ist, daß sie zumindest die Gesellschaft nicht hinderten, was im schlechtesten Fall auf eine positive Unterlassung, im besten auf eine vollbrachte anstrengende Eingliederung hinausläuft.

    Das Erfolgreichsein innerhalb einer Kultur entscheidet sich an unzähligen kleinen Tests im Alltag. Nur wer diese besteht und hierfür Zuspruch erfährt, wird etwas wie Nationalstolz entwickeln, eine Erfahrung, die dem Außenseiter, sei es dem Rebellen, Eremiten, Unfähigen oder Bewohner der Parallelgesellschaft in der Regel verwehrt bleibt.

    Gegenteilig überlagert wird das von jene Menschen, die durch ihre mentale Verfaßtheit keinen Anpassungsdruck verspürt hatten, den Alltag daher auch nicht als Bewährungsprobe empfanden und daher auch nichts entwickeln können, was nach Stolz aussieht. Das wiederum können Fatalisten, Phlegmatiker, oder aber auch Leute sein, die in jeder Hinsicht völlig friktionsfrei in eine Gesellschaft passen, sich dort pudelwohl fühlen und zugleich weder Anlaß noch Notwendigkeit sehen, andere auf Kulturverstöße zwecks Verhaltensänderung hinzuweisen.

    In der harmonischsten aller Gesellschaften fehlt die Notwendigkeit zur Besinnung auf ihre Wurzeln, es bedarf keiner aktiv vollzogener Anpassung oder Verteidigung wider Abweichler. Erst die Friktion, hervorgerufen durch innere oder äußere Kräfte, bedingt den Aufbau eines seelischen Momentums. Krisenzeiten sind deshalb auch die ergiebigsten Nährlösungen für Patriotismus, einem Schwager des Nationalstolzes.

    Damit sind wie mitten in der Gegenwart. Wollte man eine Nation ohne Blutvergießen zu Fall bringen, diskrediert man die vorherrschende Gefühlslage, die zur Aufrechterhaltung der Nation notwendig ist. Erodiert wird das unabdingbare Wir-Gefühl, denn wer den Bezug zum gemeinsamen Narrativ verlor, fügt sich leichter anderswo ein. Deshalb verwundert es heute auch nicht, wenn a) Krisen hervorgerufen werden und b) der Stolz gezielt auf eine andere Ebene übertragen werden soll, nämlich weg vom vertrauten Eigenen, hin zum bislang Fremden. Gesellschaftsklempnerei at it’s best.

    Die EU, was auch immer das als Gebilde sui generis sein soll, hat sich der Propaganda nach bewährt; der handelsübliche Insasse, der dazu nichts Nennenswertes beitragen konnte, abgesehen von unterlassenem Widerstand, wird nun am Kopf getätschelt, er könne auf die Union, deren Teil er nota bene ist, stolz sein und damit auch auf sich selbst.

    Demagogen und Populisten agieren so, unabhängig vom damit Angestrebten und unabhängig davon, wie weit die Agitation auf Tatsachen basiert. Im Zweifel jedoch hat jener die Legitmität eher auf seiner Seite, der auf Bewährtes und Tradiertes abzielt, weil nur dies Grundlage für aktuell existente Zufriedenheit ist, an deren Zustandekommen man eigenes Zutun in irgendeiner Form behaupten kann.

  8. Lisa

    Schöne Sonntagspredigt, Dankeschön. Eine Nation ist etwas künstlich zu einer Einheit Zusammengeflickerltes. Selbst die Schweiz als sog. Willensnation hat wenig Nationales in ihrem Selbstverständnis – man liebt seine Städte, seine Regionen – die „Schweiz“ allenfalls zur Abgrenzung gegen „Ausland“ oder um zu wissen, bei welchem Länderspiel man Grund zum Feiern hat. Da die Kantone eigentlich die (Mini-)„Staaten“ sind und der Aufbau von unten (Gemeinden) nach oben geschieht, haben sie eine weitgehende Eigenständigkeit – bis hin zu Verfassungsänderungen. Wenn die „Nation“ von oben nach unten „politisch“ festgelegt wird (Jugoslawien, Tschechoslowakei, Belgien, Irland, viele Staaten in Afrika und Asien…), sind Konflikte sprachlich-ethnischer, kultureller, ja sogar konfessioneller Art vorprogrammiert. Spannungen zwischen Katholiken und Protestanten, zwischen Stadt (teilweise Patrizier) und Land (teilweise Untertanengebiete) oder Sprachen gab es auch in der Schweiz. Die direkte Demokratie besteht schweizweit also noch nicht so lange, mit Ausnahme der seit 600 Jahren bestehenden Landsgemeinden. Und die Schweiz als Nation auch erst seit 1848. Sogar ein gefühl- und whiskeyvoll „A nation once again“-Mitsingender wird, wenns um die Umsetzung geht, eher distanziert-pragmatisch…Und mit „God bless America“ gebürsteter Nationalstolz hat weniger mit der eher kleinräumigen Vaterlandsliebe im ziemlich überschaubaren Europa zu tun als mit dem Köder „Weltmacht“. (Da gibt’s allerdings auch noch andere mit diesem Anspruch –nur so am Rande…)

  9. gms

    Lisa,

    Respekt, einmal mehr bereits im ersten Satz der Unfug, auf dem Ruckzuck der nächste Unsinn gedeiht.

    “Eine Nation ist etwas künstlich zu einer Einheit Zusammengeflickerltes.”

    Das ist falsch. Die ersten Nationen (das Wort selbst fand um das 13. Jahrhundert Eingang in die deutsche Sprache) gab es, seit Menschen sich aus freien Stücken zusammentaten und damit mehr umfaßten, als bloß das eigene Dorf. Die Höflichkeitsform im Deutschen und Französischen, die bei der Ansprache der Mehrzahlform gleichkommt (‘Sie’, ‘Vous’), bezeichnete des fremde Individuum als Abgesandten, als Stellvertreter der Nation, aus der er kam. Das öminöse: ‘Wie geht es Ihnen?’ stand dabei für ein ‘Wie geht es deinen Leuten -> ihnen?’

    Geborenwerden und sich als Teil einer nahezu unauflösbaren Gemeinschaft zu betrachten, ist weder artifiziell, noch zusammengeflickelt, es charakterisiert das Eigene, das man mit anderen teilt. Verkörpert wurden Nationen von Leuten, sie okkupierten Gebiete, deren Grenzen sich mal hierhin, mal dorthin verschoben, man verbündete sich oder gab Bündnisse auf — Nationen waren organische Eigenheiten, die über den Globus wanderten.

    Erst der Staat (engl. state, dt. Status, Zustand) beendete das Evolutionäre in der Außenwirkung, indem er Grenzen ein für allemal festzurrte und die Nation in ein unveränderliches Gebiet zwang. War die dabei umfaßte Nation halbwegs homogen, funktionierte sie auch dank ausreichender innerer Solidarität.

    Wo, wie Sie richtig anführen, unpassende Teile in einen territorialen Käfig gesteckt wurden, dort gab und gibt es Zoff. Die Scheizer, mit ihrem Narrativ des Rütlischwurs, sind einander ausreichend ähnlich, um erstens solidarisch zu agieren und zugleich — Stichwort Kantone — Unterschiede zu respektieren. Die Gründung der Schweiz erfolgte ohne fremde Macht, die bisherige historische Erfolgsgeschichte gibt ihr recht.

  10. Fragolin

    Der Schmalnasenaffe lebt noch immer gern im Rudel, die “Nation” ersetzt den “Stamm”.
    Nationen, aus der physischen Abstammung resultierende “Großfamilien” entstanden aus dem freiwilligen Zusammenschluss verschiedener Familienclans/Stämme.
    Deshalb können wir gut damit leben, wenn heute jemand freiwillig in eine Nation wechselt, z.B. aus China kommend Deutscher werden will. Es ist die Auflösung des Geburtsrechtes, aber auf Basis der Freiwilligkeit und Akzeptanz. Menschen, die auf der Zugehörigkeit zur eigenen Nation beharren (“Doppelstaatsbürgerschaft”) oder erst gar keine Ambitionen zur Zugehörigkeit zeigen, aber die Segnungen der von einer Nation erarbeiteten Wohltaten genießne möchte, haben in einer solchen Gemeinschaft nichts verloren. Gar nichts. Deshalb werden sie auch niemals ein Teil davon sondern immer und ausnahmslos Parallelgesellschaften bilden.

  11. Thomas Holzer

    Deswegen hat Turgenjew einen seiner Protagonisten auch nicht von Volk, sondern von Zivilisation sprechen lassen, weil Volk (Nation) zu sehr mit Blut verbunden ist

  12. Fragolin

    Nachtrag: Das erklärt für mich auch, warum so etwas wie die “EU” nur mit Gewalt, physisch wie psychisch, umsetzbar ist. Entweder die Nationen wollen sich freiwillig vereinen oder sie werden es nur unter härtestem Zwnag – und das wird auf Dauer schief gehen. Leider dauert es oft Jahrzehnte, bis Völker ihre Ketten sprengen können…

  13. Thomas Holzer

    @Fragolin
    Parallelgesellschaften hat es schon immer gegeben, und wird es auch immer geben.
    Doppelstaatsbürgerschaften sind sowieso der größte Schwachsinn
    Das Problem mit den Nationalisten ist, daß diese die Diversität der Bürger der “Nation” nicht anerkennen, geschweige denn akzeptieren wollen

  14. Fragolin

    @Thomas Holzer
    Parallelgesellschaften sind eigentlich kein Problem, solange sie parallel bleiben. Erst bei Übergriffen wird es brenzlig.
    Und dann füttern sie auch die “alten” Nationalisten wieder, die sich über das Geburtsrecht definieren.
    Perfide ist, dass von linker Seite ebenso keine Diversifizierung stattfindet. Ich bekenne mich zur österreichischen Nation, liebe dieses Land und seine Menschen, auch wenn meine Wurzeln eindeutig deutsch sind, und halte jeden Versuch, gewaltsam diese Nation “umzuformen”, für ein Verbrechen. Aber ich muss mit Abscheu zur Kenntnis nehmen, dass Linke darin eine pauschale “Fremdenfeindlichkeit” sehen, obwohl sehr viele sehr gute Freunde von mir keine Österreicher und auch keine Deutschen sind, sondern Ungarn, Iraner, Ägypter sich genauso darunter befinden wie Schotten und Franzosen. Deshalb sehe ich in der meiner Wahrnehmung nach sehr geringen Zahl der Hardcore-Geburtsrechts-“Doitschen” auch kein wirkliches Problem; das sind vereinzelte Spinner mit Gesichtsfeldverengungssyndrom. Das Problem sind die propagandistischen Rundumschläger der linken Reichshälfte, die nach meiner Erfahrung meist weniger Berührungspunkte mit den von ihnen so glühend verteidigten “Fremden” haben als jene, die von ihnen als “Fremdenfeinde” abgestempelt werden. Und die nicht kapieren, dass sie, wenn sie glauben jemanden besonders schützen nzu müssen wegen seiner Hautfarbe, genau jene Rassisten sind, gegen die sie immer “Null Toleranz” fordern.

  15. Thomas Holzer

    Das Problem sind die propagandistischen Rundumschläger; so ist es!
    Und die sind niemals “rechts”, sondern immer “links” weil sie dem Etatismus, dem Kollektivismus, der Einheit, Gleichmacherei, der Abschaffung des Individuums, der Vernichtung der Privatsphäre etc. das Wort reden

  16. Lisa

    @gms: Soll jetzt dieser abenteuerliche Ausflug in die Gefilde der Semantik/Grammatik ein Argument für die Entstehung von Nationen sein? Die 3. P. Sg. wurde als Anredepronomen aus Respekt verwendet –sozusagen den direkten Blick vermeidend. (Bringe Er mir bitte Degen und Perücke…) Zudem ist in ländlichen germanophonen (u.a.) Gebieten auch heute noch die 2. P.Pl. als Höflichkeitsform üblich (Woher kommt Ihr, guter Mann?) oder fällt mit dem „du“ zusammen. Was Gruppen jeder Art verbindet, ist das “Wir”, die Identifikation mit den jeweils gemeinten Gruppenmitgliedern “wir haben 5:2 gewonnen” macht nur Sinn, wenn man damit 80 Millionen Deutsche meint – ausser manhabe in der Elf mitgekickt.

    Das Heilige Römische Reich der deutschen Nationen war keine Nation im heutigen Sinne (bei den lückenhaften Kartenmaterial damals auch kaum festzulegen!), das wissen Sie ja wohl auch, sondern ein Reich/regnum und meinte mit Nation eben die „natio“ , die *Geborenschaft, die Nachkommen. Der Kaiser/König regierte ein Reich, nicht eine Nation. Nationen/Nationalstaaten können sich allerdings – und nicht erst heute – ihrersseits nicht mehr darauf abstützen, dass die auf ihrem Gebiet Geborenen, selbst bei dadurch geschenkter Staatsbürgerschaft, auch stets hier bleiben werden oder dass keine anderswo Geborenen einwandern. Nationen, Nationalstaaten werden heute am Grünen Tisch definiert, also ohne die Bevölkerung vor Ort zu fragen. Das meinte ich mit „künstlich“. Geschähe das auf natürliche Weise, hätten viele längst ihren eigenen Nationalstaat: Native Serbs im Kosovo, native Kurds in der Türkei, Syrien, Irak u.a., native Krimtatars oder native Americans… Da „natürlich“ indes oft (oder sogar meist) Krieg gegen die „andern“ heisst, gibt es immer einen Sieger, der bestimmt, wo die Grenzen ab jetzt verlaufen und wer ab jetzt bestimmt, wo und wie die (falls nicht bereits getötete oder vertriebene) Parallelgesellschaft der „andern“ zu leben hat…

  17. gms

    Lisa,

    “Soll jetzt dieser abenteuerliche Ausflug in die Gefilde der Semantik/Grammatik ein Argument für die Entstehung von Nationen sein?”

    Für kleine Mädchen sind kurze Einschübe über die Verbindungen zwischen Sprache, Identität und Herkunft der Sprechenden offensichtlich abenteuerlich, auch wenn sie das, um die Frage explizit zu beantworten, der Intention nach nicht sein sollen.

    “Das Heilige Römische Reich der deutschen Nationen war keine Nation im heutigen Sinne [..]”

    Wer hat das Reich angesprochen? Das waren doch wohl Sie, oder? Nachdem Sie’s aber ganz genau wissen wollen:
    Erstens heißt es korrekt ‘deutscher Nation’, zweitens bezieht es sich auf den kulturellen Kern, der sehrwohl eine Nation darstellte (jene der Westphalen) und drittens wurde zuvor im Wissen um diesen Unterschied mit keiner Silbe das Reich als Nation bezeichnet, weder im damaligen noch heutigen Sinn, weder implizit noch explizit.

    “Nationen/Nationalstaaten können sich allerdings – und nicht erst heute –”

    Egal wieviele Popanze Sie hier noch aufstellen und ‘abenteuerlich’ abfackeln: Weder war die damalige Nation ein Reich, ein Staat noch ein Nationalstaat, auch wenn sich durch dessen kunterbuntes Vermantschen mit Gedankenfluchten quer durchs historische Gemüsebeet hier noch so viel Staub aufwirbeln läßt.

    “Der Kaiser/König regierte ein Reich, nicht eine Nation.”

    Gut, daß wir darüber gesprochen haben und inzwischen jeder versteht, warum die Aussage „Eine Nation ist etwas künstlich zu einer Einheit Zusammengeflickerltes“ absoluter Unsinn ist.

  18. Lisa

    @gms:Was ist Ihnen denn für eine Laus über die Leber gekrochen, dass Sie hier so gehässig antworten müssen? Ich weiss schon,dass es offiziell “Deutscher Nation“ heisst. Da ich aber das regnum teutonicorum vor Augen hatte, zog ich es vor, „der deutschen Nationen“ zu schreiben–hätte ich den Namen gemeint, hätte ich es auch so, mit Majuskel nämlich und Sg., geschrieben. Nationis Germanicae, Germanisch mag zu Caesars Zeiten noch als sprachliche Einheit genügt haben, im Mittelalter waren die germanischen Sprachen jedoch schon so weit voneinander entfernt, dass man ihre Verwandschaft kaum noch erkannte. Die deutschn Landewaren wie Italien vor allem ein geografischer Begriff, Einen kulturellen Kern kann ich nicht feststellen, schon gar nicht Westfalen! Erst mit der Sprache Luthers, der Alphabetisierung und dem Buchdruck konnte sich so etwas wie ein deutsches Bewusstsein entwickeln, ein „nationales“ eben mit allem, was so dazu gehört: Geburtsrecht, Geschichtsbewusstsein, gemeinsame Sprache (mit gleichzeitiger Abwertung der Dialekte!), Mythen, Heldensagen, Blut-und-Boden-Romantik usw. („der deutsch Wald war nie so grüm wie bei Eichendorff“) Aber da es zum Streiten immer zwei braucht… hai ragione – tienitela forte…;-)

  19. gms

    Lisa,

    “Ich weiss schon, dass es offiziell “Deutscher Nation“ heisst. Da ich aber das regnum teutonicorum vor Augen hatte -”

    Und Sie fragen sich tatsächlich noch, was einem bei der Debatte mit Ihnen über die Leber läuft?

    Oben steht es noch: Kunterbuntes Vermantschen von Begriffen mit Gedankenfluchten quer durchs historische Gemüsebeet. Dabei konstruieren Sie Absurdes (‘das Heilige Römische Reich der deutschen Nationen’), von dem Sie zur versuchten Stützung Ihrer Behauptung der Künstlichkeit und Zusammengeflickerltheit einer Nation ausführen, das Absurde sei keine Nation im heutigen Sinn gewesen.

    Ihr perpetuierter Seiltanz ohne Seil und Tanz ist es, der heftiger saugt als Produkte von Vorwerk und jede Leber effektiver schrumpfen läßt, als ein konsumierter Liter Schnaps pro Tag über Jahrzehnte hinweg. Schopenhauer, dessen Zitat anlaßgebend und der für seine akribische Sprachtreue berüchtigt war, hätte sich Ihren Aussagen nicht mal mit dem Schürhaken genähert.

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