Es kann nur eine Leit-Kultur geben

(MARCUS FRANZ)  Jede Kultur braucht für ihr dauerhaftes Bestehen nicht nur Menschen, die sie leben, sondern auch einen entsprechenden Raum, der je nach Größe der Population eine Region, eines oder mehrere Länder oder sogar einen Kontinent umfassen kann. Man nennt das üblicherweise Kulturkreis.

Kultur ist definitiv nicht (nur) das, was man fallweise im Museum oder Theater auslebt. Kulturelle Ereignisse stellen nur das Sichtbarwerden von etwas Größerem und Fundamentalen dar: Kultur be- und entsteht grundsätzlich aus Lebensweise, Wertehaltung, Sozialverhalten, Gesellschaftsstruktur, Rechtssystem, bildender und darstellender Kunst, Musik und Literatur. Diese Entitäten erzeugen die Kultur und im Gegenzug befestigt diese wiederum die genannten Fundamente.

Kultur ist also nichts statisches, sondern im Sinne ihrer eigentlichen Wortbedeutung etwas lebendiges und daher auch stetigen Änderungen und Entwicklungen unterworfen. Und doch ist sie für ihren jeweiligen Raum über lange Zeitabschnitte immer charakteristisch und beständig, da ihre Metamorphosen meist langsam passieren. Ausnahmen stellen Eroberungskriege, Revolutionen und große Migrationsbewegungen dar. Eine solche Migrationsbewegung erleben wir gerade.

Die aktuelle Massenmigration stellt Europa und seine Kultur in Frage und fordert sie ungleich mehr heraus als sie diese “bereichert”. Das ist Fakt, da nützen alle Schönredversuche der diversen politmedialen Apologeten nichts. Denn was werden Millionen Menschen, die binnen kurzer Zeit aus einem völlig anderen Kulturkreis zu uns kommen, mit ihrer in vieler Hinsicht konträren Kultur hier anfangen? Und was könnte dieser massive und konfliktträchtige Import von gegensätzlichen Haltungen mit den nur noch schwächlich verteidigten europäischen Werten und mit den zahlreichen, für ihre Toleranz fast schon verschrieenen Europäern machen?

Für die Migranten gilt zweifellos dasselbe wie für alle Menschen, die in einer größeren kulturellen Gemeinschaft leben: Kultur braucht Raum und den wird sie sich nehmen (wollen).

Dazu gibt es nun folgende Szenarien:

1. Szenario: Wir werden eine massive Zunahme der Parallelgesellschaften erleben. Es bilden sich hermetisch abgeschlossene Communities vor allem in den Städten, mit allen negativen sozialen Folgen. Die in Deutschland bereits da und dort existenten No-Go-Areas, die laut der deutschen Autorin und Polizistin Tania Kambouri selbst die Polizei nur noch höchst ungern betritt, sind da nur der üble Anfang. Die berüchtigten Banlieues in Paris oder die Verhältnisse in Marseille und anderen südfranzösischen Städten sind anschauliche Beispiele, wie extrem die Situation werden kann.

Es ist übrigens keine Schwarzmalerei, sondern dem Oxford-Professor und Migrationsforscher Paul Collier zufolge eine erwiesene Tatsache, dass der Trend zur Parallelgesellschaft umso stärker wird, je größer eine Auslandsgemeinde ist. Die im Namen einer falsch verstandenen Humanität und Toleranz geduldete, ja sogar vielfach gewollte und großteils unkontrollierte Zuwanderung befördert also genau jene Situation, die angeblich alle Verantwortlichen vermeiden wollen. Von der durch die unkritische Migrationspolitik ermöglichten und völlig unnötigen Einreise jener Vielen, die a priori gar kein Recht dazu haben, ganz zu schweigen. “Humanität ohne Vernunft führt in die Hölle”, sagte der tschechische Kardinal Duka in stark überspitzter Formulierung vor einiger Zeit dazu. Aber im Kern hat er recht: Die Vernunft muss auch in der Migrationskrise regieren.

2. Szenario: Der offene Verdrängungskampf. In den rasch wachsenden Parallelgesellschaften wird das Konfliktpotenzial steigen. Und da geht es nicht mehr “nur” um Terror und Anschläge, sondern ganz simpel um den Anspruch der kulturellen Hegemonie. Zumindest selbstverantwortliche Areale der Gerichtsbarkeit (Scharia) sind ja schon da und dort gefordert worden. In London gibt es bereits einen Richter der englischen Krone, der in seiner Freizeit offiziell die Scharia als Mittel der Mediation zwischen Muslimen anwenden darf.

Das scheibchenweise Einführen der orientalischen Rechtskultur scheint bis jetzt mangels klarer europäischer Haltungen vor allem in Deutschland auch zu funktionieren: In Berlin leben nach Schätzungen der Polizei bis zu 30% der Araber in Polygamie: Die eine Ehe schließt der Staat, die andere der Imam. Der Staat erfährt davon offiziell nichts. Und finanziert wird die meist bald recht kinderreiche Familie dann über Hartz IV.

Die Frage brennt also, aber die Mehrheit der noch immer im Humanitäts- und Toleranz-Modus schwurbelnden Regierungen Europas weiß keine klare Antwort auf die grundlegenden kulturellen Unterschiede und die daraus hervorgehenden Ansprüche der Ankömmlinge. Dabei kann die Antwort nur Ja oder Nein lauten, mit jeweils allen Konsequenzen. Tertium non datur. Das Ziehen von weithin sichtbaren roten Linien ist unsere Aufgabe und Pflicht.

Denn unsere eigene Haltung muss klar sein: Die Suprematie der europäischen Leitkultur, die Werte Europas, die Hoheit des säkularen Rechtsstaats, die Tradition der Aufklärung und des Christentums dürfen weder in Frage gestellt noch politisch, kulturell oder sonstwie angegriffen werden. Denn nur wenn diese Grundhaltung von jedem gelebt wird, sind jene Freiheiten, die Europa so attraktiv machen, auch weiterhin möglich. Daher ist der Respekt vor der Leitkultur und die Unterordnung unter dieselbe essenziell.

Man möge jetzt bitte nicht behaupten, dass damit eine Diskriminierung stattfinden würde. Im Gegenteil, dies ist eine Gleichstellung: Keine Religions- oder Kulturgemeinschaft darf sich über den Rechtsstaat und über die zivilisatorischen Errungenschaften Europas erheben. Wer dies trotzdem will, der muss gehen oder außer Landes gebracht werden. Und wer bleiben will und dies nach Prüfung seiner Anliegen rechtlich auch darf, der muss sich in den grundsätzlichen Bereichen anpassen und in jeder Hinsicht integrieren. Das ist eine Bringschuld aller, die zu uns gekommen sind.

Und im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Grenzen geschlossen und die australische No-Way-Politik eingeführt werden müssen.

10 comments

  1. astuga

    Österreichische Kultur ist die Menge alles Materiellen und Imateriellen mit Österreichbezug, das im prägenden Kontext von Umwelt und Geschichte – über einen ausreichend langen Zeitraum – von einer ausreichend großen wie qualifizierten Personengruppe (id Regel eine lokale oder absolute Mehrheit) anerkannt und als solches gesellschaftlich immanent (wirksam) wird.
    Wobei es sich von Vergleichbarem anderer Regionen graduell unterscheidet oder überhaupt einen isolierten Topos darstellt.

  2. CE___

    “Man möge jetzt bitte nicht behaupten, dass damit eine Diskriminierung stattfinden würde. Im Gegenteil, dies ist eine Gleichstellung: Keine Religions- oder Kulturgemeinschaft darf sich über den Rechtsstaat und über die zivilisatorischen Errungenschaften Europas erheben. Wer dies trotzdem will, der muss gehen oder außer Landes gebracht werden.”

    Interessant das dies, sogar sehr weit gefasst mit “über die zivilisatorischen Errungenschaften Europas erheben”, speziell aber mit der Forderung “Wer dies trotzdem will, der muss gehen oder außer Landes gebracht werden.” hier so stehenbleiben darf.

    Süffisant angemerkt, schrieben dies andere, so wie ich, würde dies hier keine zwei Tage online bleiben.

    Dem Text kann ich mich anschliessen.

    Ein Staat mit einer sehr, nennen wir es so damit es stehen bleiben darf, expansiven und gegenüber anderen Religionen intoleranten und illiberalen Parallelgesellschaft-und Glauben wie dem Islam, kann nur über einen massiven unnachgiebigen Polizei-, Spitzel- und Überwachungsstaat, aufrechterhalten werden, und selbst da wird es knirschen und knacken.

    Zu glauben allerdings, einen liberalen Staat, den ich als ein gesellschaftlich und wirtschaftlich sehr liberal eingestellter Mensch erhalten will, mit einem gnadenlosen Polizei- und Überwachungsstaat (quasi “Allmacht für den Leviathan”) erhalten zu können, erschliesst sich mir komplett nicht (siehe auch Kommentare Unterberger “Terror – was nun” und Ortner’s Freitagsartikel, die aber in ebendiese Richtung gehen).

    Wir haben hier sozusagen den Gordischen Knoten aller Liberalen vorliegen.

  3. stiller Mitleser

    Sorgfältig formulierter Text, der alle wichtigen Punkte enthält und nun auch der massiven Verbreitung (in lokalen oder berufsständischen Vereinen, Konferenzzimmern von Schulen, Elternvereinen, gewerblicher Fachpresse, Sportvereinen, etc) durchaus auch über Parteigrenzen hinweg, bedürfte!
    PS:
    der ORF hat eine Sommervorlesung mit 6 Vorträgen (mit nachfolgender Verbreitung auf Doppel CD) zum Thema veränderte Identitäten in pluralen, also Multi-Kulti-Gesellschaften gestartet. Ich habe gestern den ersten Vortrag, der leicht dekonstruierbar ist, gehört und war vor allem vom selbstgewissen und apodiktischen Ton schwer beeindruckt.
    http://oe1.orf.at/Isoldecharim
    Als Gegenredner wären R.Burger, der agonalen Verlockungen selten ausweicht, oder vielleicht auch Liessmann nett, zumindest für einen “Kommentar der anderen” im Standard oder einen Kommentar in der Presse.

  4. Thomas Holzer

    @stiller Mitleser
    Lissmann wird kommende Woche die Rede zur Eröffnung der Salzburger Festspiele halten (live auf 3Sat). Ich bin schon gespannt

  5. stiller Mitleser

    @ Thomas Holzer
    aha, hab kein TV, aber wenns provokant ist (hoffentlich!) wird der Inhalt schon bekannt werden

  6. Rennziege

    @Dr. Marcus Franz:
    Gut gebrüllt, Löwe! Aber zur Bewahrung einer Leitkultur gehören halt auch Menschen, die sich coram publico und beherzt dafür einsetzen. In Österreich ist niemand dergleichen zu erblicken oder zu vernehmen.
    Leider sind Sie nur ein Rufer in der Wüste der EU-weit praktizierten Abschaffung aller gewachsenen Traditionen. Trotzdem vielen Dank für Ihre mutigen Worte; wir können nur hoffen, dass sie (und Sie) nicht nur auf taube Ohrwascheln stoßen.

  7. gms

    Marcus Franz,

    Dank und Anerkennung einmal mehr für Ihre fundierten Darlegungen. Schmälern soll dies keineswegs ein potentieller Makel im heutigen Beitrag, den es aus libertärer Sicht festzuhalten gilt und dessen Thematisieren hier gewiß polarisierend wirkt. Sei’s d’rum:

    “In London gibt es bereits einen Richter der englischen Krone, der in seiner Freizeit offiziell die Scharia als Mittel der Mediation zwischen Muslimen anwenden darf.”

    Was bedeutet dies im Kontext sogenannter ‘consenting adults’? Libertäre werden sich nolens volens mit der vorliegenden Trennung in Offizialdelikte einerseits und andere Auslöser für Streit andererseits abfinden, wonach das Gewaltmonopol allein bei scharf umrissenen Kategorien von sich aus tätig werden muß, unstrittig etwa bei Verbrechen gegen Leib und Leben. Darunter aber wird es zunehmend diffus mit allfälligen Begründungen.

    Gibt es eine Pflicht, sich zur Durchsetzung aller seiner Ansprüche an den Staat zu wenden? Der Anlaßfall des nach der Scharia regelnden Richters behagt uns nicht, leistet er doch einer Kultur Vorschub, der plausibel Vorbehalte entgegen gebracht werden. Was folgt aber daraus? Echte Liberale erkennt man daran, daß sie ihre Prinzipien auch dann hochhalten, wenn es den eigenen Empfindungen widerspricht.

    Die Crux steckt beim Thema, ähnlich wie in der leidigen Kopftuchdebatte, in der Unmöglichkeit, ohne Verletzung der Privatsphäre festzustellen, ob ein bestimmtes Verhalten freiwillig oder gegen den Willen des Betroffenen erfolgt. Kann jemand sich aus freien Stücken einem ganz bestimmten Streitschlichter unterwerfen, oder muß er dies tun?

    Natürlich ist eine liberale Gesellschaft angehalten, ihre Mitglieder vor illegitimen Zwängen zu schützen, bloß die Optionen hierfür sind beschränkt, würden sie doch andernfalls unter exakt jenes fallen, was sie verhindern möchten. Verpflichtende tiefenpsychologische Interviews durch einen Amtsarzt vor dem Betreten der Praxis eines Scharia-Richters? Ein Verzicht darauf, so der Mediator nach westlichen Maßstäben operiert?

    Toleranz wäre keine solche, täte sie nicht weh. Erst das Hinnehmen eines abwendbaren Übels aus der Erkenntnis, das Verhindern gebäre Schlimmeres, macht Toleranz erst zur solchen, alles andere ist dummes Geschwätz.
    Als Symptombekämpfung mag ein Verbot von Scharia-Mediatoren zwar tauglich sein, doch als Gesellschaft würden wir und dabei just jenen Nagel eintreten, der mit dem Islam nach Europa schwappt, nämlich den Verlust unserer eigenen Freiheit durch’s Negieren basaler Prinzipien.

  8. Rennziege

    23. Juli 2016 – 17:59 — Thomas Holzer
    Vielen Dank für diesen Link, Herr Holzer. Konrad Paul Lissmann war mir bislang unbekannt, aber den merk’ ich mir.
    Bemerkenswert an ihm, dass …
    (a) er flüchtige Moden in der Kunst als das bezeichnet, was sie sind: kurzatmig und kurzlebig;
    (b) politisch inspirierte, subventionierte, angepasste Staatskünstler höflich als Wappler entlarvt;
    (c) die politisch-korrekten Fangfragen des Interviewers mit kundigen und eleganten Argumenten ad absurdum führt;
    (d) ein Staatsblatt wie die “Wiener Zeitung” seine Meinung trotzdem veröffentlicht.
    Chapeau, Herr Lissmann!

Kommentar verfassen

Du kannst die folgenden HTML-Codes verwenden:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden .