Etatismus – Versuch einer Erklärung

Von | 13. März 2021

(ANDREAS TÖGEL) Unter dem Stichwort Etatismus findet sich im Internetlexikon Wikipedia folgender Eintrag: “Etatismus (frz. État “Staat”) bezeichnet eine politische Annahme, nach der ökonomische, soziale oder ökologische Probleme durch staatliches Handeln zu bewältigen sind.” Wer kann aus welchem Grund annehmen, dass bestimmte Probleme ausgerechnet und nur durch den Staat zu lösen sind?

Vorausgeschickt sei, dass Staatswerdung noch niemals als ein Akt der freiwilligen Übereinkunft Gleichgesinnter – etwa auf Grund eines „Gesellschaftsvertrages“ -, sondern stets gewaltsam in Form der Unterwerfung einer im Kampf unterlegenen unter eine siegreiche Gruppe erfolgt ist. Alle heute existierenden Staaten sind als Ergebnis kriegerischer Konflikte entstanden.

Die Unterlegenen werden in der Folge gegenüber den Siegern tributpflichtig. In seinen Anfängen diente der Staat nur seinen Führern und deren Entourage als Vehikel dazu, auf Kosten der Beherrschten ein parasitäres Leben führen zu können. Der Übergang von feudal und monarchistisch verfassten Gesellschaften zu Massendemokratien brachte auf zweierlei Weise entscheidende Veränderungen mit sich. Zum einen wurde dadurch der in (Erb-)Monarchien recht kleine Kreis der von Tributen (Steuern) lebenden Individuen gewaltig ausgeweitet, da ja nun vergleichsweise viele an der Macht teilhaben können und wollen; zum anderen wurden – im Zuge der unaufhaltsamen Ausweitung „sozialer Errungenschaften“ durch den modernen Wohlfahrtsstaat – eine immer größere Anzahl von Personen der Notwendigkeit enthoben, selbst für ihren Unterhalt zu sorgen. Das tun jetzt andere für sie.

Seit ihrem nach 1968 erfolgten, erfolgreichen Marsch durch die Institutionen, entdecken die an den steuerfinanzierten Universitäten tätigen Ideologen massenweise unterdrückte und diskriminierte Opfergruppen auf dieser Welt – was insofern interessant ist, als es (außerhalb Venezuelas, Zimbabwes und Nordkoreas) weltweit ständig allen besser geht. Immerhin ist der Anteil der ärmsten der Armen (das sind diejenigen, die von weniger als zwei US-Dollar pro Tag leben müssen) – trotz der in den letzten 100 Jahren explosionsartig gewachsenen Erdbevölkerung – überall dort drastisch zurückgegangen, wo der Kapitalismus Marktkräfte freisetzt, und diese nicht von Regierungen gebremst werden.

„Bemerkenswerterweise ist die gebildete Schicht einfältiger als die ungebildete. Die begeistertsten Anhänger des Marxismus, des Nationalsozialismus und des Faschismus waren die Intellektuellen, nicht die Grobiane.“
Ludwig von Mises [„Die Bürokratie“ S. 112]

Daher haben wir maßgeschneiderte Politiken für Opferklassen aller Art, wir haben die Klasse neu entstandener Blockwarte, die etwa auf die schmucke Bezeichnung Gleichstellungsbeauftragte hören, die für Gerechtigkeit (=Ergebnisgleichheit) im Kollektiv sorgen und wir haben eine täglich unduldsamer werdende Sprachregelung, die im Stundentakt Begriffe umdeutet oder auf den Index setzt. Schon demnächst werden wir wieder Zeugen von Bücherverbrennungen sein (die indes weniger spektakulär ausfallen werden als anno Nazi).

Welche Minderheit aber finanziert die ganze Chose, ohne jemals selbst in den Genuss irgendeiner Zuwendung zu kommen – und sei es nur ein gelegentlich gespendetes, freundliches Wort? Der  in der Privatwirtschaft tätige  Steuerzahler, insbesondere der unternehmerisch tätige. Der finanziert den Staat, der so großzügig Wohltaten an alle Müheseligen und Beladenen verteilt.

Zur unmissverständlichen Klarstellung sei an dieser Stelle ins Bewußtsein gerufen, dass Beamte und Politiker nicht zu den Steuerzahlern zählen! Diese beiden Berufsgruppen leben vielmehr – siehe oben – von Mitteln, die den in der Privatwirtschaft Tätigen abgepresst werden. Faktum ist: Der Steuersklave wird im Namen der „Gerechtigkeit” bis aufs Hemd ausgeplündert.

Vom Standpunkt des Etatisten aus betrachtet, ist damit der Stein der Weisen gefunden: Entdeckt eine staatlich besoldete Soziologin, Gender- oder Politikwissenschaftlerin wieder einmal eine neue unterdrückte Gruppe, geht sofort ein Aufschrei durch die Medien, die Reihen entrüsteter Gewerkschafter und Kirchenpfründner. Die fordern umgehend und unisono den Staat dazu auf, auch diesen soeben entdeckten Unterdrückten zu helfen. Aus ihrer Sicht angenehmer Nebeneffekt: Augenblicklich werden staatliche Programme mit Tausenden neuen – überflüssig zu erwähnen: nicht zur Wertschöpfung beitragenden – Beamtendienstposten ins Leben gerufen und, das ist unumgänglich (wo gehobelt wird fallen nun einmal Späne), Steuererhöhungen verfügt, um die nötigen Wohltaten zu finanzieren. Der Staat, dessen Bedienstete und die von ihnen entdeckten Opfergruppen saugen also noch mehr vom Blut derjenigen, von denen sie schon bisher genährt wurden. Die Nettozahler hingegen laufen pausenlos im Hamsterrad der Produktion und durchschauen das zu ihren Lasten gehende, üble Spiel meist nicht.

Warum sie es nicht durchschauen? Zum einen, weil sie, um ihre Rechnungen und Steuern bezahlen zu können, unentwegt schuften müssen und danach einfach keinen Kopf mehr haben, sich darüber hinaus gehende Gedanken zu machen; zum anderen, weil sie, auch wenn sie sich nicht für Religion interessieren, im Grunde dennoch auf der Basis überkommender christlicher Werte leben – zumindest, sofern es sich um autochthone Bürger handelt. Sie sind chronisch naiv, glauben ans Gute in Politikern, Intellektuellen und Medienschaffenden und sind entsprechend leicht in die Irre zu führen.

Hauptfeind der Anhänger der alles beherrschenden linken Identitätspolitik ist der (alte) weiße Mann. Der allerdings, und das will so gar nicht ins antiweiß-rassistische Narrativ der Linken passen, alle  so gnadenlos Unterdrückten dieser Welt so wohlhabend gemacht hat, dass die heute doppelt so lange leben wie noch vor 200 Jahren und auch der allerletzte Sozialjunkie sich dieser Tage eines höheren Lebensstandards erfreuen darf als weiland Karl der Große (der sich ohne fließendes Warmwasser und Haarföhn durchschlagen musste).

Um an dieser Stelle auch den Anbetern der politischen Korrektheit etwas zu bieten: So gut wie jede Erfindung und Errungenschaft, die das Leben unserer Tage erträglich und lebenswert macht (von der Erfindung des Diesel- und des Elektromotors bis zur Entwicklung des Haber-Bosch-Verfahrens und von der Aufklärung bis zur Entdeckung des Penicillins), ist ausschließlich dem Geist, der Willensstärke und der Arbeit weißer Männer geschuldet.

Entscheidend ist indes etwas ganz anderes: nämlich, dass die aus der linken Identitätspolitik resultierende Opfermentalität den Charakter jedes Einzelnen und damit auch den unserer Gesellschaft insgesamt sukzessive verdirbt. Sie schafft falsche Anreize, indem sie die Faulheit belohnt, den Fleiß und jede unternehmerische Initiative bestraft.  Sie kehrt das Unterste nach oben, oder, um es mit Hayek zu sagen: „The worst get on top“.

Große Teile dieser zerstörerischen Ideologie wurde von einer Mehrzahl der Bürger leider längst übernommen. Folglich ertönt bei jeder sich bietenden Gelegenheit reflexartig der Ruf nach dem Staat. Kaum geht es irgendjemandem vermeintlich schlecht, ist auch schon der Staat gefordert, etwas dagegen zu tun! Zumindest nach Ansicht einer Mehrheit der gehirngewaschenen Insassen des modernen Wohlfahrtsstaates. An individuelle Verantwortung und Subsidiarität wird von den meisten von ihnen schon lange kein Gedanke mehr verschwendet.

Jeder kann sich selbst einem einschlägigen Gewissenstest unterziehen: Wie oft kommt der Impuls, bei etwas, was einem unfair oder ungerecht zu sein scheint, sofort eine Staatsintervention zu fordern? Anstatt zunächst einmal gründlich zu überlegen, wo denn das Problem tatsächlich liegt; ob der, der es hat, es nicht gefälligst selbst lösen kann und soll; und noch viel wichtiger: ob das Problem nicht vom Staat und seinen Schergen geschaffen wurde! Gerade die von den Regierungen im Zusammenhang mit der angeblich schrecklichsten Pandemie aller Zeiten angerichteten Schäden an Wirtschaft und Gesellschaft und die daraufhin ins Werk gesetzten „Rettungs- und Hilfsaktionen“ bieten dafür serienweise Beispiele. Hätte der Staat mit seinem erratischen Krisenmanagement nicht erst Hunderttausende um Existenz, Arbeit und Brot gebraucht, hätte es keiner staatlichen „Hilfspakete“ bedurft, die am Ende wieder von den Nettosteuerzahlern, deren Kindern und Kindeskindern bezahlt werden müssen.

Die Sache ist es wert, gründlich zu überdacht zu werden: Welche Probleme sind es denn, die der Staat – und nur er – lösen kann und muss? Und wie viele davon hat der Staat selbst verursacht? Es sind wohl die allermeisten! Ist aber nicht derjenige, der ein Problem verursacht, in kaum einem Fall auch dazu in der Lage, es zu beheben?

Hier schließt sich der Kreis: Was ist – im Lichte der auf der Hand liegenden Antwort auf die zuletzt gestellte Frage – vom Etatismus zu halten?

 

4 Gedanken zu „Etatismus – Versuch einer Erklärung

  1. Gerhi09

    Danke Herr Tögel, Ihre Kommentare sind eine Wohltat. Leider kapiert die gehirngewaschene Jugend nicht, wie sehr die kapitalistische Marktwirtschaft das Leben fast aller Menschen verbessert hat; ganz im Gegenteil, sie glauben, er sei für alles Leid auf der Welt verantwortlich. 76 Jahre ohne Krieg sind offenbar lange genug, um eine Gesellschaft völlig degenerieren zu lassen.

  2. Wolfgang Brunbauer

    Klare Worte beschreiben das herrschende Bewusstsein unserer Gesellschaft. Die Blindheit gegenüber dieser Tatsache macht uns still wütend. Dass das alles zu einer Oligarchie von Konzernen führt, die supranationale und lebenswichtige Machtinstrimente kontrollieren und stärker als Staatsbeamte sind muss auch gesagt werden. Also fragen wir: was tun?

  3. Gscheithaufen

    Wäre in diesem Beitrag nicht alles wahr und real existent, könnte man Polemik vermuten.

  4. Nightbird

    wieder mal ein guter Artikel

    Aber der Staat kann, nein, er darf eigentlich nicht jedes Problem lösen. Immer muß der Bürger seinen Teil dazu beitragen. Auch in jener Weise, daß er auf den Staat dahingehend einwirkt, die Probleme “richtig”, zu Gunsten des Bürgers zu lösen. Der Staat als defacto Angestellter der Bevölkerung, des Bürgers hat zu dessen Gunsten zu arbeiten.

    Wäre es anders (leider ist es auch so) muß man dieses Verhalten des Staates als Autokratismus definieren.

    Zu arbeiten, zu schuften (wie angeführt) darf einen nicht davon abhalten, sich dafür einzusetzen, WIE der Staat seine Arbeit zu erledigen hat. Die Ausrede “ich muß ja arbeiten, hab’ keine Zeit, kein Interesse für sowas” lasse ich nicht gelten. Aber diese Einstellung liegt hauptsächlich daran, daß der Bürger denkfaul geworden ist, sich an diese Bevormundung gewöhnt hat. Eben durch diese Einstellung meint der Staat, er kann tun und lassen, was er will.

    @ Gerhi09
    … die kapitalistische Marktwirtschaft das Leben fast aller Menschen verbessert hat.

    Hier irrst Du. Die kapitalistische Marktwirtschaft hat das Leben aller Menschen nicht verbessert, sondern nur “verändert”. Hin zum eigenen Nutzen der Marktwirtschaft und deren Betreibern. Aber auch zugunsten derer, die meinen, die Macht zu haben. Die Verbesserungen für den Bürger sind dabei äusserst marginal.

    …offenbar lange genug, um eine Gesellschaft völlig degenerieren zu lassen.

    damit hast Du allerdings recht.

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