EU bezahlt künftig auch Ruanda, um Migranten aufzuhalten

Interessanter Bericht der “New York Times” über die Strategie der Union, nach der Türkei, libyschen Kräften und Niger nun auch Ruanda in das System der Abwehr illegaler Migration einzubinden, hier

11 comments

  1. Rado

    Darum war wohl J.C. Juncker heuer im April in Ruanda! Hätte mich auch gewundert, wenn er nicht auch mit dem Geldkoffer gekommen wäre. Toller Deal! Hinterher wird er auch wohl ein wenig gefeiert haben.

  2. Volker Seitz

    Warum sollte die EU Ruanda bezahlen, um Migranten aufzuhalten ? Vor allem welche Migranten? Ich habe oft über Ruanda geschrieben, aber ich lasse gerne Frau Achermann den Vortritt.
    Die Schweizer Journalisten Barbara Achermann hat einige Länder in Afrika bereist. 2018 hat sie ein rundum lesenswertes Buch („Frauenwunderland“, Reclam 2018) über die atemberaubende Erfolgsgeschichte von Ruanda veröffentlicht. Ruanda in Ostafrika gehörte bis 1994 zu den ärmsten Ländern der Welt. Der größte Erfolg, den Ruanda seither erzielt hat, ist die Reduktion der Massenarmut, schreibt Achermann. Zwischen 2006 und 2012 wurden etwa eine Million Menschen von der Armut befreit. Es ist eine der schnellsten Entwicklungen weltweit. Achermann zitiert den Oxford-Wirtschaftsprofessor Paul Collier: „Für die ärmsten Menschen auf der Welt ist es nicht zwingend ein Vorteil, in einer Demokratie zu leben. Manchmal erreicht eine Autokratie eine schnelle Reduktion der Massenarmut, manchmal eine Demokratie. Länder sind sehr unterschiedlich. Wir haben gelernt, dass Demokratie keine universelle Lösung ist… Kagame etablierte eine vorbildliche Leistungskultur in den Behörden.“ Paul Kagame, der Präsident Ruandas, wird von westlichen Beobachtern gerne als „umstritten“ bezeichnet. Aber die positiven Resultate seiner Politik zieht kaum jemand in Zweifel. Ruanda hat sich unter seiner Führung in den vergangenen zwei Jahrzehnten schneller entwickelt als jedes andere afrikanische Land. Oft hört Achermann, dass ohne Kagames klare Linie und seine feste Hand sich das Land nicht so rasch entwickelt hätte. Es sei ein Handel, den viele bewusst eingehen: wirtschaftliche Entwicklung gegen politische Freiheit. Leute, die den Präsidenten ablehnen, seien schwerer zu finden als solche, die ihn feiern.

    Bei dem Völkermord (1994) in Ruanda wurden bis zu einer Million Menschen umgebracht. Zum Ende des hunderttägigen Gemetzels waren etwa siebzig Prozent der Bevölkerung weiblich. Die Frauen mussten Führungsrollen übernehmen. Neun Jahre nach dem Völkermord wurden Frauen durch die Regierung Kagame nicht nur vor dem Gesetz vollkommen gleichberechtigt. Ihr Potential, das über Generationen brach lag, wurde endlich genutzt. Die positive Entwicklung ist vor allem das Werk der Frauen Ruandas. Sie haben das Land wirtschaftlich vorangebracht und zur Versöhnung zwischen Tutsi und Hutu beigetragen. Offiziell ist es heute in Ruanda verboten, von Hutu und Tutsi zu sprechen. Alle sind schlicht und einfach Ruander.

    In Ruanda werden Frauen motiviert, unabhängig zu leben. Seit 2008 sind die Frauen im Parlament in der Mehrheit (heute sind es 64 %). Sie setzten zahlreiche Neuerungen durch, von denen Frauen profitierten: Lohngleichheit, eine dreimonatige Mutterschaftsversicherung, Mindestalter von 21 Jahren für die Eheschließung oder die Legalisierung von Abtreibungen. Der Erfolg des Landes ist sehr eng mit Ruandas Frauen verbunden. Ihre Lebenseinstellung: bejahend und vorwärtsgewandt. Sie sind in allen Bereichen des Landes das Rückgrat des rasanten Wirtschaftswachstums des Landes, von dem eine breite Bevölkerungsschicht profitiert. Barbara Achermann schreibt über Frauen, die sich als Teil der Post-Genozid-Generation sehen. Sie traf eine alte Frau, die während des Genozids mit vermeintlicher Zauberei und List vermutlich einhundert Menschen das Leben gerettet hat, sie traf eine erfolgreiche Musikerin, eine Modeschöpferin in einer hellen, freundlichen und modernen Boutique mit zwanzig Angestellten. Dabei erfährt der Leser, dass in Ruanda „selten von der Stange gekauft wird. Die Mittel- und Oberschicht lässt einen guten Teil ihrer Garderobe maßgeschneidert anfertigen. Selbst viele arme Frauen tragen für den Sonntagsgottesdienst ein handgenähtes Kostüm, manchmal kombiniert mit einem hohen Turban aus demselben Stoff. Häufig ist ein solches Ensemble ihr wertvollster Besitz.“ Das ist bemerkenswert, denn in anderen afrikanischen Ländern müssen Modeschöpfer gegen das Vorurteil vieler Afrikanerinnen kämpfen, dass Qualität nur aus dem Ausland kommen kann. Reiche Afrikanerinnen ziehen es dort vor, französische oder italienische Marken zu kaufen. Kleinere und mittlere Unternehmen wie „Rwanda Clothing“ haben viel zu dem Wachstumstempo der vergangenen Jahre beigetragen. Für ihre noch ungeborene Tochter wünscht sich die Unternehmerin: „Der Völkermord soll für sie nichts weiter sein als ein Kapitel im Geschichtsbuch.“

    Die Bandbreite der Gesprächspartnerinnen ist beindruckend. Neben den bereits genannten sprach Achermann mit einer sehr erfolgreichen IT-Unternehmerin, deren Firma für den japanischen IT-Riesen DMM so interessant war, dass die Japaner mit ihr fusionieren wollten. Mit der Familienministern, die zielstrebig die Programme zur Familienplanung überwacht, weil der Geburtenüberschuss eines der größten Probleme des Landes ist. Mit einer Rückkehrerin, die in Paris einen gut bezahlten Job aufgab, um in Ruanda heute Wasserkraftwerke zu bauen. Mit der Leiterin des „Rwanda Development Board“ mit einem Harvard-Abschluss, deren Aufgabe es ist, die Wirtschaft anzukurbeln. (Heute liegt Ruanda im „Ease-of-Doing-Business-Index“ der Weltbank vor Belgien und Italien.) Und sie sprach mit einer ehemaligen Prostituierten, die heute eine angesehene Schuhmacherin ist, und mit einer Radiomoderatorin, die den Orgasmus feiert.

    Man erfährt viel über Ruanda. In den Flüchtlingsbooten, die übers Mittelmeer nach Europa kommen, sitzen keine Ruander. Sie fliegen mit dem Flugzeug in die entgegengesetzte Richtung. Die Rückkehrer bringen Kapital, Wissen und Innovation mit. 3,5 Millionen Menschen sind seit dem Genozid zurückgekehrt. Das ist ein Drittel der Bevölkerung. Ruanda entspricht ganz und gar nicht dem Klischee des hoffnungslosen Kontinents. Es wurde zu einem Vorzeigebeispiel für ein Land in Afrika, das vorankommt, ein rarer Lichtblick.

  3. Der Realist

    Schon der Titel dieses Artikels ist falsch, denn nicht die EU bezahlt irgendetwas, wie auch nicht der Staat Österreich etwas bezahlt, sondern es sind letztendlich immer die Bürger (Steuerzahler).
    Und irgendwann wird es sich halt nicht mehr ausgehen, dass Geld der Bürger großzügig in aller Welt verteilt wird, es reicht ja innerhalb der EU in Wahrheit schon längst nicht mehr. Auf Dauer funktioniert es halt nicht, dass immer weniger für immer mehr zahlen müssen.

    @Volker Seitz
    “…..schneller entwickelt hat als jedes andere afrikanische Land” — unter den Blinden, ist auch der Einäugige König –

  4. Volker Seitz

    @Realist
    Immerhin gibt es unter den 55 afrikanischen Staaten einige erfreuliche Entwicklungen: neben Ruanda, Äthiopien, Botswana, Mauritius, Senegal, Seychellen…
    Das sind sehr wenige, aber das sollten wir anerkennen.

  5. AD

    @Realist
    Ruanda hat sich Singapore als Vorbild genommen. Auch dort war diese Entwicklung vor 45 Jahren als ich das Land das 1. Mal besucht hatte (seither mehr als 100 Mal) nicht vorauszusehen.
    Länder wie Ruanda Äthiopien etc sollte man in ihren Bemühungen unterstützen. Immer nur zu kritisieren und alles schlecht zu reden ist wenig hilfreich

  6. Volker Seitz

    @AD @Realist
    Was wir immer wieder kritisieren sollten ist die fehlende Weitsicht unserer Entwicklungspolitiker, wenn sie glauben Entwicklungshilfe dürfte nicht mit Familienpolitik ( Regulierung des Bevölkerungswachstums durch afrikanische Regierungen) verbunden werden. Diese Familienpolitik gibt es übrigens in Ruanda, Äthiopien. Außerdem sollten Länder die ihre eigenen Landsleute nicht zurücknehmen wollen, keine Hilfe mehrbekommen.

  7. Falke

    Was mich immer wieder ärgert, ist die ständig künstlich am Dampfen gehaltene “Empörung” über die Zustände in Libyen, wie schlecht es den dort in Lagern lebenden “Flüchtlingen” gehe, die man so schnell wie möglich herausholen müsse und vor allem, dass man die ein paar Kilometer vor der libyschen Küste “geretteten” illegalen Migranten nie und nimmer dothin zurückbringen dürfe. Da frage ich mich immer, ob die bösen Libyer diese “Flüchtlinge” mit Gewalt aus ihren afrikanischen Heimatländern nach Libyen gebracht haben, oder ob sie freiwillig dorthin gegangen sind. Ich komme immer wieder zu dem Schluss, dass letzteres der Fall ist. Oder täusche ich mich etwa?

  8. dna1

    Leute, schaut euch doch einmal an, wo Ruanda geographisch liegt, und wie klein es ist. Welche Migranten sollen die aufhalten?

  9. Gerald Steinbach

    Es ist immer gefährlich für den Steuerzahler wenn EU`ler in Bananenrepubliken fahren, und wenn vielleicht Obst destilliertes auch noch hinzu kommt, dann wird’s noch teurer für den Steuerzahler

  10. Johannes

    Über Entwicklungshilfe kann man erst sprechen wenn man selbst, in seinem eigenen Kontinent für klare Verhältnisse gesorgt hat. Solange die Europäer nicht klipp und klar, ohne wenn und aber die Durchsetzung ihrer Zuwanderungsregeln bestimmen und für deren Einhaltung sorgen ist das alles rausgeschmissenes Geld.

    Die Europäer werden sich wundern wie viele Länder es gibt welche die Hand aufhalten um Geld zu bekommen.
    Zurückhalten ? Ja wie denn ? Wie soll das gehen das Ruanda auch nur einen Ausreisewilligen zurückhält ?
    Das ist doch lächerlich. Wer also von Burundi oder Tansania nach Ruanda kommt wird also genau befragt, an eigens dafür aufgestellten Grenzposten, -dazwischen sind Zäune ohne Türl- ob er denn plane nach Europa zu reisen. Wenn er eifrig bejaht wird er zurückgehalten…..? ..am Hemdzipfel ? ..am Hosenboden ? und dann, wie lange wird der derart Zurückgehalten gehalten? Bis er sich von seiner Reise abbringen hat lassen?

    Ich glaube die Naivität der Europäer ist noch größer als die Dummheit der Menschheit welche Einstein schon als unendlich bezeichnete.

Kommentar verfassen

Du kannst die folgenden HTML-Codes verwenden:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden .