EU – Das Ende naht?

Europas Abstieg ist sicher, meint der Historiker Walter Laqueur. An einen tiefgreifenden Umbau der EU glaubt er nicht. Wahrscheinlicher sei ein neuer Anlauf für ein geeintes Europa. Toller Essay in der “Welt”

6 comments

  1. Thomas Holzer

    Das grundlegende Mißverständnis, meiner Meinung nach, ist, daß Europa an sich NIE Mittelpunkt der Welt war; es waren mal -wenn wir jetzt das Altertum ausklammern- mal die Spanier, die Holländer, Portugiesen, und natürlich das British Empire, sprich mehr oder weniger Nationalstaaten, welche auf ihren eigenen Vorteil bedacht expandierten, die Herrscher Innovationen, Entdeckungen, wirtschaftlichen Fortschritt förderten. Dies alles geschah immer nur im Namen des Herrschers und/oder jeweiligen Landes, aber nie im Namen Europas.
    Nur die die Konkurrenz zwischen den einzelnen Staaten in Europa wurde eine “gedachte” Vormachtsstellung Europas in der Welt erreicht.
    Diesen falschen Mythos will sich nun die EU zu eigen machen, um einen Zentralsstaat zu etablieren, und den so wichtigen innereuropäischen Konkurrenzdruck/kampf per Richtlinien und Harmonisierungen zu verhindern. Dieser Zentral/Superstaat in Einheit mit der dekredierten Gleichmacherei wird den rasanten Abstieg Europas noch wesentlich beschleunigen

  2. rider650

    Der Grund dafür, daß Europa zu dem geworden ist, was es heute ist, liegt gerade in seiner Vielfalt und Zersplitterung, der Abwesenheit von starken Zentralstaaten im Mittelalter. Das chinesische Kaiserreich, das schon damals zentral organisiert war, konnte da z.B. nicht mithalten.
    Heute ist dies immernoch wahr. Kleine Staaten, die schnell reagieren können, die den Handel praktisch nicht einschränken und die wegen dem starken interstaatlichen Wettbewerb schlank und niedrigbesteuernd sind, sind den schwerfälligen Monstern wie USA, China, Russland etc haushoch überlegen.
    Was wir brauchen, ist sind keine vereinigten Staaten von Europa, keine EUdssR, sonder ein Europa, das nur aus Liechtensteins und Monacos, aus Honkongs und Singapurs, besteht. Kleine freie Gebiete hatten schon immer mehr Erfolg als sozialistische Moloche, und werden auch in Zukunft mehr Erfolg haben.

  3. ethelred

    Europa wird den leichtesten Weg gehen- den abwärts. Alles andere bedeutet Mühe, Vision, Mut, Veränderungswille, kurz: LEISTUNG. Leistung aber, ist im alternden Europa längst ein Unwort.

    Verstärkt durch verschiedene Systeme von populistischen Mehrheitsdemokratien, ist ohne echte Aufgabe von souveränen nationalen Rechten ohnehin nur ein Zentralmoloch ala EUdSSR machbar, in welchem sich die Europäer ihre Realität schönträumen können. (s. auch: Michael Müller “die leise Diktatur- das Schwinden der Freiheit” )

    Diese Entwicklung ist nicht nur wahrscheinlich, sie ist so absehbar wie das Amen im Gebet.

    Junge, gut ausgebildete Europäer sollten die Union rechtzeitig (wann immer das ist !) verlassen, ältere Europäer hingegen, sollten auf eine ungestörte Blüte des politischen Populismus hoffen.

    Nur dieser wird ihnen zusichern, dass ihnen, als der wählerstimmenstärksten Gruppierung, ihre Pensionen nicht gänzlich “wegsolidarisiert” werden. Mal sehen wie lange das Geld reicht!

  4. Wettbewerber

    @Thomas Holzer:
    Zunächst wie praktisch immer volle Zustimmung von meiner Seite. An den Superstaat namens EU glaube ich nur noch unter einer Bedingung: Wenn die herrschenden Klientels in den Mitgliedstaaten ihre jeweiligen Regime so sehr verschuldet haben, dass eine Lösung nur noch von “oben” her möglich zu sein scheint (“Bailout” durch die EU bzw. EZB). Dann würde man auch das eigene Wahlvolk wohl zu einer Abgabe weiterer wesentlicher Rechte nach oben überreden können (die Medien werden sich mächtig ins Zeug dafür hauen, das ist gewiss). Ansonsten ist der Moloch EU einfach schon zu unbeliebt, und mit großartigen Erfolgsmeldungen wird’s auch in Zukunft nicht allzu rosig aussehen.
    Oder sehen Sie eine andere Möglichkeit?

  5. Kapuściński

    Ich kann mich den klugen Vorrednern hier nur anschließen. Tolle Kommentare. Erschütternd die Unbildung und Traumatisierung Laqueurs. Herr Laqueur kennt offenbar die Geschichte Europas nicht so genau. Schon allein der stürmische Aufschwung der deutschsprachigen Teile Europas im 19. Jahrhundert ist zum großen Teil der, von linken und rechten Apparatschiks so abschätzig betrachteten, „Kleinstaaterei“, sprich der Konkurrenz unter den Fürstentümern und Städten zu verdanken. Bezeichnend, das Laqueur das „chaotische“ 19. Jh. laut Wikipedia nicht mag.
    Ob Eisenbahnbau, Chemie, Maschinenbau, Forschung, freie Märkte, Schulbildung für immer größere Teile der Bevölkerung, alles geschah im Zeichen des Wettbewerbs. Und vor dem Hintergrund der Auswanderungsoption für die klügsten Köpfe und fleißigsten Hände in die Nachbarländer und die USA. Nur die Nomenklatura des Zarenreiches, und teilweise K&K, konnten ihre Vielvölkerimperien „erfolgreich“ vom Wettbewerb abschneiden. Mit üblen Ergebnissen für die Völker.
    Und das letzte europäische zentralistische Vielvölkerreich, das eine Weltmacht war, hieß Sowjetunion. Da läuft es einem kalt den Rücken runter. Und wenn ich an das gesamteuropäische Führungspersonal und dessen Rekrutierung in den Parteien denke erst recht. Die politische Einigung Europas unter einer Zentralregierung als erstrebenswertes Ziel anzusehen erscheint mir geradezu menschenverachtend und antiaufklärerisch und mit Verlaub intellektuell auf der Höhe des 20 Jh., also auf der Höhe Kreiskys und Hellmut Schmidts und der Grünen und der Abgeordneten in Wien und Berlin und Paris usw.
    Ich fürchte Laqueur (Jahrgang 1921) großer Bewunderer der Sowjetunion, hat ein Trauma (Krieg) und einmal im Leben die logisch falsche Abzweigung genommen. Er glaubt der Krieg sei ein Problem, dass Nationalstaaten verursachen. Und Wohlstand komme vom Planungsbüro. Und es würden immer noch die Rahmenbedingungen des 20. Jh. gelten.
    PS: Wer verstehen will warum Europa in den letzten 700 Jahren niemals geeint und immer zersplittert war, aber genau deshalb immer der Motor der Menschheitsentwicklung war, lese die Bücher des sagenhaften Wirtschaftshistorikers Fernand Braudel.

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