Europäische Bildungstraditionen

(JOSEF STARGL) Bildung dient der Persönlichkeitsentwicklung. Erinnerungen an Sokrates zeigen, dass er den „Umgang mit Wissen“ mit „dem Umgang mit Menschen“ (auch mit sich selbst) verbindet.
Der Vorteil „sokratischer Praxis“ besteht in der Verbindung einer dialogorientierten Erkenntnis- und Lerntheorie mit einer Ethik der personalen Begegnung. Sokrates hat uns eine Theorie der Evolution der Persönlichkeit hinterlassen.
Er geht vom Nichtwissen aus und stellt Fragen, um zum selbstständigen Denken anzuregen. Sokrates lässt Hypothesen formulieren. Er ermöglicht ein Denken in Zusammenhängen, indem er ständig Fragen stellt, prüft und widerlegt.
Während des Dialogs erkennen die Gesprächspartner die Unsicherheit/Ungewissheit ihrer Ideen. Sie bemerken, dass sie Suchende sind, werden neugierig und lernen das Denken als Abenteuer mit Risiko kennen.

Die am sokratischen Dialog Beteiligten fangen an, sich selbst etwas zu fragen. Sie entdecken selbstständig Probleme und suchen selbst nach Lösungen. Das selbstständige Erkennen des Irrtums, das Zulassen von Fehlern und die Fähigkeit zur Kurskorrektur führen zu mehr Offenheit, zu Bescheidenheit, zu Geduld, zu Humanität und zu Toleranz.
Die Gesprächspartner lernen, sich auf neue Anforderungen einzustellen und erleben, dass es spannend ist, etwas auszuprobieren und neue Wege gemeinsam mit anderen Menschen zu gehen.

Sokratische Dialogfähigkeit inkludiert die Fähigkeit zur personalen Begegnung, die Sprachfähigkeit, zuhören können und Verständnis für andere Menschen (in ihrer Andersartigkeit und mit anderen Ideen) voraussetzt.

Fragenorientierter Dialog führt zur Selbstsorge, zur Selbsterfahrung und zur Selbsterkenntnis. Sokratische Bildung ermöglicht selbstständiges Werten, Wertebewusstsein und ein Bekenntnis zu Eigenverantwortung, Eigenleistung und Lernbereitschaft auf dem Weg zu Selbstkultivierung und Persönlichkeitsbildung.
Wir sollten Lehren wieder mehr aus „Anleitung zum selbstständigen Fragen stellen“, als Hilfe beim „Fragen lernen“ (durch die Vermittlung und durch den Erwerb von Hintergrund- und Orientierungswissen!) verstehen. Wo keine Fragen gestellt werden, da können auch die Antworten nicht verstanden werden.

Wenn Lehrer möglichst wenige „ungefragte Antworten auf ungestellte Fragen“ geben, kann Lernen eine optimistische, der Zukunft zugewandte Tätigkeit sein. Lernen durch Tun!

Lernen durch Taten. Diese Tradition wird vor allem in den Lern- und Lehrtheorien des Judentums expliziert.

Menschen lernen „Wissen, Weisheit und Werte“, um „Mensch zu werden“, um als Mensch zu leben und das „Erlernte“ praktisch anzuwenden.
Das Leben als Aufgabe verlangt Selbstbeherrschung/Selbstdisziplin und Eigenleistungen. Wer für die Folgen seiner Handlungen verantwortlich ist, der lernt durch Taten und sucht bessere Lösungen.

Es sind die Taten, die die Menschen einander näherbringen.
Leben ist Begegnung. Im Dialog können die Menschen von anderen Menschen – auch von Unwissenden – lernen. Im geistigen Wettstreit ermöglichen Irrtümer sowohl Erörterung als auch Kritik und Widerlegung. Dabei können die Menschen Meinungen prüfen und korrigieren, aber auch ihre eigenen Grenzen erkennen.

Durch persönliche Begegnungen können sich die Menschen selbst kennen lernen und ihre Erkenntnis- und Urteilsfähigkeit entwickeln.
Es gibt in der Tradition des Judentums Lehrer, die die Freiheit und die Teilnahme am „großen Gespräch“ schätzen sowie mit Freude lernen, um (auch als Vorbild) zu lehren. Sie suchen nach „Wahrheit und Weisheit“, um diese mit anderen Menschen zu teilen.

3 comments

  1. sokrates9

    Genau diese europäischen Bildungstraditionen incl These – Antithese – Synthese die auch freies Denken ohne Tabus verlangt wurde von unserer EUDSSR perfekt zerstört. Mit dem Bildungsziel Bolognia soll es eine Vergleichbarkeit – somit Normierung – des Unterrichts von Portugal bis Grönland geben. Studien und Studienabschlüsse müssen total vergleichbar werden. Dazu kommt noch natürlich doe Einhaltung aller (willkürlichen) PC regen wodurch freies, tabuloses liberales Denken schon vom Ansatz her nicht mehr möglich ist. Dass da vor allem die Innovationsfähigkeit auf der Strecke bleibt ist logische Konsequenz!
    Wahrscheinlich auch ein Grund warum das kleine Israel in vielen innovativen Belangen besser als das große Europa ist!

  2. Kluftinger

    @ socrates9
    Nicht nur der EU weite Vergleich war der Grund, sondern auch die Vergleichbarkeit mit dem angelsächsischen Raum, speziell den USA.
    Da in den USA der erste Uni Abschluss der Bacc. ist und bei uns der Dipl.Ing. /Mag. kam es immer wieder zu Schwierigkeiten mit der Anerkennung. Das hätte man aber auch mit einem Vertrag lösen können und nicht mit der Angleichung.

  3. sokrates9

    Kluftinger@ Stimmt nur man hat das Kind mit dem Bade ausgeschüttet – Vergleichbarkeit heißt keine freie Wissenschaft, schon gar nicht universell gebildet – das geht gar nicht. Sie können so den perfekten internationalen Buchhalter heranziehen nicht aber Leute mit Gesamtwissen – dazu sind allein die Kulturen zu verschieden! Was oft auch für Verwirrung sorgt ist die noch nicht normierte Notengebung: In Asiatischen Ländern ist es üblich ganz harte Eingangstests zu machen, dann aber werden die Noten ” nachgeschmissen”.
    An der WU in Wien ist genügend eine gute Durchschnittsnote, – da es massiv auch nicht genügend gibt – in den USA fallen sie auf wenn sie wo mit einen 2 er benotet werden, 3 ist schon dramatisch schlecht.

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