Europas letzte Kolonie

(ANDREAS UNTERBERGER) Der europäische Kolonialismus ist schon lange zu Ende gegangen. Der deutsche vor rund hundert Jahren, der britische und französische vor fünfzig bis siebzig, der portugiesische vor rund vierzig Jahren. Dieses Ende geschah teils friedlich, teils aber auch erst als Folge langer blutiger Befreiungskriege. Heute sind sich alle Seiten einig, dass das Ende der Kolonialismus richtig war (auch wenn es manchen Ex-Kolonien nachher eher schlechter gegangen ist). Umso erstaunlicher ist, dass die EU seit mehr als zwanzig Jahren nun selber eine Kolonie hat. Ein Umstand, der von Jahr zu Jahr schwachsinniger wird. (weiter hier)

3 comments

  1. stiller Mitleser

    In den nun über 20 Jahren seit Dayton ist die Auflösung Bosniens durch Übersiedlungs-und Haustauschaktionen weiter vorbereitet worden, die Kantone sind ethnisch homogenisiert. Wahrscheinlich wäre es klüger den Fakten nachzugeben und Serben und Kroaten aus dem bosnischen Verbund zu entlassen und die oktroyierte Versöhnungspädagogik (auch in Ostslawonien) einzustellen.
    Allerdings bleiben noch die Probleme mit dem Kosovo, der Region um Mitrovica und dem Sandschak und dem wahabitischen Einfluß auf die bosnischen Muslime.
    Was wirtschaftliche Erholung angeht bin ich skeptisch: autoritärer Paternalismus, Klientelismus und Korruption verschwinden nicht innerhalb einer Generation; der brain drain durch den letzten Krieg (vor allem auch in Serbien, das alle Liberalen durch Exil verlor) ist bedeutend, war aber es auch schon 1946, als Tito die Regierung Subasic-Grol aushebelte und z.B. in Kroatien die am Balkan ja erst spät entstandene bürgerliche Bildungsschicht beinahe geschlossen auswanderte (bzw. vertrieben wurde).

  2. waldsee

    @stiller mitleser
    sie kennen sich dort gut aus.gibt es noch muslim.kämpfer aus dem arab.raum in dieser region?

  3. stiller Mitleser

    @ waldsee
    Ich war schon sehr lange nicht mehr in BiH, zuletzt im Herbst 1995 nach dem Entsatz von Bihac, wo ich das Spital besuchte und dort die halbverhungerten Wöchnerinnen mit ihren halbverhungerten Säuglingen, die abgemagerten Menschen überall und die abgemagerten Pferdchen, mit denen Lasten bewegt wurden, sah. Bihac, im nordwestlichen Teil BiHs, das auch sehr viele Flüchtlinge aus Zentralbosnien beherbergt hatte, war von den serbischen Truppen längere Zeit von der Versorgung abgeschnitten und erst in der Aktion Oluja von den kroatisch-muslimischen Streitkräften befreit worden.
    Aber auch wenn ich erst gestern aus BiH zurückgekommen wäre, könnte ich Ihre Frage nur mit Vermutungen beantworten, müßte mich auf Informanten verlassen und könnte nur aus Beobachtungen Rückschlüsse ziehen, da ich kaum Kontakt zu Militanten bekommen hätte können.
    Sichtbar und dokumentiert sind arabische Investitionen in Zentralbosnien, neu erbaute Moscheen,
    Ferienresorts für Araber (eine Alternative zu Zell am See, in der bergigen Umgebung Sarajewos haben ja 1984 die Olympischen Winterspiele stattgefunden, d.h. es gibt Schnee im Winter) und einen in Kleiderordnung und Alltag sichtbaren starken wahabitischen Einfluß. Aber nicht überall, nicht im urbanen Sarajewo und nicht in Zenica, sondern in kleineren Orten, am Land. Und wenn ich in Wien, nicht im ersten Bezirk, also keine reichen Touristinnen, schwarzgekleidete Frauen im Niquab sehe, sprechen sie sehr oft bosnisch. Erstaunlich ist das nicht, und auch nicht neu.
    Die religiösen Kontakte der bosnischen Muslime bestanden bis zum Ausbruch des Krieges in lockeren Kontakten nach Istanbul, wohin Gruppen-und Einkaufsreisen, ähnlich den katholischen Pfarrausflügen bei uns, unternommen wurden. Die arabischen Kontakte begannen mit Ausbruch des Krieges, ich erinnere mich etwa an eine neugebaute Moschee am Rand von Zagreb, die auch bosnische Flüchtlinge aus dem Save-Gebiet versorgte. Die Allianz von Kroaten und Muslimen im Krieg war von vielen Brüchen und von großem Mißtrauen geprägt, die bosnischen Muslime mußten fürchten, daß BiH zwischen Kroaten und Serben aufgeteilt würde, und, da sie die kleinste und militärisch schwächste Gruppe waren, ihre Interessen völlig übergangen werden würden, in dieser Situation mußte jede Unterstützung von außen willkommen sein.

    Europas Versagen, das durch Dayton, die Kantonisierung und die außerordentlich komplexe Verwaltung mit all ihren Kosten, mit denen die Rettung des alten multikulturellen Bosnien ermöglicht werden sollte, nicht wettgemacht werden konnte, hat den Arabern erst die Tür geöffnet.
    Sollte dem Druck der Serben, die all die Jahre nicht an wirtschaftlicher Entwicklung, sondern ausschließlich am Projekt der Teilung und des Anschlusses gewerkt haben, schlußendlich nachgegeben werden, bleibt ein wirtschaftlich schwaches Zentralbosnien, das irgendwelche vertraglichen Allianzen mit Kroatien schließen wird, auch das kann konfliktreich werden, und die Situation der muslimischen, aber auch der herzegovinisch-kroatischen Bevölkerung, nicht wirklich verbessern. Mit dem Abzug der diversen EU-Einrichtungen werden auch noch die paar besser bezahlten Arbeitsplätze für Uni-Absolventen wegfallen. Und das wird arabische Hilfe nicht unattraktiver machen.

    Ob diese Lösung mehr Rechtssicherheit für Investoren im dann vergrößerten Serbien bedeuten und mehr Investitionen anziehen wird, bleibt dahingestellt. Die Zahl serbischer Wirtschaftsflüchtlinge bei uns ist sehr groß und auch die Zahl der Dauerarbeitslosen unter ihnen gleicht der bei den türkischen Immigranten.
    Auch innenpolitisch wird sich für Serbien durch den Anschluß der Republika Srpska nichts verbessern, im Gegenteil, die bosnischen hardliner werden auf Grund ihres Erfolges ihre Ansprüche in Belgrad geltend machen und das politische Klima mitbestimmen.

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