Filmtipp: “Matilda”

Von | 31. Oktober 2017

(GEORG VETTER) Wenn drei Tage nach der Premiere in Moskau ein Film bereits in Wien zu sehen ist, dann handelt es sich um einen ganz besonderen Streifen: Matilda. Seit Monaten bewegt der Film die russische Gesellschaft so sehr, dass sich die Auseinandersetzung selbst auf die Straße verlagerte und auf der ganzen Welt ausführlich berichtet wird.

Matilda war die Geliebte des Zaren Nikolaus des Zweiten – vor dessen Eheschließung mit Alix von Hessen-Darmstadt. Diese heiratete er knapp nach seiner Inthronisierung, die wegen des unerwarteten Todes seines Vaters Zar Alexander III. in aller Eile erfolgte.

Nikolaus wird heute als heiliger Märtyrer verehrt, weshalb ein voreheliches Verhältnis nicht ins Bild zu passen scheint.

Matilda – bislang eher unter ihrem Nachnamen Kschessinskaja bekannt – war mit Sicherheit keine Heilige. Sie war von Beruf Balletttänzerin und die Geliebte mehrerer Romanovs. Neben Nikolaus II. zählte sie auch dessen Onkel Großfürst Sergej Michailowitsch zu ihren Liebhabern. Schließlich heiratete sie dessen Vetter Großfürst Andrej Wladimirowitsch und wurde Prinzessin. Nach der Revolution lebte sie in Frankreich und betrieb eine Tanzschule. Sie starb im Dezember 1971.

Der Film selbst ist in vielen Teilen frei erfunden. So wird etwa Andrej Wladimirowitsch schon als erwachsener Liebhaber dargestellt, obwohl er damals (1894) erst 15 Jahre war. Die Zerrissenheit des Zaren wird überspitzt dargestellt – wenn es eine solche überhaupt gab. Im Vergleich erscheinen unsere Sissi-Filme als punktgenaue Dokumentationen, wobei sich tatsächlich Parallelen mit dem damaligen Österreich aufdrängen: Schon vom Aussehen ähneln sich Nikolaus und Franz Joseph, beide hatten dominante Mütter, zur Ablenkung neigende Ehefrauen und jeweils eine aus dem Künstlermilieu stammende Freundin. Der eine am Anfang seiner Regentschaft, der andere am Ende. Letzterer soll der Durchbruch am österreichischen Hof übrigens nach einem gemeinsamen Theaterbesuch von Franz Joseph und dem russischen Zaren Alexander III. 1885 gelungen sein.

Jenseits der historischen Präzision glänzt der Film sowohl durch die schauspielerischen Leistungen als auch durch die prachtvollen Aufnahmen.

In Österreich wäre eine solche Aufregung wie in Russland schon deshalb kaum vorstellbar, weil Franz Joseph nicht als Heiliger verehrt wird. Selbst die Menage à trois des Kaiserpaares mit einer Schauspielerin ist eher allgemein anerkannt. Diskutiert wird höchstens, ob Franz Joseph und Katharina Schratt irgendwann nach Elisabeths Ermordung eine sogenannte Gewissenehe eingegangen wären.

Matilda hat nicht nur im Zarenreich künstlerische Erfolge gefeiert, sondern sich auch nach Revolution und Flucht eine eigene Existenz im Ausland aufgebaut. Insofern kann sie durchaus Vorbild sein in einer Gesellschaft, in der nur allzu viele unter Frauensolidarität die Betonung der Opferrolle verstehen. Da lob ich mir jene Künstlerinnen, die zu allen Zeiten beispielhaft hervorragen.

8 Gedanken zu „Filmtipp: “Matilda”

  1. raindancer

    bisschen konstruiert in diesem Zusammenhang zu betonen, dass Matilda Kschessinskaja kein Opfer war, ebenso konstruiert da historische Zusammenhänge in Bezug auf Feminismus und Rechte der Frauen nicht beleuchtet werden.
    Scheint der Männer liebstes Hobby zu sein in letzter Zeit zu betone,n dass Frauen keine Opfer sind. Wer so verkrampft Bezüge herstellt, vergisst zu differenzieren.

  2. Lisa

    Da zeigt sich wieder mal die ambivalente Beurteilung von solchen Mata Haris/Edelnutten (Theweleit immer noch wiederlesenswert). Sie nutzen männliche Schwächen sozial, psychisch und/oder finanziell gnadenlos aus. Sklavin. Domina, Muse, Dienstmagd, Mutter, Mädchen/Junge – was wünschen der Herr? Kann man da von Opfer sprechen? Der Mann ist ja genauso Opfer seiner Triebe, seiner sozialen Ambitionen, seiner Perversionen etc. wenn er just jenen Frauen nachzujagen hat, die alle andern auch wollen und diese Trophäe sein Ansehen erhöht. Auch wenn keine Philemon&Baucis-Beziehung daraus wird – der Sieg ist errungen und man(n) hat den andern Männern etwas voraus. I‘m the winner! Der Begriff „Opfer“ wird ohnehin heute inflativ verwendet. Die Selbstbestimmung der Hingabe (an etwas oder jemanden) im Begriff wird dabei unterschlagen und nur die Unfreiwilligkeit und Hilflosigkeit betont – und vor allem dann gerne benutzt, wenn man als direkt oder indirekt Betroffene auf Mitleid und Hilfe hoffen darf…

  3. raindancer

    @Lisa
    wie sehen sie denn die Hingabe 15jähriger Mädchen in Thailand? Die machen das doch auch freiwillig.
    Mata Haris ohne Presse sozusagen und der Lohn eher schäbig. Just diesen Mädchen wollen die Männer nachjagen ..die Opfer ihrer Triebe. Die Männer sind dort oft Opfer ihrer Perversionen im wahrsten Sinne.
    Ich fühle kein Mitleid für Männer, ich sehe es als kriminell.
    Ich sehe Mathilda übrigens nicht als Edelnutte, sie war Balletttänzerin, hatte Erfolg, wenn sie sich auf eine menage a trois einlässt, heisst das vielleicht nur dass sie nicht die Kraft zur Trennung nicht hatte.
    Ich finde man muss bei diesem Thema des altesten Geschäfts der Welt sehr sehr vorsichtig sein, denn allzu oft sind die Frauen Opfer auf die eine oder andere Weise und das wird immer noch verleugnet.
    Wie traurig.
    .

  4. HDW

    Sie hatte jedenfalls die Kaltblütigkeit dem Bolschewiken eine detaillierte Rechnung über die erfolgten Plünderungen in ihrem Haus in durch diese in ihrem Haus in Petrograd zu übergeben . Zusammen mit Anna Pavlova war sie Botschafterin der Kunst Petipas im Westen.
    Die Aufregung über den Film des Juden Utschitel erschliesst sich aus dem Stellenwert des Zarenmordes durch den Juden Jakob Jurowski an der gesamten Familie, Töchter, Leibarzt, Hund und Zofe als Tor zu den kommenden Massenmorden dieser Ideologie

  5. Knapp Johann

    @ raindancer
    Also ich stimme Lisa zu. Sie hatte in ihrer Analyse nicht fünfzehnjährige ausgebeutete Mädchen im Blickpunkt, sondern erwachsene Frauen, welche wie gerade in diesen Tagen sich als Opfer präsentieren und sich in dieser Rolle sehr gut gefallen, weil es Geld, Aufmerksamkeit und vor allem Werbewirksamkeit bringt. Ich bin überzeugt, dass der größte Teil der sich jetzt im Netz als Opfer outenden Frauen eine sehr aktive Rolle in ihrer Beziehung zu ihren “Peinigern” gespielt haben. Aber Opfer sein hat in diesen Zeiten überhaupt Hochsaison. Lisa hat Ahnung von Frauen und Männern, das spürt man in jedem Satz. Dass Sie dabei den Bogen sofort zu Fünfzehnjährigen spannen, wirft ein schales Licht auf Ihre Sicht auf Frauen. Da findet Augenhöhe einfach nicht statt. Scheuen Sie diese?

  6. Lisa

    @raindancer: nur kurz, da fahrplanabhängig: so war es nicht gemeint. Hingabe wird in diesem Gewerbe allenfalls gespielt, weil die Frauen keine finanzielle Macht haben (die weltweit immer ncoh in Männerhänden liegt). Es ging mir mehr um die Faszination solcher Anima-Figuren wie im zitierten Film. die “Waffen der Frau” sehen anders aus als die “rohe Gewalt” der Männer… Und gleich noch zur Frage, ob ich in Afghanistan Asyl suchen würde (immer vorausgesetzt, es gibt nichts anderes). Natürlich. Und ich würde mich vollverschleiern und Anschluss an eine Familie suchen und möglichst schnell die Sprache lernen und fragen, wie ich mitarbeiten und mich nützlich machen kann…

  7. raindancer

    31. OKTOBER 2017 – 22:55
    Knapp Johann
    wenn es um Prostitution geht war mein Blick weltweit …die meiste Prostituition ist eine Ausbeutung der Frauen, meistens nicht freiwillig, meistens brutal, meistens pure Sklaverei, Repressalien beim Wunsch das Metier zu verlassen.

    Auch erwachsene Frauen habe ich im Blick zb die Frauen aus dem Ostblock, eingeschleppt und fast wie Sklaven gehalten im Westen.
    Ihr spezieller Fokus dürfte wohl die momentante #metoo Kampagne sein oder Geschichten um Frauen wie Mathilda, die nicht am Hungertuch nagen und sich speziell gut situierte Männer aussuchen.
    Das sehe ich nicht als Prostitution sondern als eine verdrehte Prioritätenliste im Leben dieser Frauen, auch ich sehe diese nicht als Opfer. Man muss sich aber immer fragen was geschieht wenn Frau nein sagt.
    Die Geschehnisse um Weinstein oder in der EU glaube ich sofort.
    Wo viel Macht und viel Geld ist, da gibt es auch den Versuch sich damit zu erkaufen was man möchte.
    Warum die Frauen sich erst jetzt melden hat sicher auch damit zu tun, dass mächtige Männer vor Gericht zu bringen auch ein hoffnungsloses und teures Projekt sein kann und vielleicht auch zT damit, dass besagte Frauen ihr Erfolg wichtiger war, wer aber wird die Spreu vom Weizen trennen?
    Natürlich hat es auch mit der Links Ideologie zu tun , die sagt auch westliche Männer sind wilde Tiere, es hat nichts mit dem Islam zu tun. Es ist eine Art Ablenkungsmanöver.
    Ich verurteile aber Männer wie Strauss Kahn und Weinstein auf schärfste. Denn sie sind schuldig.
    Ich masse mir nicht an Ahnung von Frauen und Männern zu haben.. die Seele des Menschen ist ein weites Land, ich masse mir aber an zu sagen was mir gefällt und was nicht.
    Bezüglich Augenhöhe und meine Sicht auf Frauen ..sorry aber da kann ich nur lachen.

  8. Knapp Johann

    Gleich zu Letzterem. Natürlich war mein letzter Absatz provokanter Natur, unterstellend und nicht ganz fair. Tut mir leid. Aber Ihre ersten beiden Sätze zeigen doch wieder, dass Sie einfach von der Opferrolle der Frauen in ihren sexuellen Beziehungen nicht wegkommen. Mit dem Abschreiben von Horrorberichten aus der Rotlichtszene wird man dem Thema aber nicht gerecht werden können.
    Völlig konform gehe ich mit Ihrer Ansicht zu Strauss Kahn und Weinstein und deren gleichgesinnten Konsorten. Nur hat die Kampagne nicht nur diese im Visier, sondern grundsätzlich Männer, die sich auf der “Pirsch” mehr oder weniger ungeschickt der Ausersehenen annähern . Ich vermute zum Beispiel, dass Millionen von glücklichen Ehen und Partnerschaften mittels “unbeabsichtiger ” Berührung initialisiert wurden. Wenn nun Verrückte diesbezüglich von Nötigung oder gar versuchter Vergewaltigung phantasieren, dann sollte man diesen schon mit dem Stellwagen ins Gesicht fahren. Sie haben es verdient.

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