Frankreich: Plangemäss gegen die Wand

Von | 21. Oktober 2013

(ANDREAS TÖGEL) Frankreich leistet in verschiedenen Bereichen Hervorragendes. Einige der großen Rotweine aus Burgund, Bordeaux oder der südlichen Rhône sind unübertrefflich. Als Land der Modeschöpfer, Parfumeure und Schmuckproduzenten der Luxusklasse ist es unerreicht. Und im Stellen unbeteiligter Zuschauer bei einer Invasion setzt es bekanntlich Maßstäbe. Weniger toll läuft es indes mit Frankreichs Industrie, deren Anteil an seiner gesamten Wertschöpfung bei mittlerweile zehn Prozent angelangt ist – mit weiter fallender Tendenz (beim Erzrivalen Deutschland sind es immerhin 23 Prozent). Besonders der Metallbranche und den Automobilherstellern geht es gar nicht gut. Die Weltnachfrage nach Autos französischer Provenienz ist ebenso unbändig, wie jene nach bulgarischen Schi, dänischem Wein oder jemenitischen Designermöbeln. Jeder, der einmal eine französische Karre gefahren hat, weiß auch warum. Ein schwerer Nachfrageeinbruch im Segment der Kompaktfahrzeuge in Europa und stetig wachsende Konkurrenz aus Übersee tun das ihre, um den französischen Herstellern stärker zuzusetzen, als etwa den deutschen. Der PSA-Konzern (mit den Marken Peugeot und Citroen) schreibt seit Jahren tiefrote Zahlen. Der Hut brennt. Es muß etwas geschehen! Die Politik ist gefordert! Wirklich?

Die Wirtschaftsgeschichte zeigt: Unternehmen kommen und gehen. In einer arbeitsteiligen, innovativen, von Wettbewerb geprägten Volkswirtschaft ist das keine Katastrophe, sondern ganz normal. Unternehmen können, müssen aber nicht ein Menschenleben überdauern (das geschieht auch nur in den seltensten Fällen). Nur in Wirtschaftsfragen völlig unbedarfte Zeitgenossen halten Unternehmen, besonders die großen, für „unsinkbare Schiffe“. Josef Schumpeter hat für das Phänomen der Verdrängung des unrentablen Alten durch das rentable Neue einst den Begriff „Schöpferische Zerstörung“ geprägt. Hunderttausende Landarbeiter, Leinenweber, Lastenträger und Schriftsetzer haben infolge des technischen Fortschritts ihre Arbeitsplätze verloren und an anderer Stelle Lohn und Brot gefunden. Der kleine Greissler ums Eck ist den Filialbetrieben der Handelsketten gewichen. Keine finsteren Mächte, sondern veränderte Konsumentenpräferenzen haben dafür gesorgt. Das mag mancher bedauern. Mit politischen Mitteln zu ändern ist es nicht.

Zweifellos ist es für unmittelbar Betroffene, Kapiteleigner wie Beschäftigte, dramatisch, seinen Betrieb untergehen zu sehen. Ihr Interesse an dessen Erhaltung ist daher verständlich. Allerdings stellt sich die Frage nach Kosten und Nutzen der Bewahrung eines Unternehmens, dessen Produkte nicht (mehr) gefragt sind. Kann es sinnvoll sein, die aus freien Stücken getroffenen Entscheidungen der Marktakteure konterkarieren zu wollen? Zusätzliches Gewicht gewinnt diese Frage dann, wenn nicht ausschließlich Geld privater Investoren, sondern Steuermittel zu diesem Zweck aufgewendet werden sollen. Gegenwärtig wird von PSA ja nicht nur mit dem chinesischen Staatsbetrieb Dongfeng über eine Beteiligung verhandelt, sondern auch darüber spekuliert, ob die französische Regierung Steuermittel dazu einsetzen soll, um dem angeschlagenen

Konzern unter die Arme zu greifen. Vor nicht allzu langer Zeit erfolgten staatliche „Rettungsaktionen“ zum Beispiel für die angeschlagene Luftlinie Alitalia oder den Autohersteller General Motors. Wie sinnvoll sind derartige Engagements?

Empirisch lässt sich die volkswirtschaftliche Zweckmäßigkeit der Erhaltung von an der Nachfrage vorbei produzierenden Produzenten nicht nachweisen. Die Belohnung eines nicht marktorientierten Verhaltens, wie die subventionierte Produktion von nicht nachgefragten Gütern und Dienstleistungen, verursacht allemal Kosten, liefert aber netto keinen Nutzen. Staatsinterventionen in die Wirtschaft – namentlich die Verhinderung von Konkursen (etwa von Banken, die es geschafft haben, von einer Regierung als „too big to fail“ eingestuft zu werden) – laufen regelmäßig auf die Zementierung bestehender, unwirtschaftlicher Strukturen hinaus und behindern notwendige Korrekturen und wirtschaftliche Innovationen. Daß derlei „Rettungsaktionen“ ausschließlich Großbetrieben zugute kommen, die mit Steuermitteln finanziert werden, die von ordentlich wirtschaftenden KMU und deren Mitarbeitern erbracht werden, fügt dem ökonomischen Irrsinn den blanken Hohn hinzu: Der Staat plündert die Kleinen aus, um jene Giganten zu päppeln, welche die Kleinen peu à peu aufkaufen oder aus dem Geschäft drängen. Am Ende sehen dann linke Etatisten das marxistische Märchen von der „Gesetzmäßigkeit des kapitalistischen Konzentrationsprozesses“ bestätigt…

Die Menschen wissen sehr genau, weshalb sie keine Peugeots kaufen wollen. Es gibt keinen plausiblen Grund anzunehmen, daß es die französische Regierung besser wissen könnte. Der Ökonom und Pamphletist Frédéric Bastiat brachte das Problem mit folgender Formel auf den Punkt: „Was man sieht und was man nicht sieht.“ Eine staatliche Rettungsaktion erhält den Beschäftigten (zumindest kurzfristig) Tausende Arbeitsplätze, den Aktionären ihr Kapital und der Regierung eine Menge Wählerstimmen. Das ist es, was man sieht. Das nun andernorts fehlende Geld kann allerdings nun nicht mehr in ertragreichere und, vor allem, zukunftstaugliche Projekte investiert werden, wo es wesentlich mehr Nutzen hätte stiften können. Das ist es, was man nicht sieht.

Ökonomisch kluge Entscheidungen sind daher nicht nur auf die Verwirklichung unmittelbar sichtbarer Ziele gerichtet, sondern beziehen auch allfällige, möglicherweise erst später eintretende „Kollateralschäden“ mit ein. Der bei Peugeot Verluste produzierende Ingenieur oder Facharbeiter könnte mittel- und langfristig in wirtschaftlich gesunden Unternehmen weit bessere Dienste leisten. Und das bei Peugeot verbrannte Kapital würde, anderweitig eingesetzt, erheblich mehr Wertschöpfung generieren.

Angesichts des von der linksradikalen Regierung Frankreichs hinreichend erbrachten Nachweises ihrer atemberaubenden wirtschaftspolitischen Inkompetenz, ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zu erwarten, daß sie die jahrelang betriebene Misswirtschaft bei Peugeot mit Steuermitteln belohnen wird. Immerhin steht ja auch das Prestige der gallischen Autobauer auf dem Spiel. Und ohne Gloire und Grandeur geht ja bei den Franzosen schließlich gar nichts – auch nicht bei den ordinärsten Sozialisten…

 

Tagebuch

12 Gedanken zu „Frankreich: Plangemäss gegen die Wand

  1. Thomas Holzer

    Aber die Deutschen sind auch nicht viel besser; haben die doch u.A. eine Abwrackprämie und das EEG eingeführt, und (fast) Schlecker retten wollen, nur durch das letzte Aufbäumen der FDP wurde dieser wirtschaftspolitische Schwachsinn nicht verwirklicht…………

  2. Mona Rieboldt

    @Thomas Holzer

    je länger die DDR Vergangenheit ist, je mehr wird ganz Deutschland zur DDR. Planwirtschaft in Sachen Energie etc. Nur schafft die Politik keine Arbeitsstellen, das machen freie Unternehmer. Und die sollen noch mehr gegängelt werden, mit höheren Steuern und Abgaben, ebenso wie die Mittelschicht und Facharbeiter, die inzwischen als reich gelten. Die arbeitenden Menschen leiden unter der kalten Progression. Der Rest der Deutschen zahlt gar keine Steuern. Und nun sollen auch alle diejenigen, die z. B. aus Bulgarien und Rumänien kommen, Hartz IV erhalten (Gerichtsurteil). Wer das alles erarbeiten muss, danach wird nicht gefragt. Ab 2014 erhöhen sich daher die Sozialabgaben für Arbeitende und Unternehmen.

  3. mannimmond

    “Und im Stellen unbeteiligter Zuschauer bei einer Invasion setzt es bekanntlich Maßstäbe.”

    Wie wahr!

  4. Weninger

    Könnte ein Chauvi-Artikel aus einer großen deutschen Automobilzeitschrift sein. In meiner engeren Umgebung laufen viele Peugeots und Citroens, die Zufriedenheit ist nicht schlechter als mit deutschen Fabrikaten im Durchschnitt. Der Ruf aus den 70er und 80er Jahren hängt ihnen immer noch nach. Die damaligen Golf und Kadett waren aber auch furchtbare Rostschüsseln mit allerlei Macken.

  5. PeterT

    Das Sammelsurium von Plattitüden und Vorurteilen, worin die Franzosen jetzt gut und nicht so gut sind, mag sich an manchen Stammtischen gut machen, hat aber in einer ernsthaften Diskussion nichts verloren.
    Was die Autos angeht, so hat Renault sehr erfolgreich die Allianz mit Nissan umgesetzt (im Gegensatz zu den Debakeln Daimler-Chrysler oder BMW-Rover), und steht recht gut da.
    Peugeot-Citroen haben in den letzten Jahren ein paar Fehler in der Modellpolitik gemacht, schon wahr.
    Ansonsten werden jenseits des Rheins durchaus gute Autos gebaut – wenn man sich den Luxus einer eigenen Meinung erlaubt, und nicht nur nachplappert was die deutsche Autopresse einem vorbetet.

  6. PP

    @Weninger
    Da stimme ich zu. Das Problem ist nicht die Qualität der Fahrzeuge, sondern die Profitabilität der Werke. Der Politik erzählt man, dass die Peugopel-Kooperation “schon” 2017 so viel einspart, dass man in die Gewinnzone fährt.

    Übrigens sieht es auch in der Slowakei, die durch Abwrackprämie und den hohen Kleinwagenanteil zunächst “gut durch die Krise” gekommen sind, eher düster aus.

    http://money.oe24.at/Topbusiness/PSA-Peugeot-Citroen-stoppt-Slowakei-Produktion/116385594

  7. Andreas Tögel

    Verehrter PeterT
    um einen vorurteilbeladenen Kommentar zu französischen Produkten geht´s mir nicht (wiewohl ich dabei bleibe, daß man in Frankreich vom Rotweinmachen mehr versteht als vom Autobauen). Es ist mir – unabhängig von jeder Geographie – um staatliche “Rettungsaktionen” für und “Investitonen” in Industrieunternehmen zu tun, die in 99/100 Fällen Ressourcenvernichtung bedeuten. Sozialistische Regimes, gleich wo beheimatet, stehen dabei eben an vorderster Front…
    Mit freundlichen Grüßen,
    A. Tögel

  8. menschmaschine

    ich weiß schon, daß es herrn tögel in diesem kommentar nicht um einen auto-test geht. trotzdem möchte ich der vollständigkeit halber anmerken, daß der peugeot 807, den ich bis vor 4 jahren hatte, ein sehr gutes auto ohne igrendwelche fehler war. was ich von dem mercedes, den ich vorher besaß, nicht behaupten kann.
    meine vorurteile oder in dem fall eigentlich urteile fallen also völlig umgekehrt aus: mercedes ist überteuerter schrott, peugeot ist günstig und wunderbar. 🙂

  9. Rennziege

    21. Oktober 2013 – 16:06 — menschmaschine
    Da haben Sie aber wirklich Glück gehabt. Gut, der Peugeot 807 ist ja auch ein oberklassiges Gefährt. Aber mein fabrikneuer 208, vor ~11 Jahren fabrikneu gekauft, war schon ein Pflegefall, als der Lack noch nicht ganz trocken war. Er war mein erstes eigenes Auto, und unter Tränen musste ich ihn nach nur zwei Jahren in die Wüste schicken; die ständigen, oft misslungenen Reparaturen und die mondpreisigen Ersatzteile waren auf dem besten Weg, eine (arbeitende) Studentin zu ruinieren.
    “Regen S’ Eahna ned auf”, sprachen die fröhlichen Mechaniker. Er is’ halt a Franszos’.”

  10. PeterT

    Werter Herr Tögel,
    Mit dem Hauptthema bin ich ja durchaus einverstanden.
    Umso mehr sind die leider etwas süffisanten Eingangsbemerkungen abträglich, weil nicht notwendig und machen dennoch den ganzen Beitrag angreifbar…

  11. Tom W

    Daher sollen wirklich Neoliberale das Brechen der Marktmacht von Oligopolen zugunsten des Wettbewerbs von den vielen KMU fordern und fördern. Würde der Staat mehr auf die KMU schauen als auf kapitalmarktorientierte Konzerne, würden viele Dinge & Fakten besser aussehen.

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