Frankreichs feuchter Traum vom weichen Geld

Von | 26. Oktober 2013

(C.O.) Der Euro, so forderte der sozialistische französische Industrieminister Arnaud Montebourg dieser Tage von der Europäischen Zentralbank (EZB), „müsse italienischer und weniger deutsch werden“. Soll heißen: Der Euro möge doch bitte eine Art Europa-Lira werden, weich wie Büffelmozzarella. Dass sich der französische Sozialist mit dieser Forderung um die Unabhängigkeit der Notenbank genauso wenig schert wie um das seinerzeitige politische Versprechen an Deutsche und Österreicher, der Euro werde stabil und hart werden wie früher Mark oder Schilling, überrascht nur mehr jene naiven Seelen, die allen Ernstes meinen, Verträge und Versprechen müssten in der EU auch tatsächlich eingehalten werden.

Es ist eine bezeichnende Pointe der Geschichte, dass Montebourg seine Forderung an die EZB, künftig eine Weichwährung wie die Lira zu bewirtschaften, fast genau zum 20. Geburtstag des Maastricht-Vertrages (1.11. 1993) verkündet – in dem feierlich vereinbart wurde, dass der Euro genau das nicht wird, was der Franzose nun fordert. Ein etwas eigentümliches Geburtstagsgeschenk, das Paris dem „europäischen Friedensprojekt“ da bereitet.

Sichtbar wird hier dankenswerterweise, dass die Eurokrise noch immer nicht auch nur annähernd bewältigt ist. Denn Montebourgs Wunsch nach Euro-Weichgeld ist dem Faktum geschuldet, dass Frankreichs Industrie – etwa der marode Peugeot-Konzern – einfach nicht imstande ist, ausreichend wettbewerbsfähig zu produzieren, nicht zuletzt auch als Folge der linkspopulistischen Wirtschaftspolitik der Hollande-Administration. Eine Aufweichung des Euro, so die Hoffnung des Ministers, könnte Frankreich helfen, seine nicht ausreichend wettbewerbsfähigen Produkte im Export billiger zu machen.

Es ist also im Grunde eine Art notdürftig camouflierter Bankrotterklärung, die Montebourg da von sich gibt: eine weiche Währung als Krücke für die eigene Unfähigkeit oder Unwilligkeit, französische Autos so effizient zu produzieren wie VW, Audi oder Daimler. Was französische Gewerkschaften und französische Wirtschaftspolitik ja erfolgreich verhindern. Ganz offensichtlich ist auch im fünften Krisenjahr nicht wirklich machbar, was für die weitere Existenz des Euro lebenswichtig wäre: eine Angleichung der Wettbewerbsfähigkeit der Mitgliedstaaten der Eurozone. Anstatt ökonomisch deutscher zu werden – was das Problem lösen würde –, wird Frankreich nun zu einem Land der Eurogegner.

Die Wähler der Sozialisten laufen in Scharen zum Front National von Marine Le Pen über, der zuerst bei den Europawahlen 2014, dann bei den nächsten Parlamentswahlen gute Chancen hat, stärkste Partei zu werden. Seine Forderung: eine Volksabstimmung über Frankreichs Mitgliedschaft in der EU und ein Austritt aus der Eurozone. Bei den jüngsten Regionalwahlen im südfranzösischen Brignoles schaffte der Front National damit 54 Prozent der Stimmen. Da braut sich was zusammen. Das zeigt sich auch bei den Stimmungsschwankungen innerhalb der französischen Elite.
Für einen kleinen Skandal sorgt gerade das Buch „Das Ende des europäischen Traumes“, in dem der Euro als „Krebsgeschwür“ bezeichnet wird, das entfernt werden müsse, um die EU vor dem Untergang zu retten. Aufsehen erregte das, weil der Autor kein wirrer Nationalist ist, sondern Professor François Heisbourg, honoriger Vorsitzender des renommierten International Institute für Strategic Studies (IISS), früher hochrangiger Mitarbeiter des Pariser Außenamtes – und langjähriger überzeugter Anhänger des Euro. Die politische Klasse in Frankreich ist not amused.

Am 20. Geburtstag der ihn begründenden Verträge ist die Zukunft des Euro also sehr ungewiss. Setzen sich in Frankreich unter dem Druck des weiteren wirtschaftlichen Niedergangs die eurofeindlichen Kräfte endgültig durch, wäre ein „Frexit“ (also ein Austritt Frankreichs aus dem Euro) nicht mehr völlig undenkbar. Andere Staaten würden zweifellos folgen – was das Ende des Euro bedeuten würde. („Presse„)

12 Gedanken zu „Frankreichs feuchter Traum vom weichen Geld

  1. waldsee

    auxit,gerxit,belxit,holxit….was gibts noch und was kommt dann?

  2. FDominicus

    Nun schön das wir es nun auch explizit aus den Mündern der Verbrecher hören. Der Tag fängt genau so bescheiden an wie der letzte aufhörte. Diebstahl, Mord, Enteignung, Entleibung und immer und immer wieder der autoritäre Staat. Es stimm der nächste Faschismus sagt nicht ich bin Faschismus der sagt ich bin der Antifaschist.

    Nur in der Wahl der Mittel unterscheiden sich beide nicht. Wer zum Kreis der Regierende gehört schlemmt, der Rest kann da ruhig drauf gehen.

  3. Quentin Quencher

    Wenn wir es einmal weniger durch die Brille des Ökonomen betrachten, sondern mehr aus kulturhistorischem Blickwinkel, dann wird die Unmöglichkeit alle Länder Europas mit einem gemeinsamen »Gesetz« zu versehen immer deutlicher. Gerade Frankreich wehrt sich dagegen im Zuge der europäischen Einigung eigene Identitäten, vor allem kulturelle, aufzugeben. Der Philosoph Giorgio Agamben wird und wurde diesbezüglich sehr beachtet, als er von einer »Latinität« spricht, einem »latinischen Imperium« welches gegen das »teutonisch-kapitalistische« Imperium in Stellung gebracht werden sollte.
    Latiner, Teutonen und die Zukunft Europas

  4. Thomas Holzer

    „nicht zuletzt auch als Folge der linkspopulistischen Wirtschaftspolitik der Hollande-Administration.“

    Verzeihung, Herr Ortner; aber diese Aussage greift meiner Meinung doch etwas zu kurz!
    Das franz. „Wirtschaftsproblem“ ist nicht nur Folge der Politik Hollande’s, sondern dieses Problem zieht sich durch die franz. Geschichte seit zumindest 1945; egal wer an der Macht war, der Staat war immer der „beste Ökonom“, in den Augen der gerade herrschenden Partei.

    @Quentin Quencher
    Und der von Ihnen angeführte kulturhistorische Blickwinkel kommt noch „erschwerend“ hinzu.
    Dieses Fakt wird von der herrschenden „Klasse“ wider besseres Wissen und wider die Bürger negiert, die Folgen dieser Negierung nicht bedenkend oder willentlich negierend.

  5. aneagle

    …während Griechenland, Spanien, schweren Herzens sogar Italien, einen eigenen Schuldteil an ihrer Wirtschaftsmisere empfinden können, war und ist einzig die „Grande Nation“ in ihren Taten fehlerfrei wie eh und je.
    Dieses „Kulturgut“ kann leicht (und völlig unnötig!) zur Erosion des Euro für alle Europäer führen, zumal sich Frankreich, unabhängig der Weltanschaung, die derzeit dümmste, starrste, unfähigste Regierung aller europäischen Länder leistet.

  6. Kapuściński

    Tja, Sozialisten, Kommunisten und Parteifunktionäre der großen Volksparteien wie SPÖ,SPD, ÖVP, CDU, Grüne usw. stehen auf der einen Seite – und die Realität (s.a. Neoliberalismus) steht auf der anderen Seite.
    Die übelste neoliberale Erfindung sind die „Zahlen“.
    Deshalb hier die neuesten (24.10.13) Zahlen aus Frankreich: „Die Arbeitslosenzahl in Frankreich ist im September so stark gestiegen wie seit Ausbruch der Wirtschaftskrise nicht mehr. Wie das Arbeitsministerium in Paris am Donnerstag in Paris mitteilte, wurden 3’295’700 Arbeitssuchende gezählt – so viel wie nie zuvor. Das waren 1,9 Prozent mehr als im Vormonat und 8,1 Prozent mehr als vor Jahresfrist. Dieser Anstieg ist der stärkste seit April 2009.“ (http://www.handelszeitung.ch/konjunktur/frankreich-arbeitslosigkeit-auf-neuem-rekordhoch-515774).
    Das bedeutet heute eine Arbeitslosenquote von 11 Prozent. Das kann man jetzt auf die nächsten 10 Jahre hochrechnen. Bei 20 Prozent offener Arbeitslosigkeit im Jahr 2023 (und 10 Prozent verdeckter Arbeitslosigkeit) dürfte klar sein, das der französische Lebensstil ein Fall für die Geschichtsbücher ist. Die Alimentierung der Arbeitslosen Frankreichs dürfte übrigens zur Aufgabe für die Arbeitnehmer Deutschlands, Österreichs und Hollands werden (Solidarität, Frieden, Alternativlosigkeit).
    Ein Trost: Der öffentliche Dienst Frankreichs (5,5 Millionen Beschäftige bei 60 Millionen Einwohnern) beweist seine Überlegenheit gegenüber der gewerblichen Wirtschaft. Die Arbeitsplatzverluste haben nur Industrie, Handel und Dienstleistungen betroffen.
    Da kann Deutschland (4,6 Millionen Beschäftige im öffentlichen Dienst bei 80 Millionen Einwohnern) noch was lernen.
    Vielleicht führt ja auch der französische Fußball durch Prohibitivbesteuerung seiner Erlöse die Nation zu neuem Reichtum. Ich sehe schon wie Messi und Ribery beim AS St. Etienne um Einlass betteln.

  7. Sparschwein

    Die Ironie der Geschichte des harten Euros ist, dass inzwischen selbst Holland ein Opfer der eigenen harten Wirtschaftspolitik geworden ist. Ein weicherer Euro ist der einzige Ausweg aus der Endloskrise. Je länger wir uns dagegen wehren, desto schlimmer wird es. Alles andere ist Populismus.

  8. Gschnordlweri

    Ein „feuchter Traum“ ist ein Traum sexuellen Inhalts mit feuchten „Absonderungen“. Was hat das mit dem Euro zu tun?

  9. Rennziege

    26. Oktober 2013 – 12:59 — Gschnordlweri
    „… mit feuchten “Absonderungen”. Was hat das mit dem Euro zu tun?“
    Diese Frage ist leicht zu beantworten: Bringen Sie einen ersparten Tausender zur Bank Ihres Vertrauens und fragen Sie nach den Ihnen dafür gegönnten Zinsen. Dann werden Sie blitzartig schnallen, dass „feuchte Absonderungen“ heutzutag‘ nicht einmal mehr warme Luft sind.

  10. PP

    Frankreich ist des Pudels Kern der Euro-Lüge. Weder werden Franzosen deutscher noch umgekehrt. Da könnte man noch eher Hoffnung an Norditaliener knüpfen.
    Der Punkt war, ist und bleibt, dass daran nichts verkehrt ist. Einzig das Projekt Euro, das notwendigerweise eine Umerziehung versteckt implizierte, ist angekommen, wo es letztlich ankommen musste.

  11. Reinhard

    Schön, dass die Katze aus dem Sack ist. Noch vor Jahresfrist erntete ich Unglauben mit meiner Vermutung, der Euro solle zur globalen Wettbewerbsfähigkeit des Exportes aus der EU zu einer DDR-Mark 2.0 aufgeweicht werden – erst wenn wir alle für international wertloses Blech- und Papiergeld arbeiten gehen während der Staat und die Industrie Dollars einheimsen, boomt der Export so gut, dass wir bald T-Shirts für die Chinesen nähen können. Dazwischengefuxt hat uns bisher nur der gleichzeitige Verfall des Dollar, denn die Amis haben die gleichen Lektionen gelernt.

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