Franziskus: Die Fehlbarkeit eines Unfehlbaren

(C.O.) Sind Christen und Kommunisten eine Art bei der Geburt getrennter Zwillinge, mehr wesensverwandt denn Antagonisten? Zu diesem angesichts der blutigen Geschichte des 20. Jahrhunderts etwas gewöhnungsbedürftigen Schluss kann kommen, wer sich ein Interview in der italienischen Zeitung “Il Messagiero” mit Papst Franziskus zu Gemüte führt und seine Worte für bare Münze nimmt: “Die Flagge der Armen ist christlich. Die Armen und ihre Bedürfnisse bilden das Kernstück des Evangeliums. Die Kommunisten sagen, all dies sei Kommunismus. Ja. Dies war es 20 Jahrhunderte später. Doch man muss ihnen auch klarmachen, dass sie mit diesen Ideen gleichzeitig Christen sind.” Ausgerechnet vom Papst vernehmen zu müssen, dass der Kommunismus so ähnliche Ideen vertritt wie das Christentum und Kommunisten demnach sozusagen ungeoutete Christen sind, ist, höflich formuliert, eher erstaunlich. Denn bisher haben wir ja eigentlich geglaubt, dass der Kommunismus angesichts dutzender Millionen von Opfern eine der widerwärtigsten und blutrünstigsten Ideologien des 20. Jahrhunderts war. Und wie sehr die kommunistischen Machthaber sich dem Gedankengut der Christen verpflichtet fühlten, werden dem Papst sicher jene Christen erläutern können, die Gulag, Straflager und Verfolgung in der Sowjetunion und deren Satellitenstaaten überlebt haben.

Man könnte das trotzdem als reichlich extravagante Privatmeinung eines älteren Herrn ad acta legen, wäre er nicht mit knapp eineinhalb Milliarden Anhängern einer der einflussreichsten Meinungsführer der Welt. Sein Wort hat mehr als Gewicht. Umso befremdlicher ist, dass er sich nicht das erste Mal als jemand präsentiert hat, der dem marktwirtschaftlichen, wettbewerbsorientierten und globalisierten Wirtschaftssystem eher ablehnend gegenübersteht und gewisse Präferenzen für jene südamerikanische Befreiungstheologie zu erkennen gibt, die ebenso antikapitalistisch wie politisch gescheitert ist.

Schon Ende 2013 schrieb der Papst von einer “Diktatur einer Wirtschaft ohne Gesicht und ohne ein wirklich menschliches Ziel” und sprach gar von einer “Wirtschaft, die tötet”. Es entstehe “eine neue, unsichtbare, manchmal virtuelle Tyrannei”. Und erst jüngst fügte er hinzu, dass der Kapitalismus Krieg brauche, um zu überleben; eine angesichts der europäischen Geschichte der vergangenen Jahrzehnte eher absturzgefährdete These. Davon, dass die Ausbreitung des so denunzierten kapitalistischen Wirtschaftssystems in Verbindung mit der Globalisierung hunderte Millionen aus bitterster Not geführt hat und damit zum mit Abstand wirksamsten Armutsbekämpfungsprogramm der Geschichte wurde, schweigt sich Franziskus freilich permanent aus.

Seine Auslassungen sind deshalb so problematisch, weil sie zu einem sehr heiklen Zeitpunkt kommen. Seit Ausbruch de Wirtschaftskrise nehmen protektionistische Tendenzen zu, ist der Freihandel teilweise in die Defensive geraten und betreiben große Nationen wieder zunehmend nationalistische Wirtschaftspolitik. Die Worte des Papstes sind geeignet, diesem Trend eine Art spirituelles Fundament zu geben – zum Schaden jener Abermillionen, die dank Welthandel und freier Märkte der Armut entkommen und ihren Wohlstand mehren konnten. (“WZ”)

13 comments

  1. Gerhard Huemer

    Ist die Nähe von marxistischer und christlicher Wirtschaftideologie wirklich so überraschend? War nicht die christliche Soziallehre – wie der Marxismus – die Antwort auf die gesellschaftlichen Verwerfungen der industriellen Revolution / des manchester Liberalismus des 19 Jahrhunderts? Wird nicht Franziskus von vielen deshalb geliebt, weil er – zugegeben weder wirtschaftstheoretisch noch politisch ganz sattelfest – die zunehmende Ungleichheit anprangert, ganz in der Tradition der Christlichen Soziallehre?

  2. Thomas Holzer

    Die “Christliche Soziallehre” war und ist der fehlgeleitete Versuch, den
    Kommunismus/Sozialismus links zu überholen und den Menschen eine Alternative zu bieten, die Tatsache verkennend, daß das “Reich Gottes” nicht von dieser Welt ist.

    Und so es wirklich eine zunehmende Ungleichheit geben sollte, ist diese primär der Politik geschuldet, und nicht den “Reichen”.
    Außerdem: Ungleichheit ist die conditio sine qua non des menschlichen Daseins, egal ob finanziell oder intellektuell. Gleichheit wird man, wenn überhaupt, immer nur per Zwang erreichen; und ist dieser unnatürliche Zustand einmal -zumindest annähernd- erreicht, wird jeder, welcher zuvor in die Rufe nach Gleichheit einstimmte, schnell feststellen, daß es wieder “Gleicherer” unter den Gleichen gibt.

  3. rubens

    Es mar sein, dass die Worte des Papstes in diesen Zeiten auf fruchtbaren Boden fallen und aufgrund fehlenden Wissens falsch interpretiert wird. Die Interpretation ist das wahre Problem. Offenbar ist ihm das nicht bewusst.
    Wenn er von der “Diktatur einer Wirtschaft ohne Gesicht” spricht, dem empfehle ich, die Eigentumsverschleierung beim MediaQuartierMarx zu studieren. Diese Verklüngelung und das Problem daraus wird sehr wohl von kirchlichen Würdenträgern gesehen.

  4. Mona Rieboldt

    Und die Vatikanbank ist nicht kapitalistisch orientiert? An welchen Firmen beteiligt sich die Bank? Der Papst will eine Kirche für Arme, sagte er auch schon mal. Nun ja, er redet halt viel, wenn der Tag lang ist.

  5. gms

    Gerhard Huemer,

    “War nicht die christliche Soziallehre – wie der Marxismus – die Antwort auf die gesellschaftlichen Verwerfungen der industriellen Revolution / des manchester Liberalismus des 19 Jahrhunderts?”

    Selbst wenn sie diese Antwort gewesen wäre, wäre sie deshalb nicht richtiger.

    Erklärbar wird diese unüberwindbar scheinende Auftürmung an Dummheit und Naivität allenfalls mit dem verkannten Auftrag, wieder so zu werden wie Kinder. Von diesen erwartet niemand Verständnis für Sachverhalte und Kausalketten, wie ebenso kein historisches Wissen darüber, was es ausgerechnet mit dem Manchester-Liberalismus und dessen bekanntestem Vertreter Richard Cobden („Champion of the Poor“) auf sich hatte.

    Die oberste christliche Kardinaltugend ist jene der Klugheit (prudentia). Diese wiederum steht im eklatanten Widerspruch zum Gutmenschentum, welches primär aus seinen Motiven die Richtigkeit von Forderungen ableitet und damit ebenso wie der Sozialismus das exakte Gegenteil des Angestrebten bewirkt.

  6. cmh

    Sowohl die Stange als auch das Seil sind längliche Körper. Und mit beiden kann man ziehen.

    Drücken geht mit einem Seil erfahrungsgemäß schlechter als mit einer Stange. Aber vom Logischen her ist auch das möglich, wenn auch unwahrscheinlich.

    Der Marxismus hat sich vom Christentum das Seil geklaut und viele Jahre ging das Ziehen recht gut. Jetzt ist aber die Moral, genauer die christliche Moral, gefragt, die alleine in der Lage ist, das Werkel weiter am Laufen zu halten. Der Mann vom Hayekblogg hätte gesagt, die Selbstverantwortung ist wieder gefragt.

    Alle die da so schön über das Christentum herummosern sind eigentlich in einer glücklichen Lage. Sie befinden sich immer noch im ursprünglichen Paradis, haben sie ja vom Baum der Erkenntnis ganz sicher nicht gegessen.

  7. Herr Karl jun.

    Tja, wie sehr wurde hier doch stets über die “Religion des Friedens” gelästert, und nun entdeckt CO vor seiner eigenen Haustüre eine andere “Religion des (sozialen) Friedens”. Der weissbemantelte alte Herr in Rom würde wahrscheinlich seine Organisation deutlich näher bei der “Religion des Friedens” sehen als bei der “freien Marktwirtschaft”. Wer meinte, dass eine Religion mit absoluten Wahrheitsanspruch mit dem Freiheitsideal des Liberalismus kompatibel ist, der ist sicher auch überzeugt, dass einen Zitronenfalter Zitronen faltet.

  8. Mourawetz

    Ein noch so erkrankter Papst Benedikt wäre besser gewesen als dieser Kommunist im Christenpelz.

  9. Selbstdenker

    Der Papst biedert sich der kapitalismuskritischen veröffentlichten Meinung an um sich einerseits die Symphatie rot-grün dominierter Redaktionsstuben zu sichern und anderseits von (ekelerregenden) eklatanten Fehlverhalten manch Geistlicher abzulenken.

    So viel Kalkül und Heuchelei hätte ich einen Papst, der sich gerne als “unkonventionelles” Kirchenoberhaupt darstellt, nicht zugetraut. Dass er mit seinen Aussagen gerade den Armen mehr schadet als nutzt, braucht ihn nicht zu kümmern: aus kirchlicher Sicht ist im Jahr 2014 die Erde eine Scheibe, um die sich die Planeten drehen.

    Wozu Fakten, wenn man sich selbst und anderen auch alles einreden kann?

  10. gms

    Herr Karl jun.,

    “Wer meinte, dass eine Religion mit absoluten Wahrheitsanspruch mit dem Freiheitsideal des Liberalismus kompatibel ist, der ist sicher auch überzeugt, dass einen Zitronenfalter Zitronen faltet.”

    Das sehe ich weit entspannter, steht und fällt die Kompatibiltät zum Liberalismus doch damit, worin besagter Wahrheitsanspruch besteht und was sich daraus an irdischen Zwängen ableitetet. Nimmt man etwa die zehn Gebote, so findet sich dabei kein Widerspruch zu liberalen Grundsätzen — im Gegenteil sprechen doch das 7te (nicht stehlen) und das 10te (nicht begehren) eine recht deutliche Sprache.

  11. rubens

    gms

    Und das mit wenigen Worten. Man denke nur an die EU-Schnullerketten-Verordnung.

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