Frau Merkel in Schlumpfhausen

Von | 2. Juli 2021

(C.O.) Robin Alexander, 46, gilt als einer jener wenigen innenpolitischen Journalisten Deutschlands, die seit Jahren schon über intime Kenntnisse darüber verfügen, was im Maschinenraum der politischen Macht Deutschlands, dem Berliner Bundeskanzleramt, wirklich los ist. Seine Reportagen und Analysen in der “Welt”, deren stellvertretender Chefredakteur Alexander ist, bestechen durch Präzision, Detailverliebtheit und vor allem fast immer durch exklusive Informationen, die der Konkurrenz fehlen.
Besonders in den großen Krisen, die Angela Merkels Kanzlerschaft determinierten, war Robin Alexander verlässlich zur Stelle, von der Euro-Krise über die Völkerwanderung der Jahre 2015/16 bis hin zur jüngsten Großkrise, der Corona-Pandemie.
Sachbuch

Schon die Geschehnisse des Jahres 2015 packte er in ein Buch, das minutiös beschrieb, was rund um den Ansturm von Millionen Migranten im deutschen Machtzentrum geschah und vor allem auch nicht geschah. “Die Getriebenen – Merkel und die Flüchtlingspolitik”, erschienen 2017, wurde zu einem Bestseller und zur Grundlage der gleichnamigen ARD-Dokumentation. Und nun also “Machtverfall – Merkels Ende und das Drama der deutschen Politik”, Alexanders neuestes Werk und wie zu erwarten vom Start vor wenigen Wochen weg auf der Spiegel-Bestsellerliste zu finden.
Ein wesentlicher Teil des Erfolges seiner Bücher dürfte dem Stil geschuldet sein, in dem sie geschrieben sind: eine Art von “Dokutainment”, die Sachinformation mit Schlüssellochperspektive verbindet, was Spannung und voyeuristischen Kitzel erzeugt. Über eine Sitzung des CDU-Vorstandes berichtet er nicht nur, wer dabei wie argumentiert hat, sondern auch, wer wann blass geworden ist, um Atem gerungen hat oder auf eine Zigarette hinausgegangen ist; Details, die unwichtig sind, aber Spannung erzeugen und Stimmung vermitteln.
Inhaltlich spannt Alexander seinen Text über die letzten Tage der Kanzlerin von ihrem Antrittsbesuch bei Donald Trump am 16. März 2017 bis zu jener Sitzung der maßgeblichen Politiker von CDU und CSU, bei der Armin Laschet über den Bayer Markus Söder obsiegte und so Kanzlerkandidat der C-Parteien wurde.

Dass Merkel erst jetzt, 2021 das Kanzleramt verlässt, beschreibt Alexander als Folge des Wahlsieges von Donald Trump. Der habe sie bewogen, als geopolitisches Gegengewicht zu Trump noch eine Periode zu dienen. Ihr lange gehegter Wunsch, anders als etwa ihr Vorgänger und Mentor Helmut Kohl selbstbestimmt das Amt zu verlassen, weicht bald der Erkenntnis, als letzte noch verbliebene liberale Kraft einer der größeren Nationen des Westens die gewohnte Ordnung noch ein paar Jahre aufrechterhalten zu müssen. Als Mutti der ganzen Welt gleichsam; ein möglicherweise etwas anmaßender Gedanke.
Was Merkel das zweifelhafte Vergnügen verschaffte, auch noch die Corona-Krise bewältigen zu müssen; der Autor zitiert in diesem Kontext den Philosophen Peter Sloterdijk, der Angela Merkels Art, Politik zu betreiben, einmal als “Lethargokratie” denunziert hat. Deutschland, analysiert Alexander, “erlebt sich in der Pandemie als schlecht regiertes Land. Sogar die Regierenden selbst gehen sich auf die Nerven. ,Ich weiß nicht, was sie getrunken haben‘, ätzte etwa der Bayer Söder bei einem Streit ums Geld gegen den SPD-Finanzminister Olaf Scholz, “Sie brauchen gar nicht so schlumpfig herumzugrinsen!” Was den Autor zur Diagnose animiert, “Merkels letzte Etappe ihrer Amtszeit hatte im Weißen Haus begonnen. Sie endet in Schlumpfhausen.”
Während wir erfahren, wie mühsam sich die Kanzlerin durch die Corona-Monate mehr schlecht als recht, und immer öfter sichtbar matt und müde gefrettet, berichtet Alexander parallel dazu von den Intrigen, den Revierkämpfen und den Rankünen in der Frage, wer Merkel nachfolgen soll. Dabei spielt, wenn auch eher am Rande, auch Sebastian Kurz eine gewisse Rolle. So warnte etwa Wolfgang Schäuble, der große alte Mann der CDU und amtierender Bundestagspräsident davor, Markus Söder zum Kanzlerkandidaten zu machen mit dem Hinweis: “Wenn wir uns Söder beugen, dann ist unsere CDU tot. Dann treten wir in vier Jahren als Liste Söder an”, so wie das ja auch Kanzler Kurz mit Erfolg probiert hatte.
Mittlerweile wissen wir, dass sich die CDU nicht gebeugt hat und einen ganz anderen Weg geht als ihre österreichische Schwesterpartei. Ob das eine richtige Entscheidung war, werden wir nach der Bundestagswahl im September erfahren. (“WZ”)

Machtverfall.Merkels Ende und das Drama der deutschen Politik: Ein Report.

Robin Alexander.

Siedler 2021. 384 Seiten / 22 Euro

5 Gedanken zu „Frau Merkel in Schlumpfhausen

  1. Johannes

    Mag sein das Söder die CDU zur Söderpartei gemacht hätte, nur die CDU ist längst tot, nachdem Merkel sie l zur Merkelpartei gemacht hat. Sie hat doch schon längst alle vertrieben die eigenständige starke Persönlichkeiten waren.

    Da spielten sich doch im Hintergrund Intrigen ab gegen die Söder als Waisenknabe erscheint.
    Schäuble selbst wäre verdrängt worden hätte er sich nicht mit der ihm zugewiesenen Rolle zufrieden gegeben.

    Wie es unter Merkel zugegangen ist zeigen zwei Ereignisse die sich nicht verheimlichen ließen. Ein einziger Widerspruch führte zur Abmontage von Maaßen, eine Landtagswahl wurde durch ein einziges Wort von ihr Rückgängig gemacht.

    Ihre Selbstherrlich im Jahr 2015 war der Grund warum die erste Welle von Migranten viele weitere Wellen auslöste.
    Diese Frau hat die Deindustrialisierung Deutschlands im Alleingang beschlossen und eingeleitet.

    Eine Tragödie wenn eine Führerin, von den Medien als unantastbar erklärt, über Jahrzehnte ein Zerstörungswerk betreiben kann dessen Ausmaß gar nicht in seiner ganzen Dramatik dargestellt wird weil in Deutschland diesbezüglich gar keine kritischen Medien mehr existieren.
    Die Folgen werden erst nach und nach, wie Eiterbeulen aufbrechen.
    “Kritik an Merkel nützt der AfD” dieser dummen Schlussfolgerung haben sich alle übrigen Oppositionsparteien unterworfen und so einem Land ohne Opposition, also einer Diktatur zugestimmt

  2. sokrates9

    Faszinierend wie schnell ohne Widerstand der SED – Führungsstil im ” demokratischen Westen” eingeführt werden konnte!

  3. CE___

    Wie schon @ Johannes schreibt, dass einzige was diese Frau wirklich kann ist die Umsetzung eines skrupellosen Willens zum Machterhalt (Betonung auf Erhalt, nicht Erlangung!) wo Gegner mit der mal weniger und mal mehr feinen Klinge beseitigt werden.

    Sie saß 16 Jahre wie die Spinne im Netz names Deutschland, wie eine Statthalterin die aufpasst das niemand von innen (Afd) oder aussen (Trump!) das Land in eine andere Richtung führt , jedoch auch keine eigenen Ambitionen habend, was auch gar nicht ihre Rolle war, und mit der sich Merkel voll abfinden konnte.

    Sie ist dazu, eigene Ambitionen betreffend, meine Einschätzung aus der Ferne, intellektuell gar nicht in der Lage.

    Diese Person hat, wie kürzlich herausgekommen ist, ja nicht einmal nach ein-einhalb Jahren eine Ahnung was ein PCR-Test tut und anzeigt und was nicht, die hat auch von Physik keine Ahnung, auch wenn sie irgendein Abschluss-Wisch vorlegen kann.

    Mit dem Wissen was 2020-2021 geschah, ist für mich die Rolle Merkels klar.

    Diese Person ist voll in den Davoser WEF-Dunstkreis und den “Great Reset” und “Kampf gegen den Klimawandel” eingeweit, hat Deutschland 16 Jahre als Statthalterin verwaltet, mürbe und zersetzt, bis die Zeit kam um Pläne in die Tat umzusetzen.

    Und das Umsetzen war plötzlich möglich mit dem Virus aus Wuhan, der als Rammbock diente um in Deutschland alle Voraussetzungen zu schaffen, und vom Bundesverfassungsgericht per se genehmigt, diese totalitären Systeme “zum Kampf gegen…” zum Leben zu erwecken, zumindest einmal in Deutschland, was ja ein sehr wichtiges industrialisiertes, und ja immer noch, “Vorzeige”-Land ist, dem viele andere Länder nachdackeln.

    Das zum Leben erwecken jedoch ist nicht mehr ihre Rolle, Merkel kann gehen, und diese Rolle war klar seit Beginn, darum gibt es auch kein Gezeter.

    Diesen Job haben nun die Grünen Khmer über die im September in die Regierung gehievt werden sollen.

  4. LePenseur

    Wenn ein Buchautor — oder ist diese Etikettierung auch Ihrem Mist gewachsen, Herr Mag. Ortner? — IM Erika als ” letzte noch verbliebene liberale Kraft einer der größeren Nationen des Westens” [Hervorhebung LP] bezeichnet, streue ich ihm als klassischer Liberaler, der Sie, cher Monsieur Ortner, stets zu sein beteuern, keine Blumen, sondern bezeichne sein Buch (wenistens passagenweise, aber auch von seinen Grundthesen) als Unfug.

    Der “Liberalismus” Merkels ist etwa von derselben Machart wie der des früheren DDR-Wirtschaftsbosses Mittag, oder bestenfalls eines Schalck-Golodkowski. Die als Liberaler als Liberale zu bezeichnen sich wohl verbietet.

  5. Falke

    Wenn Merkel sich die letzen 4 Jahre vor allem als “Gegengewicht” zu Trump gesehen hat, muss man ja fast froh sein, dass Trump die Wahl nicht gewonnen hat, sonst hätten uns möglicherweise noch 4 Jahre Merkel geblüht, was wohl zum endgültigen Ende Deutschlands (und damit der gesamten EU) als Wirtschaftsstandort und politische Macht gefüht hätte.

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