Freihandel und Geldsozialismus

Von | 5. Dezember 2016

(ANDREAS TÖGEL) Im Zuge der Debatte über das mit der Wahl Donald Trumps vermutlich ohnehin gestorbene „Freihandelsabkommen“ TTIP, haben sich höchst merkwürdige Koalitionen gebildet. Sowohl weit links stehende Gruppierungen wie Occupy Wallstreet oder Attac, als auch nach nationaler Autarkie strebende rechte Kräfte waren oder sind dagegen.

Das ist insofern bemerkenswert, als von beiden Seiten kontrafaktisch unterstellt wird, bei TTIP handle es sich um eine Art finaler Entfesselung des Raubtierkapitalismus – wovor uns Marx, Engels und alle Schrebergärtner dieser Welt bewahren mögen. Indes ist jedem, der um die Funktionsweise von Märkten weiß klar, dass Freihandel keinerlei staatlicher Regelung bedarf. Freihandel in seiner reinsten Wortbedeutung funktioniert so: Herr oder Firma A in Land X liefert an Herrn oder Firma B in Land Y, die offenen Rechnung wird in der vereinbarten Währung bezahlt und das war´s. Die Art und Weise der Abwicklung des Geschäfts, kurzum Details aller Art, werden zwischen den Vertragspartnern ausgehandelt. Dazu braucht es weder Minister noch Bürokraten. Was derartige Transaktionen also Regierungen oder Behörden, welche auch immer es seien, angehen sollten, weiß der Teufel.

Allerdings ist einzuräumen, dass sich die Verhältnisse unter den Bedingungen des weltweit herrschenden Geldsozialismus und dadurch global verzerrter Märkten, etwas komplizierter darstellen. Von „freien Märkten“ oder einer „liberalen Markwirtschaft“ kann nämlich weltweit keine Rede sein. Immerhin werden die „Gleitmittel der Ökonomie“, Geldmenge und Zinsen, von den ohne Rücksicht auf den Markt agierenden Zentralbanken nach Belieben manipuliert, was primär den Interessen von Regierungen und Finanzindustrie dient und damit nicht selten im Gegensatz zu den Wünschen der Bürger steht. Geld wird von Banken aus dem Nichts geschöpft und gegen Zinsen verliehen, die eben nicht das Ergebnis von Entscheidungen frei und unabhängig agierender Marktakteure, sondern die Folge willkürlicher politischer Entscheidungen bilden. Die Existenz von Zentralbanken und einem staatlich manipulierten Geldwesen, ist mit einer Marktwirtschaft ohne Adjektive schlicht unvereinbar. Wer begriffen hat, dass es unsinnig ist, die Preise für Brot, Milch, Unterhosen und Rasierklingen hoheitlich und strafbewehrt zu regeln, wird schwerlich gute Argumente dafür finden, warum der Preis für das Geld (der Zins) vom Machtmonopolisten willkürlich festgesetzt werden sollte.

Dadurch geht nämlich das wichtigste Marktsignal, eben der Preis (in diesem Fall der des Geldes) verloren, bzw. kann völlig falsche Signale senden. Ein hoher Preis signalisiert in einem nicht politisch manipulierten Markt Knappheit. Ein niedriger Preis dagegen Überfluss. Die Vorstellung, man könne durch Verbilligung des Geldpreises mittels Ausweitung der Geld- und Kreditmenge (der keinerlei zusätzliche Realwerte gegenüberstehen) Wohlstand schaffen, ist derart absurd, dass ihre Langlebigkeit erstaunt. Wird also nun durch eine künstlich aufgeblähte Geldmenge und mittels hoheitlich verordneter Zinssätze der Eindruck eines monetären Überflusses erweckt, kann das zu dramatischen Fehlentscheidungen der Marktakteure führen – und tut es auch regelmäßig. Werden einerseits private Haushalte zu Konsumentscheidungen verführt, die ihre Möglichkeiten unter normalen Bedingungen übersteigen, so werden andererseits Unternehmen zu Fehlinvestitionen verleitet.

Im ersten Fall hat das Privatkonkurse zur Folge, wenn die Zinsen wieder steigen und etwa die fälligen Hypothekenraten nicht mehr bedient werden können. Im zweiten Fall bleibt das Unternehmen auf „gestrandeten Kosten“ (Fehlinvestitionen) sitzen und erleidet Verluste, die bis zu Insolvenz führen können.

Während aber der Untergang einzelner Unternehmen in einer funktionierenden Marktwirtschaft völlig normal ist – es handelt sich dabei um ein Phänomen, das von Josef Schumpeter „schöpferische Zerstörung“ genannt wurde (immerhin wird dadurch der Weg für neue Entrepreneure frei), kommt es in manipulierten Ökonomien zu zyklisch auftretenden Pleitewellen, da viele Betriebe zur selben Zeit denselben Irrtümern erliegen und daran scheitern. Der deutsche Ökonom Guido Hülsmann spricht in diesem Zusammenhang von einem „Cluster of Errors“. Das Phänomen des branchenübergreifenden Kulturzyklus war und ist daher stets das Ergebnis politischer Interventionen in die Wirtschaft – welcher Natur auch immer sie sein mögen.

Ein bedingungsloses Eintreten für den Freihandel (nicht für Handelsabkommen, die stets nur ausgewählten Interessen dienen), ist unter den derzeit herrschenden Bedingungen daher problematisch. Da kein Wirtschaftsakteur seine Entscheidungen unabhängig von politischen Machtstrukturen treffen kann, ist „Freihandel“, der tatsächlich jedem daran beteiligten nutzen würde, derzeit wohl nicht mehr als ein schöner Traum.

16 Gedanken zu „Freihandel und Geldsozialismus

  1. Christian Peter

    Dass Freihandel Wohlstand schafft, ist ein uraltes Dogma, für das es keine Belege gibt. Die Erfahrungen mit Freihandelsabkommen scheinen eher das Gegenteil zu belegen, so hatte etwa das nordatlantische Freihandelsabkommen NAFTA netto sowohl in Mexiko als auch in den USA Arbeitsplätze vernichtet. Andererseits gelang es Staaten wie etwa Japan, das bis zur Jahrtausendwende kein einziges Freihandelsabkommen schloss, durch jahrzehntelanges rigoroses Abschotten seiner Märkte enormen Wohlstand aufzubauen, Japan ist das zweitreichste Land der Erde nach der Schweiz.

  2. Lisa

    Gute Analyse. zit”Wird also nun durch eine künstlich aufgeblähte Geldmenge und mittels hoheitlich verordneter Zinssätze der Eindruck eines monetären Überflusses erweckt, kann das zu dramatischen Fehlentscheidungen der Marktakteure führen – und tut es auch regelmäßig.” Ein Erwachen gibt es deshalb lange Zeit nicht, weil die gekauften Dinge ja konkret vorhanden sind und die Nachfrage auf Konsumentenseite anhält. (und wenn nciht, kommt die Werbeinsustrei zum Zuge) Die auch ohne Werbung, einfach aus angeborener Gier, stets nach mehr! mehr! mehr! verlangenden Konsumenten können indes ihr Zeug nicht hamstern und damit für den Rest ihres Leben zufrieden sein, denn so gut und nachhaltig sind die Produkte nicht (mehr).Und Verzicht ist dem Menschen in der Regel nicht zuzumuten, sonst wären wir alle Mönche und Nonnen – und statt Weltwirtschaft hätten wir Klostergärten…

  3. Thomas Holzer

    @CP
    Sie verwechseln eben Freihandel mit Freihandelsabkommen!
    Außerdem, wie im Artikel richtig beispielhaft angeführt, wenn sich 2 (Markt)Teilnehmer darauf einigen, ein Produkt zu tauschen (Ware gegen Geld, oder was auch immer) hat das normaler Weise keinen einzigen Politikerdarsteller zu interessieren, egal ob diese 2 Teilnehmer sich innerhalb der Grenzen von Nationalstaaten oder sonst wo auch immer befinden.

  4. Christian Peter

    @TH

    Ich verwechsle nichts, unter ‘Freihandel’ versteht man internationalen Handel, der nicht durch Handelshemmnisse behindert wird. Dass sich durch Freihandel Wohlstandsgewinne realisieren lassen, ist ein uralter Mythos, für den es keine Belege gibt.

  5. Selbstdenker

    @Christian Peter:
    Sie überraschen mich immer wieder:

    Der Export von Autos, Motorräder, Kameras, Computer, Bildschirme, Smartphones in andere Länder (=die mit den relativ offenen Marktzugang) hat also nichts mit dem Wohlstandszugewinn der Japaner zu tun.

    Aha.

  6. Selbstdenker

    Vorweg möchte ich mich als Befürworter vom Freihandel outen.

    Warum ich dennoch gegen TTIP und CETA bin, dürfe sich aus dem Beitrag von Andreas Tögel und den klugen Hinweisen von Thomas Holzer ergeben.

    Der Freihandel funktioniert wechselseitig nutzenstiftend, wenn sich alle Beteiligten an dieselben Regeln halten. Diese Regelbefolgung kann nun auf zwei Arten sichergestellt werden:

    a) Land A lässt Land B importieren, weil es sonst beim Export in das Land B mit “Schutzzöllen” zu rechnen hat. Der Freihandel ergibt sich ohne Zentrale Instanz aus einer weitsichtigen auf Wechselseitigkeit bedachten Außenwirtschaftspolitik.
    b) Es wird ein super- bzw. supranationales Gremium geschaffen, das Standards vorgibt und veranlasst, dass alle beteiligten Länder diese überwachen und einhalten.

    Zumal die Organisationen aus Variante b) auf kurz oder lang viel Macht akkumulieren und eine Eigendynamik entwickeln (siehe EU), bevorzuge ich die Variante a).

    Der Freihandel kann überall dort funktionieren, wo es grundlegendste kulturelle Gemeinsamkeiten gibt. Wenn in einem beteiligten Land hingegen z.B. Kinderarbeit sozial akzeptiert ist, führt sich in so einem Fall der Freihandel ad absurdum.

    Somit sind die Grenzen des Freihandels und die Probleme mit der Globalisierung klar umrissen: der Freihandel stößt dort an die Grenzen, wo kulturell völlig anders gestrickte Volkswirtschaften betroffen sind. Wenn man derartige Länder am Freihandel partizipieren lässt, sind Konflikte vorprogrammiert.

    PS: habe ich mich auch schon als Fan von Samuel Phillips Huntington geoutet? 😉

  7. Selbstdenker

    @Christian Peter:
    Das setzt voraus, dass sie jemand importieren lässt…

  8. Christian Peter

    @Selbstdenker

    Japan hat eine hohe Staatsverschuldung aber gleichzeitig die höchsten (Privat-) Vermögen der Erde, wobei der allergrößte Teil japanischen Staatsanleihen von japanische Unternehmen und Privaten gehalten werden. Richtig gerechnet (implizite Staatsverschuldung) ist die Staatsverschuldung Japans übrigens niedriger als in Ländern wie Deutschland oder Österreich.

  9. Herzberg

    @Christian Peter

    “Dass Freihandel Wohlstand schafft, ist ein uraltes Dogma, für das es keine Belege gibt.

    Das absolute Gegenteil von Freihandel ist Subsistenzwirtschaft ohne jedweden Güteraustausch, bei dem alle teilnehmenden Marktsubjekte durch eine 100%- oder vergleichbar prohibitiv hohe Zollschranke voneinander getrennt sind. Das Beibehalten von Schranken bei gleichzeitigem Verschieben, weg vom Individuum rund um Gruppen von solchen, ist bloß ein quantitiver Akt, kein qualitativer, zumal es allein den Grad der Subsistenz senkt, ohne diese jedoch potentiell aufzuheben.

    Wäre Ihre obige und trivial als falsch erkennbare Aussage zutreffend, folgten betreffend Wohlstand weder aus Skaleneffekten noch aus einer irgendwie gearteten Spezialisierung ein positiver Effekt. Zugleich ließe sich Zoll zwischen Ländern eins zu eins auf Steuern übertragen und nach Ihrem absurden Diktum analog schließen, eine den Austausch begünstigende Senkung von Steuern schaffe keinen Wohlstand.

    Der entscheidende Wortbestandteil in “Freihandel” ist “frei”, dessen Bedeutung sich hochgradig Staatsreligiösen offensichtlich konsequent verschließt, was sie wiederum durch kurzatmige Apodiktik kompensieren wollen. Langweilig!

  10. FDominicus

    @Christian Peter Ich schlage vor Sie bringen uns einfach ein Beispiel bei denen freier Handel keinen Wohlstand brachte. Wenn Sie ein solches Beispiel nicht finden können – liegen Sie falsch.
    Rom Handelsnation. Griechenland Handelsnation, Britisches Empire Handelsnation, Venedig Handelsnation, Hanse Handelsorganisation, USA Handelsnation, Deutschland Handelsnation, Südkorea Handelsnation, AUS Handelsnation, NZ Handelsnation. Welche Nationen handeln denn nicht? Und in welchen Ländern ist das Elend mit am Größten ? Nordkorea treibt kaum Handel und daher sterben denen die Leute weg.

    Es gibt kein Land auf dieser Erde in dem NICHT Handel betrieben wird und es gibt nur wenige Länder die nur minimalen internationalen Handel bertreiben. Warum sollten Sie auch nicht, ich kann hie rnur mit massivem Aufwand an Energie Südfrüchte gedeihen lassen. In anderen Ländern ist das quasi Unkraut…

    Ihr Rechner an dem Sie sitzen, Resultat von internationalen Handel, Ihr Auto Ergebnis internationalen Handels. Sie können in D kein Auto produzieren ohne Handel mit dem Ausland zu betreiben. Allein schon Benzin und Diesel zu haben um nur die hier fahrenden Autos zu betanken ist derzeit unmöglich. Was schlagen sie vor Kohleverflüssigung?

    Selbst Nazideutschland hatte seine Einkäufer weltweit und handelte mit Gold um Sachen die man einfach nicht hatte. Hätte es kein Embargo gegen Deutschland gegeben hätte der WK II auf jeden Fall länger gedauert.

    Wieder besseres Wissen solche Behauptungen aufzustellen ist nicht sonderlich vernünftig sondern wirkt dogmatisch.

  11. FDominicus

    War gar nicht nötig was zu schreiben Thomas Holzer hat schon alles festgehalten:
    “Sie verwechseln eben Freihandel mit Freihandelsabkommen!
    Außerdem, wie im Artikel richtig beispielhaft angeführt, wenn sich 2 (Markt)Teilnehmer darauf einigen, ein Produkt zu tauschen (Ware gegen Geld, oder was auch immer) hat das normaler Weise keinen einzigen Politikerdarsteller zu interessieren, egal ob diese 2 Teilnehmer sich innerhalb der Grenzen von Nationalstaaten oder sonst wo auch immer befinden.”

    Er hat recht.

  12. Herzberg

    @Fdominicus

    Sie [Christian Peter, Anm.] verwechseln eben Freihandel mit Freihandelsabkommen!

    Ja, speziell mit solchen Freihandelsabkommen, also allen, in denen für Produktgruppen penibel festhalten wird, wieviel Prozent, sei es nun wert-, volumens oder gewichtsbezogen, Güter aus nicht vom Abkommen umfaßten Ländern in Endprodukt enthalten sein dürfen und wie die Nachweise für diese Zusammensetzung zu erbringen sind.
    Allein mit dieser Praktik lassen sich einzelne Länder oder Konkurrenten vom Feld kicken, von kleinen Unternehmen ganz zu schweigen, denen allein der bürokratische Overhead verstärkt auf den Schultern lastet.

    Generell zum Thema: With tariffs on trade between the United States and the European Union averaging just four percent, critics are asking why it is supposedly so urgent to put the TTIP on the fast track. And why, if this is only a “trade” pact, are the negotiators including climate change, sustainable development, homeland security, military actions, the UN’s Millennium Development Goals, taxes, regulatory harmonization, and a passel of other issues in the agreement? The answer is that the TTIP has been crafted specifically to bring about U.S.-EU political and economic “integration” in the same manner that the nations of Europe were integrated into the EU monster described by Bukovsky.
    thenewamerican.com/usnews/foreign-policy/item/15296-secretly-trading-away-our-independence

  13. Selbstdenker

    @Herzberg:
    “The answer is that the TTIP has been crafted specifically to bring about U.S.-EU political and economic “integration” in the same manner that the nations of Europe were integrated into the EU monster described by Bukovsky.”

    TTIP und CETA dienen nicht dem Freihandel, sondern es handelt sich um Package-Deals. Ultimativ geht es um die völlige Zentralisierung wirtschaftlicher und politischer Macht an super- bzw. supranationale Organisationen.

    Vielen Dank für die Verlinkung dieser ausgezeichneten Analyse!

  14. Christian Peter

    @FDominicus

    ‘Nennen Sie mir ein Beispiel, wo Freihandel keinen Wohlstand brachte’

    Das allerbeste Beispiel dafür ist die Europäische Union, die sich bereits wenige Jahre nach Liberalisierung der Märkte im wirtschaftlichen Niedergang befindet.

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