Freude am Lernen in „offenen Ordnungen“

Von | 8. Februar 2021

(JOSEF STARGL) Die Bürger in den von den Ideen der Aufklärung geprägten „offenen Lerngesellschaften“ sind ihrer Freiheit entsprechend neugierig, stellen Fragen und suchen nach individuellen Antworten. Sie wissen, dass sie irren und Fehler machen, aber auch verantwortungsbewußt denkend und handelnd lernen können.
Lebensbegleitend ein „Leben in Freiheit“ zu lernen verlangt eine Suche nach Wissen und nach der Wahrheit von Aussagen, eine Suche nach Erkenntnis der (unbeabsichtigten) Folgen von Handlungen und nach Lösungen für Erwartungsenttäuschungen/Probleme sowie eine Suche nach Selbsterkenntnis und nach Menschenkenntnis.

Ein „Suchender“ entwickelt Freude am Lernen. Er strebt ständig nach Verbesserung und ist bereit, sich im Lernen zu üben, um voranzuschreiten auf dem Weg des Nachdenkens über „altes Wissen“ und auf dem Weg des Forschens. Als „Nichtwissender“ ist er offen für andere Ideen und Erklärungen. Er lässt Zweifel, Widersprüche, Kritik, Widerlegung und Korrekturen zu, um das Ziel „weniger Irrtümer und weniger Fehler“ schrittweise lernend zu erreichen.

Die Menschen in „offenen Ordnungen“ können sich in Freiheit und Verantwortung ihrer Grenzen bewußt werden und um ihrer selbst willen lernen. Das „Wissen um ihr Nichtwissen“ führt sie hin zur Lernbereitschaft, zur Entwicklung von Lernfähigkeit und zur Erforschung der Wirklichkeit.
Leben ist Lernen. Das Streben nach Erkenntnis ist ein freudenreiches Abenteuer. Es gibt ständig neue Fragen, die wir nur lernend und vorläufig beantworten können. Auch das Lehren erfordert Lernen ohne des Lernens müde zu werden.

Die Erkenntnis des Lebens ist mit der Frage „Wie sollen wir leben?“ verbunden.
Dabei hilft uns nicht nur Fachwissen oder ein Studium von Lebensweisheiten, sondern auch die Analyse der praktischen Probleme des Lebens und des schöpferischen Wirkens der Menschen.
Das Leben bejahend setzen sich die Bürger in „offenen Ordnungen“ ihre Ziele und versuchen, Aufgaben zu erfüllen. Sie lernen dabei, mit Veränderungen umzugehen, entwickeln Eigeninitiative und Zivilcourage, um Widerstände zu überwinden oder sich im Wettbewerb zu bewähren.
Die Menschen setzen Lernen in Taten um und erfahren dabei auch das Erlebnis der Wertschätzung ihrer erbrachten Leistungen. Verantwortliches Handeln kann auch Mißerfolge und ein Lernen durch Scheitern bewirken.

Freude am Lernen schließt Freude am Wettbewerb und an Veränderungen/Neuerungen mit ein. Wir lernen im Wettbewerb, durch neue Taten und durch Erfindungen/neue Technik.
Lernen im Umgang mit anderen Menschen, im Dialog und in der persönlichen Begegnung ermutigt zu neuen Fragen, zum Zuhören, zum Ertragen von Unvollkommenheit und zur Achtung der Würde der Menschen.

Leben ist Begegnung. Die Menschen lernen dabei Menschenkenntnis. Sie können erkennen, dass sie nicht mit vollkommenen Menschen kooperieren. In einem Team und im Wettbewerb ist es möglich, Talente aufblühen zu lassen, aber auch Milde gegenüber jenen zu zeigen, die weniger Lern- und Leistungsfähigkeit entwickeln und umsetzen.
Wenn Menschen einander kennen und verstehen lernen, dann entwickelt sich durch Lernprozesse auch Glaubwürdigkeit und Vertrauen.

Auch weniger lern- und leistungsfähige Menschen mit Hausverstand können wichtige Fragen stellen und ihre Ratschläge einbringen. Lehren und Lernen fordern und fördern einander. Es gibt Entwicklungsmöglichkeiten für unterschiedliche Persönlichkeiten.
Die Menschen stellen in der personalen Begegnung auch gerne Fragen, um andere Menschen zu studieren und zu erkennen. Eine Begegnung in Aufrichtigkeit und in Wahrhaftigkeit kann einem Menschen auch bei der Selbsterkenntnis helfen. Diese ist eine der Voraussetzungen für das Lernen von Menschenkenntnis.

Wer Eigenverantwortung und Freiheit lernen will, der kann auch versuchen, sich selbst zu erforschen.
Selbstkultivierung und Selbstentfaltung erfordern Selbstdisziplin. Wer sich selbstkritisch verhält und sich selbst achtet, der kann sich in Selbstprüfung üben, um sich in Muße selbst zu finden und seine Persönlichkeit zu bilden.

Selbstbeherrschung dient einem „sich selbst beurteilen lernen“. Unterscheiden lernen kann auch ein Anfang der Weisheit und des Selbstvertrauens sein.
Wer sich selbst als irrenden und Fehler machenden Menschen durchschauen lernt, der lernt auch leichter andere Menschen zu begreifen.

Die Lebenspraxis ist eine Schule des Dialoges, der personalen Begegnung, der Selbsterkenntnis und der Menschenkenntnis.
Anstrengungen und tatsächlich erbrachte Leistungen ermöglichen eine Selbsterziehung sowie eine Stärkung des Selbst durch Lernen, durch Erneuerungsfähigkeit und durch eine Umsetzung des Erlernten.

Wahrhaftigkeit, Rücksichtnahme, Demut und Dienen können das Vertrauen der Menschen zueinander fördern. Glaubwürdigkeit und Vertrauen können genauso wenig (politisch) geplant und organisiert werden wie individuelle (kleine) Lernprozesse und Eigenleistungen freier Bürger, die nicht nur ihnen selbst, sondern unbeabsichtigt auch dem „Wohlstand für alle“ dienen.
Zahlreiche in oligarchisch strukturierten Apparaten sozialisierte Funktionäre, Politiker, Technokraten und Bürokraten fördern mit ihren Regulierungs- und Interventionskaskaden, mit ihren Angriffen auf das Privateigentum/auf die Freiheit und mit einer zunehmenden paternalistischen Bevormundung im Versorgungsstaat die Aushöhlung „offener Lernordnungen“.

Der Erwerb, der Ausbau und der Erhalt politischer Macht sind immer mehr mit einer Verantwortungslosigkeit für die Folgen politischer und bürokratischer Maßnahmen verbunden.
Die Lernresistenz und die Lernunfähigkeit von Politik und Verwaltung bewirkt nicht nur Staatsversagen/Staatenverbundsversagen, sondern hat auch Folgen für die Freude der Bürger am Lernen, am Wettbewerb und am Wandel sowie für den Wohlstand.

3 Gedanken zu „Freude am Lernen in „offenen Ordnungen“

  1. Leo Dorner

    Normbefreite Kulturen müssen an ihrem Ende alle Wissensinhalte und -formen in Frage stellen. Sie machen sich anheischig, auch das Rad neu zu erfinden. Fehlt noch das Kleine Einmal Eins.
    Die schöne neue Welt der unendlichen Diversität löst den langweilig gewordenen Pluralismus der Spätmoderne ab?
    Die neuen Apostel der “offenen Gesellschaft” jagen folglich ihre Schüler von Projekt zu Projekt, von einer offenen Tür zur nächsten.
    Sie verwechseln zwei fundamentale Dinge. Welche mögen dies sein?
    Leo Dorner

  2. Kluftinger

    @ Leo Dorner
    Wo lesen sie im Beitrag von Herrn Stargl etwas von einer “normbefreiten Kultur”?
    Wenn sie in der Lage sind die Bücher von Sir Karl Popper “Die offene Gesellschaft und ihre Feinde” zu lesen und zu verstehen, werden sie erleben, wie lustvoll das Lernen sein kann.
    Es ist auch von Vorteil, sich klarzumachen, ob man dem Typus eines Dr. Faust entspricht oder dem seines Famulus Wagner?
    Es ist weiter von Vorteil, den Begriff des “Traditums” zu verstehen, damit man besser unterscheiden kann, was bewahrenswert ist und was hinterfragt werden sollte.
    Überlegungen, die man aus dem Text von Herrn Strahl herauslesen könnte, weit weg von einer normbefreiten Kultur?
    P. S.: empfehlenswert das Gedicht von Bert Brecht: “Ich habe gehört, ihr wollt nichts lernen”

  3. Dr. Dorner

    Kluftinger kommentierte unter Freude am Lernen in „offenen Ordnungen“.
    als Antwort auf :
    (JOSEF STARGL) Die Bürger in den von den Ideen der Aufklärung geprägten „offenen Lerngesellschaften“ sind ihrer Freiheit entsprechend neugierig, stellen Fragen und suchen nach individuellen Antworten. Sie wissen, dass sie irren und Fehler machen, aber auch verantwortungsbewußt denkend und handelnd lernen können. Lebensbegleitend ein „Leben in Freiheit“ zu lernen verlangt eine Suche nach Wissen und„Freude am Lernen in „offenen Ordnungen““ weiterlesen
    @ Leo Dorner
    Wo lesen sie im Beitrag von Herrn Stargl etwas von einer „normbefreiten Kultur“?
    Wenn sie in der Lage sind die Bücher von Sir Karl Popper „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ zu lesen und zu verstehen, werden sie erleben, wie lustvoll das Lernen sein kann.
    Es ist auch von Vorteil, sich klarzumachen, ob man dem Typus eines Dr. Faust entspricht oder dem seines Famulus Wagner?
    Es ist weiter von Vorteil, den Begriff des „Traditums“ zu verstehen, damit man besser unterscheiden kann, was bewahrenswert ist und was hinterfragt werden sollte.
    Überlegungen, die man aus dem Text von Herrn Strahl herauslesen könnte, weit weg von einer normbefreiten Kultur?
    P. S.: empfehlenswert das Gedicht von Bert Brecht: „Ich habe gehört, ihr wollt nichts lernen“

    Diese Argumente, so ehrenwert sie sind (wer könnte das sogenannte Abenteuer des lebenslänglichen Lernens“ zurückweisen?), verfehlen dennoch das Entscheidende. Wie übrigens auch Poppers Philosophie, die lediglich die Ur-Variante des sog. „Kritischen Rationalismus“ ist, und auf die Frage, was „sonst noch“ (außer immerwährendem Lernen, trial and error, totale Toleranz, totales Offensein für alles und nichts usf.) eine Kultur und Gesellschaft zusammenhält, zusammenhalten soll und kann, keine Antwort weiß. Woher auch?
    Wenn Sie den Kosmos unserer Wissenschaften (der Natur und des Geistes) auch nur oberflächlich durchgehen, begegnen sie überall fundamentalen Normen, Voraussetzungen, die man zwar auch „kritisch hinterfragen“ kann und soll, die aber zugleich die Basis für sogenannten „Innovation“ und Entwicklung sind bzw. sein sollen.
    Einzig im Gebiet der Kultur, Abteilung moderne Künste, ist dies aufgrund der abgelaufenen Geschichte der vormodernen Künste anders. Hier regiert die normlose Norm befreiter Freiheit, die offen Offenheit, und dementsprechend wähnt sich der moderne Künstler auch als Weiser und führender Kreativer unserer Kultur. Das Problem der „Offenheit“ wird aktuell am Problem der totalen Diversität, die als neue Weltideologie in den Ring steigt, indem sie alte Normen durch neue Normen zu ersetzen versucht, virulent. Auf meiner HP finden Sie näheres dazu, auch in einigen meiner Beiträge auf dem Blog von Andreas Unterberger.
    Leo Dorner

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