Fröhlich in die neue Woche…

Von | 12. September 2016

Die Globalisierungskritiker von heute reden über die schnellen weltweiten Geldbewegungen sehr ähnlich wie die katholischen Theologen im 17. Jahrhundert über die damals neu bewiesene Erdrotation. Destabilisierungen dieses Formats werden zunächst mit heiligem Zorn abgelehnt. Es ist ja wirklich ein Angriff auf die Menschenwürde, wenn ich von heute auf morgen hinnehmen soll, dass ich binnen 24 Stunden um die Erdachse herumgeschleudert werde. Auch die Gegner der Erdrotation wussten, was sie wollten: Sie hatten etwas dagegen, zu kosmischen Idioten zu werden. Mit der Globalisierung und ihren Kritikern steht es ebenso. (Peter Sloterdijk)

6 Gedanken zu „Fröhlich in die neue Woche…

  1. gms

    Eine freie Wirtschaft ist alles andere als unternehmerfreundlich. Umso mehr spricht es für liberale Geister wie Richard Cobden, der zur Legende wurde, als er sich erfolgreich und gegen seine eigenen ökonomischen Interessen für freien Handel einsetzte und damit dem Manchester-Liberalismus einen Namen gab.
    Peter Sloterdijk ist demgemäß beizupflichten, falls er sich auf einen natürlichen Abbau von Schranken bezieht, bei dem die Welt evolutionär sprichwörtlich zum Dorf wird. Davon allerdings ist zu unterscheiden das Vorgehen der Globalisten, die unter der identen Fahne ihre eigenen Interessen in weltweit verbindliche Gesetze gießen wollen.

    Wer hat Ceta gelesen oder das, was von TTIP [1] schon einsehbar ist? Wem nicht kotzübel wird bei dem Ansinnen, marxistisches Gedankengut unter dem Deckmantel ‘Freihandel’ im Arbeitsrecht beziehungsweise polizeistaatliches Vorgehen im Kontext ‘geistiges Eigentum’ verankern zu wollen, dem ist definitiv nicht zu helfen.

    Ja, zum Henker nochmal, es sind zum großen Teil Idioten, die sich mit bornierten und chloriert gackernden Stimmen gegen genuine Globalsierung richten oder Protektionismus zum eigenen Vorteil das Wort reden, doch was wir tatsächlich unter diesem Vokabel erleben, ist ein trojanisches Pferd in Huxleys Brave new World.
    Nein, ich bin kein Cobden. Ginge es aber nach mir persönlich, taugte mir ein persönlicher Persilschein für Kandada und die USA zwecks Investionssuche, Mitarbeiter werde ich mir dort aber gewiß keine eintreten, und so vorteilhaft kann es für mich als Individuum nicht sein, alsdaß das Gesamtpaket für unsere Gesellschaft nicht dennoch ein riesiger Giftbrocken wäre.

    Globalisierung ist heute ein Chiffre für Regelmentierung, Normierung und Bevormundung. Entweder entwickeln sich Standard bottom-up in einem zähen, aber notwendigen und langen öffentlichen Ringen, oder sie werden von oben mit dem Hammer in nie dagewesenen Akten der Anmaßung in Völkern implantiert. Neben argumentierbaren Standards aber steht noch, von wegen Liberalismus, auch und insbesondere der Wettbewerb der Standorte. Wer den Globus als einziges gigantisches Kartell sehen will, der möge nun zustimmend die Hand heben. Ah, doch so viele?

    Zum Abrunden: Allein die Begründung (“geht nicht anders”, “wir dürfen das”), mit der aktuell die EU-Kommission Ceta vorläufig in Kraft setzen will [2], reichte dafür, die verlogene Bande des Kontinents zu verjagen und sich hernach des Vokabels ‘Globaliserung’ zu besinnen, das die Neusprech-Virtuosen wie unzählige andere Begriffe davor ursupieren konnten.

    [1] trade.ec.europa.eu/doclib/docs/2015/november/tradoc_153923.pdf
    [2] http://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/HTML/?uri=CELEX:52016PC0470&from=DE

  2. Lisa

    Die “Neusprech-Virtuosen” spielen playback – und keiner merkts, ausser wenn man einer ihnen mal face to face auf den Zahn fühlt, bzw. den Strom abstellt und dann ihr dünnes Stimmchen offen zu Tage tritt und sich in Wörtern verheddert.. Nur schon “weltweit” statt “global” zu sagen, evoziert andere Bilder.
    Brave New World ist tatsächlich eine Gefahr, denn deren Bewohnen sind ja nicht unglücklich, ja mittels Soma sogar glücklich. Über Sinn und Wert des eigenen Lebens braucht man doch nicht nachzudenken, wenn man alles hat, was “glücklich” macht… (allerdings lässt Huxley offen, wie dieser absolute Herrscher zu seiner Machtstellung kam/kommt…das religiöse Bedürnis nicht weg-erzogen???)
    Der Standortvorteil, bzw. -nachteil ist nun mal vorgegeben – wer hätte vor einigen Jahrzehnten noch gedacht, dass die armen Wüstensöhne dereinst in den Luxusgeschäften der Welt ihr Geld ausgeben würden und Wissenschaftler und Technologien von überallher einkaufen könnten? Die Sahara etwa würde Sonnenenergie bis zum Abwinken liefern u.v.m. – zudem kann ein Standortvorteil durch unfähige Bewohner nicht richtig genutzt und ein Standortnachteil durch kluge Bewohner wettgemacht werden.

  3. Fragolin

    @gms
    “Eine freie Wirtschaft ist alles andere als unternehmerfreundlich.”
    Wie wahr, wie wahr!
    Eine freie Wirtschaft ist nämlich kundenfreundlich. Der Kunde ganz allein bestimmt auf einem freien Markt, wem er wofür wieviel Geld zu geben bereit ist. Dazu muss er nur nachdenken, abwägen und eigenverantwortlich entscheiden. Aber da fängt es schon an – es sind die Kunden, die nach dem starken Staat plärren, der dann, unter dem Vorwand “die Wirtschaft” an die Kandare zu nehmen und die Kunden zu “schützen” seine Liebkinder hätschelt und ihnen fette Aufträge versorgt, die der Kunde dann wohl oder übel zahlen muss (im Falle von Subventionen aus dem Steuersäckel auch ganz ohne für ihn nachweisbare Gegenleistung…), während lästige billige Konkurrenz durch Verbotsgesetze, Gewerbeordnungen und Steuerdaumenschrauben vom Markt ferngehalten wird.
    Eine freie Wirtschaft zwingt Unternehmen, sich dem gnadenlosen Diktat der Kunden zu unterwerfen. Das ist oft schwerer als sich einfach über Korruption und Freunderlwirtschaft ein Stückchen vom Förderkuchen zu sichern.

  4. Lisa

    Da mit der Faulheit, der Gier und der Dummheit vonkinden aber die besten GEschäfte gemacht werden, muss der “Staat” die eben schützen und den “Abzockern” das Handwerk legen. DAss der Kunde auch eine Informationspflicht hat, wird untern Teppich gekehrt. (Die ” Opfer”, denen man wetlose Aktien andrehte, sind vor allem Opfer ihrer Gier geworden und ihrer Unfähigkeit/Unwilligkeit sich genau zu informieren. Immer nur Rechte einfordern – Ihr “pflichtlos” gilt ganz allgemein für Wohlfahrtsstaatsbürger!)

  5. gms

    Lisa,

    > Nur schon „weltweit“ statt „global“ zu sagen, evoziert andere Bilder.

    Ansich ist der Begriff nicht verkehrt, steht er doch in der Nomenform ‘Globalisierung’ für einen Vorgang, der mit “Weltweitierung” etwas holprig (wenngleich durchaus charmant) daherkommt. Die Crux liegt im Umstand, wonach jeder groß dimensionierte Vorgang zugleich eine ebenso große Veränderung darstellt, die sich trefflich zur Panikmache eignet und das sofortige Anknüpfen eines Gestaltungsauftrags, sprich es ist der perfekte politische Schuhlöffel, der sich auf Erden nicht toppen läßt.

    Wer heute diesen Begriff in den Mund nimmt, impliziert damit ausnahmslos die Notwendigkeit, Gesetze zu verändern, was kaum einer besser weiß als jene, die sich selbst Globalisten nennen.

    “Brave New World ist tatsächlich eine Gefahr, denn deren Bewohnen sind ja nicht unglücklich, ja mittels Soma sogar glücklich.”

    Konditionierung und Indoktrination wirken. Aber das erleben wir ja heute schon.

  6. astuga

    Unter “Globalisierung” versteht ohnehin jeder etwas anderes.
    Und je nach Land oder Kontinent, wie auch nach weltanschaulicher Ausrichtung, benennt dabei jeder andere Vorteile oder Gefahren.

    Auf Europa bezogen:
    Die einen wollen alle Waren und Dienstleistungen nach Europa bringen.
    Die anderen wollen alle Probleme nach Europa bringen, oder Europa für alle Probleme verantwortlich machen.
    Und wieder andere wollen, dass es überall so sein soll wie in (einem idealisierten) Europa.
    Und manche, dass ihre Religion nach Europa greift.

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