Fußball am Friedhof?

Von | 10. März 2021

(CHRISTIAN ORTNER) Warum ein Boykott des Fußballfestes in Katar nachvollziehbar, aber irgendwie scheinheilig wäre. Wenn im März des kommenden Jahres die Fußball-Weltmeisterschaft 2022 im Emirat Katar beginnt, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit eine National-Mannschaft vor allem dadurch auffallen, dass sie abwesend ist. Immer mehr Clubs und Spieler in Norwegen sprechen sich nämlich dafür aus, die WM 2022 zu boykottieren.

Rekordmeister „Rosenborg Trondheim“ bildet die Spitze der Boykottbewegung, bei der Mitgliederversammlung votierten jüngst 202 der 256 Stimmberechtigten für einen Verzicht der Nationalmannschaft um Jungstar Erling Haaland auf das Turnier im Emirat.

„Sollte die WM im nächsten Jahr in Katar stattfinden, geschieht dies auf einem Friedhof“, erklärt Trondheims Fußball-Funktionär Kenneth T. Kjelsnes seine Abneigung, in der Wüste zu kicken. Den Friedhof, von dem er spricht, hat erst unlängst der britische Guardian beschrieben: er steht metaphorisch für jene rund 6.500 Bauarbeiter aus mehreren asiatischen Ländern, die seit 2011 in Katar am Bau ums Leben gekommen seien.
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Wenig Verständnis für die Haltung der Norweger zeigt naturgemäß der Weltfußballverband Fifa. Deren Präsident Gianni Infantino ließ wissen, dass ein Boykott „definitiv nicht die richtige Maßnahme“ sei. „Es ist immer, war immer und wird immer der einzige Weg sein, in den Dialog zu treten und sich zu engagieren, um Veränderungen herbeizuführen.“

Das ist zwar einigermaßen weltfremd, wie sich seit der Austragung der Olympischen Spiele 1936 in Berlin, wo der Dialog mit Hitler auch keine wirkliche Veränderung seiner Kriegspläne bewirkt hat, recht deutlich gezeigt hat. Dass Despoten sich im Geringsten davon beeinflussen haben lassen, wer bei ihnen kickt oder nicht, ist eine eher lebensfremde Annahme.

Der Fall Katar ist aber insofern interessant, als hier die unterschiedlichsten Interessen, denen gemeinsam ist, nichts mit Fußball zu tun zu haben, sichtbar werden.

Relativ klar ist, dass die Kataris, denen jahrelang mit gutem Grunde vorgehalten wurde, wesentliche Financiers von Terrorgruppen wie etwa der Hisbollah zu sein, einiges Interesse daran haben, ihre internationale Reputation etwas zu verbessern. Dass die Austragung einer Fußball-WM ein dazu geeignetes Mittel ist, wird oft behauptet, ist aber nicht bewiesen. Herrn Hitler hat es reputationsmäßig nach 1945 ja auch wenig genutzt, ein paar Jahre vorher eine Olympiade ausgerichtet zu haben.

Dass Katar vermutlich auch der Umstand, dass dort am Bau doppelt so viele Arbeiter ums Leben kamen wie Menschen beim Angriff auf das World Trade Center, die Welt nicht daran hindern wird, in Katar 2022 ein sogenanntes Fußballfest zu feiern, wird im Wesentlichen drei Gründe haben.

Erstens: Dass sich Katar die Fifa und ihre Funktionäre sehr, nennen wir es einmal gewogen gemacht hat, ist eine im Orient und im Fußball nicht ungewöhnliche Methode.

Zweitens: Das stinkreiche Katar ist für das chronisch pleite seiende Frankreich, was ein gutmütiger Erbonkel für den chronisch unterfinanzierten, aber leichtlebigen Neffen ist. Wo immer französische Institutionen klamm sind, hilft das Emirat verlässlich und diskret aus. Womit sich Katar natürlich auch einen gewissen Einfluss innerhalb des europäischen Institutionengeflechtes gesichert hat und weiter sichert.

Und drittens: Katar ist natürlich auch ein interessanter Spieler in der voranschreitenden Aussöhnung zwischen Israel und der arabischen Welt („Abraham-Abkommen“).

Dass es beim permanenten Rekalibrieren dieses Interessengefechtes immer wieder zu Störungsfällen kommt, ist unvermeidlich. So, als etwa Frankreichs Staatspräsident Emanuel Macron im letzten Jahr unter innenpolitischen Druck geriet, den Zusammenhang zwischen Islam und Terror zu adressieren, was naturgemäß in Katar wie im benachbarten Saudi-Arabien für gleichfalls innenpolitisch motivierte Empörungssimulationen sorgte.

All das sind vermutlich nicht wirklich überzeugende Gründe für einen Boykott der WM 2022. Wie allgemein bekannt, geht es bei einer Fußball-WM ja nicht um Fußball, sondern um Business. Und Business betreibt die ganze Welt mit Katar genauso wie mit ungefähr hundert anderen Staaten, deren Arbeitsschutzgesetze nicht ganz dem Standard von Baden-Württemberg entsprechen.

2022 werden übrigens auch Olympische Spiele in China stattfinden. Mal sehen, ob angesichts der enormen ökonomischen Macht Pekings der norwegische Blick auf die Lage der dortigen Bauarbeiter auch so menschenrechtszentriert ausfallen wird.  (Erstveröffentlichung auf www.mena-watch.com/ )

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