Georg Vetters Wahlkampf-Tagebuch (Folge 17)

Von | 11. September 2013

(GEORG VETTER) Anlässlich einer Diskussion über die Bildungspolitik erinnere ich mich an ein Telefonat aus den 90er Jahren. Ich war schon ein paar Jahre in die Liste der Rechtsanwälte eingetragen als mich ein sozialistischer Freund anrief und mir folgendes mitteilte: „Du, Georg, Du hast sicherlich in der Zeitung von dieser Geschichte im Zusammenhang mit der Maturaschule Nawarski gelesen. Tja, also, ich bin da auch dabei gewesen. Wir armen Sozi-Kinder waren halt in der Anti-AKW- und der Friedensbewegung engagiert. Wir sind lieber in Kaffeehäusern herumgehangen als in die Schule zu gehen. Aber wir brauchten dann doch die Matura. Die Staatsanwaltschaft geht jetzt Jahrgang für Jahrgang durch und ich weiß nicht, ob sie das alles bis Anfang der 80er Jahre durchschauen. Würdest Du mich, wenn es dazu kommt, vertreten?“ Auf mein Nachfragen präzisierte er, dass er die erste Variante gewählt hatte: den Kauf der Prüfungsfragen um 6.000 Schilling. Den Preis der zweiten Variante – Maturazeugnis ohne Prüfung – kenne er nicht. Ich sagte zu, ihn im Fall der Fälle zu vertreten. Dazu kam es allerdings nie – weil die Staatsanwaltschaft in ihren Untersuchungen nicht so weit zurückging. Jahre später wurde die Haupttäterin zu zwei Jahren bedingter Gefängnisstrafe verurteilt. Auch ein paar Namen von Kindern prominenter Sozialdemokraten gelangten an die Öffentlichkeit. In 170 Fällen sollen Vorprüfungs- und Maturazeugnisse gefälscht worden sein. Jene Maturajahrgänge, die von der Staatsanwaltschaft – vermutlich wegen Verjährung – nicht mehr aufgerollt wurden, haben Glück gehabt. Sie konnten ihre Maturazeugnisse behalten. Allerdings kann ein Inhaber eines solchen Maturazeugnisses dieses nicht der Öffentlichkeit präsentieren. Insider wissen nämlich sofort, wie der Hase gelaufen ist. Wenn hunderte Schüler auf fraudulöse Art und Weise zu einer Matura gelangten, kann man nicht mehr von Einzelfällen sprechen. Es handelte sich um eine Industrie – ein System, das in einschlägigen Kreisen alles andere als ein Geheimnis war. In der Zwischenzeit sind die armen Sozi-Kinder erwachsen geworden und befinden sich an den diversen Hebeln der Macht. Freilich bedeutet dies nicht, dass jeder Sozialdemokrat, der behauptet, maturiert zu haben, in seiner Jugend ein Betrüger war. In jedem einzelnen Fall gilt die Unschuldsvermutung. Da aber die hunderten kleinen Gauner von damals nicht alle vom Erdboden verschwunden sein können, liegt es nahe, dass sie aus diesem prägenden Jugenderlebnis – ebenso wie einige Mitwissende – Schlüsse gezogen haben wie die folgenden: „Bildung darf nie wieder etwas kosten“, „Matura für alle“, „Schule ohne Schultasche“, „Leistungsgesellschaft begünstigt Korruption“ oder „Markt und Bildung schließen einander aus“. Wenn man heutzutage die öffentliche Diskussion beobachtet, kann man den Eindruck gewinnen, dass die Nawarski-Generation drauf und dran, das bourgeoise Bildungssystem zu überwinden – sofern es uns nicht gelingt, die Nawarski-Generation in die Schranken zu weisen. P.S.: Ach wie freue ich mich auf meine parlamentarische Immunität!

6 Gedanken zu „Georg Vetters Wahlkampf-Tagebuch (Folge 17)

  1. MSc

    Vielen Dank für diesen Beitrag,
    jetzt verstehe ich endlich das Theater um die Matura unseres BK.
    Es gilt die Unmutsverschuldung …

  2. Christian Peter

    Na ja, in einem Parteienstaat wie Österreich sollte man besser nicht damit beginnen, schmutzige Wäsche zu waschen.

  3. Ehrenmitglied der ÖBB

    Da haben sie ein Thema angesprochen, mit dem ich selbst in Berührung kam.
    Ein ebenfalls tüchtiger Dipl. Ing. der VÖST (alt), er ist leider schon verstorben, daher hatte die SPÖ ein Mitglied weniger , erzählte mir im Rahmen eines Trainings, dass es eben jene Netzwerke (vornehmlich in Wien) gegeben habe, die Maturafragen unter Genossen (und deren Kindern) weitergereicht haben.
    Er nannte auch konkrete Namen, die aber aus rechtlichen Gründen hier nicht wiedergegeben werden können, da diese Personen noch leben und berühmt (prominent?) sind.
    Sie bestätigen aber die Realität des von Herrn Vetter angesprochenen Phänomens.

  4. mannimmond

    Wie gut, dass das Internet nichts vergisst.
    Einer der prominenten Fälle betraf Jacqueline Bögl, die Tochter des damaligen Wiener Polizeipräsidenten, siehe

    http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-9287479.html

    Günther Bögl, 61, Wiener Polizeipräsident, gerät wegen seiner Familie in Turbulenzen. Bögl-Gattin Eleonore soll 1989 die Lateinprüfung ihrer Tochter Jacqueline, bei der diese eine Passage aus Sallusts “Bellum Catilinae” zu übersetzen hatte, für 10 000 Schilling (1400 Mark) gekauft haben. Jacqueline bestand zwar die Prüfung mit “gut”, weil jedoch einige Mitschüler die Prüfer nachweislich bestochen hatten, gerieten nun auch Präsidentenfrau und -tochter in Verdacht. Der Untersuchungsrichter stieß bei der angehenden Medizinerin auf blamable Wissenslücken: “Bellum” (Krieg) übersetzte sie mit “schön”, die Vokabel “rosa” (Rose) war ihr unbekannt. Vater Bögl versucht vorsichtshalber, zumindest sich selbst vom Vorwurf des Amtsmißbrauchs zu exkulpieren: “Schulische Angelegenheiten waren immer Sache meiner Frau.”

  5. Peter Binter

    Man muss die Bildungsferne der SP-Regierungstruppe dialektisch zu Ihrem nach außen kommunizierten Anspruch sehen.

  6. manimmond

    Zur zeitlichen Einordnung: Der Maturaskandal flog 1994 auf; Werner F. soll 1978 maturiert haben.

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