Gewinnen die Briten durch den Brexit?

(CHRISTIAN ORTNER) Glaubt man der öffentlichen, vor allem aber der veröffentlichten Meinung, so wird der Brexit den Briten ein wirtschaftliches Desaster der Sonderklasse bescheren. Von Rezession, Crash und Arbeitslosigkeit als Folge einer Fehlentscheidung des Souveräns ist da regelmäßig die Rede. Es ist dies freilich die gleiche öffentliche und veröffentlichte Meinung, die etwa seinerzeit den Arabischen Frühling zum Beginn der Demokratisierung und die Zuwanderungswelle der vergangenen zwölf Monate zum segensreichen Import hochqualifizierter Facharbeiter erklärt hat. Die Prognosegenauigkeit dieser veröffentlichten Meinung scheint also von eher überschaubarer Qualität zu sein.

Nicht auszuschließen ist, dass sich in ein paar Jahren zeigen wird, dass auch die Folgen des Brexit falsch eingeschätzt wurden. Denn zumindest bisher ist von einer ökonomischen Katastrophe im Vereinigten Königreich keine Spur zu sehen. Ganz im Gegenteil: Die Londoner Börse, gemeinhin ein Fieberthermometer für die Erwartungen der großen wirtschaftlichen Player, entwickelt sich seit dem Brexit-Referendum besser als die Märkte auf dem Festland und eilt sogar von Rekord zu Rekord. Auch die Zuversicht der Unternehmer, wie sie etwa das Marktforschungsinstitut Markit regelmäßig misst, kletterte im September auf den besten Wert seit langem. “Von einem konjunkturellen Einbruch keine Spur, die Wirtschaft brummt,” rapportierte jüngst erstaunt die “FAZ” aus London.

Eine ganz interessante Erklärung dazu liefert Mathias Döpfner, Boss des Axel-Springer-Konzerns, eines der größten Medienunternehmen der Welt. Er wettet darauf, “dass Großbritannien in drei bis fünf Jahren besser dastehen wird als die EU”. Denn nach dem Austritt würden die Briten ihre Wirtschaft von jeder Menge lähmender europäischer Regulierung und Bürokratisierung befreien können und bestenfalls eine Art Singapur oder Hongkong eine kurze Zugfahrt von Paris entfernt errichten. Großbritannien werde die Kräfte des freien Marktes entfesseln, während sich die EU zu einer Transferunion mit hohen Steuern und niedrigem Wachstum entwickeln werde, was immer mehr industrielle Investoren abschrecke. Wobei die Vorstellung, in der EU künftig französischen Etatismus mit deutscher Effizienz und unbehelligt von London umzusetzen, wenig einladend wirkt. “Großbritannien könnte eine sehr attraktive Alternative dazu werden”, meint Spitzenmanager Döpfner.

Das ist nicht ganz unplausibel. Und hätte wohl politische Folgen weit über das Vereinigte Königreich hinaus. Denn geraten die Briten in ein paar Jahren nach dem Austritt tatsächlich wirtschaftlich in Not, wird das den Zusammenhalt der Rest-EU, aber auch deren innere Akzeptanz deutlich stärken. Denn dann wäre ja das EU-Mantra, wonach die Union eine Art Wohlstandsgenerator sei, deutlich untermauert. Und andere Mitgliedstaaten würden sich einen Austritt wohl zweimal überlegen.

Hat hingegen Döpfner recht, wird es eng für die EU. Denn dann könnten auch andere Staaten wie etwa Frank-
reich ihre Mitgliedschaft zur Disposition stellen, das Argument der vermeintlich üblen ökonomischen Folgen wäre dann eine sehr leere Drohung. Fällt Frankreich, fällt aber die Union, wie wir sie heute kennen. (WZ)

13 comments

  1. mariuslupus

    Herr Döpfner, sollte er auch nur ein mittelmässiger Prophet sein, wird sicher recht behalten. Der Ausstieg von UK aus der EU wird der EU nicht schaden. Die EU ist voll damit beschäftigt sich selbst zu schädigen.
    Grossbritanien wird die Möglichkeit haben die eigenen wirtschaftlichen Interessen, ohne das besserwisserische Belehren durch Juncker und Schulz, zu realisieren.

  2. Fragolin

    Man sieht mal wieder, dass genau jene Systemobertanen, die jeder Opposition unterstellen “Ängste zu schüren” genau nichts anderes tun: Ständig wird der Untergang des Abendlandes herbeigeredet, sollte die EU angekratzt werden (dabei führt sie selbst diesen Untergang momentan bühnenreif vor).
    Keine Sorge, Frankreich wird die EU nicht verlassen. Das ganze Konstrukt wurde aufgebaut, um Deutschland zu kontrollieren und abzumelken, und so lange zumindest der zweite Teil weiter funktioniert, werden sich die Club-Med-Nettokassierer schwer hüten, auf nur einen Cent aus Berlin zu verzichten, den sie via Brüssel abschöpfen können.

  3. Der leiwaunde Johnny

    Nur mit dem Unterschied, dass Frankreich ohne EU wirklich absaufen würde. Denn dort könnten sich nach einem Austritt die Kräfte des freien Marktes – anders als in GB – noch weniger entfesseln, als in der EU.

  4. stiller Mitleser

    in Londoner blogs wird vor allem moniert daß französische Luxusgüter sich durch den Brexit verteuern werden…

  5. Dr.Fischer

    Nun, Brüssel verkündete doch dieser Tage salbungsvoll, daß man den Briten ihren Irrtum nicht nachtragen würde, falls sie bereuten. Der Brexit wäre durchaus rückgängig zu machen. Die Nomenklatura würde verzeihen.

  6. Der Realist

    Dieser Meinungsterror begann ja gleich nach dem Referendum. Vor ein paar Tagen wurde auch im ORF wieder berichtet, dass in Großbritannien jetzt alles teurer wird, grad so als bei uns alles billiger wird. Nachdem sich die Schweizer gegen einen EU-Beitritt ausgesprochen haben, wurde ebenfalls von den vielen “Experten” der wirtschaftliche Untergang der Schweiz prophezeit, auch da hat der ORF brav den Überbringer dieser schlechten Nachrichten gespielt.

  7. Falke

    Frankreich wird sich einen EU-Austritt dreimal überlegen, denn damit würde der Geldfluss aus Deutschland sofort aufhören, und Frankreich würde wohl in die totale Pleite schlittern. Eher werden die kleineren osteuropäischen Staaten austreten, die sich ja ganz gut entwickelt haben, aber keine Lust haben, ihr schwer erarbeitetes Geld nach Griechenland, Italien, Spanien oder Portugal zu schicken und dafür moslemische Flüchlinge “geschenkt” zu bekommen.

  8. Rennziege

    16. Oktober 2016 – 11:27 — Der Realist
    Alles, was im UK zur Zeit ein wenig teurer wird, sind importierte Luxusartikel — genau um die paar Prozent, die das Pfund gefallen ist. Doch dies wird eine Episode bleiben und hat mit dem Brexit wenig zu tun, eher mit der fadenscheinigen Rache-Rhetorik diverser EU-Bonzen.
    Die Abschüttelung der bürokratischen und retro-stalinistischen Fußfesseln, mit denen die EU seit Jahrzehnten die freie Wirtschaft versklavt, wird den Briten binnen weniger Jahre gewaltige Vorteile verschaffen. Nicht nur Mathias Döpfner sieht das so; die Börse auch: Der FTSE (liebevoll “Footsie” genannt) steigt schon jetzt beharrlich — trotz geopolitisch abenteuerlicher Zeiten.

  9. bürger2013

    gleich in den ersten tagen nach der abstimmung hörte man von den linken von einem chaos in gb. seit drei monaten warte ich nun auf die auswirkungen.

  10. Christian Peter

    Eigentlich spielt es eine untergeordnete Rolle, ob die Briten vom Brexit wirtschaftlich profitieren oder verlieren : Die Wiedererlangung der Unabhängigkeit, Freiheit und Souveränität des Vereinigten Königreichs hat einen weit höheren Stellenwert als wirtschaftliche Interessen.

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