Götter in Weiss oder Menschenmechaniker?

(Dr. med. MARCUS FRANZ) Das Rollenbild des Arztes in der Gesellschaft hat sich in den letzten Jahrzehnten fundamental geändert. War der Arzt vor nicht allzu langer Zeit noch eine nahezu unantastbare und mächtige Figur, die nicht nur in ironischer Überzeichnung als der Gott in Weiß empfunden wurde, ist er heute zu einem quasi säkularisierten Medizin-Berater geworden, der den Spielregeln einer rationalisierten Welt unterliegt.

Ermöglicht wurde diese Entwicklung durch einen Trend, der nicht zuletzt auf die 68er zurückgeht:  in allen Lebensbereichen beobachten wir ein Schwächerwerden der Autoritäten. Gleichzeitig werden die Bürger immer mündiger und in der Medizin wird das Mündigsein des Patienten bereits als Dogma betrachtet.

Der Patient ist nicht mehr das bedingungslos diagnosen- und therapiegläubige passive Objekt der Medizin, der Patient ist heute vielmehr zu einem mitunter recht kritischen, aktiven und selbstbestimmten Subjekt in der Medizin geworden.

Ein guter Indikator für die Entmystifizierung des Rollenklischees „Arzt“ und die Machtverschiebung in der Arzt-Patienten-Beziehung sind die wachsende Zahl von Schadenersatzprozessen, die umtriebige Aktivität der Patienten-Anwälte und die mediale Aufmerksamkeit, die echten oder vermeintlichen ärztlichen Fehlern entgegengebracht wird.

Wo früher ein solcher Fehler als gleichsam gottgegeben hingenommen wurde und eine Klage gegen den behandelnden Arzt für die meisten Betroffenen beinahe unvorstellbar erschien, ist heute in so einem Fall der Gang zum Kadi schon Routine. Den alten Göttern war schwer beizukommen, den neuen medizinischen Dienstleistern und Handwerkern kann man aber durchaus misstrauen oder sie auch gleich einmal verklagen.

Und doch, bei aller dem rationalen Geist der Aufklärung entsprechenden zeitgemäßen Änderung der alten Klischees: die metaphysische Bedeutung der Arztgestalt, das ihr lange Zeit und nicht von Ungefähr anhaftende Image des gottähnlichen Wesens wird andererseits nach wie vor unbewusst gesucht und hergestellt.
Denn dieses Bild des Gottes in Weiß ist ein von den Ärzten zwar mitunter gern gepflegtes, aber nicht von ihnen erfundenes, es entspringt ja vielmehr einem nur allzu menschlichen Ur-Wunsch: Nämlich im Falle einer körperlichen oder seelischen Notlage einen Helfer zu haben, der nicht nur ein spezielles Können, sondern womöglich auch transzendente Kräfte besitzt. Schäden an Körper, Geist und/oder Seele sind eben keine Probleme, die man nur durch möglichst rational und entlang von Leitlinien agierende Menschenmechaniker beheben kann, sie beinhalten immer auch eine emotionale bzw. metaphysische Komponente.

Daher beobachten wir zur gleichen Zeit, in der die weißen Götter ihren Olymp zu Recht verlassen mussten, weiterhin bestimmte Phänomene der Idealisierung und Vergötterung von Ärzten: In den diversen Medien werden Ärzte implizit immer wieder in ihrer althergebrachten Erscheinungsform  als die Götter in Weiß dargestellt. Auch wenn gerne über Kunstfehler und Medizinskandale berichtet wird, über die Erfolge und die Berühmtheiten der Medizin wird mindestens ebenso oft und bezeichnenderweise sehr gern in ehrfürchtigem Stil informiert.

Waren am Anfang bunt bemalte Medizinmänner die Objekte der Projektion von archaischen Hoffnungen, so sind es heute die medial perfekt aufbereiteten medizinischen und wissenschaftlichen Kapazitäten. Die Hochglanzmagazine sind in schöner Regelmäßigkeit die neuen Gebetsbücher der Medizin. Die dazugehörigen TV-Sendungen verbreiten ihre Evangelien dazu. Und die stets irgendwo publizierten Ärzte-Rankings lesen sich wie Sammelsurien von Heiligen-Bildchen mit Huldigungsschriften.

Insgesamt ergibt sich daraus heute ein ambivalentes Bild des Arztes: hier ist er ein Mensch wie jeder andere, mit gewissen speziellen Fähigkeiten und großer Verantwortung, der aber auch Fehler macht und Schwächen hat. Auf der anderen Seite stellt er das prophetische, unfehlbare und mächtige Wesen dar, das gottgleich über Tod und Leben entscheiden soll.

Wie könnten nun die Ärzte mit dieser durch und durch zwiespältigen neuen Rolle umgehen? Wahrscheinlich begegnen sie dem geänderten gesellschaftlichen Anspruch am besten, wenn sie zulassen, dass durch ein Vorantreiben der Rationalisierungsprozesse die irrationalen Erwartungen des Einzelnen an definitiv nicht vorhandene göttliche Eigenschaften des Arztes weiter abgeschwächt werden.

Gleichzeitig müssen die Ärzte aber darauf Wert legen, nicht zu reinen Menschenmechanikern reduziert zu werden, denn das Metaphysische und das Emotionale sind Entitäten, die auch aus dem modernen, rationalisierten Medizinbetrieb nicht ausgeklammert werden können. Ein gesundes Vertrauen in der Arzt-Patienten-Beziehung ist wohl der Grundstock für das Gelingen einer Behandlung.

Sicher ist jedenfalls, dass jegliches Beharren auf der Gottesrolle – und sei es auch nur aufgrund der unbewussten, über die Medien transportierten Wünsche der Allgemeinheit – in Wahrheit kontraproduktiv und schädlich ist, da dieses Wunschbild letzten Endes von niemandem erfüllt werden kann.

Sicher ist aber auch, dass der aktuelle Trend im System, die Medizin nur mehr in technologische Tools, in Kostenstellen und in messbare Einheiten zerlegen und die Ärzte in tayloristische Korsetts zwängen zu wollen, einer Kastration des freien Berufsstandes geichkommt, die Behandlung entmenschlicht und daher genauso kontraproduktiv ist.

Man wird den Konflikt über diese Richtungsentscheidung austragen müssen: Politisch und standespolitisch, mit den Sozialversicherern und man wird natürlich auch und vor allem mit den Bürgern/Patienten darüber reden müssen. Diese sind gemeinsam mit den Ärzten die Hauptbetroffenen von drohenden Systembrüchen. Fakt ist: Ohne Führungsrolle der Ärzte funktioniert kein Gesundheitssystem der Welt. Das sollte daher das Leitbild jedes medizinpolitischen Diskurses sein.

5 comments

  1. Lisa

    Das Vertrauen ist es, das abhanden gekommen ist (nicht nur gegenüber den Ärzten,auch gegenüber Politkern, BAnken und Kirchen) Früher hiess es, wenn man eine Zweitmeinung einholte “Dann gehen Sie doch zu dem” oder als ich zum HNO ging und sagte, ich hätte eine Sinusitis, pfiff er mich an: “Sagen Sie, wos wehtut, ich sag Ihnen dann schon, was Sie haben” Damals reagierte ich ganz kleinlaut – heute würde ich gleich kehrtmachen und der hätte mich gesehen. Diese übertriebene Ablehnung jedweder Autoritäten bei den 68ern und ihren Zöglingen hat mit der zunehmenden Informiertheit zu tun, nicht zuletzt darüber, dass Vertrauen in einen “Führer”, einen “Staat” auch massiv missbraucht werden kann. Vertrauen muss man sich eben erwerben – dann kann man die Balance zwischen Misstrauen und blindem Vetrauen halten.

  2. Franziska Malatesta

    Die Götter in Weiß sind nicht verschwunden. Sie sind heute die Krankenschwestern, die ihren Beruf in “Gukfachkräfte” umbenannt haben und die Patienten mit ihrer auch sonst abgehobenen, albernen und betulichen Sprache quälen und überall herumerzählen, daß die Ärzte ohne sie völlig hilflos wären.

  3. Gerhard

    Herr Dr. Franz schreibt hier über ein sehr diskussionswürdiges Thema.
    Nicht nur Ärzte, auch andere Berufe (z.B. Anwälte, Polizisten, Politiker, Lehrkräfte – ausgenommen Volkschullehrerinnen) haben in der Jetztzeit aaus verschiedenen Gründen stark an Autorität eingebüßt.
    Was die Mediziner betrifft, so ist dabei auch das derzeitige Sozialversicherungssystem (Vollkaskomentalität vieler Versicherten) sowie die Vergebührung durch die Pflichtkrankenkassen schuld, dass die Vertrauensbindung (Stichwort: Hausarzt) nicht mehr gegeben ist. Aber auch der Neid am Einkommen sowie die Gier mancher Mediziner sind daran nicht unbeteiligt. Einerseits wollen viele Menschen nicht anerkennen, dass ein Mediziner wesentlich später mit dem Geldverdienen beginnen kann und daher ein überdurchschnittliches Einkommen gerechtfertigt ist, andererseits erweisen auch wenige Ärzte durch ihre Starallüren der gesamten Ärzteschaft keinen guten Dienst. Mich stören z.B. immer wieder sog. Rankings in Zeitschriften, wo die scheinbar “besten Ärzte” anzutreffen sind. Es stimmt zwar, dass viele Mediziner hervorragende Leistungen erbringen, andererseits es aber auch viele bescheidene Ärzte gibt, welche genauso gut und erfolgreich “im Stillen” ihre Patienen behandeln.
    Beschämend war z.B. auch ein kürzlicher Auftritt eines Praktikers in der TV-Sendung “Bürgeranwalt” (3.1.), welcher mit allen Mitteln um seinen Zusatzverdienst als Hausapotheker ab 2018 kämpfte. Dabei hat er aber nur von den Vorteilen seiner Patienten und der möglichen Zerstörung seines “Lebenswerkes” argumentiert. Diese Sendung ist leider nicht mehr abrufbar, da der ORF viele Filme nur für 7 Tage in der TVthek verfügbar macht.

    Zum Hinweis von LISA betreffend “Second opinion” werden heutzutage moderne Mediziner nichts einzuwenden haben, wenn man sich auch eine weitere Meinung einholt. Bei Mammografieuntersuchungen ist es sogar üblich, dass ein zweiter Befunder zugezogen wird und auch die Krankenkassen sind bereit, Zweitmeinungen zu honorieren.

  4. Leitwolf

    Wie wärs mit ein wenig mehr Realitätsbezug?

    Wo die Probleme unseres Gesundheitswesens liegen, weiß ich aus praktischer Erfahrung nur zu gut. Ein paar Beispiele:

    Letztes Frühjahr verletzte ich mich äußerst schmerzhaft im Knie. Nach dem Röntgen bekam ich eine Voltaren Salbe und die Botschaft in einer Woche wärs wieder gut. War es freilich nicht, und für ein MRT brauchte es 3 Monate. Ergebnis: Fraktur der lateralen Tibia.

    Als es mir 2009 sehr schlecht ging (ua. wollte die Leber nicht mehr), suchte ich mein Cousin auf, seineszeichens Arzt. Zu den Leberwerten meinte er: nein, die sind nicht erhöht, nur das Verhältnis von ALT/GPT, was aber nichts zu bedeuten hätte.
    ..ja, der Mann weiß nicht was Leberwerte sind, als Internist !!!!

    Ein Kollege hatte dagegen einen handfesten Therapievorschlag: Morphium, palliativ.
    Ich musste aus egoistischen Motiven ablehnen, ich wollte nämlich weiter leben. Eine von mir vorgeschlagene alternative Therapie lehnte er mit Verweis auf mögliche Nebenwirkungen hingegen ab.

    Zuvor setzte ich nämlich gegen ärztliches Abraten eine Untersuchung meines Immunsystems durch, was einen primären Immundefekt relevierte. Das und Umstand, dass ich seit der Kindheit an unüberwindbaren Mykosen und anderen Symptomen litt, nährte einen Verdacht. Doch über 12 Untersuchungen ob dieser Mykosen blieben negativ, und erst bei der letzten dieser Untersuchungen wurde klar wieso.
    Zwar war der Befund nativ positiv, doch scheiterte abermals die Kultivierung des Keims. Anstatt dieses “technische Problem” zu dokumentieren, wurden alle Befunde einfach falsch negativ attestiert.

    Andernfalls hätte sich längst eine einfache medikamentöse Therapie geboten. Nun blieb der Sachverhalt (einer systemischen Mykose) dennoch strittig, ich konnte aber wenigstens das lebensrettende Medikament “erbetteln”. Zwei Monate später war ich wieder unter den Lebenden, und selbst die seit der Kindheit anhaltenden “ideopathischen” Herzrythmusstörungen verschwanden..

    Zuvor begang ich den Fehler mich zwecks Verdachts auf “CFS” an das AKH zu begeben. Was ich nicht wusste: das bekommt dort aber niemand diagnostiziert, stattdessen wird jedem Fall eine psychiatrische Diagnose angehängt. Davon zeugt etwa die Stellungnahme des damaligen Gesundheitsministers Stöger zur Sache.
    https://www.parlament.gv.at/PAKT/VHG/XXIV/AB/AB_06287/fname_199299.pdf#page=6

    Bitte die “kreative” Methematik dieser Tabelle zu beachten. Weil nur ein einziger Fall (nach Protest gegen eine psychaitrische ASD) and der “Ambulanz für CFS” auch CFS diagnostiziert bekam (1/30 = 3,3%), wurde die Tabelle kurzerhand und äußerst dilletantisch frisiert.

    In einem Rechtsstaat könnte man da Verbrechen an Leib und Leben vermuten, und dem Gesundheitsminister Mittäterschaft unterstellen. In Österreich ist das business as usual.

  5. Rennziege

    Ich bin diesmal ausnahmsweise ganz bei Dr. Franz.
    Naturgemäß hatte ich noch wenig mit Ärzten zu tun, mir fehlt njix. Aber drei Entbindungen waren auch nicht grad ein Kindergeburtstag (jetzt meinen die Hiesigen wieder, ich blödle herum; vermutlich zu Recht). Oisdann: Diese drei Begegnungen, wenn auch kurz, mit österreichischen Ärzten, Hebammen und Krankenschwestern waren vertrauensvoll, geradezu innig. Und ja! Mit ihnen konnte man auch trotz Wehen herrlich blödeln — was vermutlich auch daran lag, dass ich meinem Mannsbild entgegen der herrschenden Mode strikt verbot, den Geburten beizuwohnen, was ihn sehr erleichterte. (Nicht grundlos sind Kreißsäle bis zum Plafond gefliest, und männliche Hebammen kann ich mir nicht vorstellen.)
    Wenn man mit Ärzten und Schwestern offen und unvoreingenommen kommuniziert, ihrem aufwendig erworbenen Knowhow ver- und sich ihnen anvertraut, ohne ihnen Quacksalber-Werbung aus “Frau im Koma” vor die Nase zu halten (wie eine meiner Zimmergenossinen es für angebracht hielt), wird in Österreich hervorragend behandelt und betreut. Wer politisch unkorrektes Blödeln liebt, wird gleich doppelt belohnt; denn auch Ärzte und Schwestern brauchen ein bisschen Sonne im kalten Wasser ihrer Dienstpläne.

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