Gut, dass es (noch) einen Weltpolizisten gibt

(C.O.)  Spät, halbherzig, aber besser als gar nichts: dass die USA nun sehr begrenzte Luftschläge gegen die Terrororganisation IS im Irak führen werden war mehr als überfällig. Dass die Europäer dabei auch weiterhin nonchalant wegsehen und den USA die Rolle des Weltpolizisten überlassen, muss man verstehen. Schließlich hat Europa mit dem barbarischen Käse-Boykott der Russen, der den müden alten Kontinent in den Grundfesten erschüttert, mehr als genug zu tun.

Was kein wirkliches Ruhmesblatt für das Friedensprojekt Europa ist.  Denn was sich derzeit in den von der Terrororganisation IS kontrollierten Teilen des Irak und Syriens abspielt, gleicht jenen Zivilisationsbrüchen, wie sie von den Nazis in Osteuropa oder von den Serben in Srebrenica veranstaltet worden sind. Es sind immer die selben Bilder: hunderte von jungen Männern die sich auf den Boden legen müssen und eine Kugel in den Kopf bekommen; Peiniger, die am Flussufer stehend einem Gefangenen nach dem anderen den Fangschuss verpassen, bis sich das Wasser rot vom Blut der Opfer färbt. Da sind Kreuzigungen an der Tagesordnung und das Abschlagen von Köpfen mit dem Schwert; zum Opfer kann jeder werden, der den IS-Schlächtern nicht zu Gesichte steht.

Dass der Öffentlichkeit im Westen noch immer nicht so auseichend bewusst ist, welches Ausmaß die Barbarei dort angenommen hat, liegt an einem bizarren Medien-Paradoxon: die Videos, die das dokumentieren, sind dermaßen brutal, dass kein TV-Sender sie ausstrahlen kann.

Das dürfte auch ein Grund sein, warum die scheinbar zivilisierte Welt sich diesem Ausbruch des Bösen nicht angemessen gestellt hat: solange nicht ausreichend viele Wähler im Westen ausreichend viele Leichen im Fernsehen gesehen haben, gibt es keinen Druck auf die Regierungen, den IS-Schlächtern so konsequent das Handwerk zu legen, wie das etwa am Balkan in den 1990er-Jahren spät, aber doch durch eine robuste militärische Intervention gegen die Milosevic-Mordbuben gelang.

Dass der Westen den Bedrängten in den Bloodlands des Islamischen Staates nur spät, zögerlich und sehr vorsichtig zu Hilfe kommt hat mehrere Gründe, und keiner davon gibt uns Grund, sonderlich stolz zu sein.

Da ist einmal die nahezu traumatische Erfahrung, die der Westen mit militärischen Interventionen in der arabischen Welt in den  vergangenen Jahrzehnten gemacht hat und die beinahe ausnahmslos schief gingen. Vom Irak-Krieg über die Libyen-Intervention bis hin zur naiven Unterstützung des sogenannten Arabischen Frühlings verschlimmerte nahezu jeder westliche Eingriff in dieser Weltgegend die ohnehin schon üble Lage noch weiter.

Das macht aus begreiflichen Gründen nicht eben große Lust, sich jetzt auch mit der blutrünstigen IS ernsthaft und vor allem am Boden militärisch auseinander zu setzen.

Dazu kommt, dass eine derartige militärische Operation vermutlich ähnlich schwer zu gewinnen wäre wie der Vietnam-Krieg: auch IS würde vermutlich einen blutigen Guerilla-Krieg gegen die Truppen der Ungläubigen führen.

Und schließlich käme ein derartiger Krieg auch jenen zugute, deren Partei man eher nicht ergreifen möchte: allen voran Syriens Schlächter Assad, gegen den IS in Syrien erbittert kämpft (unter anderem übrigens, indem sie gefangene Assad-Soldaten regelmäßig enthauptet).

Für seine Zögerlichkeit wird vor allem Europa früher oder später zahlen müssen. Je mehr hyperbrutalisierte  junge Europäer, die jetzt für IS kämpfen, in ihre Heimat zurückkehren, um so größer wird die Wahrscheinlichkeit, dass sie in Europa ein Massaker anrichten, wie sie es im Terror-Kalifat gelernt haben. (“WZ”)

11 comments

  1. Thomas Holzer

    Der Herr Rasmussen ist ganz schwer in Kiew beschäftigt; der Herr Gauck fordert zwar ein, daß Deutschland mehr Verantwortung in der Welt übernimmt, aber anscheinend ist diese Welt des Herrn Gauck geographisch auf Europa beschränkt; hinzu kommt wohl auch, daß die europäischen Politikerdarsteller große Angst davor haben, daß der offene Kampf gegen die IS-Schlächter von einem großen Teil der muslimischen Bevölkerung in Europa nicht gerade goutiert werden würde; ohne wirkliche persönliche Überzeugung ist so ein Kampf eben schwierig zu führen.
    Wo bleiben eigentlich all die Drohnen, welche die USA sonst überall auf der Welt “zum Wohle” der Freiheit einsetzen?! Dort, wo sie wirklich gebraucht werden würden, besteht anscheinend ein Mangel an denselben………..

  2. Mourawetz

    Dank an Christian Ortner für diese Worte. Dem kann ich nur beipflichten. Gottseindank hat man Obama überzeugen können doch endlich trotz der unseligen Ereignisse in den Jahren zuvor, den islamischen Schlächtern Einhalt zu gebieten. Sonst, außer den Amerikanern, ist nämlich Weit und breit NIEMAND da, der den Mumm dazu hat.

  3. Alfred Mayerhofer

    Das Problem wird sein, dass die Welt das Eingreifen der Amerikaner jetzt (jedenfalls zum Teil) begrüßt. Die Mörder des IS werden aber sicherlich in den nächsten Tagen Kinder und vermummte Frauen zu den Kanonen karren und dann die Bilder von den durch US-Drohnen getöteten ins Internet stellen. Dann haben wieder die Gutmenschen das Sagen.

  4. Riso

    Es gäbe keinen Grund jetzt im Irak Luftschläge durchzuführen, wenn man Saddam nicht entfernt und die syrischen Rebellen nicht mit amerikanischen Waffen versorgt hätte.

  5. Thomas Holzer

    @Riso
    Da haben Sie natürlich absolut recht!
    Nichtsdestotrotz ist die Entscheidung des Herrn Obama für Luftangriffe, meiner Meinung nach, richtig; wahrscheinlich die erste richtige Entscheidung in seinen 2 Amtszeiten 😉

  6. Ferguson

    Selten so bitter gelacht wie dieses Mal. Oder handelt es sich um eine Satire, ueber die man lachen soll? Obama muss doch nur deshalb eingreifen, weil zwar wenigstens eine private US-Armee im Irak steht um den Oel-Fluss nach Amerika zu sichern, aber es bisher noch keine private Air Force gibt. Es fehlen Air Cover fuer die Aktionen der privaten Armee und Lebensmittelnachschub, weil man dachte selbigen kaeuflich vor Ort zu ergaenzen. Heute kommt mehr Erdoel aus dem Irak in die USA als jemals zu Zeiten von Saddam Hussein.

  7. gms

    Gabor Steingart: “Die amerikanische Neigung zur verbalen und dann auch militärischen Eskalation, das Ausgrenzen, Angiften und Angreifen, hat sich nicht bewährt. Die letzte erfolgreiche militärische Großaktion, die Amerika durchgeführt hat, war die Landung in der Normandie. Alles andere – Korea, Vietnam, Irak und Afghanistan – ging gründlich daneben. Jetzt wieder Nato-Einheiten an die polnische Grenze zu verlegen und über eine Bewaffnung der Ukraine nachzudenken ist eine Fortsetzung der diplomatischen Ideenlosigkeit mit militärischen Mitteln.” [1]

    Angesichts einer derart inferioren Weltpolizei fragt man sich, was die erstrebenswerten Vorzüge eines globalen Polizeistaates sind, in dem ein egozentrischer Teenager auf einem Mix aus Steroiden und Drogen zugleich Partei, Ermittler, Ankläger, Richter und Henker ist und dessen vortrefflichste Eigenheit darin besteht, die Erreichung seiner Interessen mit den ihm hörigen Medien unter einer Lawine aus Bekenntnissen zu Menschen- und Völkerrecht, Demokratie und vergleichbaren Wieselwörtern zu begraben.

    Redliches Bemühen? — So sympathisch kann einem der Way-of-Life oder die hemdsärmelige Can-do-Haltung der US-Amerikaner gar nicht sein, um nicht im Licht der Fakten zugleich festhalten zu müssen, daß sie von deren Administrationen seit Jahrzehnten hinters Licht geführt werden und dies nur mit einem gerüttelten Maß an naivem Selbstbetrug oder Fatalismus erklärt werden kann.

    “Die Inszenierung des Ukraine-Konflikts durch die USA” [2]

    Am 4. September findet in Wales der nächste NATO-Gipfel statt, die Ukraine steht explizit auf der Agenda. Wer nun Eins und Eins zusammenzählen kann, der versteht auch, warum die verschworene Gemeinschaft der Presstituierten der vorgeblich dummen Masse heute schon mit dummen Sprüchen verklickert, die Ermittlungen rund um MH17 würden noch einige zusätzliche Wochen andauern und zuvor könne nicht mit einem Zwischenbericht gerechnet werden.

    [1] handelsblatt.com/meinung/kommentare/politik-der-eskalation-der-irrweg-des-westens-seite-all/10308844-all.html
    [2] heise.de/tp/artikel/42/42451/1.html
    [3] gov.uk/government/topical-events/nato-summit-wales-cymru-2014

  8. gms

    Ferguson,

    “Heute kommt mehr Erdoel aus dem Irak in die USA als jemals zu Zeiten von Saddam Hussein.”

    In absoluten Zahlen stimmt das nicht [1], die Hintergründe hierfür sind offensichtlich:

    — Tony Blair talked about how he wanted to rid the world of a brutal dictator who was a threat to regional peace, stability, and democracy.

    But Saddam was sponsored by the CIA and MI6; and his genocidal campaigns against the Kurds and Shi’as were pursued with the support of the US-UK governments, who supplied him hundreds of millions of dollars of weapons – including chemical and biological weapons. As one Reagan administration official put it, “Saddam Hussein is a bastard. But he’s our bastard.” —

    [1] eia.gov/dnav/pet/hist/LeafHandler.ashx?n=PET&s=MTTIMIZ1&f=M
    [2] huffingtonpost.co.uk/dr-nafeez-mosaddeq-ahmed/iraq-war-anniversary-seven-myths_b_2766643.html

  9. Mario Wolf

    Die USA al Weltpolizist ? Eine völlige Verkennung wenn nicht Leugnung der geschichtlichen Realität. Die USA betätigen sich seit Jahrzehnten als Brandstifter. Sie haben die erstaunliche Fähigkeit den falschen zu unterstützen, Battista, Marcos, Resa Pahlevi, Saddam Hussein, und mit einem untrüglichen Instinkt für den nächsten Fettnapf, den nächsten unsinnigen Krieg zu beginnen – Irak, Afghanistan. Die aktuelle Aggression ist nur die Folge der früheren Aggressionen. Warum dieses Vorgehen in den Medien gelobt wird, ist nur mit einem absoluten Unverständniss für geschichtliche und geopolitische Zusammenhänge, erklärbar.

  10. Ferguson

    @gms: 1. Grundsätzlich glaube ich nur an Statistiken, die ich selbst gefälscht habe. Aber sei es drum: Bekam Israel vor einigen Tagen Erdöl aus (irakisch) Kurdistan durch die Türkei? Oder wurde das Erdöl aus welchen Gründen auch immer lediglich durch Israel hindurch geleitet? Wissen sie genaues?
    2. Ein großer Erfolg für Tony Blair. Saddam Hussein ist nicht mehr. Dafür haben wir jetzt einen weisen Kalifen, allerdings gefällt der dem Abendland nicht. Außerdem haben wir einen in Auflösung begriffenen Staat Irak. Ein Klasse Erfolg!

  11. gms

    Ferguson,

    “Grundsätzlich glaube ich nur an Statistiken, die ich selbst gefälscht habe.”

    Anteilig an den Gesamtimporten der USA lieferte der Irak immer nur im einstelligen Prozentbereich. Verdient hatte die Erdölbranche am Krieg im Irak dennoch, auch ohne daß man sich selbst danach dort vermehrt Förderrechte einräumte, und zwar durch den signifikant höheren Preis. Finanziert wurde der Krieg zum Großteil durch Saudi-Arabien und Kuwait, jene Milliarden, die zusätzlich von den Amerikanern kamen, wurden durch zusätzliche Steuereinnahmen über die Ölbranche mehr als wettgemacht. Nicht minder profitiert hatte die Rüstungsindustrie

    Auf der Siegerseite war die Ölbranche in kriegerischen Zeiten immer, dasselbe gilt auch heute noch:
    “Why you should stick with energy stocks: Geopolitical risk [..] For some time, I have been advocating an overweight to this sector, and I continue to stand by that position. The sector provides an important feature today: a potential hedge against rising geopolitical risk. Should events in Ukraine continue to deteriorate and lead to an escalating series of sanctions and higher oil prices, I believe energy stocks are likely to continue to outperform the broader market.”

    [1] marketrealist.com/2014/07/why-you-should-stick-with-energy-stocks-geopolitical-risk/

Kommentar verfassen

Du kannst die folgenden HTML-Codes verwenden:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden .