“Hände weg von deutschen Titten – Nein zur EU-Norm-Brust!”

(CHRISTIAN ORTNER) Es ist eine etwas eigenartige Partei, die bei den jüngsten EU-Wahlen in Deutschland ihren Stimmenteil von 0,6 auf 2,4 Prozent vervierfachte und damit gleich zwei Abgeordnete ins Europäische Parlament (EP) entsenden wird. Einer ihrer Wahlslogans lautete: “Hände weg von deutschen Titten – Nein zur EU-Norm-Brust!”. In ihrem Programm fordert sie unter anderem “eine Besetzung von 17 Prozent der Führungspositionen mit Faulen, Drückebergern und Müßiggängern”, die Errichtung einer Mauer um die Schweiz sowie den Wiederaufbau der DDR-Mauer, ein “Existenzminimum von 1 Million” sowie, “dass Markus Lanz ab sofort Kinderpornos moderiert, damit die künftig niemand mehr anschaut”.

Ausgedacht hat sich all das Martin Sonneborn, Mitbegründer des Satiremagazins “Titanic” und seit 2014 für “Die Partei”, so der Name der polit-kabarettistischen Gruppierung, Mitglied des EP mit Sitz in Brüssel und Straßburg.

Was man in dieser riesigen Politikmaschine – weit über 700 Abgeordnete und ein Vielfaches davon an Assistenten, Mitarbeitern, Verwaltungsbeamten und Übersetzern – so erlebt, hat Sonneborn nun in einem recht amüsanten Buch für die Nachwelt dokumentiert: “Herr Sonneborn geht nach Brüssel – Abenteuer im Europaparlament”.

Die Expedition ins politische Herz Europas beginnt 2014. “Am Anfang ist es wie eine Klassenfahrt für Erwachsene. Europäer mit 24 verschiedenen Muttersprachen treffen aufeinander. Sie kennen sich nicht, sollen aber gemeinsam Politik machen. Und es werden wilde Jahre.” Es geht um durchaus Wichtiges: die Vergrößerung der EU, den Brexit, Datenschutzrichtlinien, die Katalonien-Krise und die schwierigen Beziehungen zu den USA des Donald Trump.

Doch Sonneborn nimmt all dies nicht sonderlich ernst und stimmt einfach abwechselnd mit ja und mit nein, egal, worum es inhaltlich geht. “Ich hatte nicht den Anspruch, in Brüssel politisch etwas zu erreichen”, meint er, “Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, Öffentlichkeit zu schaffen für die unseriösen Seiten der EU.”

Das gelingt ihm auch durchaus gut. Etwa, wenn er von den eigenartigen Charakteren berichtet, die ihm im Abgeordnetenhaus so begegnen. “Es ist unfassbar, was für skurrile Gestalten man hier trifft. Von polnischen Monarchisten, die das Frauenwahlrecht abschaffen wollen, bis zu ungarischen Antisemiten. Rechts von mir saß ein unrasierter Immobilienhändler von der AfD, links Marine Le Pen, ebenfalls unrasiert.” Oder Alessandra Mussolini, die Enkelin des “Duce”: “Als ultrarechtes Mitglied der Berlusconi-Fraktion wurde sie wütend, als sie erfuhr, dass sie auf Platz 5 einer Po-Liste der höchstbewerteten weiblichen Hinterteile des Parlamentes geführt wurde. Wütend, weil sie sich unterbewertet fühlte.” Die Dame, berichtet Sonneborn, habe sich gerächt, indem sie drohte, publik zu machen, “wie kurz die Mikropenisse unserer männlichen Mitglieder im Parlament sind”.

Alkoholisches Klima

Vieles von dem, was Sonneborn da durchaus unterhaltsam dokumentiert, ist dem interessierten Leser freilich nicht neu: das ziemlich alkoholische Klima des Hohen Hauses, die kleineren und größeren finanziellen Machinationen der Abgeordneten, das Spesen- und Diätenunwesen sowie die bizarre regelmäßige Übersiedlung des ganzen Apparates von Brüssel nach Straßburg und wieder retour zu immensen Kosten.

Wer Sonneborns Buch aufmerksam studiert, dem drängt sich zwingend der Eindruck auf, das Parlament sei eine kafkaeske Veranstaltung, ganz weit entfernt von der Lebenswirklichkeit der Bürger. Und das ist auch das Problem des Textes. Denn so durch und durch berechtigt die Bloßstellung der zentralen demokratischen Institution Europas ist, so wenig beachtet sie die notwendige Verhältnismäßigkeit. Denn das EP ist eben nicht nur eine Ansammlung kostspieliger Skurrilitäten, sondern auch ein wichtiger Teil des europäischen Institutionen-Gefüges, der nicht nur Unfug produziert. Das zu beschreiben, ist halt freilich deutlich weniger vergnüglich. (WZ)

Herr Sonneborn geht nach Brüssel – Abenteuer im Europaparlament

KiWi-Paperback

Köln, 2019, 432 Seiten, 18,50 Euro

3 comments

  1. LePenseur

    Cher Monsieur Ortner,

    das EP ist eben nicht nur eine Ansammlung kostspieliger Skurrilitäten, sondern auch ein wichtiger Teil des europäischen Institutionen-Gefüges, der nicht nur Unfug produziert.

    War dieser Kotau vor den EUrokraten wirklich notwendig? Denn ernst gemeint haben können Sie den Schlußsatz Ihres Artikels angesichts der politischen Zahnlosigkeit und gleichzeitigen ideologischen Verblasenheit des EU-»Parlaments« wohl kaum …

  2. astuga

    Früher hat man gelacht, weil im alten Rom schon mal ein durchgeknallter Caesar sein Pferd zum Senator ernannte.

    Wir haben Die Partei und Brüssel…

  3. Thomas F.

    In Wahrheit ist es ein einziger großer Skandal, was die in Brüssel (wenn sie nicht gerade auf Ausflug in Straßburg sind) ungestraft aufführen.
    Die Engländer haben es bald hinter sich. Sie sind die klügsten Europäer, werden uns fehlen.

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