Hauptsache Auskotzen

(C.O.)n der Politik gilt bekanntlich ein ehernes, unumstößliches und überparteiliches Gesetz: Wer die Hitze nicht gut aushält, hat in der Küche nichts verloren.

Deshalb wird sich auch ganz grundsätzlich das allgemeine Mitleid mit dem Neu-Politiker Eugen Freund ob der öffentlichen und vor allem der veröffentlichten Reaktionen auf seinen nicht eben besonders gut gelungenen Start in den Wahlkampf in recht überschaubaren Grenzen halten. “He asked for it”, würden die Briten dergleichen trocken beschreiben. Wer ein politisches Amt anstrebt, der darf eben kein Träger eines Glas-Kinns sein.

Und doch sind die Aggression, der blanke Hass und die verbalen Fäkal-Ergüsse, die sich seit Tagen in den Online-Foren österreichischer Medien, in sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter und all den anderen Feuchtgebieten des Internets über den auf einer intellektuellen Banane ausgerutschten Politiker ergießen, irgendwie erschreckender als dessen ungeschickte Einlassungen.

Herr Freund ist nicht der erste österreichische Politiker, dessen Fehler derartig überschießende, völlig unproportionale und unangemessene Reaktionen in der Online-Welt hervorrufen. Auch im vergangenen Nationalratswahlkampf war dieses Phänomen immer wieder zu beobachten, wobei die Hassorgien keinerlei politische Präferenzen erkennen ließen – “Hauptsache auskotzen” scheint das Motto zahlloser User und Poster zu sein.

Es ist dies, freundlich formuliert, ein ziemlich unerquicklicher Zustand, der einen immer wichtiger werdenden Bereich der hiesigen Medienlandschaft zu einem nahezu unbewohnbaren Ort macht, an dem jeden halbwegs vernünftigen Menschen schnell Übelkeit überkommt. Wenn Online-Medien zu einer Art geschlossener elektronischer Gummizelle verkommen, in der sich der Wahnsinn ungestört austoben kann, dann besteht Handlungsbedarf.

Sonst besteht nämlich nicht zuletzt die Gefahr, dass jene Generation, die gerade mit den Online-Medien als informationsmäßigen Hauptnahrungsmitteln aufwächst, derartige Formen der öffentlichen Auseinandersetzung für etwas völliges Normales hält. Flugs wäre der Hassmodus als Standardeinstellung des politischen Diskurses etabliert – eine wenig erbauliche Vorstellung.

Dass man im elektronischen Sektor der Medienwelt Erkenntnisse über den Geisteszustand eines Teils der Bevölkerung gewinnen kann, die man sich vielleicht lieber erspart hätte, liegt primär an der Anonymität, die dort auch dem widerwärtigsten Hassprediger Schutz und Unterschlupf bietet. Dass praktisch alle Medien an der Anonymität festhalten, hat natürlich ökonomische Gründe: weil sie zu höheren Reichweiten und User-Zahlen führt.

Diese Anonymität im Netz gehört aber trotzdem abgeschafft, soll dieses nicht endgültig zu einer virtuellen Klapsmühle verkommen, die kein im Vollbesitz seiner Geisteskräfte befindlicher Mensch freiwillig betreten würde.

Anonyme Hassbriefe durchgeknallter Psychos landeten früher ja auch im Papierkorb – einen guten Grund, sie online öffentlich zu machen, gibt es nicht. (WZ)

20 comments

  1. Galler Urban

    angesichts der unterschwelligen Hetze welche vorallem von Linksmedien (zB.: Standard, junge Grüne gegen FPÖ Ball) betrieben wird, darf man sich nicht wirklich wundern, wenn der Hasspegel unaufhörlich steigt und letztentlich auch bei uns in Gewalt enden wird.

  2. Wettbewerber

    Der Ruf nach weiterer, ausufernder staatlicher Regulierung und Kontrolle (anders ist die Forderung nach Abschaffung der Anonymität im Internet nicht vernünftig umsetzbar) ausgerechnet vom Gründer und Betreiber dieses Forums wird auch dann nicht weniger bedenklich und besorgniserregend, wenn man ihm zugute halten muss, dass er in seiner Exponiertheit (und glühendem Vorbild, was Offenheit und Ehrlichkeit anbelangt) wohl geradezu tagtäglich den erwähnten “Auskotz-Tiraden” ausgesetzt sein wird, wie ich vermute.

    Was immer wir in der derzeit (immer hoffnungsloser werdenden) Zeit brauchen, ist mit Sicherheit nicht noch mehr Macht und Kontrolle für den Staat, dessen unablässige Anhäufung ebendieser Instrumente wohl nicht ganz zufällig mit der allgemeinen SItuation korreliert.

    Und im übrigen: Wer sich entsprechend auslässt unter dem Schutz der Anonymität, ist eben nicht unbedingt ein Vorbild. Auch nicht für Jugendliche. So dumm sind die nicht.

  3. Thomas Braun

    Sind nicht diejenigen die wirklich Störenden, die sich über die Auswirkungen der Politik keine Gedanken (mehr) machen? Ganz zu schweigen davon, dass sie eine schriftliche Stellungnahme in einem online-Forum abgeben würden? Hauptsache der nächste Urlaub, Fernseher, Smartphone, SUV oder was auch immer, stehen weiterhin zur Verfuegung.

  4. Thomas Holzer

    @Herr Ortner
    Verzeihung, aber ich erlaube mir, gegen die Abschaffung, gegen das Verbot der Anonymität im Netz das Wort zu ergreifen.
    Auch wenn ich kein Pseudonym verwende, um meine Kommentare hier zu plazieren, denke ich doch, daß es jedem freigestellt sein sollte, ob man eines verwendet oder nicht. Zugegeben, mit der Verwendung eines Pseudonyms steigt -leider- grosso modo die Wahrscheinlichkeit zu Untergriffigkeiten, zur Verwendung von Worten, Ausdrücken, welche -wie ich denke und zu hoffen wage- keine dieser anonymisierten “Personen” in einer Diskussion von Angesicht zu Angesicht verwenden würde; andererseits jedoch gebe ich zu bedenken, daß jeder halbwegs vernünftige Mensch diese Beleidigungen, diese Niederträchtigkeiten, diese Vulgarität als das erkennt, was sie eigentlich sind: schlicht und einfach ein Art(sic!), ein Versuch(sic!) eines “verbalen” Ausdrucks von Menschen, welche schlicht und einfach davon überzeugt sind, irgendwo, irgendwie in ihrem Leben zu kurz gekommen zu sein, und nun “denken”, dieses vermeintliche Manko durch einen möglichst derben Gebrauch der deutschen Sprache ausgleichen zu können/müssen.
    Wir werden auch dies überleben!
    Freiheit ist einfach nur Freiheit, und sonst gar nichts. Und dies impliziert sowohl die Freiheit vulgär, als auch nobel zu sein.
    (Fast) jeder anonymisierte Beitragsschreiber weiß doch um seine eigenen Unzulänglichkeiten Bescheid. Die Medien jagen (fast) jeden Tag eine neue Sau durchs Dorf, und die “Anonymiker” lassen halt (fast) jeden Tag die Sau raus 😉
    actually, I do not care!

  5. Thomas Holzer

    @Wettbewerber
    Auch wenn ich Ihnen grundsätzlich zustimme; ein Verbot von Anonymität im Netz bedarf nicht zwingender Weise des Staates!
    Herr Ortner könnte, und dies sei ihm unbenommen, entscheiden, daß er auf seiner(sic!) Seite nur mehr Kommentare veröffentlicht, welche nicht unter einem Pseudonym verfasst wurden; für diese Entscheidung bedarf es eben keines Staates, das wäre im weitesten Sinne eine privatrechtliche Entscheidung

  6. Wettbewerber

    @Thomas Holzer

    Volle Zustimmung. Ich meinte in seinem Artikel herauszuhören, er wolle im gesamten Internet die Abschaffung der Anonymität. Das geht nur mit einer Menge Waffen, also mit der Entität, die über ausreichend Waffen verfügt, um alle zu zwingen.

  7. Michael

    Die Unzufriedenheit über die Politik wächst! Korrekturen der oft dummen und stümperhaften Entscheidungen passieren leider nicht mehr! Wahlen erlauben ungewollte Koalitionen, die erst nichts verändern. Verändern kann Bürger derzeit nur mir moralischen Druck auf die Handelnden! Anonym oder signiert. Anscheinend muss es für die Dame & Herren Politiker erst so ungemütlich werden, damit sie sich endlich in der “Normalität der Bürger” wieder finden! Das Mittel ist dann zweitrangig!

  8. Riso

    Google hat vor Monaten auf Youtube von einem Tag auf den anderen die Anonymität abgeschafft.
    Ergebnis?
    Den Leuten war es egal, sie haben unter ihrem echten Namen genauso schlecht benommen wie zuvor. Vielleicht sogar schlechter aus Protest. Pseudonyme sind mittlerweile wieder erlaubt.

  9. Florian Piewald

    Anonymität im Netz gehört abgeschafft? C.Ortner zeigt sich wieder mal von seiner sehr liberalen Seite… Ich hör Hayek schon im Grab rotieren…

  10. Plan B

    “Es wirkt als Schleusenöffner. Wo die ‘Gatekeeper’ des Anstands und des guten Geschmacks fehlen, kommt es zur permanenten Vermischung von privater und öffentlicher Sphäre, wobei meistens kein zufrieden in sich ruhendes, sondern zu oft ein aufgeregtes Spontan-Ich sich zu Wort meldet. Die leichte Möglichkeit der Veräußerung von Affekten, zu der die neuen Kommunikationsmedien einladen, verhindert, dass die ‘innere Natur’ bearbeitet, geschweige denn, dass sie überhaupt noch reflektiert wird. In den ungebremsten Hassausbrüchen in Blogs und Internetforen findet ein ‘Unselbst’ seine Bühne, das die Möglichkeit zur Contenance verloren hat.”

    Der ganze Text hier:
    http://www.nzz.ch/aktuell/feuilleton/uebersicht/aeusserlichkeit-statt-charakterbildung-1.18226840

  11. rider650

    Ohne jetzt im einzelnen die “Ergüsse” zu kennen, über die sich Herr Ortner aufregt, kann ich folgendes dazu sagen: Die Menschen zu moralischem Handeln zu zwingen, sei es durch (natürlich nur durch staatliche Gewaltakte und Gesetzeszwang durchsetzbare) Aufhebung von Anonymität oder durch noch drastischere staatliche Zwänge, hat nie funktioniert und wird nie funktionieren. Wer das tut, macht sich genau des Verbrechens schuldig, welches überhaupt all den “unzivilisierten Pöbel” hervorgebracht hat, nämlich der Ausweitung der entmenschlichenden Staatsgewalt, die im 20.Jh. wie noch nie in der Geschichte fortgeschritten ist und einen noch nie dagewesenen Entzivilisierungsprozess eingeleitet hat.
    Abgesehen davon halte ich alle Aktivitäten, die das Ansehen von Politikern senken, für begrüßenswert. Erst wenn das politische Mittel zum Erreichen von jeglichen Zielen so gründlich und nachhaltig diskreditiert ist, dass sich die Leute schon bei der Erwähnung des Wortes in Ekel und Abscheu abwenden und nicht im entferntesten mehr etwas mit Regierungen, Wahlen, Parlamenten und sonstigen Institutionen des Zwangs zu tun haben wollen, wird eventuell die Alternative zur Politik obsiegen, nämlich der freiwillige Austausch zwischen Menschen zum gegenseitigen Vorteil und unter Ächtung jeglichen Zwangs, die Privatrechtsgesellschaft.

  12. freeman

    Das Internet hatte schon Mittel und Wege, Auskotzer zu filtern, bevor die meisten der heutigen Ungustln überhaupt geboren waren.

    Moderation und/oder Plonk.

    Dazu müssen wir keine Anonymität abschaffen, nur diese längst erfundenen Mittel – das digitale Analogon zum Papierkorb – (wieder) implementieren.

  13. nometa

    “Es ist dies, freundlich formuliert, ein ziemlich unerquicklicher Zustand, der einen immer wichtiger werdenden Bereich der hiesigen Medienlandschaft zu einem nahezu unbewohnbaren Ort macht, an dem jeden halbwegs vernünftigen Menschen schnell Übelkeit überkommt.”
    Das stimmt leider.

  14. gms

    freeman,

    “Dazu müssen wir keine Anonymität abschaffen, nur diese längst erfundenen Mittel – das digitale Analogon zum Papierkorb – (wieder) implementieren.”

    Dieser Zug scheint endgültig abgefahren, lebt doch das Geschäftsmodell “user-generated content” von der damit einhergehenden Aufwandslosigkeit für alle Beteiligten.
    Als Begründung für den von unserem Gastgeber angeregten amtlichen Postingausweis taugt besagtes kommerzielle Rittern um Click-Raten natürlich ebensowenig, wie die damit einhergehende und als verpatzt unterstellte Sozialisierung von Teens und Tweens im politischen Umgang .

    Aus libertärer Sicht sind hier die relevanten Argumente wider zusätzliche staatliche Kontrollmöglichkeiten schon genannt worden. Hinzu kommt die gut begründbare Vermutung eines Lernprozesses, wonach Bekundungen schlechtens Stil ihren Reiz verlieren, wenn sich Massen am Tiefpunkt des Niveaus um Aufmerksamkeit prügeln.
    Wer sich öffentlich aus- und andere damit gezielt ankotzt, hat heute zumindest noch im geringen Maße den Wind eines Novums im Rücken, ja mehr noch atmet er gerade deswegen den Duft des kindischen Revoluzzertums, weil Dritte angesichts dessen um ihren eigenen Schlips fürchten. Gelassenheit ist das tauglichste Mittel zur Vorverlegung des Ablaufdatums der kritisierten Unsitte, hingegen kommt der Ruf nach dem Staatsanwalt einem absichtlichen Lauf mit dem Kopf gegen die Wand zur Betäubung eines Schmerzes gleich.

    Elektronische Gülle-Zunamis mögen noch eine Zeit lang hoch-, hin- und herschwappen, wahrscheinlich erleben wir sogar Steigerungen davon, bis mittelfristig auch inferiore Schreibtischtäter überzuckern, daß ein Beitrag zur individuellen Triebstaureduktion niemanden interessiert und den dabei induzierten Keyboardverschleiß nicht rechtfertigt.

  15. Martin Kurzmann

    Ließe sich der Klarnamenzwang wasserdicht umsetzen, würde der Traum jedes Forenbetreibers Wirklichkeit werden: unliebsame Kommentatoren aus dem gemeinen Postervolk liessen sich so ja recht bequem auf immer loswerden (und schwarze Listen mit Namen füllen).

  16. gms

    Martin Kurzmann,

    > Traum jedes Forenbetreibers .. aus dem gemeinen Postervolk .. schwarze Listen

    Welch’ noble Zurückhaltung in der linken Praxis der infamen Motivzuschreibung. Erstens heißt es “feuchter Traum”. “Forenbetreiber” sind zweitens immer auch “neoliberal” und “kapitalistisch”, das “gemeine Postervolk” ist drittens zugleich auch “ausgebeutet”, “entrechtet” oder zumindest “entwürdigt”, und “schwarze Listen” kommen viertens ohne “virtuelle Todes-” gar brustschwach daher.

    Folgender Vorschlag: Sie formulieren Ihre flächendeckende Unterstellung so, wie es sich für die standesgemäße Herkunft geziemt, und dann kommt der Mantel des Schweigens d’rüber.

  17. Martin Kurzmann

    Ich habe nicht die geringeste Ahnung, wie Sie zu dieser unfreundlichen, vor Unterstellungen strotzenden Einschätzung meiner Person kommen.

    Ich beschreibe lediglich die zwangsläufigen Folgen einer solchen Forenpolitik: der Zwang zum Klarnamen wäre im Sinne der freien Meinungsäusserung nur dann akzeptabel, würde eine übergeordnete, ideologisch neutrale Instanz moderieren und nicht etwa überforderte uo. linientreue Praktikanten/Redakteure in der Zensurabteilung von zb. derstandard.at.
    Die gibt es aber nicht, und die wird es auch nie geben.

    Als vielfaches Zensuropfer (gerade des linken Milieus [Ihre Attacke erinnert übrigens genau an diese Gesinnungsschnüffler]) plädiere ich auf: freie Nickwahl.

    Guten Tag.

  18. gms

    Martin Kurzmann,

    “der Zwang zum Klarnamen wäre im Sinne der freien Meinungsäusserung nur dann akzeptabel [..] linientreue Praktikanten/Redakteure in der Zensurabteilung von zb. derstandard.at”

    Ihre These unterliegt dem gravierenden Irrtum, Private müßten einem Bürger via deren Medien irgendwelche, allenfalls von einer neutralen Stelle überwachten Rechte auf Äußerung einräumen. Ob Sie persönlich nun für das Standard-Forum aus Sicht dessen Zensoren zu weit rechts oder links waren, oder denen bloß Ihr Stil oder Nick nicht gefiel, ist völlig unerheblich.
    Umso mehr scheint mir daher meine vorige Attacke völlig berechtigt, wollen Sie doch einmal mehr in typisch linker Manier aus der Existenz einer Sache eine Nutzung durch die Allgemeinheit ableiten.

Kommentar verfassen

Du kannst die folgenden HTML-Codes verwenden:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden .