Herr Bezos fliegt ins All – und Europa fürchtet sich zu Tode

Von | 3. Juli 2021

(C.O.) Wir wollen immer mehr in einer „Null-Risiko-Gesellschaft“ leben. Doch die Folgen dieser Risiko-Aversion sind gerade in Europa schon deutlich zu sehen. Fast 58 Prozent betrug die sogenannte Staatsquote im vergangenen Jahr in Österreich. Das heißt: von der erwirtschafteten Wirtschaftsleistung gab der Staat deutlich mehr als die Hälfte aus; den Privaten und Unternehmen blieb dagegen nur der kleinere Teil des Kuchens. 58 Prozent Staatsquote: Das ist ein für ein marktwirtschaftlich verfasstes Gemeinwesen verdammt hoher Wert; auch wenn notorische Frohnaturen einwenden werden, dass er von der weiland in der DDR üblichen Staatsquote von 80 Prozent doch noch ein Stück weit entfernt ist.

Darin spiegelt sich nicht nur die Coronakrise wider, sondern eine an Terrain gewinnende Anspruchshaltung dem Staat gegenüber, dem Einzelnen doch bitte alle nur denkbaren Lebensrisken abzunehmen. Das kostet dann natürlich entsprechend.

Der liberale Schweizer Ökonom Oliver Kessler hat eine Gesellschaft, die dem Individuum Vollkaskoschutz gegen alle Widrigkeiten der Existenz bietet, treffend die „Null-Risiko-Gesellschaft“ genannt – eine Realutopie, die zumindest in Europa mehrheitsfähig ist. Und die daher von nahezu allen Parteien, unbeschadet ihrer ideologischen Grundierung, mehr oder weniger offen angestrebt wird. Dass der Staat in der Coronakrise nicht nur das absolut notwendige Minimum an Nothilfe leistete, sondern mit unfassbaren Mengen Geld, das er nicht hat, für beinah alle Unternehmen und Bürger die ökonomischen Schäden einer Pandemie einfach wegzahlte, entspricht dieser Mentalität der „Null-Risiko-Gesellschaft“.

Der Einzelne wird das als angenehm und wünschenswert empfinden; für das Gemeinwesen insgesamt ist es keine günstige Entwicklung; ganz im Gegenteil. Man könnte sogar meinen: Die „Null-Risiko-Gesellschaft“ ist eine der riskantesten Möglichkeiten, menschliches Zusammenleben zu organisieren. Denn die Insassen des Susi-Sorglos-Vollkaskostaates mit umfassendem Schutz gegen alle Lebensrisken werden immer weniger bereit sein, freiwillig Risken einzugehen. Wozu auch, wenn es sich so ja auch kuschelig und komfortabel leben lässt?

Doch die Bereitschaft, Risken einzugehen, ist eine fundamentale Voraussetzung von Innovation, Unternehmertum und damit letztlich unseres Wohlstands. „Es gibt keine Chance ohne Wagnis, keine Modernisierung ohne Schritte ins Ungewisse, keine Freiheit ohne Akzeptanz von Alltagsrisken. Wer immer nach einer Möglichkeit sucht, alle Risken auszuschalten, bringt sich auch um alle Chancen. Nichts zu riskieren ist der sicherste Weg, um zu scheitern“, so Ökonom Kessler.

Fatalerweise hat sich in den biologisch überalterten westlichen Demokratien eine unglückliche Symbiose gebildet zwischen Wählern, die immer mehr Risken an den Staat („Null-Risiko-Gesellschaft“) delegieren wollen, und Politikern, die erkannt haben, dass die Befriedigung dieses Begehrens prächtig politisch bewirtschaftet werden kann.

Die Folge ist, dass sich die Parteien gegenseitig überbieten im Erfinden von neuen Methoden, die Wohlfühltemperatur der Untertanen konstant zu halten – koste es, was es wolle. Schon jetzt sind in Europa die Folgen dieser Risiko-Aversion deutlich zu sehen. Dass der alte Kontinent sich viel schwerer tut als die deutlich risikofreudigeren USA, die ökonomischen Folgen der Krise zu bewältigen, ist ein Symptom dieser Malaise.

Wie zum Beweis wird Ende Juli Jeff Bezos, der Gründer von Amazon und des Raumfahrt-Unternehmens Blue Origin, mit einem seiner Raumschiffe ins All starten. Für die meisten Insassen der „Null-Risiko-Gesellschaft“ vermutlich eine erschreckende Vorstellung – aber gleichzeitig ein Symbol dafür, wie Risikobereitschaft und Erfolg einander bedingen. („PRESSE“)

3 Gedanken zu „Herr Bezos fliegt ins All – und Europa fürchtet sich zu Tode

  1. Johannes

    Herr Bezos betreibt sein Weltraum-Projekt aus einem einfachen Grund, er will Ausflüge ins Weltall für zahlungskräftige Kunden anbieten.
    Für mich persönlich hat diese Idee wenig Bedeutung und ich halte sie auch nicht für eine besondere Leistung, eher für eine schräge Vorstellung eines neuen Geschäftsmodells.

    Ich muß gestehen das ich dieses Projekt mit keinem einzigen Cent finanziere, denn ich habe noch nie bei diesem Herrn Ware bestellt.
    Für mich hat die klein und mittelständische Wirtschaft die größte Bedeutung und da gebe ich Ihnen Recht , müssten massive Entlastungen durchgeführt werden. Nicht um im Weltall zu kreisen sondern um als gesamte Wirtschaft innovativ und erfolgreich die kleinen Regionen pulsierenden am Leben zu erhalten.

  2. dna1

    Hr. Ortner hat einen treffenden Artikel verfasst, inwieweit ein „Weltraumflug“ etwas Vernünftiges ist oder nicht, hat er nicht thematisiert. Darum ging es auch nicht.
    Zu ergänzen wäre vielleicht, dass die Regierung dieses Vollkasko-Leben nicht nur für autochthone Bürger anbietet, wie es z.B. einige ölreiche arabische Länder auch tun, sondern für jedermann, der es irgendwie hierher schafft.

  3. Thomas F.

    Super, er hat es also noch vor Branson und Musk geschafft, eine Runde in der Stratosphäre zu drehen. Und wenn er von der Spritztour wieder zurück kommt, wird er uns gewöhnlichem Volk weiterhin die Enthaltsamkeit predigen um das Klima zu retten. Und Musk wird uns weiterhin den Umstieg auf seine hoch subventionierten Batterieautos nahe legen, denn die wären mit erneuerbarer Energie betrieben.

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