“Hören Sie auf, auf Keynes loszugehen!”

Aus meinem Posteingang: Sehr geehrter Herr Ortner, Ich nehme Bezug auf Ihren Artikel in der “Presse”: “Wie gefährlich ist es, wenn das Leben nicht dauernd teurer wird?”, der wiedermal auf erschreckende Art verdeutlicht wie wenig Sie von den Funktionsmechanismen einer Kreditwirtschaft verstehen. In der Welt, in der wir leben, sind die Rollen zwischen Gläubiger und Schuldner eindeutig verteilt: Unternehmen und Staat halten die Minus-Zahlen – einmal als Fremdkapital, das andere Mal als Staatschuld – und die Haushalte die Plus-Zahlen als Geldvermögen. Über die Gesamtheit betrachtet heben sich die Forderungen und Verbindlichkeiten auf, die Minus-Zahlen addiert mit den Plus-Zahlen ergeben Null. Man nennt das im Ökonomen-Jargon ein System mit “Netto-Geld” von Null im Gegensatz zu Ökonomien, die auf Gold als Geld fussen. Hier wäre das “Netto-Geld” die Goldbestände.

Deflation ist Gift, weil sie die Unternehmen, die Fremdkapital halten, über Preisverfall ihrer Aktiva zu “ausserordentlichen Verlusten” zwingt. Versetzen Sie sich doch in die Lage eines Unternehmens, das Aktiva von “Grund”, “Investitionsgüter”, “Lager”, “Patente”, usw. hält. Sein Gewinn wird durch periodischen Vergleich der Aktiva mit dem Fremdkapital ermittelt. Unter deflationären Bedingungen entsteht auf der Aktivseite Abwertungsdruck, während das Fremdkapital konstant bleibt. Der Gewinn sinkt. Die Reaktion der Unternehmen ist daher: die Ausgaben an Löhne und Investitionsgüterkäufen zurückzuschrauben und damit Einnahmerückgänge beim Rest der Wirtschaftssubjekte zu erzeugen. Eine sich selbst verstärkende Spirale nach unten setzt sich in Gang, weil eben jene Wirtschaftssubjekte nun auch auf Ausgabenreduktion setzen.

Dieser deflationäre Druck wird in`s Bankensystem weitergegeben, das als “Verrechnungsdrehscheibe” zwischen den Verbindlichkeiten der Unternehmen und des Staates und den Forderungen der Haushalte dient. Fremdkapital von Unternehmen wird infolge von Konkurs wertlos und reduziert das Eigenkapital des Bankensystems. Die Kreditvergabe stockt, was den Wunsch nach Ausgabenreduktion der Privaten noch weiter anheizt. So wird die ganze Ökonomie in einen Abwärtsstrudel hineingezogen mit hoher und steigender Arbeitslosigkeit, schwachen Ausgaben aller Wirtschaftssubjekte, “Angstsparen”, steigende Konkurse, und so weiter – all das, was wir in unzähligen Konjunkturzyklen studieren dürfen. Stimmt: Irgendwann kommt jede Abwärtsbewegung zum Erliegen, nur wiewiel an Wirtschaftsleistung und Kreditgeld bis dahin zerstört ist, steht in den Sternen.

Es macht einfach keinen Spass mit Neo-Klassikern, Marxisten, “Österreichern” und sonstigen zu diskutieren, weil sie alle keine Ahnung von den Mechanismen einer Kreditwirtschaft haben. Sie denken “real” in physischen Gütern, Arbeitszeit, usw., wo doch das ganze System über Forderungen und Verbindlichkeiten gesteuert wird. Die Lernfähigkeit dieser Leute, zu denen auch Sie, lieber Herr Ortner gehören, ist gleich Null, was angesichts der aktuellen Rezession der Aktiva des Bankensystems erschütternd ist. Die Wirklichkeit liegt so schlicht vor Augen und diese “Indoktrinierten” wollen sie nicht sehen. Besonders makaber ist es dann, wenn diese Leute gegenseitig auf sich losgehen, die Neo-Klassiker die Österreicher beschimpfen, die Österreicher die Neo-Klassiker, und die Marxisten alle. Das nennt man wohl dann: das Versteckspiel der Idioten.

Mit freundlichem Gruss
Alfred Felsberger

PS: Und noch etwas: Hören Sie auf Keynes loszugehen, Sie machen sich nur lächerlich.

14 comments

  1. Ehrenmitglied der ÖBB

    Na ja, Herr Felsberger, die reale Wirtschaft ist halt keine Schachpartie!
    Und was mich auch wundert, warum hat sie unsere Regierung nicht schon längst zum Staatssekretär im Finanzministerium bestellt? ( 1ner statt 2 erspart viel Geld)

  2. Clemens Mally

    Daran kann man doch nicht ernsthaft glauben oder? Wer ist denn der Staat und was passiert, wenn Privathaushalte (kommt ja vor..) sich verschulden? Von der aus Deflation resultierenden Umverteilung will ich erst gar nicht sprechen und vom drohenden Sozialismus auch nicht.. Aber ich weiß schon.. Keynes meinte ja auch: “.. morgen sind wir alle tot”

  3. Reinhard

    Na bitte, da haben wir den Salat!
    Wie lautet der Hauptvorwurf?

    “Sie denken “real” in physischen Gütern…”

    Genau, das ist es! Wir “Idioten” denken real, in realen Immobilien, in realen Gütern, in realer Infrastruktur und realem Essen am Tisch! Das ist der große Unterschied zu den Traumtänzern, die ein virtuelles system aus Versprechen und Verbindlichkeiten zur Basis einer Wirtschaft aufgeblasen haben, deren realer Part immer mehr in’s Schwanken kommt.

    Und diese Warmluftproduzenten, die uns erklären wollen, jede Blase wäre nur ein Ballon der uns höher in den Wohlstand hineinschweben lässt, lassen sich auch nicht davon irritieren, dass in “real”, eben wegen der verstockten Idiotie der Anhänger realer Werte, die einfach kein virtuelles Brot fressen wollen und auf realen Maschinen produzieren statt mit einer Simulation am PC zufrieden zu sein, genau ihr System aus Versprechen und Verbindlichkeiten alles in sich zusammenbrechen lässt, denn, werter Herr Felsberger, eines vergaßen Sie in Ihrem vollmundigen Furor gegen die verstockten Realisten, nämlich, dass auch Versprechen und Verbindlichkeiten irgendwann einmal in REAL schlagend werden und nicht endlos mit neuen Versprechen bedient werden können.

    Wenn Sie einem Menschen erzählen “Heute bekommst du nichts zu essen, aber ich verspreche dir morgen ein Schnitzel mehr” dann geht das ein paar Tage gut, aber irgendwann kommt entweder das versprochene große Fressen mit realen Schnitzeln oder der Mensch verhungert vor einem Stapel mit wertlosen Versprechen bekritzelter Schuldscheine. Falls er Sie nicht vorher köpft und frisst, denn wenn es um die Existenz geht, wird es schon mal ungemütlich.

    Toll, wie Sie uns erklären, wie ein Schuldsystem funktioniert. Aber wir verstockten Idioten haben es bereits verstanden und lehnen es nicht trotzdem, sondern genau deswegen ab! Deflation ist nicht schlecht für alle, sondern schlecht für das Luftgeldsystem. Ein einfaches Umschalten auf das bewährte Reservesystem nimmt jeglicher Geldwertänderung den Schrecken. Aber dann könnten großmäulige Politiker und ihre Wurmfortsätze in den Bankvorständen ja keine Schreckensszenarien mehr verbreiten, die der Steuertrottel “alternativlos” abwehren muss – durch permanente reale Verluste.
    Die Gewinner des Luftgeldsystems – und dort vermute ich auch den Herrn Felsberger – sind natürlich nicht interessiert an einer Änderung des Systems der permanenten Enteignung Anderer zum eigenen Vorteil. Aber die Enteigneten schon.
    Also hören Sie auf, Herr Felsberger, auf Ortner loszugehen und alle, die sich einen Funken Realismus bewahrt haben und deshalb die Luftschlösser und Sandburgen windiger Spekulanten ablehnen, als Idioten zu diffamieren. Sie machen sich nur lächerlich.

  4. S.M.

    Ja Herr Felsberger, Sie beschreiben vortrefflich die Folgen einer Deflation in Form einer Kreditkontraktion. Sie scheinen, wo doch die Antwort so deutlich vor Ihren lernresistenten Augen liegt, aber nicht zu begreifen, dass diese Deflation kein Naturereignis ist, die einfach alle paar Jahre wie el nino über uns hereinbricht, sondern deswegen stattfindet, weil zuvor Forderungen und Verbindlichkeiten entstanden, die nicht entstehen hätten sollen! Entweder weil die Mietzitant’ zu wenig Geld auf ihrem alten Hintern gespart hat und jetzt nur noch ein Mindestpensionistendasein fristet, oder weil ihr “armes Unternehmen” (seit wann bedauern Linke eigentlich die Unternehmen?) nun einmal Produkte anbietet, die kein Schwein in real kaufen will, außer vielleicht Ihre Bobofreunde aus Neubau mit den Negerkumpanen! O Gott bitte ignorieren Sie meine Äußerungen, denn ab jetzt bin ich ja doch nur ein dummer Nazi (es heißt National-sozialist im Übrigen)!

  5. M.Kunze

    Ortner stemmt sich gegen den rot-grünen Einheitsbrei der in Ö von allen Seiten serviert wird.
    Von ORF bis Gratiszeitungen wird diese unappettliche Kost täglich serviert. Man erinnert sich an die Prawda unseligen Angedenkens.
    Vielen Dank für Ihre Mühe, Herr Ortner!

  6. S.M.

    Warum fragen sich Keynesianer nie, weshalb starke Unternehmen wie Microsoft, Mcdonald’s, Coca Cola etc. immer unbeschadet aus einer deflationären Phase auftauchen, Waschlappen wie GM, deren Autos damals ja auch zu Wenige kauften, weil sie schlicht “shit” waren, weggespült werden? Deren Theorie nach müssten ja auch diese Unternehmen ihre Aktiva abwerten, und so weiter und so tot…

  7. Graf Berge von Grips

    Österreich hat als Staat. na sagen wir realistisch und nicht geschönt ca. 320 Mrd Schulden und knapp eine Billion auf den Spar- und ähnlichen Bücherln…
    ich geh jetzt die 0 suchen…

  8. PeterT

    @Graf Berge von Grips
    Ich weiß nicht ob Ihre Zahlen stimmen, aber Ihre Aussage ist in jedem Fall falsch:
    Es ist nicht ‘der Staat’ der Geld auf ‘Spar- und ähnlichen Bücherln’ hat, es sind die Bürger!
    Oder sind Sie der Meinung, daß wir alle Staats-Untertanen sind, und all unserer Besitz in jedem Fall dem Staat gehört?

  9. Graf Berge von Grips

    Na was glauben’S, wie schnell so ein Gesetzt durch ist, wenn es hart auf hart geht… Zypern schau aufa.. 🙂
    Abgesehen davon, lesen’S den ersten Absatz im “Posteingang”. Ich hab diesen Blödsinn nicht verzapft 🙂

  10. Herr Karl jun.

    Es ist nicht selbstverständlich, mit geraden, höflichen Sätzen einen Kommentar zu einem derart komplexen Thema abzugeben. Diese Redlichkeit schützt freilich nicht vor allzu groben Vereinfachungen und Irrtümern; einige Hinweise in “verzweifelter Kürze”:
    – Kreditfinanzierungen von Unternehmen sind ein typisch europäisches Phänomen; US-Firmen finanzieren sich fast nur über den Kapitalmarkt. Haushalte sind in den USA generell verschuldet, dagegen kennt Japan kaum Haushaltsschulden; Europa variert je nach Land. Staaten dagegen sind – von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen – nur verschuldet. Die Rollen zwischen Haushalten, Unternehmen und Staaten sind also keineswegs so klar verteilt.
    – Bilanzen (nach IFRS) reflektieren heute schon viele volatile Wertansätze; die Unternehmen können ganz gut damit umgehen. Im Übrigen führt auch Inflation zu Wertschmelze in den Bilanzen.
    – Die Gesamtheit der Verbindlichkeiten und Forderungen hebt sich eben nicht auf! Markantes Beispiel: Fehlinvestitionen. Forderungen und Verbindlichkeiten „leben“ eben die Auf und Abs mit den zugrundeliegenden Erwartungshaltungen der Wirtschaftssubjekte.
    – Die einzigen, die unison die Deflation wie der Teufel das Weihwasser zu fürchten haben, sind die sich mulmig fühlenden Vertreter und Benefiziare der hochverschuldeten Staaten.
    – Keynes warnte übrigens mehr als deutlich vor den Folgen einer Inflation. Im Übrigen gilt sein Heil-Konzept unter ernsthaften Wirtschaftswissenschaftler als gescheitert.
    – Zu guter Letzt: Jeder ehrliche Versuch, die moderne Geld- und Kreditwirtschaft zu verstehen, würde dessen betrügerischen, nicht nachhaltigen und manipulativen Charakter gnadenlos offenbaren, und die Diskussion über “Deflation” oder “Inflation” als oberflächliches Geplänkel erscheinen lassen. Und genau auf das zielte Ortner in seinem Beitrag ab.

  11. Thomas Holzer

    “Über die Gesamtheit betrachtet heben sich die Forderungen und Verbindlichkeiten auf, die Minus-Zahlen addiert mit den Plus-Zahlen ergeben Null”

    Aha, jetzt verstehe ich erst, warum in die neue Art der BIP-Berechnung auch Schwarzarbeit, Drogenkonsum, Schutzgelderpressung, Schmuggel, Mafiagewinne etc. eingerechnet werden.
    Mit all diesen zusätzlichen “Posten” wird sich eine mehr als schwarze Null für die Staaten ergeben, und sie können dann beschließen, die Schuldengrenzen anzuheben 😉

  12. Jörg Fahrenhorst

    Es macht auch keinen Spaß mit Vulgärkeynsianern zu diskutieren, deren Rezepte bereits nachhaltig gescheitert sind und die trotzdem ständig aus ihren Höhlen kriechen und diese versuchen anzupreisen, statt sich mit Empirie zu beschäftigen. Denn Deflation ist nicht gleich Deflation.

  13. Klaus Kastner

    Sehr geehrter Herr Felsberger,

    ich habe Ihr Schreiben mit Interesse gelesen, füge aber gleich hinzu, dass ich kein Ökonom bin und somit von einer inhaltlichen Diskussion unterschiedlicher ökonomischer Theorien Abstand nehme. Wo ich jedoch nachdenklich werde, ist, wenn ich Aussagen wie z. B. „es macht einfach keinen Spass mit Neo-Klassikern, Marxisten, ‚Österreichern‘ und sonstigen zu diskutieren, weil sie alle keine Ahnung von den Mechanismen einer Kreditwirtschaft haben“. Nicht, weil ich Vorbehalte gegen intellektuelle Arroganz habe (und das ist schon eine sehr heftige Portion von intellektueller Arroganz), sondern weil ich nichts von einer Diskussionskultur halte, wo Teilnehmer A den Teilnehmer B für dumm erklärt. So einfach schwarz-weiß ist die Wirklichkeit nie! Vereinfachungen können da und dort einem leichteren Verständnis dienen, wenn sie aber zu einfältig in die Welt gesetzt werden, dann untergräbt man seine eigene Glaubwürdigkeit. „In der Welt, in der wir leben, sind die Rollen zwischen Gläubiger und Schuldner eindeutig verteilt: Unternehmen und Staat halten die Minus-Zahlen – einmal als Fremdkapital, das andere Mal als Staatschuld – und die Haushalte die Plus-Zahlen als Geldvermögen“ – klingt toll; kann man sich leicht merken; ABER – stimmt leider so nicht. Oder sind Sie der Auffassung, dass die weltweiten Finanzierungen zu 100% von weltweiten Einlagen gedeckt sind?

    Wie gesagt, ich kann leider keinen Beitrag zum Thema Deflation machen, darf Ihnen jedoch versichern, dass ich hohe Lernbereitschaft habe. Meine einzige Bitte an Sie und ähnlich Argumentierende wäre: nur, weil ich vielleicht nicht alle Meinungen von anderen teile, möchte ich mir nicht vorwerfen lassen, dass meine Lernfähigkeit gleich Null ist (so wie Sie diesen Pauschalvorwurf „diesen Leuten“ machen). Vielleicht könnten Sie Ihr kurzes Schreiben an Herrn Ortner einmal in einen fundierten und längeren Beitrag weiterentwickeln. Ich bin sicher, dass viele Leser das zu schätzen wüssten. Und dann könnte man in der Tat eine inhaltliche Diskussion führen.

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