Hofer und Dollfuss

(GEORG VETTER)  In einer der letzten direkten TV-Konfrontationen trafen ÖVP-Chef Sebastian Kurz und FPÖ-Chef Norbert Hofer aufeinander und diskutierten die sogenannten vielen Einzelfälle bei den Freiheitlichen. Hofer spielte dieses Thema naturgemäß herunter und verwies unter anderem darauf, dass er es unterlasse, sogenannte Einzelfälle bei anderen Parteien zu thematisieren. Als Beispiel nannte er das Dollfuss-Bild im ÖVP-Klub.

Hofer suggerierte also, dass sich die ÖVP für das Dollfuss-Bild zu schämen habe, weil man sich für Dollfuss ähnlich zu schämen habe wie für irgendwelche NS-Größen.
Hofers Bemerkung fand keinen mir erkennbaren Widerspruch. Weder in der laufenden Sendung noch in nachfolgenden Kommentaren regte sich öffentliche Empörung.

Lange Zeit schieden sich an Dollfuss die Geister und zu einem kleinen Teil dürfte das heute noch so sein. Die einen hielten Dollfuss wegen des niedergeschlagenen Februaraufstandes 1934 für einen Arbeitermörder, der die Demokratie abschaffte und den Ständestaat einführte. Die anderen sahen im Ständestaat ein Mittel, den Nationalsozialismus des sogenannten Dritten Reiches zu verhindern und in Dollfuss das erste österreichische Opfer des Nationalsozialismus.

So gab es nach der Ermordung von Dollfuss und der Niederschlagung des Nazi-Putsches am 25. Juli 1934 zwei eindrucksvolle Demonstrationen, die zeigten, wie sehr die Bevölkerung die Unabhängigkeit Österreichs mit der Person Dollfuss verband. Die erste war das Begräbnis drei Tage danach. An diesem Tag säumten viele Tausend Wiener die Straßen von der Innenstadt bis zum Hietzinger Friedhof. Die andere fand am 8. August 1934 am Heldenplatz statt, wo unter anderem ein Transparent „Für ein freies und unabhängiges Österreich“ bei einem der Reitdenkmäler zu lesen war.

Man kann durchaus vermuten, dass die damalige Kundgebung den Reichskanzler in Berlin in Rage brachte und er gerade deshalb seinen ganzen Propagandaapparat vier Jahre später an eben diesem Platz in Stellung bringen ließ, um dieses österreichische Aufbäumen aus dem kollektiven Gedächtnis zu verbannen. Soweit ihm dies gelungen ist, mögen sich viele selbsternannte Antifaschisten fragen, wie sehr sie selbst zu diesem zweifelhaften Sieg Adolf Hitlers post mortem beigetragen haben.

Diese aufgezeigte Spaltung in der Geschichtsauffassung schien sich zu verfestigen und der ersten Variante zuzuneigen, je länger man das Jahr 1945 hinter sich ließ. Damals fanden sich Sozial- und Christdemokraten nach gemeinsamen KZ-Erfahrungen in großen Koalitionen zusammen und wussten genau, dass die Spaltung vor 1938 letztlich den Nationalsozialisten in die Hände gespielt hat. Aus diesem Fehler hatten beide Seiten gelernt.

85 Jahre nach der Ermordung von Engelbert Dollfuss durch die Nazis sind dessen Verteidiger rar gesät. Die ÖVP hat sein Bild im Sommer 2017 aus den Klubräumlichkeiten entfernt. Ich gehörte diesem Klub damals an, wurde aber nicht gefragt – sondern erfuhr davon aus der Zeitung.

Als 2019 ein Sozialdemokrat Kurz mit Dollfuss verglich, empörte sich die Partei, als wäre Dollfuss jemand, von dem man sich jedenfalls distanzieren sollte.
Es ist hier nicht der Ort, Sünden und Fehler der seinerzeitigen Sozialdemokraten und

Christdemokraten gegeneinander aufzurechnen. Dollfuss mag kein Heiliger gewesen sein. Man muss ihm aber jedenfalls zu Gute halten, dass er alles getan hat, um Österreich das Schicksal des sogenannten Deutsche Reichs zu ersparen und dass er für dieses Bestreben sein Leben ließ.

Dass ausgerechnet ein FPÖ-Obmann sich in SPÖ-Manier auf die ÖVP-Nähe von Dollfuss bezieht, um vermeintliche oder tatsächliche braune Verirrungen zu relativieren, ist absurd.

Dass dies all jenen Vergangenheitsbewältigern, die aus einem Rattengedicht Wiederbetätigung ableiten und aus einer Ursula Stenzel die Speerspitze des Neofaschismus kreieren möchten, hiezu nichts auf- und eingefallen ist, wirft ein sehr schiefes Licht auf sie.

13 comments

  1. sokrates9

    Was weiß der Maturant Kurz von Dollfuss? Wahrscheinlich nichts und er kann und sollte auch nicht die Zeit haben sich mit solchen Historien zu beschäftigen! Sehr wohl aber kann man Rückschlüsse auf die” Berater” von Kurz machen! Auch sein widerlicher Hass auf Identitätre ohne ein einziges substantielles Argument gegen diesen Verein ist eigenartig! Sellner scheint ähnlich Kurz und Kickl zu den Alphatieren zu zählen!

  2. astuga

    Aus seiner Zeit heraus betrachtet, und wenn man sich klar macht, dass er das junge Österreich sowohl gegen rechte wie linke Radikale und Terroristen verteidigen musste, war Dollfuss ein anständiger Politiker und echter Patriot.
    Er wurde dann ja auch als Kanzler im Amt von Nazis ermordet.

    Anders als all die damaligen Sozialisten, die nicht nur heimlich Waffenlager anlegten, sondern die auch einerseits nach Moskau geschielt haben und gleichzeitig aktiv für den Anschluss an Nazi-Deutschland Stimmung machten.
    Wie etwa ein Karl Renner.
    Aber auch die ÖVP verdient Dollfuss nicht, sie beschmutzen bloß sein Andenken wenn sie sich mit ihm in Verbindung bringen.

  3. Wanderer

    Wer für politische Gegner Anhaltelager errichten lässt, kommt eben nicht gut weg, selbst wenn das in die Zwischenkriegs- bzw. Bürgerkriegszeit fällt.

  4. astuga

    Heute nennt man solche “politischen Gegner” die illegale Waffenlager anlegen, Morde begehen und politische Umstürze planen Terrorverdächtige bzw Terroristen.
    Logisch nimmt man die in Haft, oder jedenfalls sollte es logisch sein.

  5. Wanderer

    @ astuga
    Ich habe Zweifel, ob man diese Gegner – Sozialisten, Kommunisten, Nationalsozialisten – alle über einen Kamm scheren kann.

  6. Kluftinger

    Ich empfehle den aufgeregten Herrschaften das Buch von Gundula Walterskirchen zu lesen : “die blinden Flecken der Geschichte; Österreich von 1927-38”.
    Darin werden (neue) Dokumente eingearbeitet, die aus ideologischen Gründen bisher verschwiegen oder einseitig dargestellt wurden.
    Jedenfalls eignet sich dieses Buch die Sicht auf die Politik in Österreich in diesem Zeitabschnitt, zu revidieren oder zu ergänzen!

  7. Mourawetz

    Es gibt eben etliche Leute, die Vergnügen darin finden, Kurz in Verbindung zu Dollfuss, den Verteidiger der Freiheit, zu bringen und ihn damit anzupatzen. Es wird mir ein ganz besonderes Vergnügen sein, an diesem Sonntag Kurz zu wählen, Danke Hofer für die nicht benötigte Entscheidungshilfe.
    Im übrigen bin ich der Meinung, dass das Dollfuss-Bild wieder aufgehängt wird. Warum gibt es eigentlich noch immer keinen Ringteil, der nach ihm benannt wurde? Dollfuss statt Lueger.

  8. astuga

    @Wanderer
    Zumindest war damals die Schnittmenge groß genug, und ihr gemeinsames Feimdbild bestand ua. in der 1. Republik und in Deutschland in der Weimarer Republik.
    Aus der Zeit stammt auch der Begriff Beefsteak- Nazi… außen braun, innen rot.
    Das Gegenstück zum öst. Punschkrapferl… außen rot, innen braun.

    Da sind natürlich verlogene Heldengeschichten angenehmer, die man sich gegenseitig in der Löwelstr. oder bei der KPÖ erzählt.
    Und mit jeder Wiederholung werden sie strahlender.

  9. Falke

    Mit der Entfernung des Bildes von Dollfuß hat sich Kurz einer jahrelangen Forderung der SPÖ gebeugt und zugleich gezeigt, dass er – trotz Matura – keine Ahnung von Geschichte hat. Ein weiterer Grund, ihm morgen keinesfalls mehr die Stimme zu geben.

  10. Johannes

    Aber Herr Vetter wozu die Aufregung, es ist Wahlkampf, die FPÖ hat sich in der Vergangenheit für Aussagen entschuldigen müssen oder wollen die läppisch waren. Ein sogenanntes Gedicht eines Gemeinderates einer kleinen Stadt, eine ältere Karikatur einer Jugendorganisation, mehr als ein Jahr zurück, wurde ausgegraben, das jemand mit dem Zahnbürstel seine Zelle reinigen sollte sorgte für Riesenaufregung (wenn ich nicht irre habe ich eine solche Szene zuletzt in Forrest Gump gesehen) dabei war doch klar das diese Aussage symbolisch gemeint war. Auch die Spesen des Herrn Strache sind Sache der Partei, geht der linken Schickeria nichts an, wie Unterberger richtig schreibt schaut niemand auf die unglaublichen Summen welche linke Parteien in allen möglichen Konstruktionen an die Medien geben.

    Die FPÖ hat sich immer brav entschuldigt und die Leute in die Wüste geschickt. Das war Quatsch, nichts davon war notwendig, die FPÖ wollte sich etablieren und hat sich von Wolf und Co. treiben lassen.
    Es wäre besser in Zukunft solche Anwürfe einfach zu ignorieren, ja wo Menschen sind gibt es den einen oder anderen Blödsinn aber da muss doch die Partie nicht ein jedesmal so tun als wäre das ein Drama.
    Nur weil bei den anderen nicht gegraben wird heißt das noch lange nicht das es nicht dort genauso in der zweiten und dritten Reihe Blödheiten gibt. Stichwort SPÖ Langenzersdorf, Stichwort Grüne, sogar in der ersten Reihe, Baugenehmigungen, Weltkulturerbe usw.

    Hofer hat einzig und allein, nach meiner Meinung, Kurz darauf hingewiesen das in seiner Partei, der ÖVP, etwas verändert wurde das die Partei (ÖVP) auf Druck von außen dazu veranlasst hat. Das war eben eine Replik auf den Anwurf von Kurz, nicht mehr und nicht weniger, wozu da etwas hineininterpretieren das weit hergeholt ist.

    Der FPÖ würde ich dringend raten sich in Zukunft mit Anwürfen nicht mehr zu befassen, dann laufen sie von alleine ins Leere. Die Taktik der konstruierten “Einzelfälle“ war eine Falle der linken Medien und die FPÖ ist ihr jedesmal auf den Leim gegangen.

    Nicht einmal ignorieren und diese Anwürfe hören von allein auf, den ohne dauernde Entschuldigung sind sie wertlos.

  11. Wanderer

    @astuga
    Die 1. Republik mag viele (sozialistische) Feinde gehabt haben, ihr Ende war dann aber der diktatorische Ständestaat. Die Dollfuss-Kritik Hofers hat m. A. nach @Johannes recht gut interpretiert. Sie hat weder etwas mit NS-Relativierung, noch mit roten Heldengeschichten zu tun.

  12. astuga

    Das Ende war ua. eine SPÖ-Ikone Karl Renner dem beinahe wörtlich Hitler lieber war als die 1. Republik.
    Zur Rettung Österreichs haben sie jedenfalls nichts beigetragen, im Ggt.
    Aber mit autoritären Strukturen haben damals international viele geliebäugelt, wäre eine ausufernde Diskussion.

    Zu den Sozen nur soviel, es ist bekannt wo auch nach dem Krieg sehr viele Nazis untergekommen sind.
    Stichwort Spiegelgrund und Dr. Gross.
    So wie ja auch die SPÖ als einzige Partei in der 2. Republik einen Betrug samt Mehrfachmord vertuschen wollte (Lucona).
    Und Kern ging zuletzt persönlich in Wien als Kanzler auf Wählerfang bei rechtsradikalen Erdogan-Fans und der radikalislamischen Milli Görüs.
    Da wünscht man sich ja beinahe wieder einen Ständestaat…

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