I had a dream….

(JOSEF STARGL)  Was ich persönlich bei Debatten in Österreich so bewundere und schätze, ist der Mut zum geistigen Wettstreit und zum Austragen von Konflikten. Viele Österreicher können sich ein Leben ohne offene Gespräche und ohne eine positive Wertschätzung von Sachkonflikten gar nicht vorstellen. Freunde aus dem Ausland sind stets begeistert von der deutlichen Trennung der persönlichen und sachlichen Ebene die bei Gesprächen in Österreich praktiziert wird.

Selbstdiszipliniert auftretende Politiker zeigen in den Medien ständig, dass in einem Gespräch vor allem die sachlichen Argumente zählen. Allein die Inhalte von Aussagen sind ihnen wesentlich und nicht etwa wer etwas sagt.

Die politischen Führungspersönlichkeiten Österreichs lehnen Selbstdarstellung, Inszenierung, Entertainment und Moderation ab. Sie gehen als Eliten und Vorbilder stets mit gutem Beispiel voran, artikulieren klare Standpunkte und sind auch bereit für diese einzutreten. Unsere Politiker wissen, dass es sich lohnt, sich zu positionieren und wertorientiert zu handeln. Schließlich sollen Politiker ja Orientierung geben.

Nichts lieben die Politiker in Österreich mehr als die Erörterung im Dialog. Sie sind begeistert von einem Wettstreit um Ideen und Werte. Als aufmerksamer Beobachter der politischen Szene spürt man förmlich die Freude der Politiker am geistigen Wettstreit, am Vergleichen verschiedener Auffassungen und am Ringen um bessere Lösungen.

Es gibt vermutlich in keinem anderen Staat diesen Mut zur Andersartigkeit. Man scheut sich in Österreich einfach nicht, anders zu denken und anders zu sein, denn man weiß, dass sich die Würde und die Freiheit in der Entfaltung von Individualität verwirklichen.

Die österreichische Wettstreitkultur erlaubt die Artikulation von unangenehmen Fragen und von nonkonformen Vermutungen. Man liebt es, sich über umstrittene Fragen in den Haaren zu liegen. Es ist nahezu selbstverständlich, dass Gegner in einem Streitgespräch auch persönliche Freunde sein können.

Täglich bemühen sich österreichische Politiker, im persönlichen Gespräch mit der Bevölkerung Überzeugungsarbeit zu leisten. Sie schätzen den Dialog, weil sie sich mit Argumenten messen und bewähren wollen. Die erfolgreichsten Politiker haben gelernt, Widerspruch zu ertragen und Widerlegungen zu akzeptieren, um der gemeinsamen Sache zu dienen.

Im geistigen Wettstreit geht es einfach darum, sich Aufgaben gewachsen zu zeigen, eigenständige schöpferische Leistungen zu erbringen, sich zu bewähren, um Selbstvertrauen aufzubauen.

Da man sich in Österreich der Produktivität von Konflikten bewusst ist und Sachkonflikte auch begeistert austrägt, ist der Österreicher auch jemand, der Veränderungen mit Freude und Begeisterung entgegentritt. Strukturkonservierung ist nicht unsere Sache. Wir wollen lernen und Neuerungen auch umsetzen.

In anderen Staaten mögen die Menschen gerne in Scheinwelten leben. Wir Österreicher sind es gewohnt, die Realität als solche zu akzeptieren und sich mit ihr ernsthaft auseinanderzusetzen. Opportunismus und der Versuch, es sich im Leben einfach zu richten, anstatt Eigenleistungen zu erbringen, sind dem Österreicher fremd. Auf diese Weise ist es uns gelungen, unerfreuliche Folgen eines (jahrzehntelangen) Verzichts auf einen geistigen Wettstreit zu vermeiden. Allein die Entwicklung des österreichischen Parlamentarismus zeigt, welche Bedeutung der Wettbewerb von Ideen in Österreich hat.

Ist es nicht an der Zeit, dass sich andere an uns orientieren, dass sie an uns Maß nehmen und endlich ihre Angst vor dem Risiko des Austragens von Konflikten ablegen?

Es gibt keine Gemeinschaft ohne Konflikte. Norm- und Sachkonflikte lassen sich auf Dauer nicht verbergen. Auch eine gemeinsame Akzeptanz von Grundwerten ist das Resultat eines offenen und streitigen Austragens von Konflikten.

One comment

  1. astuga

    Ach, wenn es doch wirklich so wäre…
    Mag sein, dass es bei uns noch nicht ganz so schlimm ist wie anderswo mit Gesinnungsterror und sozialer Ächtung, aber sehr knapp dran.

    Orwell und Huxley waren offenbar die Propheten der europäischen Zukunft.

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