Im Gefängnis der alten Ideen

Von | 27. März 2021

(Christian Ortner) Tübingen zeigt vor, wie effiziente Corona-Bekämpfung auch aussehen kann.
Wer sich ein wenig für Psychologie interessiert, kennt das Experiment: Eine Versuchsperson bekommt sechs Streichhölzer und die Aufgabe, damit vier gleichseitige Dreiecke darzustellen (die Lösung kommt gleich). Menschen, die imstande sind, dieses etwas knifflige Problem – auf einer Schreibtischplatte kann man mit den verdammten Streichhölzern fuhrwerken, wie man will, das klappt nie, außer man wendet brachiale Gewalt an, was aber jetzt nicht zählt – zu lösen, verfügen über eine ausgeprägte Gabe des lateralen Denkens. Also der Fähigkeit, aus dem Gefängnis der alten Ideen auszubrechen und neue zu entwickeln. Oder wie Eduard de Bono, der Erfinder des Konzeptes, meinte: “Solange man ein bestehendes Loch tiefer gräbt, kann man kein zweites Loch an einer anderen Stelle graben.”

Blöderweise neigen wir alle mehr oder weniger dazu, in diesem Gefängnis der alten Ideen zu verharren; besonders dann, wenn diese alten Ideen sich grundsätzlich bewährt haben. Die Corona-Krise ist ein gutes Beispiel dafür. Das bestehende Loch wird immer tiefer und tiefer gegraben, Lockdown folgt auf Lockdown, der Aufwand wird immer größer, der Erfolg leider immer kleiner. Laterales Denken beweist hier hingegen gerade mit Erfolg Tübingens Bürgermeister Boris Palmer, ein schlauer Grüner.
In Tübingen hat man sich ein “Corona-Tagesticket” ausgedacht. Man bekommt es an jeder der dutzenden im Stadtgebiet verteilten Teststationen, es bescheinigt seinem Besitzer (gratis) für einen Tag, Corona-negativ zu sein.

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Gleichzeitig wurde in Tübingen praktisch alles wieder aufgesperrt, was pandemiebedingt geschlossen war, auch Gastronomie (vorerst freilich nur außen), alle Geschäfte, Kinos, Theater und alle anderen Kulturbetriebe, wenn auch mit Einschränkungen, etwa reduzierter Anzahl von Kunden oder Zuschauern. Benutzt und besucht werden kann all dies freilich nur von “Corona-Tagesticket”-Besitzern. Gleichzeitig werden besonders vulnerable Gruppen besonders geschützt; etwa durch Taxi-Fahrten zum Öffi-Tarif.
Okay, das ist jetzt nicht genau das gute alte Leben, wie wir es kennen, aber doch die wahrscheinlich größtmögliche derzeit mögliche Annäherung daran, die für ein paar Monate akzeptabel erscheint. Sie hat eigentlich nur Vorteile: Die Unternehmen kommen wieder einigermaßen in die Gänge, für die Bewohner werden die verbliebenen Restriktionen leichter erträglich, und die dadurch erreichte extreme Testdichte erschwert die Ausbreitung des Virus.
Nun werden ja einzelne Elemente des Tübinger Wegs auch in Wien und anderen Gegenden Österreichs ausprobiert – aber das Tübinger Konzept geht um eine entscheidende Meile weiter, es ist nicht bloß Stückwerk, sondern ein konsistenter Plan und wird nicht dauernd verändert, sondern bis dato konsequent durchgezogen.
Bis jetzt mit Erfolg, sowohl in epidemiologischer und ökonomischer Hinsicht als auch vom Lebensgefühl der Stadt her.
Übrigens: Die vier gleichseitigen Dreiecke bekommt man nur, wenn man aufhört, in der Fläche zu denken und stattdessen eine Pyramide baut, bei der alle Kanten gleich lang sind. Ganz einfach. Man muss nur aus dem Gefängnis der alten Ideen ausbrechen. (“WZ”)

9 Gedanken zu „Im Gefängnis der alten Ideen

  1. Dr. Wolfgang Mandl

    Warum erinnern mich die ineffizienten Anti-Corona Maßnahmen an die folgende berühmte Geschichte von P. Watzlawick?

    Der verlorene Schlüssel oder “mehr desselben“
    Unter einer Straßenlaterne steht ein Betrunkener und sucht und sucht. Ein Polizist kommt daher, fragt ihn, was er verloren habe, und der Mann antwortet: “Meinen Schlüssel.“
    Nun suchen beide. Schließlich will der Polizist wissen, ob der Mann sicher ist, den Schlüssel gerade hier verloren zu haben, und jener antwortet: “Nein, nicht hier, sondern dort hinten — aber dort ist es viel zu finster.”

    AUS: ANLEITUNG ZUM UNGLÜCKLICHSEIN* VON PAUL WATZLAWICK

  2. sokrates9

    Mehr desselben! Hat sich voll durchgesetzt und beweist dass rationales Denken nicht unbedingt die Stärke der heutigen Politik ist! Zu glauben man kann für jeden ein tiefes Loch graben und jeder Mensch isoliert sich da so lange bis die EU Impfstoff beschafft wird nicht funktionieren! Man sieht selbst an den Politikern wie intensiv diese an ihre eigenen Regeln halten!

  3. aneagle

    In Deutschland gibt es für alle Grünen gemeinsam nicht nur ein Gehirn, sondern deren sogar zwei!
    Kretschmann und Palmer können echt denken, eine unübliche Tugend unter Grünen . Tatsächlich ist die Irritation groß. Boris Palmer ist seinen Grünen einfach zu schlau. Auch sein Buch ” Erst die Fakten,…” empfinden seine Grünen als diametral zu ihren Anschauungen. Deshalb sind unter den Grünen in Tübingen Bestrebungen im Gange, bei den kommenden Wahlen Palmer nicht mehr als Bürgermeisterkandidaten aufzustellen.

    Gut so! Der Mann schafft mit seinem wachen Grips ohne die Grünen spielend mehr Zustimmung als mit seinem grünen Betonklotz. Und die Grünen können mal beweisen ob Blödheit in Deutschland tatsächlich Hirn schlägt.

    Schade nur, dass am Schluß die unzufriedenen Großmäuler doch zu sehr an ihren Sesseln kleben werden, um diese Palastrevolution durchzuziehen. Es wäre Palmer echt zu gönnen sich derart elegant von seinen beschränkten Parteikollegen trennen zu können und einen fulminanten Wahlsieg zu erringen. Das täte ganz Deutschland beispielgebend gut.

  4. Gscheithaufen

    Wie John Cage schon feststellte: “I can’t understand why people are afraid of new ideas. I’m afraid of the old ones”

  5. hausfrau

    Palmer ist der exotische Fall eines Grünen, der exotischer weise die Masse zwischen seinen Ohren anlaßbedingt und logisch zum eigenständigen Denken erfolgreich benützt.
    Zufleiß wird das keiner nachmachen. Das wäre ja ein Verbrechen gegen die “Haltung” und Verrat derselben.
    Blöd außerdem, daß man dem nicht und nicht was ans Zeug flicken kann.
    Er hat es als einziger geschafft, obwohl in der Umgebung Tübingens die Krankenzahlen in die Höhe sprangen, die Alten in den Pflege- und Altenheimen erfolgreich geschützt wurden. Das ist keinem in der EU gelungen.
    Warum wohl? Hat wohl auch keiner gewollt?
    Warum nirgends anders?
    Es zeigt einfach, daß nirgends Politiker am Werk sind, die dazu intellektuell imstande sind.
    Die erkennt man dann leicht an ihren arroganten, im Befehlston vorgetragenen “Regeln” mit Androhung unverhältnismäßigen Strafen und irrem Einfordern derer und dazu die Polizei zu mißbrauchen.

  6. Falke

    Leider kann ich keinerlei Vorteile im Palmers-System entdecken. Erstens muss man bei den Teststationen stundenlang Schlange stehen. Und dann? Bei negativem Test ist man doch wohl nicht ansteckend. Aber man muss weiterhin Maske tragen, Abstand halten, Kontakte vermeiden usw. Völlig absurd, logisch nicht nachvollziehbar. Man darf höchstens (draußen!) Lokale besuchen, in Geschäften einkaufen. Vielen Dank, darauf kann ich verzichten!

  7. CE___

    Die “Tübinger-Lösung” gräbt zwar das Loch nicht tiefer, aber anstatt aus der Grube herauszusteigen, gräbt man einfach der Seite nach weiter.

    Die Frage der Gefährlichkeit dessen auf was man überhaupt testet stellt man sich ja nicht mehr, und mit was (mit dafür ungeeignetem Gerät – PCR-Tests) auch nicht mehr.

    Man testet die Infektion auf ein Virus welches für fast alle Menschen nicht gefährlich ist. Gottseidank.

    Und da hilft es auch nicht tragische Schicksale von Menschen die vielleicht wirklich auf einer Intensivstation an einer Pneumonie ersticken, als Teil für das Ganze zu stellen. Das kann Menschen mit vielen anderen Viren- und Bakterien-Pneumonien auch widerfahren.

    Mit einer “Logik” der tragischsten Fälle könnte man “alles” verbieten, einschränken, sperren, und dem Diktat des Leviathans unterwerfen.

    Ja, so könnte man auch Influenza-Viren, und so manche andere Viren, auch HIV, aufblasen, um ganze Gesellschaften in willkürliche totalitäre Diktaturen zu verwanden.

    Eh’ ein Wunder dass noch kein angehender Diktator der Vergangenheit auf so etwas kam!

    “Exploit a virus, stupid!”

    Wenn man aus dem Ideengebäude des “Killerviruses”, oder auch nur “Viertel-Killerviruses” nicht mehr aussteigen kann, wird jede Lösung unmöglich.

    Und die Lösung KANN NUR sein die politischen, rechtlichen, wirtschaftlichen Zustände von 2019 und davor restlos wieder herzustellen.

  8. CE___

    Vielleicht noch ein Nachsatz:

    Das sich (angeblich?) liberal denkende Menschen einem Test unterwerfen der ihnen von der Politik aufoktroyiert wird, um Einkaufen gehen (!!!), oder generell am gesellschaftlichen Leben teilnehmen zu dürfen, also da frägt man sich schon was da alles in das Rutschen gekommen ist.

    So weit könnte meine Angst nie gehen, als das ich anderen Menschen die gerade Politik und Bürokratie schauspielern, DIESE Macht über mein Leben geben würde.

    Einem Test, dem man durch Steigerung der Zyklen willkürlich beeinflussen kann.

    Ein “russiches Roulett” für das Bürgertum, könnte man witzeln.

    Aber sehen wir einmal ob die Menschen nach spätestens dreimal, hüstel hüstel, “positiv” getestet zu werden, obwohl pumperlg’sund, und damit aus dem Leben ausgeschlossen und in die behördlichen Mühlen gekommen zu sein, dem immer noch so “freudig-erregt” gegenüber stehen.

  9. Nightbird

    @ CE__ bin Deiner Ansicht. Teststrategie für die Fisch’, PCR-Tests gänzlich ungeeignet für Nachweis einer Infektiosiät. Aber keinen interessiert’s.

    Nur so ein Gedanke: Sollte die Test-, Impf-, Maßnahmenstrategie tatsächlich etwas mit Corona zu tun haben, würde sie IMO wesentlich anders aussehen.

    1. Absatz: …Menschen einem Test unterwerfen…
    Für den “normalen” Bürger scheint zu gelten: “gehorchen ist leichter als befehlen zu lernen!” (N. Machiavelli)
    “Man kann ja eh nix machen” oder “das nutzt ja eh nix”. Mit dieser Einstellung legt man nicht nur sich selbst sondern auch den anderen die Ketten an. Denn wenn man nur mehr resigniert, hat die Politik leichtes Spiel.

    2. Absatz …Macht über mein Leben…
    Auch für mich gilt: Wer etwas von mir will, der muß gefälligst zu mir kommen und fragen. Und dabei mit Ablehnung oder mit Widerstand rechnen! Solange etwas mit meinen Prinzipien nicht im Widerspruch steht, oder eindeutig beweisbar ist, bin ich bereit, mitzuspielen. Wenn aber das Geforderte nicht beweisbar ist oder meine Prinzipien konterkariert, dann werd’ ich sauer!

    Freiwillig, oder bloß auf Anordnung gebe ich ich gar nichts her! Egal, ob beim Politiker oder beim Bettler!
    Wenn mehr Leute so denken, handeln würden, mehr Selbstbewusstsein hätten, würde die Politik nicht so ein leichtes Spiel haben, all das durchzudrücken, was sie sich so alles einfallen lässt, um zu überprüfen, inwieweit sich der Bürger karniefeln lässt.

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