Im Morast der Mitte

(MARCUS FRANZ) Politik in Demokratien kann nur stattfinden, wenn es Parteien mit unterschiedlichen Haltungen und Programmen gibt. Nur klare Positionen können im demokratischen Prozess auf ihre Güte und ihren Nutzen überprüft werden. Parteien sollten daher grundsätzlich solche klaren Standpunkte beziehen.

Trotzdem beobachten wir im Polit-Panorama eine stetig breiter werdende diffuse Mitte, die längst zum offiziellen Desiderat der noch immer staatstragenden ehemaligen Großparteien SPÖ und ÖVP geworden ist. Obwohl der ständige Drang zur Mitte keine klaren politischen Aussagen mehr zulässt und diese Mitte sich eigentlich nur als Raum zur Kompromissfindung zwischen gegensätzlichen Positionen eignet, stellt sie doch das Ziel aller Sehnsüchte von Rot und Schwarz dar.
Seit Jahren generieren die „Altparteien“ demzufolge eine immer amorpher werdende Mischung aus den Resten ihrer einst konturierten Weltanschauungen. Gar nicht selten werden die derzeitigen Regierungsparteien daher in den Medien auch als SPÖVP bezeichnet.
Die Vertreter beider Parteien besitzen keine speziellen Kennungen mehr, ihr einziges Merkmal ist ihre Austauschbarkeit. Endlose Wiederholungen tausendfach gebrauchter Phrasen und Schlagworte, deren wichtigste und am häufigsten benutzte die Soziale Gerechtigkeit, die Sicherung der Arbeitsplätze und der Wohlfahrtsstaat sind, kennzeichnen ihre spezifische Rhetorik.
Appeasement mittels antrainierter Stehsätze ist ihr oberstes Gebot. Niemals wird man aus ihrem Munde eine klare Antwort auf klare Fragen erhalten und niemals wird einer von ihnen ein Statement abgeben, das nicht auch sein einstiger politischer Gegner, der folgerichtig heute Mitbewerber heißt, hätte sagen können.
Dieser Befund ist dramatisch. Die in der Mitte zwangsläufig auftretende Unmöglichkeit, Positionen zu beziehen, führt nämlich letzten Endes zum Totalverlust des Politischen in der Gesellschaft. Die Debatte hat immer schon aufgehört, bevor sie noch begonnen hat. Wenn sich alle in der Mitte befinden, gibt es nichts mehr zu diskutieren und daher letztlich keine Politik mehr. Übrig bleibt dann nur noch das Ressentiment. Und das wird von ganz anderen bedient.
Je länger die Sozialdemokraten, die einmal kämpferische Sozialisten waren, und je länger die noch immer als bürgerlich daherkommenden „Schwarzen“, die einst hohe Werte und klare Haltungen besaßen, ihren Marsch auf die Mitte fortsetzen, desto mehr verlieren sie ihr Profil und desto weniger werden sie voneinander unterscheidbar. Gleichzeitig werden aber durch dieses Streben zur Mitte der linke und der rechte Rand des politischen Spektrums preisgegeben und diese Ränder verhärten in demselben Tempo wie die Weichheit und Schwammigkeit der Mitte zunimmt. Anders gesagt: Die Erneuerung der Politik wird nicht von der Mitte aus zu erreichen sein. Sie wird von außen kommen (müssen).
An diesem Faktum wird weder der aktuelle als Erneuerungs-Event daherkommende Programm-Parteitag der ÖVP etwas ändern noch wird die ewigselbe Floskel der Sozialdemokraten, man sei ja eh „für die Menschen“ da, der ausgelaugten SPÖ eine wirklich neue Politik ermöglichen. Und somit wird die Mitte jeden Tag noch ein bisschen sumpfiger werden.

4 comments

  1. Thomas Holzer

    Zur “Mitte” drängen sowieso alle im Parlament vertretenen Parteien; vor allem, wenn diese “Mitte” möglichst weit links angesiedelt ist.

    “………und daher letztlich keine Politik mehr”
    Und, wäre dies so schlecht?
    Wäre es nicht besser, durch (viel) weniger (Tages)Politik dem Bürger wieder die Freiräume “zurückzugeben”, die ihn ja ürsächlich zu einem selbstbestimmten Bürger, Menschen, Individuum machten?

  2. sokrates

    Thomas Holzer: Freiräume zurückgeben? Sicherlich nicht! Man versucht doch die Bevölkerung zu beherrschen indem man sie in den Morast der Mitte reinzieht, keine Werte, Kanten und Profile zulässt, sondern versucht alles PC -conform zu gestalten! Alle sind lieb und gut wie es das kommunistische Manifest vorschreibt !Einen Tag sind sie Fischer, dann Bauer, dann Chirurg, geht alles!

  3. Franz Kurt Nimmervoll

    Der erwähnte Chorleiter, der heute als pensionierter Schuldirektor in einem Sozialmarkt in einer benachbarten Stadt mitarbeitet und dessen Frau in der Hospizbewegung engagiert war, schrieb mir 1992 wegen meiner Aktivitäten in aller Freundschaft einen Brief, den ich hier wiedergeben möchte:
    Lieber Franz,
    wir haben schon öfter über Glauben und Christsein gesprochen; Du hast sicherlich gemerkt, dass ich immer einen wenig radikalen Standpunkt einnehme (ich verweise auf das Gespräch, das ich mit Dir ungefähr um die Novembermitte vor Deiner Trafik führte).
    Da ist mir heute ein Text untergekommen, der ungefähr meine Meinung über dieses Thema bestätigt. Ich dachte mir, dass ich diesen Text Dir unbedingt zukommen lassen muss:

    Es war einmal ein Christ
    Ganz unerwartet kam ihm eines Tages eine Erleuchtung: Er wollte es mit seinem Christsein radikal ernst nehmen. Die Erleuchtung war aber unerleuchtet. So bemühte er sich, radikal „Licht der Welt“ zu sein. Aber er blendete dabei und er brannte die anderen.
    Er bemühte sich, radikal „Salz der Erde“ zu sein. Aber dabei versalzte er den Mitmenschen gründlich das Leben.
    Er bemühte sich, radikal „Sauerteig“ zu sein. Aber er machte dabei, besonders seinen Nächsten, den Alltag sauer.
    Zum Glück hörte der unerleuchtete Christ von einem erleuchteten Prediger eines Sonntags einen geisterfüllten Gedanken. Dieser lautete etwa so: „Wir können mitunter so radikal „christlich“ im Alltag vorgehen, dass wir dabei radikal unchristlich wirken.“ Ausnahmsweise fühlte der verblendete Christ sich selbst betroffen und wandte heilsam auch die Wahrheit auf sich selber an. Und siehe da: Der Christ wurde auf solche Weise „Licht der Welt“, dass andere sich in seinem milden Schein erwärmen konnten und sich erfreuten.
    Er wurde so zum „Salz der Erde“, dass er den Mitmenschen das Leben würzte.
    Er wurde auf eine so liebe und geheimnisvolle Art „Sauerteig“, dass immer mehr Menschen in ihrem darbenden Alltag wie von einem guten, wohlschmeckenden Brot zu essen glaubten und dadurch erstarkten.
    Das war allerdings nur möglich, weil der Christ in völliger Bereitschaft immer wieder einen anderen die Wandlungsworte über sich sprechen ließ.
    (Dr. Johannes Niederer)
    In steter Freundschaft und Verbundenheit.

    Meine Antwort zu Weihnachten 1992 war folgende:

    ….. Ich erinnere mich an unser Gespräch um die Novembermitte vor der Trafik und an ein Gespräch mit meinem Bruder und seiner Familie. Du und er, ihr habt viel gemeinsam, auf alle Fälle seid ihr nicht radikal. Auch ich versuche ja oft den Weg der Mitte, doch fällt es mir sehr schwer, für niemand radikal zu wirken. Schau einmal, wenn ich ganz links stehe, ist äußerst rechts radikal, Wenn ich ganz rechts stehe, ist äußerst links radikal. Am besten ist, ich stehe in der Mitte, dann halte ich es mit rechts und links aus, habe jedoch vielleicht Schwierigkeiten mit äußerst links oder rechts, nicht jedoch solche, als wenn ich selbst an einem der letztgenannten Pole gegenüber stünde. Kurz gesagt: Radikal ist eine Standpunktfrage. Als Christen könnten wir fragen, wie radikal war Jesus. Die nächste Frage würde lauten: „Für wen?“ Für die Armen, Sünder, Kranken, Pflegebedürftigen oder für die Reichen, Pharisäer, Schriftgelehrten. Du siehst, lieber Freund, wieder eine Standpunktfrage. Also wer wurde durch das „Licht der Welt“ geblendet, wem versalzte er das Leben als „Salz der Erde“, wem machte er als „Sauerteig“ den Alltag sauer. Christus hätte auch wohlschmeckendes Brot für die Schriftgelehrten sein können und war es auch z.B. für Nikodemus, der sein Leben wandelte, doch für die meisten blieb er Stein des Anstoßes, was ihm auch das Leben kostete und auch vielen seiner Nachfolger im Urchristentum. Heute haben viele angst vor dieser Nachfolge, dass sie anecken könnten oder jemanden blenden, die fette Suppe des Wohlstandes versalzen könnten, wenn sie zum Teilen aufrufen. Arrangieren, das ist das Modewort, nur nicht Anstoß erregen.
    Lieber Freund, sei mir nicht böse über meine Ansichten, die ich Dir schreibe, wie ich sie mir denke. Es ist ein anderer Standpunkt.

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