Immer diese Schweizer!

“……Suchte man nach dem fundamentalen Unterschied zwischen den beiden benachbarten Alpenvölkern, wäre er wohl darin zu finden, dass die Schweizer so etwas wie kollektivistisch denkende Individualisten mit einem beneidenswert erwachsenen Zugang zum Staat sind. Während wir Österreicher individualistisch handelnde Kollektivisten sind, die zwar gerne «Der Staat sind doch wir» rufen, um ihn dann bei jeder Gelegenheit mit einem Geldautomaten zu verwechseln, der stündlich vom freundlichen Herrn Notenbankgouverneur aufgefüllt wird…” (Franz Schellhorn, AgendaAustria)

5 comments

  1. Klaus Kastner

    Arme Schweiz! Bald könnte die Schweiz für weniger erfolgreiche Länder (wie z. B. Österreich) zum Beispiel dafür werden, dass es gar nicht so gut ist, alles richtig zu machen und extrem erfolgreich zu sein! Warum?

    Das Vertrauen der Welt in die Schweiz und seine Währung ist aufgrund der Scheizer Erfolge ungebrochen. Mit dem Ergebnis, dass der CHF gewissermaßen eine Fluchtwährung geworden ist. Je unsicherer alle anderen Währungen werden, desto wohler scheinen sich die Inhaber des Geldes mit dem CHF zu fühlen. Nach der Einführung des Euro hatte sich der EUR/CHF Kurs 10 Jahre lang relativ stabil zwischen 1,50-1,60 bewegt. Ein österreichischer Häuslbauer, der Ende der 2000er Jahre seinen Finanzberater fragte, ob es nicht doch riskant werden könnte, sein Vorhaben mit CHF zu finanzieren; ob der CHF nicht vielleicht doch einmal auf 1,20 gehen könnte, hätte mit Sicherheit als Antwort bekommen: „Das ist unmöglich! Da würde doch die Schweizer Exportwirtschaft kaputt gehen!“

    Ab 2010 begann die Flucht von anderen Währungen in den CHF und der rasante Anstieg des Wechselkurses setzte ein. Sicherlich nicht wegen der Schweizer Zinsen. Bei 1,20 zog die Schweizer Notenbank (SNB) die Notbremse und verkündete ihre Kursstützungspolitik. Auch hier war die Schweiz wieder anders. Andere Länder verstehen i.d.R. unter einer Kursstützungspolitik, die eigene Währung vor der Abwertung zu schützen. Die Schweiz musste ihre eigene Währung vor der Aufwertung schützen! Um dies zu bewerkstelligen, musste die SNB anderen ihre Devisen, die sie nicht mehr haben wollten, abkaufen und sie mit CHF, die die anderen haben wollten, bezahlen. Die SNB mußte also CHF drucken nicht um ein Budgetloch zu füllen, sondern um dem Bedarf nach CHF seitens der Investoren nachzukommen. Im Endergebnis bedeutet dies jedoch, dass CHF gedruckt wurden.

    Seit 2010 hat die SNB rund 450 Mrd.CHF gedruckt, um anderen ihre Devisen abzukaufen. Die Devisenreserven der SNB (mit gedruckten CHF finanziert) machen bereits mehr als 80% der Bilanzsumme der SNB aus und fast ¾ des Schweizer BIP. Während die Bilanzsumme anderer Notenbanken (Fed, EZB) selbst in Krisenzeiten bei 25-30% des BIP liegen, ist die Quote der SNB schon nahezu 90%!

    Nicht alle Investoren lassen die gekauften CHF auf der Bank liegen. Viele investieren das Geld in Sachwerte wie z. B. Immobibilien. Erste Fragen werden gestellt, ob sich die Schweiz vielleicht bereits in einer Immobilienblase befindet.

    Das viel größere Problem sind jedoch die Devisenreserven im Gegenwert von rund 450 Mrd.CHF. Sollte die SNB ihre Kursstützungspolitik einmal nicht durchstehen und sollte anschließend der EUR/CHF Kurs auf 1:1 gehen, dann wären rund 80 Mrd.CHF an Volksvermögen durch Wertberichtigungen bei den Devisenreserven der SNB vernichtet. Tatsächliche Verluste würden erst entstehen, wenn die SNB Devisenreserven bei 1:1 verkauft.

    Nachdem die SNB das Geldmonopol für den CHF hat, könnte sie natürlich ihre Kursstützungspolitik auf ewig durchstehen: sie müsste einfach auf ewig CHF drucken und Devisen kaufen. Je mehr sie allerdings davon tut, desto größer wird ein allfälliges Abwertungsrisiko, falls sie die Kursstützungspolitik doch aufgeben müsste.

    Die SNB gibt sich hoffnungsvoll, dass sich dieses Problem von selbst lösen wird. Ab 2015 erwartet sie einen Zinsanstieg in anderen Währungen relativ zum CHF. Dann würden, so die Logik, Investoren CHF wieder gegen Devisen verkaufen und die Devisenreserven der SNB würden von selbst wieder auf ein vernünftiges Niveau sinken. Durchaus möglich. Oder auch nicht.

    Man lasse z. B. die Eurokrise wieder aufflammen und/oder politische Krisenschauplätze zu Kriegsgebieten werden. Könnte es dann möglicherweise zu einer erneuten Flucht in den CHF kommen? Wenn ja, dann müsste die SNB entweder massiv CHF drucken, um Devisen zu kaufen und den Wechselkurs zu halten oder sie gibt ihre Kursstützungspolitik auf und läßt den Kurs durch die Decke rasseln mit dem Ergebnis eines massiven Bewertungsverlustes und einem teuren CHF für die Exportwirtschaft.

    Je erfolgreicher die Schweiz als kleines Land inmitten der Eurozone wird, desto mehr wird sie Gefangene ihres Erfolges. Nicht nur, dass Bürger aus anderen Ländern in die Schweiz wollen, sondern auch die Währungen anderer Länder. Und je mehr von beiden geschieht, desto mehr Risiken wird sich die Schweiz aussetzen müssen.

    Übrigens: der CHF ist heute rund 25% teurer als vor 4 Jahren. Trotzdem rast die Schweizer Exportwirtschaft von Rekord zu Rekord und der Leistungsbilanzüberschuss der Schweiz ist, gemessen am BIP, fast doppelt so hoch wie jener Deutschlands. Könnte es sein, dass der Schweizer Erfolg vielleicht doch aus mehr besteht als nur Schwarzgeld-Banken?

  2. Sven Lagler

    @ Klaus Kastner

    herzlichen Dank für Ihren aufschlussreichen Beitrag.

    Wie sieht die Situation bei den Schweizer Banken aus ?
    Diese müssten doch ebenso immense € Werte in Form von Anleihen, Einlagen etc. halten ?
    Bei einer weiteren CHF Aufwertung oder gar einem € Zusammenbruch wären diese wohl existenziell gefährdet ?

  3. Klaus Kastner

    @Sven Lagler
    Grundsätzlich ist zu sagen, dass die Schweizer Banken – vor allem die beiden großen UBS und CS – natürlich für die Größe der Schweiz überdimensioniert sind (analog zu Österreichs Banken mit ihrem Osteuropa-Engagement). Es gibt Panikmacher unter Schweizer Finanzkommentatoren, die darin eine mögliche Katastrophe für die Schweiz sehen. Klar, sollte einmal ein großer Blitz gleichzeitig in die UBS/CS einschlagen, dann könnte es spannend werden. Umgekehrt muss man sagen, dass bei der UBS schon einmal ein Blitz eingeschlagen ist: nach Lehman musste sie von der SNB gerettet werden. Anders als beim österreichischen Staat mit der HAA, ist allerdings die SNB aus dieser Rettung mit einem Gewinn ausgestiegen! Wie sie das gemacht hat, weiß ich nicht, sie muss es aber sehr, sehr gut gemacht haben!

    Beim Währungsrisiko muss man zwischen der Notenbank (SNB) und den Banken unterscheiden.

    Wenn die SNB Devisen kauft und mit CHF bezahlt, dann hat sie eine ‘long position’. Derzeit hat die SNB eine ‘long position’ Devisen/CHF im Gegenwert von 450 Mrd.CHF. Sollten die Devisen um 10% gegen den CHF aufwerten, macht die SNB einen Gewinn von 45 Mrd.CHF. Sollten sie um 10% abwerten, macht sie einen Verlust von 45 Mrd.CHF. Das sind natürlich nur Buchverluste, solange die Devisen nicht verkauft werden. Die Notenbank unterliegt keiner Restriktion, was die Höhe einer ‘long position’ betrifft.

    Ich gehe davon aus, dass auch Schweizer Banken einer Restriktion unterliegen, was die ‘long position’ in Devisen betrifft. Sie können nicht unbegrenzt mit Devisen auf eigene Rechnung spekulieren. Deswegen meine ich, dass der größte Teil des Devisen/CHF Risikos bei der SNB liegt und nur wenig bei den Banken.

    Allerdings steht der ‘long position’ der Notenbank eine ‘short position’ der Kunden der Banken gegenüber. Es ist ja nicht so, dass die Banken ihre eigenen Devisen gegen CHF verkauft haben (wegen obiger Restriktionen), sondern die Devisen iher Kunden.

    Wenn die SNB eine ‘long position’ von 450 Mrd.CHF hat, dann gibt es irgendjemanden im Markt, der die damit verbundene ‘short position’ hat. Wer immer das ist (d. h. die Summe aller CHF-Spekulanten/Investoren), wird einen Verlust machen, sollte der CHF abwerten und einen Gewinn, sollte der CHF aufwerten.

    Der Punkt ist folgender: die CHF kommt aus ihrem riesigen Devisenrisiko erst wieder raus, wenn Spekulaten/Investoren massiv CHF verkaufen. Solange sie nicht rauskommt, fährt sie ein riesiges Bewertungsrisiko (oder auch Potential; je nachdem, wie man es nimmt). Sollten Spekulanten/Investoren nie mehr aus dem CHF aussteigen wollen, dann bleibt die SNB auf ihrem Devisenrisiko sitzen. Sollten Spekulanten/Investoren ihre CHF Positionen sogar noch ausweiten, dann muss die SNB ihr Devisenrisiko sogar noch erhöhen. Oder den Kurs freigeben, den Bewertungsverlust einfahren und sich an einen teureren CHF gewöhnen.

    Nicht ganz erklärlich ist für mich folgendes: durch die Devisenkäufe hat die SNB die CHF Geldmenge um 450 Mrd.EUR erhöht (bis jetzt). Das ist eine Größenordnung, wo man meinen würde, dass sie den CHF Geld-/Kapitalmarkt ganz gewaltig durcheinander bringen sollte. Bisher ist aber nicht wirklich etwas erkennbar (mit Ausnahme des Anstiegsder Immobilienpreise).

  4. gms

    Klaus Kastner,

    “Nicht ganz erklärlich ist für mich folgendes: durch die Devisenkäufe hat die SNB die CHF Geldmenge um 450 Mrd.EUR erhöht (bis jetzt).”

    Sicher? Laut [1] haben die gesamten aktuellen Fremdwährungsreserven der SNB (in konvertierbaren Fremdwährungen) einen Gesamtwert von 444 Mrd Franken, zählt man sonstige in Fremdwährungen denominierten Assets hinzu, sind es 489 Mrd CHF.
    Anfang 2010 waren es 160 Mrd, sprich der Zuwachs seit damals ist ~nur~ 284 (329) Mrd Franken respektive das entsprechend niedrigere Aquivalent ein Euros, sprich maximal 274 Mrd.

    Vergleicht man die ausgewiesenen Werte auf Dollarbasis bezogen auf 5/2010 vs. 5/2014, so änderte sich die Summe von 287 auf 545 Mrd, was ein durchschnittliches Jahresplus von rund 65 Mrd Dollar ergibt und damit i.e. einem Zehntel des schweizer BIPs entspricht.

    “Das ist eine Größenordnung, wo man meinen würde, dass sie den CHF Geld-/Kapitalmarkt ganz gewaltig durcheinander bringen sollte. Bisher ist aber nicht wirklich etwas erkennbar (mit Ausnahme des Anstiegs der Immobilienpreise).”

    Ich vermute verstärkte Kapitalexporte privater Institutionen aus der Schweiz, zumindest wird dies generell für 2010 ausgewiesen, für 2011 speziell in Richtung Asien und 2012 auf unverändertem Niveau. Zugleich waren 2012 Kapitalimporte rückläufig, wie ebenso schon 2011. (Für 2013 und 14 liegen noch keine Reports vor, Indizien sprechen aber für ein Ende des Kapitalabflusses. Falls es also tatsächlich heftige Bewegungen gab, so fanden diese schon vor längerer Zeit statt).
    Zugleich kann angenommen werden, daß die Devisen nicht vollständig mit neuen Franken erworben wurden, sondern auch andere Assets hierfür abgegeben wurden.
    Last not least liegen nun zwar verdammt viele Franken bei der SNB auf Konten in- und ausländischer Banken, das heißt aber nicht, daß diese auch ausgegeben werden. Sie bilden aber fraglos das Potential für heftige Verwerfungen (analog zu den bei der EZB geparkten Euros der Geschäftsbanken des Euro-Raumes), auch und insbesondere deshalb, weil die SNB diese definitiv nicht mehr sterilisieren kann, ein Umstand, auf den Analytiker vor Jahren schon hinwiesen, als die SNB ihre aktuelle Politik begann.

    [1] snb.ch/de/iabout/stat/statpub/statmon/stats/statmon/statmon_A3_1
    [2] snb.ch/ext/stats/balsnb/pdf/defr/A1_Ausweise_der_SNB.pdf
    [3] snb.ch/de/iabout/snb/annacc/id/snb_annac_balance

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