“Individualisten und Eliten sind nicht mehr gefragt”

(JOSEF STARGL) Frontalunterricht, Einzel- und Partnerarbeit werden in zahlreichen Schulen immer mehr durch Gruppen- und Projektunterricht ersetzt. Der „Stein der Weisen“ scheint gefunden, wo doch auch von Seiten der Unternehmen immer wieder Teamfähigkeit gefordert wird.

Individualisten und Eliten sind nicht mehr gefragt. Gruppen sind in. Wer als Lehrer etwas von sich hält, geht mit der Mode und lässt ständig Gruppen arbeiten. Eine organisatorische Neuerung (?) verspricht wieder einmal die Lösung aller Probleme. Es lebe der „Gruppen- und Teammythos“, die „Ohne Gruppe bist (wirst) du nichts – Ideologie“.

Mannschafts-Sportler verkünden, dass das gegnerische Team trotz besserer Einzelspieler gegen das „bessere Team“ verloren hat. Es sei nicht so wichtig, ein guter Einzelspieler mit fachlicher Kompetenz zu werden. Was zählt, sei „soziale Kompetenz“. Zumindest „fortschrittliche Pädagogen“ betonen diesen Sachverhalt.

Wissen, fachliche Begabungen und individuelles Können seien doch sekundär. Primär gehe es allein um den Erwerb von sozialer Kompetenz. Der Einzelne habe seine Interessen den Erfordernissen der Gruppen unterzuordnen. Erziehung zu Selbstlosigkeit steht am Programm. Der Schüler soll sein Selbstinteresse zurückstellen und gefälligst altruistische Verhaltensweisen erlernen und internalisieren. Die Gruppe hat Vorrang vor dem Individuum. Solidarität mit Mitschülern ersetzt fachliche Leistungen.

Abseits dessen, dass es keinem realistischen Menschenbild entspricht, dass wir alle „Engel“ sind, kann man Eigenverantwortung und Eigenleistung im Wettbewerb als wesentliche Voraussetzungen für das Erlernen von Mitverantwortung und von solidarischen Handlungen betrachten. Wenn die einzelnen Schüler ihre fachlichen Begabungen entwickeln, wenn sie sich durch Anstrengungen ihre Persönlichkeitsbildung erarbeiten, dann ist das auch vorteilhaft für die Gemeinschaft. Teamfähigkeit setzt die Bereitschaft und die Fähigkeit etwas zu lernen und zu leisten voraus.

Die Schüler sollen ja sich und ihre Mitschüler in der Gruppe fordern. Sie sollen in das Team auch etwas einbringen. Ein Schüler hat ein Recht auf die Verfolgung seines Selbstinteresses. Er hat eine Verantwortung für sich selbst zu erlernen. Sein Selbstinteresse wird sozial nützlich. Wenn jemand zuerst an sich selbst denkt, schließt das doch eine Hilfe für andere nicht aus.
In einem Team zu lernen und zu arbeiten, erfordert gegenseitige Achtung, Offenheit, einander zuhören, Eingehen auf andere Vorstellungen, Verständnis für die Arbeit anderer, ein Gefühl der Verbundenheit und die Bereitschaft, Konflikte in menschenwürdiger Form gemeinsam zu lösen.

Aber Teamarbeit kann doch nicht funktionieren ohne Hintergrundwissen, ohne Spezialwissen (als Voraussetzung für kreative Lösungen), ohne selbständiges Denken und Fragen, ohne die Fähigkeit zu Widerspruch und konstruktiver Widerlegung. Der Einzelne muss neue Ideen (auch von außen!) aufnehmen. Er muss sich laufend auf neue Anforderungen einstellen, Phantasie zeigen und sein Leistungspotential nutzen.

Man schießt zweifellos über das Ziel, wenn man das Lernen und die Arbeit in der Gruppe mythisch verklärt und dabei (bewusst?) vergisst, dass in der Schule vor allem fachliche Begabungen entwickelt und Persönlichkeitsbildung ermöglicht werden soll. Ich kann mir auch „Unternehmerpersönlichkeiten“, Eliten, Führungskräfte und Pioniere unter den Schülern vorstellen. Persönlichkeitsbildung inkludiert sittliche Kompetenz und somit auch die Fähigkeit des Umgangs mit anderen Menschen. Das Lernen war immer sozial – auch vor der Zeit des „Sozialen Lernens“.

Ein Team funktioniert nicht ohne Führung. Auch Mannschafts-Sportler sind nur dann erfolgreich, wenn sie sich an die Anweisungen ihres Trainers, einer Führungspersönlichkeit, halten. Eliten, fachliche und moralische Autoritäten, Individualisten, die mit Menschen umgehen können, sind auch für Gruppen unverzichtbar.

Bevor Gruppen zu arbeiten beginnen, sollten sie sich mit der Frage „Unter welchen Voraussetzungen funktioniert Gruppenarbeit?“ auseinandersetzen. Individuen sind nicht ersetzbar.

3 comments

  1. sokrates9

    Josef Stargl@ Ihre Aussagen sind total richtig aber diametral zu den neuen didaktischen Konzepten und der heutigen Bildungsdoktrin wo soziale Kompetenz Priorität hat!
    In den Volksschulen werden jetzt die einzelnen Buchstaben im Team gelernt, die Gruppe von Volksschülern soll sich das “alfabet” selbst erarbeiten. Trotz vieler Studien dass Kinder ein Vorbild haben wollen welcher den Schulstoff frontal lehrt geht man einen anderen Weg. Sie können sich vorstellen dass viel Zeit vergeht bis die Gruppe kollektiv ein ” A” als ein ” A” akzeptiert! Somit braucht man sich nicht zu wundern dass heute nach 8 Jahren Schule 25% der Schüler nicht sinnerfassend lesen können. Früher war nach 4 Jahren Volksschule die Lese und Rechenkompetenz höher!

  2. Marianne GOLLACZ

    Das könnte auch eine Erklärung dafür sein, warum Mädchen ihre Omas als Umweltsäue besingen. Mädchen, die nicht gruppenwohlfühl-geschädigt sind, jeden auf so einen Liedtext individuell reagiert.

  3. Mourawetz

    Es kommt noch so weit, dass Kinder nicht durch Beobachtung und Nachahmung Sprache lernen dürfen sondern im Team. Dies gesagt sollte hinlänglich klar sein, dass Teamlernen nicht funktioniert.

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