Ist es Fortschritt, wenn Ehebrecher gesteinigt werden?

Von | 3. Mai 2013

Der Westen, angeführt von der Supermacht USA, scheint endlich ein Instrument gegen das Blutbad in Syrien gefunden zu haben: intensives Wegschauen in der Hoffnung, das Problem möge dadurch von selbst verschwinden. Doch dummerweise denkt dieses Problem gar nicht daran, darob von uns zu gehen – ganz im Gegenteil. Mit 70.000 bis 80.000 Toten ist die Anzahl der Opfer des syrischen Bürgerkrieges in den vergangenen zwei Jahren mittlerweile bereits nahezu doppelt so hoch wie jene der während des Zweiten Weltkriegs in Österreich ums Leben gekommenen Zivilisten (rund 40.000). Zehntausende Tote, das sind zehntausende ziemlich überzeugende Argumente für eine militärische Intervention des Westens – humanitär durchaus legitimiert wie seinerzeit etwa der Nato-Einsatz gegen den serbischen Schlächter Milošević.

Und doch hat US-Präsident Barack Obama vermutlich recht, wenn er vor einer derartigen Intervention – noch – zurückschreckt. Denn anders als während des Balkan-Krieges ist im Falle Syrien nicht mehr wirklich recht auszumachen, zu wessen Gunsten eine derartige militärische Intervention eigentlich zu rechtfertigen wäre.

So übel der Massenmörder Assad in seinem Damaszener Führerbunker sein mag, so wenig erfreulich sind seine zahlreichen militärischen Gegner aus dem jihadistischen Milieu. In vielen Fällen sind sie Sympathisanten von al-Qaida oder andere Radikalislamisten, die mit einem demokratischen Syrien nichts am Hut haben. Würde der Westen, wie an sich ja dringend geboten, den Mörder Assad mit militärischen Mitteln beseitigen, betriebe er damit letztlich das Geschäft all jener, die in Syrien einen islamofaschistischen Gottesstaat nach iranischem Modell errichten wollen, in dem Ehebrecherinnen gesteinigt und Schwule gehenkt werden. Was gegenüber dem Assad-Regime kein wirklich großer zivilisatorischer Fortschritt wäre.

Dass die Nato dabei behilflich ist, die fanatischsten Feinde des Westens in Damaskus an die Macht zu bringen, wird ja auch nicht wirklich sehr zweckmäßig sein. Im Grunde besteht in Syrien ein ähnlich hässliches Problem wie bei allen bisherigen westlichen Ambitionen, die arabische Welt zu befrieden und zu demokratisieren: Vom Irak über Ägypten bis Tunesien haben von den mehr oder weniger robusten Interventionen des Westens letztlich hauptsächlich die Islamisten profitiert.

An die Stelle von meist üblen, dem Westen aber wenigstens einigermaßen wohlgesinnten und dem Islamismus abholden autokratischen Herrschern traten im Zuge des vermeintlichen „Arabischen Frühlings“ Islamisten unterschiedlicher Heftigkeitsgrade.

Nicht mehr Demokratie – und schon gar nicht mehr Wohlstand – hat diese vom Westen durchaus mit naiver Sympathie, Geld und gelegentlich auch militärischer Gewalt begleitete arabische Revolution gebracht, sondern vor allem mehr religiöse Dominanz über das Leben der Menschen.

Fortschritt sieht anders aus. Es gibt leider nur wenig Grund anzunehmen, im Fall Syrien würde es sich anders verhalten. So unbefriedigend es ist, einem Blutvergießen wie jenem in Syrien weitgehend tatenlos zuzusehen, so wenig Chancen hätte eine militärische Intervention des Westens deshalb derzeit, um dort eine Wende zum Besseren herbeizuführen. Es ist daher besser, sie unterbleibt. (Presse)

15 Gedanken zu „Ist es Fortschritt, wenn Ehebrecher gesteinigt werden?

  1. Mourawetz

    Man könnte ja das Assad-Regime unterstützen. Oder?

  2. Samtpfote

    Da wird die Bandion Ortner nix dagegen haben, soferne die Steinchen mindestens 18 Karat haben….

  3. Wolf

    Genau dieselbe Meinung (mehrfach geäußert in Artikeln und Fernseh-Diskussionen) vertritt auch einer der besten Nahost-Kenner, nämlich der Jornalist Peter Scholl-Latour: Er sagte sogar, man solle “hoffen und beten”, dass Assad bleibt, vor allem auch wegen der rund 3 Mio Christen, die bisher in Syrien ein relativ ungestörtes (auch religiöses) Leben führen konnten, und denen es bei jedem Regime-Wechsel unweigerlich an den Kragen gehen würde. Außerdem ist Assad gescheit genug, sich (trotz formellen Kriegszustandes) nich mit Israel anzulegen, er ist immerhin ein Garant dafür, dass es dort keine bewaffneten Konflikte gibt – was sich bei einem (noch dazu vom Westen geförderten) Sieg einer islamistischen oder gar Al-Kaida-Gruppe garantiert ändern würde. Assad ist zweifellos ein Diktator und Mörder – doch nach seinem möglichen Sturz würde sich die Lage dort wesentlich verschlimmern – sowohl für die einzelnen Menschen als auch für die Politik insgesamt. Daher wäre eine Unterstützung des Assad-Regimes durch den Westen gar nicht so von der Hand zu weisen, zumindest die stillschweigende Duldung seiner Bewaffnung durch Russland.

  4. Plan B

    Was jetzt in Syrien passiert haben Algerien und der Libanon schon hinter sich und Ägypten und der Iran noch vor sich. Es ist eine demographische Frontbegradigung unter verschiedenen Flaggen aber mit einem Ziel: Die überzähligen Konkurrenten im Kampf um die Futtertröge auszurotten. Der “Youthe Bulge” eliminiert sich selbst (mal bei Gunnar Heinsohn nachschlagen).

  5. dw-seneca

    Den Massenmörder Assad? Wer eine solche Aussage tätigt, sollte sich eigentlich nicht mehr als Journalist bezeichnen.

  6. Reinhard

    @dw-seneca
    Zum Glück kann es einem Kenner der Materie egal sein, ob ein kleiner Blog-Poster ihm den Titel “Journalist” zugesteht oder nicht, ebenso wie es Assad egal sein kann, ob ihm der gleiche kleine Blog-Poster den Titel “Massenmörder” umhängt.
    Nur mal ein kleines Gedankenspiel: in Österreich strömen die von den Ultralinken ja immer herbeifabulierten ultrarechten Horden aus ihren Kellern, greifen zur Waffe und bekämpfen ein von wahlarithmetisch nicht mal 30% der Bevölkerung legitimiertes Regime mit dem Ziel, selbst die Macht zu übernehmen. Die österreichsiche Regierung schickt das Bundesheer aus, um die faschistischen Terroristen zu bekämpfen und an der Machtergreifung zu verhindern.
    Und dann kommen ausländische Medien und verteufeln die Massenmörder Fischer und Faymann und deren tausendfachen Mord an armen Zivilisten (denn die Terroristen gehören ja offiziell keinem Heer an, das lässt sich immer gut propagieren), fordern einen Nato-Schlag gegen das österreichische Regime und die Unterstützung der armen Befreiungskämpfer.
    Sie glauben, das Gedankenspiel wäre daneben?
    Irrtum, es trifft mehr zu als Sie ahnen…

  7. Rennziege

    Jaaa! Es ist ein Fortschritt, wenn Ehebrecher gesteinigt werden. Mein Mannsbild und ich sind beide viel unterwegs, demnächst auch ganz in Kanada. (Übersiedeln mit Schiffscontainern ist nicht so einfach, wie man glaubt. Dazu mein geerbter fescher Bösendorfer-Flügel … Bevor er vermögensbesteuert wird, nehmen wir ihn lieber mit.)

    Bei uns z’haus liegt jedenfalls der Koran, alle ehebrecherisch relevanten Seiten mit Post-Its als Lesezeichen markiert, zur beiderseitigen Warnung allzeit auf besagtem Flügel: To whom it may concern. So viel Scharia muss sein, zumindest für uns zwei.

  8. Reinhard

    Rennziege :
    …alle ehebrecherisch relevanten Seiten mit Post-Its als Lesezeichen markiert…

    Und der geht noch zu? 🙂

  9. Rennziege

    @Reinhard
    Gute Frage. Zugehen tät’ die Schwarte mit Lesezeichen nimmer. Deswegen, auch zwecks flinkerem Nachschlagen bei akuten Versuchungen, liegt das heilige Buch der Religion des Friedens aufgeklappt auf dem nicht minder heiligen Bösendorfer. Wenn Töchterchen, leider no’ a wengerl holprig, Mozarts “Rondo alla turca” klimpert, rascheln die Seiten freudig mit. (Die Seiten unisono mit den Saiten … aber das wär’ ein allzu billiger Gag.) 🙂

  10. Ehrenmitglied der ÖBB

    @Rennziege
    meinen sie das ernst mit dem Übersiedeln nach Canada?
    Da werde ich ihre geistvoll/spritzigen Kommentare aber vermissen!
    Es sei denn, sie hätten auch dorten Zeit, sich mit mini mundus austriae zu befassen?
    -:) -:( ?

  11. Rennziege

    @Ehrenmitglied der ÖBB
    Ja. Mannsbild und ich haben ab kommendem Herbst Jobs in Ontario, die G’schrappen freuen sich drauf, die ganze Familie bleibt aber österreichisch. Vielen Dank — aber ich wage zu bezweifeln, dass meine Bemerkungen geistvoll oder spritzig sind, denn oft schreibe ich auch übernächtigen Unfug. Wenn Sie Pech und starke Nerven haben, bleibt der Ihnen auch aus der Ferne (die heutzutag’ rein virtuell ist) erhalten. 🙂

  12. Rennziege

    @Rennziege
    P.S.: Sentimental an diesen Blog gebunden; es ist der einzige, an dem ich teilnehme.

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