Italien: Jede gute Tat rächt sich bekanntlich unerbittlich

Von | 28. Februar 2013

“Für 100 Milliarden Euro hat die vom Italiener Mario Draghi geführte europäische Zentralbank bereits italienische Staatsanleihen aufgekauft, weil die auf dem freien Markt nur gegen Zahlung von Wucherzinsen verkäuflich wären. Doch das derart subventionierte Land will mehr vom süßen Gift der Staatsverschuldung. Sparen und sich reformieren wollen die Italiener jedenfalls nicht. 55 Prozent wählten Parteien, die gegen den Sparkurs antraten.” (Gabor Steingart, Chefredakteur “Handelsblatt”)

16 Gedanken zu „Italien: Jede gute Tat rächt sich bekanntlich unerbittlich

  1. rubens

    Den Schein, den Monti an den Tag gelegt hat, war dazu geeignet und bestimmt, zu täuschen. Wer nach Italien fährt und näher hinschaut, erkennt das sich nichts verändert hat. Außer dass Hotels nun eine Steuer von Touristen einheben müssen und sich darüber beschweren und es auch vorkommt, dass man als Deutschsprechender im Restaurant inzwischen auch “ang’lahnt” gelassen wird (das war allerdings nur einmal der Fall).

    Täuschen als Mittel zum Zweck und zur Erreichung eines politisch geeinten Europas, das sich eine “Nomenklatura” wünscht, die die Menschenmasse einzusetzen gedenkt zur Erzielung eigener Vorteile und Profite, jedoch nicht bereit ist nur einen Zentimeter von seinen Rechten, die sie selbst für sich beschlossen haben, abzugeben.

    Vor diesem Dilemma stehen wir. Um dieses Dilemma aufzulösen, müssen wir mutig und entschlossen handeln. Die Italiener haben es vorgemacht, auch wenn die Motive vielfältig und häufig prolokratisch im Ortnerschen Sinne sind. Doch Veränderungen anders herbeizuführen ist unmöglich, daher sollten wir uns mit aller Kraft als Bürger und Steuerzahler dafür einzusetzen, mitzusteuern, damit das Boot nicht Kurs in eine unerwünschte Richtung nimmt. Die Eurozone verschärft und verkompliziert das Unterfangen, dem müssen wir uns bewusst sein.

    Zur Täuschung passend das Juncker-Zitat (erschienen im Spiegel 52/1999): “Wir beschließen etwas, stellen das dann in den Raum und warten einige Zeit ab, ob was passiert. Wenn es dann kein großes Geschrei gibt und keine Aufstände, weil die meisten gar nicht begreifen, was da beschlossen wurde, dann machen wir weiter – Schritt für Schritt, bis es kein Zurück mehr gibt.”
    Verifizierung des Zitats durch Junckers Pressesprecher:

    Sehr geehrte Frau Ghazal,

    Da Sie uns von der Uni Leipzig kontaktiert haben, gehe ich davon aus, dass wir auch auf Deutsch korrespondieren können.

    Ich bin Ihnen sehr dankbar für diese Frage, weil dieses Zitat von Herrn Juncker sehr oft als Beweis des undemokratischen Europas herhalten muss, in dem Politiker über die Köpfe der Bürger hinweg dauernd Komplotte schmieden würden.

    Das ist allerdings gar nicht der Fall, weil Herr Juncker hier nicht von politischen Entscheidungen des europäischen Rats spricht, die die Politik der Union betreffen, sondern ausschließlich von einem internen Vorgang im Rat selbst.

    Das Zitat von Herrn Juncker ist korrekt wiedergegeben worden, damals im Spiegel.

    Das Zitat bezieht sich ausschließlich auf die interne Funktionsweise des europäischen Rats, also der Versammlung der Staats- und Regierungschefs der EU. Herr Juncker wollte damit einfach sagen, dass Elemente, die der europäischen Integration förderlich sind, im Rat – wo sie normalerweise auf sehr heftigen Widerstand, besonders Großbritanniens, stoßen – so eingebracht werden, dass sie am Anfang eigentlich gar nicht erkennbar sind, sondern erst viel später erkennbar werden. Es ist eine altbewährte europäische Strategie, in Verträge oder Schlussfolgerungen Passagen hinein schreiben zu lassen, die eine zukünftige Entwicklung im Sinne der europäischen Integration möglich machen oder zumindest nicht verhindern.

    Ich hoffe, dass diese kurze Erklärung für Sie hilfreich ist.

    Mit freundlichen Grüßen,

    Guy Schuller

    Presseprecher

    aus: http://nachgeschaut.wordpress.com/2009/09/07/der-antidemokrat-jean-claude-juncker/

  2. Sven Lagler

    “Für 100 Milliarden Euro hat die vom Italiener Mario Draghi geführte europäische Zentralbank bereits italienische Staatsanleihen „

    Soviel zur wirtschaftlichen Kompetenz und den „Sanierungserfolgen“ der Goldmann Marios M&D.

  3. Sven Lagler

    @rubens

    Stimmt, und das ist unser aller Problem.

    Was schlagen Sie vor, wie man sich konkret verhalten soll ?
    Bei den anstehenden Wahlen die Liste Stronach wählen, die einzige (noch nicht ?) Schulden Partei, offen zu seiner Meinung stehen, auch wenn es höchst unpopulär und politisch unkorrekt ist und man stets zu 95% aneckt ?

    Zum Lachen, Weinen oder zum Verzweifeln ist der Kommentar des Spiegel Kolumnisten Münchaus, der Merkel für Italiens Probleme verantwortlich macht.

    http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/merkel-ist-die-verliererin-der-italienischen-wahlen-a-885870.html

    Persönlich denke ich mir immer mehr, dass der richtige Zeitpunkt einer Auswanderung gekommen ist.
    Kann mir nicht vorstellen, wie diese Konstellationen gut ausgehen können.

  4. PP

    rubens :
    @Sven Lagler
    Soziale Kompetenz in Seilschaftenbildung kann man ihm nicht absprechen.

    Soziale Kompetenz ist jemand so schnell über den Tisch zu ziehen, dass durch die Reibung das Gefühl von Nestwärme entsteht. 😉

  5. rubens

    @Sven Lagler
    Ans Auswandern zu denken, ist durchaus legitim. Nur sollten Sie bedenken, dass Sie hier gebraucht werden, den Kurs mitzubestimmen. Doch auch im fremden Land ist nicht alles Gold, was glänzt.
    Ich persönlich bin dabei, mich politisch zu engagieren. Das Risiko ist einzugehen, anzuecken und als Komiker bezeichnet zu werden.

  6. rubens

    @PP
    :-))
    Ich denk, darauf sind wir auch schon reingefallen. Doch die Reibung des Über-den-Tisch-Ziehens führt inzwischen doch bei vielen zu Brandwunden.

  7. Sven Lagler

    @rubens

    Ich mache mir hauptsächlich Sorgen wegen meiner Kinder weil ich ihnen eine solide Zukunft mit Perspektiven bieten möchte.

    Angesichts der bestehenden und weiterhin steigenden Überschuldung,
    der zunehmenden Regulierungen und Zentralisierung,
    der verbindlichen Einhaltung von Gesetzten und das Eintreten von Konsequenzen nur mehr für den Mittelstand (siehe Besetzer in der Votivkirche, der eingetretene Schaden durch Bundesländer- „Investments“ ),
    der Eindämmung und Umkehrung der ursprünglichen fundamentalen Grundfreiheiten der EU,
    den irgendwann fällig werdenden eingegangenen (ESM-) Haftungen (die es eigentlich gar nicht geben kann),
    der „unvorhergesehenen“ Überalterung (und einem schon derzeit nicht funktionierendem Umlageverfahren),
    der Überbürokratisierung (Tendenz steigend) und dem Verhindern von Verwaltungsreformen,
    den teils erfolgten und weiterhin beabsichtigten Gleichschaltungsanstrengungen in den Schulen und in der Gesellschaft…

    glaube ich nicht, dass ich da mit politischem Engagement (anecken inklusive) wesentliche Verbesserungen für meine Kinder erzielen kann. Kann bestenfalls versuchen, dass sie eine möglichst gute Ausbildung bekommen um dann international wettbewerbsfähig zu sein.
    Unser Mittelstand wird zunehmend erodieren, wie sollte man bei einer finanziellen Repression seine private Pensionsvorsorge gestalten ?

    Dass in anderen Ländern auch nicht alles bestens ist, ist mir bewusst.
    Mein „Vorbild“, was passieren kann, wenn ein (ehemaliges) 1. Welt Land aufgrund politischer und ökonomischer Unfähigkeit durch Eliten abstürzt (Festhalten am Peso – $ Wechselkurs von 1:1, versus aktueller € Konstruktion), ist Argentinien.
    Waren nicht Sie es, oder Thomas Holzer, der mehrmals geschrieben hat: If you panic, panic first. ?

  8. Christian Peter

    Das ist Unsinn, denn auch unter Berlusconi hatte es in Italien Sparpakete
    gegeben, die in unseren Breitengraden die Menschen massenhaft auf
    die Straße getrieben hätten.

    Vor allem aber wurde die Krise nicht durch mangelnde Haushaltsdisziplin
    der Euro – Länder verursacht, sondern durch das völlig irrwitzige Experi –
    ment der Einführung einer Gemeinschaftswährung in Europa. Länder wie
    Spanien, Italien oder Griechenland können sparen wieviel sie wollen, sie
    werden ohne eigene Währung dennoch niemals Wettbewerbsfähigkeit
    erlangen.

  9. Wettbewerber

    @rubens
    ” Doch Veränderungen anders herbeizuführen ist unmöglich, daher sollten wir uns mit aller Kraft als Bürger und Steuerzahler dafür einzusetzen, mitzusteuern, damit das Boot nicht Kurs in eine unerwünschte Richtung nimmt.”

    Sorry, das Boot fährt längst in eine äußerst unerwünschte Richtung. Der einzige Vorteil im “Feigenblatt-Kapitalismus” ist, dass der Weg nach unten durch den tagtäglichen harten Wettbewerb der Erwerbstätigen sehr lange dauern kann. Vor allem aber sind die meisten Menschen der Meinung, dass es eine “Lösung” geben kann, aber das ist völlig unrealistisch. Zu viele mächtige Einzelinteressen lassen eine offene Diskussion über Schuldenwahnsinn und Selbstbedienermentalität von Politikern und Beamtentum garnicht erst zu. Und die Leute wissen zur Not ja, wer die wahren Schurken sind: Die Unternehmer, je größer, umso böser. Konzerne sind der Inbegriff von Satan und Belzebub zugleich.

    Dass es vielleicht in der Tat Staatsmonopole wie das Geldwesen sind, dass die Demokratie für viel zu viele Belange zuständig ist, dass die Menschen in ihren Interaktionsmöglichkeiten schon viel zu sehr gegängelt und beschränkt wurden zum Vorteil von Bürokratenarmeen, die sich wie Parasiten von der sie finanzierenden Bevölkerung ernähren, darauf kommt praktisch niemand, und wenn, dann ist er klug genug, dies nur unter dem Schutz der Anonymität solcher nicht allzu praktisch bedeutenden Foren wie diesem zu tun…

    Nein, das einzige, was der sehende Einzelne tun kann, ist für sich selbst und seine Liebsten den besten Weg in diesem durchaus “herausfordernden” Umfeld zu finden und bereit zu sein, wenn es (weil wider alle Natur des Menschen) früher oder später im Orkus landen muss. Aber wie gesagt, das kann noch eine Weile dauern. Meine Einschätzung: 20-30 Jahre Hängen und Würgen, mit zunehmenden Reallohnverzichten, dem weiteren Erodieren der Familien und dem völligen Zusammenbruch dessen, was man einmal Solidarität und Mitgefühl für andere nannte…

  10. rubens

    @Wettbewerber
    Eine sehr pessimistische Sichtweise für Sie als Realist. Ich gebe mit Ihnen, zu glauben, das Boot fährt in die falsche Richtung. Doch sollten wir versuchen, es zu wenden, zumindest soll die Spitze des Bootes für die Zeit danach in die von uns ersehnte Richtung zeigen.
    Vielleicht bin ich blauäugig, naiv und dumm, vielleicht scheitere ich grandios, doch wer es nicht versucht, der hat bereits verloren.

  11. rubens

    @Sven Lagler
    Sg Herr Lagler,
    ich habe das nicht geschrieben, doch

    If you panic, panic first beziehe ich eher auf die Rücklagen, die wir früher schaffen sollten als andere, um uns Freiräume für später zu sichern. Das kann natürlich auch bedeuten, eine neue Bleibe zu finden, doch dann wären wichtige Kapazitäten für unser Land verloren. Das fände ich schade, weil ich finde, wir sollten es schützen und verteidigen aus eigener Kraft. Draghi sprach erst kürzlich in München von Ressourcenteilung und erpresste Deutschland mit den Targetsalden, die Verluste, die es dann alleine tragen müsste.
    Ich bin der Meinung, wir müssen diesen unverantwortlichen, erpresserischen Eliten die Zügel mit Mut und Selbstbewusstsein aus der Hand nehmen. Das Risiko ist es wert, getragen zu werden.

  12. Wettbewerber

    @rubens
    Das Grundproblem für “Sehende” wie Sie und mich ist, dass man trotz Meinungsfreiheit mit emtsprechenden, ehrlichen Aussagen ganz einfach nicht ernst-, oft nicht einmal wahrgenommen wird. Die meisten Menschen in meinem Umkreis glauben in der Tat, dass es jetzt umso mehr kollektiver Anstrengungen bedarf, um die Misere zu lösen (Frankreich lässt grüßen). Dass vielleicht genau diese Einstellung den ganzen Schlamassel überhaupt erst ermöglicht hat, das WOLLEN diese Leute einfach nicht sehen. Sie schaffen diesen Spagat nicht.

    Ich persönlich werde mich zunehmend um meine ureigenste Umgebung, meine Familie, meine Freunde, meine Nachbarn und lokalen Geschäfspartner kümmern, um im Falle des großen Zusammenbruchs (wahrscheinlicher: Niedergangs) eine gute Ausgangsbasis für die Zukunft zu haben. Die Natur hat uns zu einem Individuum gemacht, mit viel Mitgefühl und Empathie für die Menschen, die wir kennen. Dort liegt mE die Zukunft. Sich am kollektiven Irrweg zu beteiligen, in welcher Form auch immer, ist nichts anderes als Zeit- und Energieverlust. Das Schiff wird sinken – und irgendwann wird man ihm keine Träne mehr nachweinen.

  13. rubens

    @Wettbewerber
    Ja, in der Tat eine Sisyphusarbeit, doch bemerke ich eine Spur von Umdenken bei den Menschen. Das nährt meine vage Hoffnung. Ja, es ist besser in der Not Maier und Müller zu kennen als Karl Marx oder sonst wen. Ich hoffe, beides verbinden zu können.

  14. Christian Peter

    Machen wir uns doch nichts vor. Die Stützungskäufe der EZB dienten nicht
    der Nächstenliebe, sondern dem alleinigen Zweck, die Gemeinschaftswäh-
    rung weiterhin künstlich am Leben zu erhalten – ohne Interventionen der
    EZB (nicht nur in Italien) wäre der Euro schon längst kollabiert.

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