Jetzt kommen die Kriegsanleihen

(ANDREAS UNTERBERGER)  Vor wenigen Tagen hat man die Ausgabe von europäischen Kriegsanleihen noch für einen schlechten Scherz halten können, der dadurch in die Welt gekommen ist, dass europäische Politiker immer öfter von einem Krieg gesprochen hatten. Inzwischen jedoch scheinen sogenannte Corona-Anleihen ziemlich fix vor der Tür zu stehen.

Von Italien über die Niederlande bis zu Deutschland sind sie regierungsoffiziell schon angepeilt worden. Natürlich hat wieder einmal Angela Merkel jetzt vorgegeben, dass wir das zu schaffen hätten – obwohl Deutschland bisher immer ein strikter Gegner solcher Kollektivanleihen gewesen ist. Natürlich spricht sich auch die EU-Präsidentin dafür aus. Und noch besorgniserregender: Nirgendwo mehr hört man ein klares “Nein” dazu.

Auch nicht aus Österreich, das noch bis vor kurzem vehement solche Eurobonds abgelehnt hatte. Schließlich beginnt man ja jetzt in Österreich langsam nachzudenken, woher eigentlich die 38 Milliarden kommen sollen, die die Regierung in der letzten Woche an zusätzlicher Verschuldung recht großspurig versprochen hat (auch wenn Ministerien und Wirtschaftskammer vorerst im Dunkeln tappen, wie das Geld gerecht zu verteilen wäre – was freilich immer völlig klar gewesen ist).

Es gibt also nicht einmal mehr die zuletzt üblich gewordene Empörungswelle der Regierung und der Mainstream-Medien über angebliche Fake News, die dann ja meist zwei Tage später offizielle Realität werden.

Bei dem, worüber die genannten Länder und die EU-Kommission schon heftig nachdenken, geht es um Anleihen, für die alle Euro-Länder gemeinsam haften (darüber hinaus träumen wohl manche, dass auch alle EU-Länder, also auch die außerhalb des Euro, haften sollen). Durch solche gemeinschaftlichen Anleihen wollen sie das hohe Risiko reduzieren, das sich auch schon vor Corona in deutlich höheren Zinsen – etwa – für italienische Anleihen niedergeschlagen hatte, indem sie es auf die anderen Euro-Länder aufteilen. Die dann einen satten Teil des Risikos mittragen würden, während sich Italien&Co solcherart billiger refinanzieren können.

Letztlich sind solche Kollektivanleihen nichts anderes als Wetten, ob wenigstens die wirtschaftlich zuletzt noch gesunden Euro-Länder nördlich der Alpen überhaupt rückzahlungsfähig und -willig sein werden. Oder ob sie die Anleihen nur noch mit Hilfe der EZB-Banknotendruckerei bedienen werden. Was natürlich zu massiver Inflation und zu Flucht aus dem Euro führen wird – und zum Ausstieg einzelner Länder aus dem Euro.

Im Grund waren die Kriegsanleihen des ersten Weltkriegs sehr ähnliche Wetten: Wetten auf einen Sieg im Krieg. Unsere Vorfahren haben jedoch entgegen ihren Erwartungen den Krieg und damit ihre Wetten verloren. Die Kriegsanleihen konnten sie dann nur noch zum Tapezieren der Wände verwenden.

Trotz dieses bei nüchterner Beobachtung eigentlich schon a priori erkennbaren Wettcharakters hatten die Bürger der Monarchie die Anleihen anfangs mit großer Begeisterung gekauft. Befanden sie sich doch in der Anfangsphase des Kriegs durch die mediale Propaganda in einem patriotischen Begeisterungstaumel. Am Ende des Krieges war davon freilich absolut nichts mehr zu spüren. Am Ende des Krieges haben viele bürgerliche Familien ihre ganzen Ersparnisse verloren gehabt (in dem dadurch entstandenen Verzweiflungsfrust haben dann die Nazis ihre kriminellen Botschaften säen können, wie etwa, dass die Juden an allem schuld seien).

Wenn die europäischen Corona-Anleihen wirklich auf den Markt kommen: Werden dann die gegenwärtig alle Zeitungskommentare beherrschenden Begeisterungswellen über den Großen Vaterländischen Krieg gegen das Virus wieder zu einem ähnlichen Run führen? Man darf zweifeln – allerdings sind manche Europäer durch den (vorerst allerdings beendeten) Absturz der Börsenkurse frustriert und daher vielleicht doch potentielle Käfer der Corona-Anleihen.

Freilich müssen Merkel & Co ohnedies nicht allzu sehr bangen, ob die Taschen der Europäer für einen solchen Solidarakt geöffnet werden. Wieviel Anleihevolumen auch immer sie auflegen – letztlich wird ihnen die EZB alles abkaufen, was nicht am Markt absetzbar ist. Und damit ist ja in der Pippi-Langstrumpf-Welt der meisten Politiker das Problem gelöst.

Sie wundern sich nicht einmal, warum die Tschechen, Ungarn und Polen derzeit doppelt froh sind, nicht beim Euro dabei zu sein – und mit Gewissheit auch eine Ausdehnung der Kriegsanleihen von den Euro- auf alle EU-Länder verhindern werden … (TAGEBUCH)

5 comments

  1. Rado

    Die 48 Milliarden sind ein Klacks! EZB Gelddruckmaschine anwerfen und fertig. Was bei den Südeuropäern zur liebgewonnenen Routine geworden ist, wo es um ganz andere Grössenordnungen ging, kann jetzt wohl nicht das Problem sein.
    Wenn jetzt sowas wie Unruhe bei EU und EZB einzieht, sieht man, wie dünn das Eis für Brüssel und Co wirklich ist. Wenn nämlich die Haftenden für den Euroirrsinn plötzlich beschliessen, zuhause zu bleiben. Der Kampf um den Euro sollte eigentlich bis zum letzten Lungenbläschen der Nettozahler durchgehalten werden.

  2. wbeier

    Als ketzerischer Klimaleugner und Corona-Skeptiker verdichtet sich für mich der Verdacht von planmässiger Abwicklung der Finanzwirtschaft im Windschatten einer gehypten Pandemie. Beim der Suche nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner neben allen Unterschiedlichkeiten der betroffenen Systeme, Staaten und geostrategischen Interessen, sticht einem der IWF als zentraler Player und möglicherweise Beförderer aktueller Zustände geradezu ins Auge. Was geht hier ab? Weltweite Entschuldung in der Folge des Zusammenbruchs?

  3. Johannes Streck

    Ja, @astuga! – Als wir unsere gute Tante Josefa “Pepi” in den letzten achtziger Jahren in Niederösterreich beerbten (sie war mit ihrer Tante in einem Pfarrhaushalt tätig), da haben wir dicke Packen von WK1-Kriegsanleihen auf dem Dachboden gefunden. “Gold gab ich für Eisen” hieß das in Preußen, und es fing schon gegen Napoléon 100 Jahre zuvor damit an.

  4. Johannes

    Eurobonds ist das Vergemeinschaften aller europäischen Schulden.
    Daraus entstehen naturgemäß Gewinner und Verlierer.
    Die Verlierer können jetzt wie Hamster im Rad weitermachen und durch ihre Sparsamkeit und Leistungsbereitschaft weiter für andere arbeiten.
    Wie lange das gut geht, kann man nicht sagen. Wahrscheinlich solange bis den Menschen im eigenen Land auf Grund niedriger Löhne, hoher Steuerlast und mangelhafter Infrastruktur im Land der Kragen platzt. Dann wählen sie jene Politiker welche ihnen, ganz böse populistisch, versprechen in erster Linie wieder für sie da zu sein.
    Ob man diesen Populismus auf ewig mit dem Mythos des Bösen unterdrücken kann wage ich zu bezweifeln, ist es doch die ureigenste Aufgabe von Landespolitikern zuerst auf ihr Land zu schauen.
    Eine EU in der immer die Gleichen die Zeche zahlen kann nicht ewig gut gehen, vor allem dann wenn der starke Germane beschließt seine Industrie radikal umzubauen.

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