Jetzt sind wir alle Portugiesen! (unfreiwillig)

(C.O.) Konsumieren die Profis in den Handelsräumen großer Banken, Versicherungen, Pensionsfonds und anderer professioneller Investoren bewusstseinsverändernde Drogen, während sie Deals über hunderte Millionen abwickeln? Das musste sich jeder unvoreingenommene Beobachter fragen, der das jüngste Geschehen auf den Finanzmärkten etwas aufmerksamer beobachtete.

Da gelang es dem finanziell ausgezehrten Krisenstaat Portugal, den Geldgebern Anleihen in Höhe von 750 Millionen Euro für sagenhaft niedrige 3,6 Prozent Zinsen anzudrehen – damit werden portugiesische Staatsanleihen von den Märkten als ähnlich sicher eingestuft wie etwa jene der USA, die derzeit etwas unter 3 Prozent Rendite bieten. Ein Geschäft mit hohem Risiko und viel zu geringem Ertrag also, das man als Anleger nur bekifft eingehen kann?

Nüchtern betrachtet: Natürlich nicht, denn die absurd niedrigen Zinsen für Portugal (und vor Ostern das noch viel weniger kreditwürdige Griechenland) liegen weder an einem Irrtum der Gläubiger noch an einer dramatischen Verbesserung der Zahlungsfähigkeit, sondern daran, dass die Geldgeber fest davon überzeugt sind, dass letztlich Deutschland und die anderen solventeren Eurostaaten für diese Anleihen haften werden. Jene Eurobonds – also eine Vergemeinschaftung der Staatsschulden in der Eurozone -, gegen die sich vor allem Deutschlands Kanzlerin bisher mit Händen und Füßen gewehrt hat, sind damit Realität; zwar nicht de jure, aber durchaus de facto.

Einen, wenn auch wesentlich kleineren Beitrag zur wiedergewonnenen Kreditwürdigkeit der südlichen Krisenländer hat auch die unpopulärste Maßnahme seit der Erfindung der Einkommensteuer geleistet: jene Austeritätspolitik, die auf der Erkenntnis basiert, dass Staaten auf lange Sicht nicht immerzu mehr ausgeben als einnehmen können. Dass Griechenland heuer erstmals einen leichten Überschuss des Staatshaushalts vorzeigen kann – freilich leider nur, wenn man die Zinszahlungen ausklammert -, ist ja nicht freiwilligen Sparbestrebungen geschuldet, sondern im Wesentlichen von Deutschland erzwungen worden. Das hat Angela Merkel zwar strenge Rügen aus dem Camp jener eingebracht, die Schuldenkrisen mit noch mehr Schulden lösen wollen, Griechenland aber doch dabei geholfen, wieder so etwas Ähnliches wie kreditwürdig zu werden, und sei es nur dank unausgesprochener Haftungen seiner Partner in der EU. Ähnliches gilt für Portugal.

Auch wenn es noch zu früh für ein valides Urteil ist: Nicht wenig deutet darauf hin, dass Merkels Austeritätskur zwar sehr unerquicklich für die Betroffenen war und ist, am Ende aber doch einen Heilungsprozess bewirkt hat und alternativenlos war. “Muss ich mich also bei Angela Merkel entschuldigen? Stellvertretend für die vielen Sparskeptiker, die offenkundig alle falsch lagen?”, fragte sich daher jüngst ein prominenter linksliberaler Kolumnist der nicht eben kanzlerinnenhörigen Hamburger “Zeit”. Eine nicht ganz unberechtigte Frage. Wobei “Sparen” in diesem Kontext ohnehin nicht jene Bedeutung hat, wie sie umgangssprachlich üblich ist: Schließlich stiegen die Staatsschulden der Eurozone allein seit 2010 von 85,5 Prozent des BIP auf 93,6 Prozent an. Brutale Austerität sieht irgendwie anders aus. (“WZ“)

7 comments

  1. Thomas Holzer

    “Nicht wenig deutet darauf hin, dass Merkels Austeritätskur zwar sehr unerquicklich für die Betroffenen war und ist, am Ende aber doch einen Heilungsprozess bewirkt hat und alternativenlos war.”

    Welch dummer Satz!
    Nunmehr übernimmt auch schon der Journalismus dieses unsägliche Wort, “alternativlos”.

    Natürlich hätte es zur sog. “Austeritätspolitik” Alternativen gegeben, so wie zu jeder anderen Entscheidung im menschlichen Dasein.

    Daß die Politiker mittlerweile schon fast jede ihrer Entscheidungen der Alternativlosigkeit zeihen, zeigt, wie unfähig, respektive abgehoben diese Kaste ist.

  2. Mourawetz

    @sehr geehrter Herr Holzer:

    Es mag schon sein, dass das Wort “alternativlos” über Gebühr strapaziert wurde, sodass Sie es und auch meinereiner nicht mehr hören können. Doch gibt es Momente, da gibt es nur eine Möglichkeit, um einer Situation zu entkommen, und die heißt idF Sparen. Diese wenig alternativvolle Situation, um einmal ein anderes Wort zu gebrauchen, haben sich die Griechen, die mit Druck und Betrug sich in den Euro gedrängt sind, selbst zuzuschreiben. Nun können sie nicht mehr ihre Währung abwerten. Das war die andere Tür, die sie selbst mit Schwung zuschlugen. Sie können froh sein, dass es überhaupt diese Alternative gibt, die nur aufgrund der Engelsgeduld vor allem Deutschlands erst möglich war. Denn es waren auch Alternativen denkbar, die kennen gar keinen Ausweg. Sie nennen sich Staatsbankrott, Chaos und Wirtschaftskrise.

  3. Thomas Holzer

    @Mourawetz
    Würde sich die Politiker als “Vertreter des Staates” auf die Funktionen reduzieren, welche ihnen sogar ein so libertärer Geist wie ich zugestehe, würde sich das tagtägliche Geschwafel von/über Alternativlosigkeiten erübrigen. 🙂

  4. cmh

    @alternativenlos
    Bei einem Sturz aus dem 4. Stock ist der Aufprall auf dem Asphalt 40cm über diesem wohl sicher alternativenlos. Schon aus physikalischen Gründen.

    Aber vielleicht klappt es in den folgenden 0,03 sec noch die Überwindung der Schwerkraft.

    Und selbstverständlich ist es auch moralisch alternativenlos, dass Schulden einmal zurückgezahlt werden müssen. Alles andere wäre nämlich unmoralisch ohne Alternative.

    Was mich nur wundert ist, dass zwar die Staaten immer mehr und mehr an Schulden anhäufen, ein Minus auf einem Abgabenkonto letztlich immer mit Konkursanträgen und Strafanzeigen quittieren. Vielleicht kann mir das der famose Schulmeister einmal erklären, warum da immer so mit zweierlei Maß gemessen wird.

  5. S.M.

    @ cmh

    Die Wirtschaft ist eben keine Naturwissenschaft, mit derartigen Gesetzmäßigkeiten, auch wenn es ein paar Grundsätze zu geben scheint.
    Schulden müssen jedenfalls natürlich zurückgezahlt werden. Wenn die Schulden aber von “Gelddruckmaschinen” gehalten werden, sieht die Entschuldung eher nach Enteignung aus.

  6. gms

    Die paar Millionen, die im Hintergrund irgendwer für die Ausfallsversicherungen für jüngst platzierte griechische und portugisische Anleihen aufbrachte, scheinen für ihren Zweck als EU-Werbebudget verdammt gut angelegt worden zu sein.

    So läßt sich knapp vor Wahlen dem seinen Augen und Ohren nicht trauenden Bürger noch rasch einmal die heile Welt vorgaukeln, die unsere heldenhaften Staatenlenker ihnen bescherten. Das ist ganz großes Kino!

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