Kapitalismus und katholisch Soziallehre: eine Hassliebe

Von | 3. Juli 2016

(ANDREAS TÖGEL) Der Philosoph, Hochschullehrer und Priester, Martin Rhonheimer verfügt innerhalb der katholischen Kirche, wie sie sich heute präsentiert, über ein herausragendes Alleinstellungsmerkmal: Er ist weder ein Feind der Marktwirtschaft noch ein Kapitalismuskritiker. Er steht auf dem Boden der „Österreichischen Schule der Nationalökonomie“ und weiß, im Gegensatz zu den meisten Amtsträgern seiner Kirche, dass Armutsbekämpfung nicht durch „gerechte“ Verteilung, sondern durch effiziente Produktion gelingt.
Der Kirchenmann macht bei einer Diskussion im „Club Unabhängiger Liberaler“ klar: Er misst dem Begriff Kapitalismus höhere Aussagekraft bei als dem Begriff Marktwirtschaft. Begründung: Im Wort Kapitalismus kommt die Transformation von Reichtum in produktives Kapital zum Ausdruck. Die rhetorische Frage, ob der Kapitalismus „sozial“ sei, beantwortet er mit einem klaren „Ja!“ Der Kapitalist nutzt seinen Reichtum ja nicht zur Befriedigung seiner Konsumwünsche, sondern investiert sein Vermögen dergestalt, dass (auch) andere daraus Nutzen ziehen. Zuallererst diejenigen, denen der Kapitalist eine Anstellung und ein fixes Einkommen bietet – lange bevor er selbst Profit aus seiner Investition zu ziehen vermag (falls überhaupt).

Der von Papst Franziskus in seinem apostolischen Schreiben „Evangelii Gaudium“ (2013) erhobenen Behauptung „Diese Wirtschaft tötet“ (gemeint ist die Marktwirtschaft) tritt Rhonheimer vehement entgegen. Er merkt – auch und besonders im Zusammenhang mit Franziskus´ Schrift „Laudato si´“ (in der es um Fragen des Klima- und Umweltschutzes geht) – an, dass der Papst möglicherweise besser daran täte, sich in Fragen, in denen er über keine profunden Sachkenntnisse verfügt, nicht allzu weit zu exponieren.

Rhonheimer sieht der Kapitalismus als ein „System des Gebens“ (nämlich Arbeit und Wohlstand für die Unselbständigen) im schroffen Gegensatz zum Sozialismus, als „System des Nehmens“. Als entscheidender Akteur des Kapitalismus´ fungiert der Unternehmer, der als „schöpferischer Zerstörer“ (Joseph Schumpeter) sowie Entdecker (F. A. Hayek) fungiert und durch seinen auf eigenes Risiko erfolgenden Kapitaleinsatz Innovation, Skaleneffekte und damit kostengünstige Massenproduktion (Ludwig Mises) ermöglicht.

Die moralische Bewertung der Intention des Unternehmers ist letztlich irrelevant. Sie tritt jedenfalls gegenüber der Bedeutung der Ergebnisse seiner Aktivitäten klar in den Hintergrund. Was zählt, ist allemal das Erreichte.

Die katholische Soziallehre weist im Hinblick auf die Bewertung der Unternehmerfunktion einen blinden Fleck auf – übrigens ebenso wie die neoklassische Wirtschaftstheorie.

Was nicht oft genug wiederholt werden kann: „Kapitalistisch“ eingesetztes Vermögen schafft breiten Wohlstand – im Gegensatz zu hohen Steuern und „sozialer“ Umverteilung. Es ist ein Missverständnis, dem Unternehmer seine Daseinsberechtigung nur als Schaffer von Arbeitsplätzen zuzugestehen. Primäre Funktion des Unternehmers ist es nämlich, die Produktion voranzutreiben und Konsumentenwünsche bestmöglich zu befriedigen. Mittel dazu bilden sein Kapital und die Beschäftigung von Arbeitskräften. Das unternehmerische Streben nach Gewinn bildet folglich die Grundlage für den Nutzen der Allgemeinheit. Wer den Unternehmer daran hindert, Gewinne zu erzielen, schadet damit zuallererst den Arbeitnehmern.

Es ist wichtig, das von Karl Marx in die Welt gesetzte Missverständnis zu entlarven, dass der Kapitalismus zur Verelendung eines großen Teils der Menschen führt. Bittere Armut ist vielmehr der Urzustand, in dem sich die Menschheit von jeher befand. Der konnte erst durch die mit dem Kapitalismus möglich gewordene industrielle Revolution überwunden werden.

Seit dem Triumph des Kapitalismus gehören Hungersnöte der Vergangenheit an. Nur dort, wo er seine Wirkung nie entfalten konnte – etwa wegen fehlender Rechtssicherheit und mangelndem Schutz privaten Eigentums –, verhungern noch heute die Menschen.

Das Erfolgsrezept des Kapitalismus erblickt Rhonheimer in der Transformation von unproduktivem Reichtum in Kapital und in den dadurch möglich werdenden Innovationsleistungen und Produktivitätssteigerungen.

Er zitiert aus den drei „Sozialenzykliken“, Rerum Novarum (Leo XIII., 1891), Quadragesimo anno (Pius XI., 1931) und Centesimus Annus (Johannes Paul II., 1991), um die – einst – selbstverständliche Ablehnung des Sozialismus durch die römische Kirche und deren Verteidigung von Markt und Privateigentum zu unterstreichen.

Es ist entscheidend, die Bedeutung der Produktion zur Armutsbekämpfung zu verstehen. Armut kann durch Almosen zwar kurzfristig gelindert, nicht aber nachhaltig aus der Welt geschafft werden.

Den auch in Kirchenkreisen gerne erhobenen Einwand, dass ererbter Reichtum ein anstrengungsfreies Leben als Rentier ermögliche, lässt Rhonheimer nicht gelten. Reichtum fällt ja nicht vom Himmel, sondern muss zuerst einmal aufgebaut werden. Die Bewahrung oder Mehrung ererbten Reichtums ist aber nur durch dessen produktiven Einsatz möglich. Der reiche Erbe, der sein Vermögen ausschließlich zum Zweck des persönlichen Konsums einsetzt, wird es über kurz oder lang aufbrauchen und verlieren. Wer es indessen in seinem Unternehmen belässt, stiftet damit auch dann Gemeinnutzen, wenn er sich selbst nicht an der Unternehmensführung beteiligt, sondern auf fremde Verwalter vertraut.

Viele rezente Wirtschaftswissenschaftler, Philosophen und Kirchenfunktionäre sind besessen vom Wunsch nach der Herstellung materieller Gleichheit. Großer Reichtum stellt aber ebenso wenig ein Problem dar, wie große Ungleichheit. Im Kapitalismus basiert der Reichtum des einen ja eben nicht auf der Armut des anderen. Die relevanten Unterschiede zwischen Armen und Reichen sind heute aber wesentlich geringer als zur Zeit des Feudalismus. Der Reiche unserer Tage mag zwar über Yachten, Luxusautos und mehrere Häuser verfügen, die sich Arme niemals leisten könnten. Doch die entscheidenden, das Leben angenehm gestaltenden Errungenschaften, wie mit fließendem Wasser und WC ausgestattete Wohnungen, Waschmaschinen, Geschirrspüler, gute Ernährung und medizinische Versorgung, genießen heute auch die unbedeutendsten Mitglieder der Gesellschaft.

Das einzige verbleibende Problem, sind daher weder großer Reichtum noch große Ungleichheit, sondern lediglich die Armut – und der ist nur durch produktiven Kapitaleinsatz der Garaus zu machen.

Somit besteht der von Karl Marx behauptete, strukturelle Gegensatz zwischen Arbeit und Kapital in Wahrheit gar nicht. Im Gegenteil! Wie der französische Ökonom Frédéric Bastiat bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts bemerkte, profitieren einfache Arbeiter am allermeisten vom Kapital. Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts steigen – erstmals seit Menschengedenken – die Reallöhne der einfachen Arbeiter. Die Kapitalakkumulation macht´s möglich!

Die „nichtantagonistische Natur des Kapitalismus“ gründet auf der organisatorischen und intellektuellen Leistung des Unternehmers, der die Schaffung eines „Mehrwerts“ ermöglicht. Mit seinen bloßen Händen allein könnte ein Arbeiter nämlich niemals zu Wohlstand gelangen.

Der Kapitalismus und die katholische Soziallehre bilden daher – nach Rhonheimers fester Überzeugung – keinen Gegensatz.

 

Zur Person des Vortragenden: Der gebürtige Schweizer Martin Rhonheimer hat an der Universität Zürich Geschichte, Philosophie und politische Wissenschaften studiert. Er ist Professor an der Pontificia Università della Santa Croce in Rom und Gründer der in Wien ansässigen Denkfabrik „Austrian Institute of Economics and Social Philosophy“ (https://www.facebook.com/austrian.institute

14 Gedanken zu „Kapitalismus und katholisch Soziallehre: eine Hassliebe

  1. Christian Peter

    Wer nimmt die Lehren der katholische Kirche ernst, schließlich ändern sich diese wie die Fahnen im Wind ? Die katholische Kirche passte sich immer dem Zeitgeist an, im 19. Jahrhundert an den Nationalsozialismus und heute an die politische Linke.

  2. stiller Mitleser

    Bis in die 90er gabs noch Seminare von Ordensleuten für Manager, jetzt geht das alles mehr in Richtung wellness, Atheisten in 3.Generation loben den Pabst (den aktuellen, obwohl Jesuit) und das Austrian Institute
    affiliert dem Opus Dei – skandalös!

  3. Fragolin

    Der Katholizismus ist der sozialistische Zweig des Christentums. Der wirtschaftsliberale ist der Calvinismus. 😉

  4. Gerhard

    Bitte nicht immer annehmen, dass die katholische Kirche (auch evangelische) denn alleinigen Anspruch auf die Verkündung der Wahrheit nach Jesus Christus hat. Da wurden in der Vergangenheit – und werden auch noch heute – sehr viele Fehler gemacht. Am ehesten kommen noch die kleinen evangelikalen Gemeinden dem Urchristentum nahe, müssen aber auch intern (jeweils durch einen Ältestenrat) immer wieder prüfen, ob es nicht zu sehr “menschelt” und das Ziel verfehlt wird. Sie haben keine große Verwaltungsstruktur und Aufwand dafür und auch keinen Vatikan oder andere übergeordnete Stelle außer der christlichen Bibel.
    Aber Achtung: unter den tausenden dieser kleinen Christengemeinden in Europa sind die Grenzen zu den Sekten manchmal sehr verschwommen, daher: wachsam sein!!

  5. Fragolin

    @Gerhard
    Wer den Ursprung sucht wird eher bei fundamental-Orthodoxen fündig.
    Was nicht heißen soll, Katholizismus hätte nichts mit Christentum zu tun… 😉

  6. Fragolin

    @Gerhard
    Nachtrag ad “Sekte”: Prinzipiell ist jede Religion eine Sekte. Der Unterschied besteht allein in der staatlichen Anerkennung.

  7. Gerhard

    @fragolin und @Christian Peter:
    also nennen wir es anstelle Sekten eine “religiöse Sondergemeinschaften”,welche sich eigene hierachischen Spielregeln verschrieben haben.
    Ich bin dankbar (trotz mancher negativer Ereignisse – z.B. Kreuzzüge sowie Eroberungen in MIttel- und Südamerika), dass es eine christliche Vergangenheit in Europa gegeben hat. Siehe auch Kunstwerke, Erfindungen etc. im Vergleich zum jahrhundertelang stecken gebliebenen Islam. Trotzdem wurde bes. von der katholischen Kirche vieles nachträglich erfunden (Marienverehrung, Vatikan, Heiligsprechungen, Zölibat, KIndertaufen usw,), was nicht mit der christlichen Bibel begründbar ist,

  8. stiller Mitleser

    der historische und soziale Wert von Religionen hängt nicht davon ab, ob z.B. Glaubensinhalte wahr im Sinne von real sind, sondern davon, mit welcher Kraft Religionen Gesellschaften ( und Individuen) zum Bewältigen von Problemen, zu Strukturierung, Zivilisierung archaischer Kräfte und Antagonismen ausstatten; die ewige Religionsbasherei ist redundant und langweilig

  9. Fragolin

    @Gerhard
    Jede Religion (sogar jene, die meint, keine zu sein, weil sie den Glauben an das Vorhandensein eines Gottes zur Bedingung macht und selbst nur den Glauben an das Nichtvorhandensein eines Gottes dagegenzusetzen hat) hat den Zweck, den Menschen und der menschlichen Gesellschaft Leitlinie im Handeln zu sein. Wenn man die Regel “Du sollst nicht töten!” ohne lange Diskussion um die Frage “Warum denn nicht?” transportieren will, kann man die lästige Fragerei mit einem einfachen “Weil GOTT das so befohlen hat!” abschmettern. Bei elementaren Festlegungen des Zusammenlebens hat sich dieses Prinzip bewährt.
    Ohne Gott geht es auch, wenn man zur altägyptischen Einheit von Gott und Pharao zurückkehrt und feststellt: “Weil der Führer / Große Vorsitzende / Herrliche Kim… es befohlen hat!”
    Zur Last wird Religion erst dann, wenn es nicht mehr um die Regeln des gesellschaftlichen Zusammenlebens, um das Überleben der Zivilisation geht sondern der Gedanke missbraucht wird. Bei Hitler, Stalin, Mao und Kim ging das ohne Gott, im Islam nur mit. Eine Religion, die ihre Regeln daran ausrichtet, zu unterwerfen, zu versklaven, zu vernichten, ist keine Religion im positiven Sinn, sondern eine Perversion dessen. Eine Religion, die statt dem Menschen Schutz und Hoffnung zu geben ihn zu einem lenkbaren Vieh machtlüsterner Despoten verbiegt, hat diesen Namen nicht verdient.
    Auch ich bin froh, im christlich geprägten Abendland zu leben. Diese Religion erlaubt dem Menschen zu denken und zu entscheiden. Allein das macht sie liebenswert.

  10. gms

    stiller Mitleser,

    > .. die ewige Religionsbasherei ist redundant und langweilig.

    Danke für diese berechtigte und hier im Forum längst überfällige Feststellung. Neben Redundanz und Langeweile gibt es einen weiteren negativen Effekt, nämlich daß Konservative mit Liberalen wenig bis garnichts zu tun haben wollen. Es hindert, beim gesellschaftlichen Brückenbauen zu überwiegend Gleichgesinnten dieses traditionsbewußten Lagers jedesmal auf’s Neue auf unterschwellige oder gar offene Religionsfeindlichkeit angesprochen zu werden und selbige zu entkräften, bloß weil überambitionierte Liberalallas beim Thema Spiritualität meilenweit über Ziel hinausschießen.

    Spätestens seit den Ausführungen Papst Benedikts zur Vereinbarkeit von Religion und Vernunft respektive der sauberen Trennung zwischen Beweisbarem und Transzendentem sollte es einen tragfähigen Waffenstillstand geben, aufdaß Atheisten und Gläubige über die Domäne der jeweils anderen nicht abschätzig urteilen.

  11. Christian

    In Ländern mit strikter Trennung von Staat und Kirche wie in den USA existiert die Unterscheidung zwischen Religion und Sekte nicht – alle Glaubensgemeinschafter werden gleich behandel und keine genießt Prilvilegien.

  12. gms

    Christian,

    Worauf Sie mit Bezugnahme auf Privilegien unzutreffend verweisen, sind Folgen von Verträgen, die etwa mit dem Vatikan nach parlamentarischem Sanktus sogar völkerrechtlicher Natur sind und zugleich erst durch die geordnete Trennung von Staat und Kirche entstanden.
    Enthalten darin sind etwa Eigentumsüberträge an den Staat sowie Vorgaben an Religionsgemeinschaften fürs Betreiben von Wohlfahrtseinrichtungen und Schulen, für dessen Zustandekommen im Gegenzug Rechte einzuräumen waren.

    Freilich mag das aus heutiger Sicht unbefriedigend sein, analog zu exemplarisch jenen Verträgen, die aktuell zwischen dem Staat Österreich und NGO’s Rettungsdienste oder Migrationsbetreuung betreffend bestehen, die Verwendung des Begriffs ‘Privilegien’ in diesem Kontext jedoch ist eindeutig überzogen.

  13. Christian Peter

    Ein Privileg stellt es in Österreich schon dar, als ‘Religionsgemeinschaft’ anerkannt zu werden, weil andere Glaubensgemeinschaften nicht in den Genuss dieses rechtlichen Status kommen. Ganz zu schweigen von staatlichen Subventionen in Milliardenhöhe und anderen Privilegien (Religionsunterricht an öffentlichen Schulen, etc.).

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