Karl Marx als Stargast der Biennale von Venedig

(C.O.) Wenn am Abend des 8.Mai in Venedig die Biennale – Europas wohl wichtigste Art-Show – mit dem ortsüblichen Glamour in Betrieb geht, wird sich dem Publikum ein eher eigentümlicher Anblick bieten. Denn im großen Saal des Palazzo delle Esposizioni, dem Herz der Biennale also, werden nicht Kunstwerke im Mittelpunkt des Geschehens stehen, sondern Schauspieler werden laut den gesamten Text von Karl Marx’ Hauptwerk, „Das Kapital“, vortragen; samt sämtlichen Fußnoten des je nach Ausgabe knapp 800Seiten schlanken Schmökers. Viel Vergnügen.

Dass Marx ausgerechnet heuer den Ground Zero der Biennale dominiert, hat der gebürtige Nigerianer Okwui Enwezor entschieden, in diesem Jahr künstlerischer Leiter des Festivals. Das entbehrt nicht einer gewissen Delikatesse, da Marx bekanntlich nicht nur Antisemit war, sondern auch für „Neger“ (wie er Schwarze nannte) nur Verachtung übrig hatte. Was ihm freilich in jenem champagnersozialistischen Milieu, dem auch Herr Enwezor angehört, bis heute regelmäßig nonchalant nachgesehen wird.

Und doch spiegelt die Verbeugung des afrikastämmigen Biennale-Machers vor Marx, dem geistigen Ziehvater einer der zerstörerischsten Ideologien des 20.Jahrhunderts, recht präzise jenen unappetitlichen Paradigmenwechsel wider, der in Europa gerade zu besichtigen ist. Denn das Gedankengut von Marx und seinen politischen Epigonen, Mittätern und Nachfahren kriecht gerade wieder aus der Mottenkiste grandios gescheiterter Ideologien hervor, als hätte es die Millionen Toten, die der real existierende Sozialismus in seinen diversen Spielarten auf dem Gewissen hat, nie gegeben.

Mehr noch: Seit in Griechenland – erstmals in einem Mitgliedsland der EU – eine Partei an die Macht gekommen ist, die sich offen zu ihrem marxistischem Charakter bekennt und von zwei halbseidenen Politikern des Typus Gurkenhobelverkäufer repräsentiert wird, hat diese Ideologie quer durch Europa enorm an Strahlkraft gewonnen; völlig ungeachtet ihrer zerstörerischen Wirkung. In dieses Bild passt, dass mittlerweile im deutschen Bundesland Thüringen ein Exponent der Linkspartei, früher als SED das Herz der kommunistischen Diktatur in Ostdeutschland, mithilfe der SPD Ministerpräsident geworden ist und sich auf Bundesebene die Sozialdemokratie für die Wahlen 2017 die Möglichkeit einer Koalitionsregierung mit dieser Linkspartei offenlässt; ins Bild passt ebenso das Erstarken der spanischen Podemos-Partei, einer Art iberischer Syriza-Schwester mit einer gleichfalls deutlich linken Programmatik; und dazu passt das Aufkommen von L’Altra Europa con Tsipras in Italien und des Bloco de Esquerda in Portugal. Und wenn in Österreich retro-rot tönende Klassenkampfrhetorik à la Millionärssteuer vom Friedhof der Ideengeschichte aufersteht und ins politische Tagesgeschäft übersiedelt, kann dies zumindest als Karikatur auf das im restlichen Europa zu diagnostizierende Marxismus-Revival verstanden werden. Vor dem Hintergrund dieser Auferstehung marxistischer Ideologie wird auch verständlich, warum die Auseinandersetzung zwischen griechischer Regierung einerseits und Berlin und Brüssel andererseits dermaßen emotionsgeladen ausgetragen wird.

Denn es geht hier nicht nur um Geld, sondern um einen grundsätzlicheren Konflikt. Syriza-Chef Tsipras und seine vielen europäischen Sympathisanten wollen nichts weniger, als den Kapitalismus und die freie Marktwirtschaft in der Europäischen Union zurückdrängen und dafür ihrer Vorstellung von Sozialismus, camoufliert vom Begriff der sozialen Gerechtigkeit, zum Durchbruch verhelfen. Dass dergleichen im 20.Jahrhundert schon einmal spektakulär gescheitert ist, ficht diese Leute nicht an.

Weist man Kunst die Aufgabe zu, die Wirklichkeit zu verdichten, dann erfüllt Biennale-Chef Enwezor mit seiner monumentalen Verlesung des „Kapitals“ in gewisser Weise diese Aufgabe so präzise, wie das überhaupt nur möglich ist. (“Presse“)

10 comments

  1. Selbstdenker

    Der Sozialismus ist im 21. Jahrhundert erneut gescheitert, nämlich in Venezuela. Griechenland ist in der privilegierten Situation, dass es europäische Partner für das eigene Scheitern zahlen lassen kann. Die Struktur der EU nach der Entsorgung der No Bailout Klausel mit all seinen Implikationen liefert die institutionelle Basis für das den Sozialismus charakterisierende Schmarotzertum. Hinzu kommen Reformunfähigkeit, Desorientierung, sich abzeichnende Gruppenkonflikte und die noch nicht einmal ansatzweise betriebene Aushandlung vom Verhältnis zwischen Staat und Individuum im digitalen Zeitalter.

    Ein großer Zivilisationsationsbruch wie bei der französischen Revolution, den großen Terror (UdSSR), dem Nationalsozialismus (Deutschland) und den großen Sprung nach vorne (China) wird in Europa immer wahrscheinlicher. Aus schierer Dummheit einerseits und ideologischer Verblendung andererseits hat man in Europa Parameter gesetzt, die das Zeug haben auf direkten Weg in eine große Katastrophe zu führen. Das “Friedensprojekt” hat Europa in ein riesiges Pulverfass verwandelt und die Lunte brennt bereis. Hinzu kommt, dass die meisten Menschen Krieg und Elend nicht mehr einzuschätzen wissen. Zynisch betrachtet hat das aber auch eine “gute” Seite: in ein paar Jahren wird niemand mehr über Gender und CO2 sprechen….

  2. sokrates

    Selbstdenker@ Europa wird erst dann explodieren, wenn es Alternativen zum jetzigen System gibt; und die sehe ich leider nicht! In der Eu gibt es 60.000 Beamte die mehr als Merkl verdienen! Die werden um ihr unverdientes Gehalt mit allen Mitteln kämpfen – und das sollte man nicht unterschätzen!

  3. Selbstdenker

    @sokrates:
    Sie überschätzen die “Stärke” europäischer Institutionen. Man kann sich zwar selbst nicht helfen, aber es reicht um andere zu schädigen bzw. auf deren Kosten zu leben.

    Der Vergleich EU – UdSSR drängt sich auf: der Parteikader lebt in Luxus, während der allgemeine Wohlstand sinkt. Und trotz der damals mächtigsten Militärmaschine der Welt wurde man in der UdSSR auf kurz oder lang nicht mit den inneren Spannungen fertig.

    Das man – historisch-gesehen – gleich nach dem Zusammenbruch der UdSSR erneut so ein Modell wählt, spricht nicht gerade für die Lernfähigkeit “unserer” selbsternannten Eliten.

  4. Thomas Holzer

    60.000 Beamte gegen 450 Millionen Bürger; und wenn auch nur 10% dieser Bürger aktiv werden würden, wären die Kräfteverhältnisse eindeutig

  5. sokrates

    selbstdenker@ Ihr Hinweis auf die UdSSR Parteikader ist völlig richtig! Die Nomenklatura hat doch mit 95% Überlebt und die Provinzkaiser sekkieren die Bevölkerung wie anno dazumal! Warum nimmt die EU dauernd Neue Staaten auf? Je mehr Leute und damit auch Apparatschniks da sind, umso schwerer wird es diese Hydra zu enthaupten!. Ja und die 10% aktive Bürger sind leider auch nur Theorie! Wie groß ist der engste Stab in
    Teheran die eine Millionen Leute verschleiert laufen lassen und mit ihrer Fundamentalreligion dominieren?- Schätze harten Kern auf maximal 1000 Leute, die echten Ideologen auf 100! Die Khmer in Kambodscha hatten einen Kader von 150 Leuten -Resultat 2 Mio Tote!

  6. mario wolf

    Ob K.M. Neger oder Nigger sagte ist eigentlich irrelevant. Wichtig ist welchen Prozess er ausgelöst hat. Jedes Pamphlet dass den Himmel auf Erden verspricht verstreut das süsse Gift des Egalitarismus und das Versprechen der Umverteilung nach dem Robin-Hood-Prinzip. Das marxistische Ziel ist die Belohnung nicht nach der Leistung, sondern nach den Bedürfnissen. Der Wohlfahrtstaat hat die marxistische Forderung bereits zum grossen Teil umgesetzt. Die Konsequenz – Leistung ist schlecht, Marktwirtschaft ist noch schlechter. Nach der Enteignung der arbeitenden Mittelschicht könnte deren Klassenbewusstsein modifiziert werden, d.h. zum proletarischen Bewusstsein. Und wer nicht willig sein wird, na ja , dazu gibt es auch Beispiele in der Geschichte.
    Aber nach Meinung des alten Kommunisten Jean Ziegle hat es den Kommunismus nie gegeben, aber es gibt bereits erfolgreiche Ansätze ihn einzuführen

  7. Ehrenmitglied der ÖBB

    @ Mario Wolf
    “ob Neger oder Nigger” ist nicht ganz irrelevant. Nigger ist in den USA eher verächtliches Wort für diese Menschen, die wir im deutschen Sprachgebrauch Neger nennen. Das aber hat nicht unbedingt einen negativen Beigeschmack. Es gab ja einst einen “Opferstock ” in den Kirchen mit einen “Negerkindlein” drauf und das war der “Gottvergeltsneger” der immer nickte, sobald man opferte (für die Mission um den armen Negerlein zu helfen).
    Wesentlich ist aber die Etymologie : das bei uns gebräuchliche Wort NEGER leitet sich vom lateinischen NIGER/Nigrum ab und bedeutet : schwarz, dunkel, verdunkelnd etc..
    Es war, scheint es den “PC” Aposteln vorbehalten, die “Umdeutung” in das Negative vorzunehmen.
    Oder ist der Begriff “Scharzafrikaner” auch negativ, ob wohl er die selbe Bedeutung hat????

  8. mario wolf

    Karl Marx wusste zwar viel über die Zukunft, meinte er, aber diese Unterscheidung hatte es Ende des 19. Jahrhunders noch nicht gegeben: Der Zeitgeist ändert sich, die Sprache auch.

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