Kern, Kurz und Kennedy

Von | 9. Oktober 2017

(GEORG VETTER)  In der Direktauseinandersetzung am Sonntag Abend überreichte Sebastian Kurz seinem Kontrahenten Christian Kern als Eingangsgeschenk das Buch „Zivilcourage“ des ehemaligen US-Präsidenten John F. Kennedy und führte als Begründung dessen bekanntes Zitat „Fragt nicht, was Euer Land für Euch tun kann – fragt, was Ihr für Euer Land tun könnt!“ an. Er setzte hiemit einen Kontrapunkt zum sozialdemokratischen Wahlkampfmotto „Hole Dir was Dir zusteht!“.

Die Aktion mag originell erscheinen, das Kennedy-Zitat ist aber inhaltlich verfehlt. Milton Friedman analysierte in der Einleitung seines Buches „Kapitalismus und Freiheit“ wie folgt:

Denn weder die eine noch die andere Hälfte des Satzes drückt die Beziehungen aus zwischen dem Bürger und seiner Regierung, die eines freien Menschen in einer freien Gesellschaft würdig sind. Das „Was Euer Land für Euch tun kann“ ist paternalistisch: Die Regierung ist der Herr und der Bürger sein Schutzbefohlener. Es steht ganz im Gegensatz zu dem Glauben eines freien Individuums an seine Verantwortung für sein eigenes Schicksal. Das anschließende Gegenstück „Was Ihr für Euer Land tun könnt“ beinhaltet: Der Staat ist der Herr oder die Gottheit und der Bürger der Diener oder getreue Anbeter.

Für den freien Bürger ist sein Land jedoch die Versammlung der Individuen, die es bilden, nichts außerhalb oder gar über hm Stehendes. Der freie Bürger ist zwar stolz auf das gemeinsame Erbe und loyal gegenüber gemeinsamen Traditionen. Doch den Staat betrachtet er nur als Mittel, als ein Instrument und nicht als einen Spender von Gunst und milden Gaben oder als Herrn und Gott, dem er blind gehorchen und dienen muss. Er kann kein nationales Ziel anerkennen, es sei denn, es handelt sich um einen gemeinsam von allen einzeln gebildeten Konsensus. Und es gibt für ihn keine nationalen Ziele, es sei denn den Konsens über Ziele, der von allen einzeln herbeigeführt wurde.

Der freie Bürger wird weder fragen, was sein Land für ihn tun kann, noch was er für sein Land tun kann. Er wird vielmehr fragen: „Was kann ich mit meinen Landsleuten mit Hilfe der Regierung erreichen?“ – beim Erfüllen meiner individuellen Pflichten; bei der Erreichung unserer individuellen Ziele und Zwecke; und vor allem bei der Bewahrung unserer individuellen Freiheit. Und mit dieser Frage wird er noch eine zweite verbinden: Wie können wir verhindern, dass die Regierung, die wir geschaffen haben, ein Monster wie „Frankenstein“ wird, die schließlich die Freiheit vernichtet, zu deren Schutz wir doch die Regierung überhaupt erst eingesetzt haben? Freiheit ist eine seltene und delikate Pflanze. Unser Verstand sagt uns und die Geschichte bestätigt es, dass die große Gefahr für die Freiheit in der Konzentration von Macht beschlossen liegt. Regierungen sind notwendig, um unsere Freiheit zu schützen. Sie sind das Instrument, mit dessen Hilfe wir unsere Freiheiten ausüben können; doch bei der Konzentration von Macht in der Hand der Politiker beginnt die Gefahr für die Freiheit. Auch wenn die Männer, die diese Macht ausüben, ursprünglich guten Willens sind, und  selbst, wenn sie nicht von der Macht, die sie ausüben, korrumpiert werden: so ist es doch die Macht, die sie anzieht und andere Männer aus ihnen macht.

Es lohnt sich, auch Kennedy zu hinterfragen.

 

17 Gedanken zu „Kern, Kurz und Kennedy

  1. cmh

    Wenn die Linken zumindest den ersten Teil des Satzes verinnerlicht und damit vom wahren Sozialismus abgefallen sind, dann kann man auch den zweiten Teil besprechen. Davor einem Sozi jedoch den zweiten Teil wahlkampfmäßig in aller kürze zu erklären hat nicht einmal Friedmann geschafft.

  2. Kluftinger

    Herr Vetter, sie mögen recht haben, aber Wahlkampf ist kein VW Seminar oder eine rechtsphilosophische Vorlesung. Da zählen ( akzeptable) Schlagwörter.

  3. Rado

    Also bei allem Guten Willen, dass brauchen sich die Österreicher nicht wirklich vom Herrn Kurz fragen zu lassen. Die zahlen nämlich auch Dank der lieben ÖVP Steuern, bis die buchstäbliche Schwarte kracht.

  4. Thomas Holzer

    @Kluftinger
    Sollte aber zumindest ab und zu sein. Innehalten hat noch niemandem geschadet! 🙂

    @Rado
    So ist es

    Sozialisten, all überall, egal wohin man seinen Blick wendet

  5. Weninger

    Ob rote oder schwarze Mafia, in beiden Fällen lauert die Staatskrake im Hintergrund auf Kohle und Infos, wobei die schwarze absurderweise sogar noch überwachungsgeiler als die rote ist. So viel zum Thema freier Bürger unter schwarzer Regierung.

  6. Kluftinger

    @ Thoma Holzer
    Ja eh, ich stimme ihnen voll zu. Aber da ging es eher um einen Effekt im TV Duell, od`r?

  7. Thomas Holzer

    @Gerald Steinbach
    Das passiert halt, wenn man Dummheiten in Gesetzesform “packt” 🙁

  8. Weninger

    Was spricht dagegen dass ein Haimanderl die Maske für Personenkontrolle kurz lüftet? Könnte ja tatsächlich ein ISler drinnen stecken? Wenn schon dann muss man konsequent sein, weil schnell hönnten Islamisten die neue Lücke entdecken. So gesehen kann ich am Gesetz nichts schlechtes erkennen.

  9. Gerald Steinbach

    Thomas Holzer
    Ich hab das vorher anders gesehen, mittlerweile gebe ich ihnen vollkommen Recht und halte das für einen vollkommenen Schwachsinn

  10. Lisa

    zit:”…für den freien Bürger ist sein Land jedoch die Versammlung der Individuen, die es bilden, nichts außerhalb oder gar über (i)hm Stehendes.” Nun erkläre Er mir gütigst, was die Versammlung der Individuen anderes ist als eine Gesellschaft, die Gesamtbevölkerung somit. “(…) den Staat betrachtet er(der freie Bürger) nur als Mittel, als ein Instrument und nicht als einen Spender von Gunst und milden Gaben oder als Herrn und Gott, dem er blind gehorchen und dienen muss.” Genau das tun aber Politiker: Sie sind freier als das Volk, weil sie mehr Macht haben. Sie müssen dem Souverän, dem Volk, der Gemeinschaft nicht dienen und gehorchen, sondern der Staat ist ein “Mittel” zur Geldbeschaffung (Steuern) und zur Disziplimierung (Gesetze) der Individuen.
    “(…) es sei denn, es handelt sich um einen gemeinsam von allen einzeln gebildeten Konsensus.” Im individualisierten “Westen” wird es nie einen Konsensus von “allen” geben. Es sind immer die Mehrheiten, die in Demokratien auch mehr Macht haben; Macht ist mitnichten der Feind der Freiheit, sondern jeder will Macht, um eben freier zu sein. Wer ohn-mächtig ist, ist machtlos. So siehts aus. Wenn aus einer Gesellschaft eine Gemeinschaft wird, macht dieser zweite Teil des Kennedy-Zitats Sinn: für eine Gemeinschaft (gemeinsame oder zumindest ähnliche Werte, Traditionen, Sprache, Kultur etc.) arbeite ich gerne mit – für eine in egoistische Individuen zersplitterte Gesellschaft nicht.

  11. Lisa

    @raindancer: Danke für den Link. Der Artikel zählt auch vernünftige Lösungsansätze auf.

  12. raindancer

    ein Zitat aus dieser Runde…
    “wir hier gehen auf Argumente ein, das machen die Menschen da draussen nicht”
    Übersetzung: die Menschen da draussen sind deppert und um es weinig rohrer-like zu sagen die würden auch Hitler wählen …..

  13. Johannes

    “Ich bin ein Berliner“ war wenn man es streng wissenschaftlich zerlegt eine klare Fehlleistung vom Standpunkt der “ absoluten Wahrheit“ Der Satz Kennedys über das was seine Landsleute für ihr Land tun sollen ist eine Metapher ungeeignet es in einer sozialphilosopischen Seziererei zu zerpflücken.
    Das erinnert mich ein wenig an einen ernsten Menschen der nicht fähig ist Leidenschaft zu entwickeln.

  14. Weninger

    Die Spekulationen werden immer hysterischer. Es haben auch schon Österreicher wen ermordet oder versehentlich erschossen. Bei aller Ablehnung von islamischer Zuwanderung halte ich solche Pauschalaussagen nur für dumm.

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