Kerns Pleiten, Pech & Pannen

Von | 19. August 2017

(JÜRGEN POCK) Kann sich eigentlich noch jemand erinnern? Vor gar nicht allzu langer Zeit haben sich die Genossen an ihrem Wortführer berauscht, vieles schien möglich, der Weg für die SPÖ zurück an die Spitze zumindest nicht aussichtslos. Anfang des Jahres sollte die Welser Wunderrede mit dem Plan A im Gepäck den Anfangspunkt für ein denkwürdiges Comeback markieren. Kern inszenierte sich geschickt und holte die SPÖ aus dem Tief. Der Boulevard berauschte sich am Neuen, Umfragen bestätigten den roten Höhenflug. Doch was dann passierte, sprengte alle Grenzen der Vernunft. Der SPÖ-Chef verspielte binnen Wochen sein politisches Kapital. Er ließ in entscheidenden Augenblicken sowohl Leadership als auch Mut zum Risiko vermissen, machte alles falsch, was man nur falsch machen konnte. Er klebte fest am Kanzlersessel. Seitdem pflastern Pannen und Inkompetenz seinen Weg nach unten.
Letzter Aufreger: Die Affäre um den zwielichtigen Kampagnenberater Tal Silberstein. Dass der israelische Spindoktor seit langem durch die sozialdemokratische Wahlkampfgeschichte geistert und seitdem maßgeblichen Einfluss auf die Kampagnenführung hat, besitzt kaum Neuigkeitswert. Ebenso wenig wird der interessierte Österreicher überrascht sein, dass der Wahlkampfberater für seine Tätigkeiten im Auftrag der SPÖ Hunderttausende Euro an Steuergeld kassiert hat. Der Hinweis, dass ein roter Ex-Kanzler mit einem Versorgungsposten im Unternehmensnetzwerk, das Herr Silberstein mit einem Partner betreibt, belohnt wurde, ist nicht ganz uninteressant. Besonders wenn man sich daran erinnert, dass Silberstein damals sein Kanzlermacher war.
Ganz ohne Zweifel haben die SPÖ-Spitzen, darunter auch Christian Kern, die Arbeit eines Beraters geschätzt, gegen den seit Monaten kriminelle Anschuldigungen erhoben werden. Die Sozialdemokraten hielten an ihm fest, andere im Team mussten gehen, auf seine Expertise wollte man nicht verzichten. Warum, lässt sich angesichts der inkompetenten Kampagnenführung, der handwerklichen Fehler und unfassbaren kommunikativen Pleiten allerdings schwer sagen.
Charakteristisch für die sozialdemokratische Hybris ist die Reaktion des Bundeskanzlers auf die Verhaftung seines engen Beraters. Mit hochgekrempelten Ärmeln setzte sich der SPÖ-Chef vor die Kamera und sprach via Facebook zur Öffentlichkeit. Was folgte, war ein Armutszeugnis. Selbstverständlich sei die Zusammenarbeit mit Tal Silberstein „ein politischer Fehler“ gewesen aber wirklich eng hätte die SPÖ mit Silberstein nicht gearbeitet. Ein paar Umfragen hier, ein paar Fokusgruppen da, mehr sei der Berater nicht involviert gewesen. Wäre das alles nicht so lächerlich und so leicht zu durchschauen, man hätte verzweifeln müssen. Kern ließ auch dieses Fettnäpfchen nicht aus, er schoss sich das nächste Eigentor. Von Reue oder Einsicht keine Spur. Im Gegenteil. Schnell zeigte Kern mit dem Finger in Richtung ÖVP und startete ein trotziges Ablenkmanöver. Es dauert nicht lange und Kern war wieder im Klassenkampf-Modus.
Wie reagierte der ÖVP-Obmann darauf? Diszipliniert, gelassen, professionell. Mit einem Schulterzucken und dem Lächeln eines künftigen Siegers. Kurz strahlt Überlegenheit aus, Kern wirkt überfordert und orientierungslos. Knapp zwei Monate vor der Wahl scheint die Wahl entschieden. Während die SPÖ weiterhin am ungefährdeten Sieg der Volkspartei arbeitet, braucht Sebastian Kurz nicht mehr zu tun, als ruhig abzuwarten. Die Sozialdemokratische Partei Österreichs hat sich überlebt, sie passt nicht mehr in die heutige Zeit. Spätestens nach dem Wahltag wird sich auch Christian Kern der Realität stellen müssen. Ob er den Scherbenhaufen seiner Partei nach der Wahl selbst zusammenkehren wird, ist ungewiss.

8 Gedanken zu „Kerns Pleiten, Pech & Pannen

  1. Fragolin

    Es ist das Problem der geschützten Werkstätten. Dort werden Menschen gezüchtet, denen man glauben macht, sie würden in einem normalen wirtschaftlichen Umfeld bestehen können.
    Wenn man Menschen mit Beeinträchtigungen psychologische Hilfe geben kann, indem man sie Holzfiguren schnitzen und anmalen lässt, und ihnen den Glauben vermittelt, sie würden von den Erlösen leben und nicht den fetten Subventionen, mit denen die Gesellschaft ihre Benachteiligten auffängt, dann ist das absolut in Ordnung. Wir können es uns leisten, zu helfen, manchmal sogar den eigenen Leuten.

    Peinlich wird es erst, wenn die Leiter der geschützten Werkstätten beginnen zu glauben, durch ihre übergroße Kompetenz und ihr geschicktes Wirtschaften würden alle von den bemalten Holzfiguren leben und sie wären damit geeignet, einen Großkonzern oder gar einen ganzen Staat zu leiten. Der Große Fahrdienstleiter, der tolle Rhetorik und geschicktes Präsentieren gelernt hat (seither geilt sich keiner aus der linken Reichshälfte oder besser dem linken Reichsachterl mehr am angeblichen NLP-Sprech anderer auf) und ansonsten vom Wirtschaften nichts kennt als das steuergeldfinanzierte Freunderlversorgungsnetzwerk der Roten, kommt langsam auf dem Boden der Realität an und all seine Cheerleader verstecken verschämt die roten Bömmel und hoffen, dass sie niemand mehr an ihren gestrigen Jubel erinnert. In Deutschland nennt man das „Schulz-Effekt“, wenn sich der erhoffte Messias als armes Würschtel und eigentlich unwählbarer Apparatschik mit einer Attitüde zum Größenwahn entpuppt, und das peinlicherweise schon vor der Wahl.
    Die Schwarztürkisen scheinen es ja zu schaffen, diesen Moment der Ernüchterung auf einen Zeitpunkt nach der Wahl verschieben zu können, wo es dann für die nächsten fünf Jahre egal ist.

    Das Bild, das dem selbstgefühlt begnadeten Selbstdarsteller Yes-we-Kern! jetzt um die Ohren fliegt ist das eines roten Netzwerkes, das vornherum Klassenkampf-Propagandavideos gegen schmierige dubiose Kapitalisten und Geldhaie produziert und gegen die soziale Schieflage wettert und hintenrum in einem Korruptionsnetzwerk mit genau diesen dubiosen Gestalten verflochten ist. Da hilft der ganze Aktionismus, keine fetten Spenden mehr annehmen zu wollen, absolut gar nichts. Jeder weiß, wie Korruption heute und auch bei den Roten funktioniert: Der Sohn bekommt einen sicheren Job beim Haselsteiner, ohne jeden dubiosen Mief, wenn die Familie des Regierungschefs versorgt wird in einem Unternehmen, das bei staatsfinanzierten Großprojekten gern der Bestbieter ist, und zur Not gibt es da ja noch das Ministerium für Elektrotechnik vulgo Siemens oder die Energieversorger. Nur bei Raiffeisen haben Rote keine Chance.

    Dieser Mief hängt an den Roten, und da können sie jetzt ihre Slim-Fit-Marionette hektisch zappeln lassen wie sie wollen und mit dem Finger auf die ÖVP zeigen: die haben jedenfalls niemals ein Hehl daraus gemacht, in Bünden und Wirtschaftsnetzwerken verflochten zu sein und haben sich niemals als Partei der sozialen Gerechtigkeit und fairen Umverteilung dargestellt.

    Vielleicht sollte dem Ungewählten mal irgendjemand die Frage stellen, ob er das unter „gerechter Umverteilung“ versteht, wenn das Steuergeld des kleinen Pizzaboten nicht nur in die Tasche der hochbezahlten Regierungspolitiker und Parlamentarier fließt sondern auch die Taschen dubioser Geschäftemacher und korrupter Spekulanten füllt. Vielleicht sollte mal jemand eine exakte Definition der Wieselworte „soziale Gerechtigkeit“ und „faire Umverteilung“ oder gar „Ich hole mir, was mir zusteht!“ einfordern. Es scheint, dass die roten Bonzen darunter etwas ganz anderes verstehen, als die Wahlschafe glauben sollen (und wollen).
    Zum Glück immer weniger davon.

  2. Der Realist

    @Fragolin
    super!!
    bin mir sicher, das Burli vom Kern wird im Wahlkampf bestimmt noch eine mediale Rolle spielen, schon wegen seiner Tätigkeit bei Strabag.
    Hat schon jemand nachgerechnet was den Unterschied ausmacht, zwischen einer Erhöhung von 1,6 oder 2,2 Prozent bei einer Pensionshöhe von 1200 Euro. Ich würde sagen, der Nettobetrag ist reine Verarschung Bezieher niedriger Pensionen.

  3. Reini

    Statt Silberstein hätte Kern Silbereisen in den Wahlkampf für die leichtgläubigen Pensionisten aufnehmen sollen. An Kerns Handlungen erkennt man die Angst des politischen Absturzes.
    Fragolin Top Bericht, …

  4. mariuslupus

    @Fragolin
    Absolut zutreffend. Nur sagen Sie es dem Wähler. Der Wähler glaubt, will glauben, an die Magie des Sozialismus, die sozialistische Alchemie, Geld aus der Druckerpresse als Sicherung der Zukunft, der verkehrte Robinhoodismus, man raube sozial Gerecht, die Reichen, wie die Armen aus und vernichte das Geld für sinnlose Projekte. Auch sozial gerecht und sehr warm, die Abneigung gegen den Nächsten, aber die grosse Liebe zum korangläubigen Übernächsten.
    Zum Glück denkt Kern und macht sich sogar Sorgen. Im Interview mit der Weltwoche vom 27.7.2017, meinte Kern zu Ungarn und Polen: “Die Entwicklung dort beobachte ich mit Sorge”. Ein richtiger Staatsmann, sogar mit Empathie ausgestattet.
    Preisfrage, wo wird Kern nach den Wahlen als Manager landen ? Welcher Posten wird für ihn schon vorbereitet ? Wie wäre es mit Firma Faymann&Kern – Consultants&Spin Doctors ?

  5. Falke

    Ob Kurz nichts anderes tun muss als “ruhig abzuwarten” ist gar nicht so sicher. Das hat man ja seit Jahren auch über Strache gesagt: die FPÖ hatte bis vor kurzem einen komfortablen Vorsprung und lag bei 33%. Und urplötzlich muss Strache fürchten, auf den 3. Platz zurückzufallen. Der Autor glaubt, dass die Masse der Wähler die SPÖ bzw. Kern gvenauso sieht wie er (und wohl auch jeder denkende Mensch). Nein, es gibt viele, die immer schon SPÖ gewählt haben und es auch weiter tun, egal, was passiert, andere (erfahrungsgemäß auch sehr viele), die meinen “die anderen sind auch nicht besser, also bleiben wir gleich bei dem” und leider ebenfalls sehr viele, vor allem Junge (die neuen 16-jährigen Jungwähler), die sich für Politik überhaupt nicht interessieren, auch keine Ahnung von Politik haben und entweder gar nicht wählen gehen oder ihre Stimme irgendwem geben, den sie einmal gesehen haben, dessen Nase, Frisur oder fescher Anzug ihnen gefällt oder der ihnen günstigere Handytarife verspricht. Siehe auch die letzte Wien-Wahl, ebenso die BP-Wahl. Ich glaube und fürchte, dass die SPÖ im Herbst auf 25% (oder mehr) kommt.

  6. aneagle

    Warum Kurz kurz vor dieser Wahl nicht mit einer Reduzierung des GIZ Zwangsbeitrages zu einem jährlichen Anmeldebeitrag von € 15,00 wirbt, ist mir ein Rätsel. Angst vor dem ORF kann es nicht sein. Und an Wahlzuckerln ist Österreich so gewöhnt wie Kinder an Weihnachtsplätzchen

  7. waldsee

    viell hat die BATEI noch jemand im Talon wie damals der vdB,””die was dann den Leuten sagen tut wies geht””.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.