Kleine Relativitätstheorie des Rassismus

Von | 17. Juli 2013

(von ANDREAS TÖGEL)  In den USA dräuen Rassenunruhen. In Europa stehen die politisch korrekten Medien kopf. Ein Fall vermeintlicher Rassenjustiz ist die Ursache. Es kann – ja es darf nicht sein, dass ein Weißer, der in Notwehr einen Schwarzen erschießt, am Ende straffrei ausgeht. Unmöglich. Egal wie die Faktenlage aussehen mag.

Über die Details des Vorfalls wurde anderorts genügend geschrieben. Das braucht an dieser Stelle nicht wiederholt zu werden. Hier geht es um einige Auffälligkeiten, die im Hinblick auf die kollektive Erregung im Fall des in Florida getöteten Jugendlichen festzustellen sind.

Da wäre zunächst einmal der Umstand, dass die Rassismuskeule ausschließlich in solchen Fällen geschwungen wird, in denen der (in den Augen hauptberuflicher Besserwisser natürlich schuldige, aber dennoch freigesprochene) Täter „Caucasien“ ist. Weiß, männlich, hetero – das sollte doch für eine Verurteilung reichen. Außerdem, so wird von den Hauptstrommedien vermittelt, stecken anscheinend sämtliche Strafrichter der USA mit dem Ku-Klux-Klan unter einer Decke, was die auffällig hohe Zahl schwarzer Häftlinge erklärt (rund 50% aller in Gefängnissen Einsitzenden, bei einem Bevölkerungsanteil von etwa 13%). Mehrheitlich weiß besetzte Laiensenate entscheiden ohnehin routinemäßig gegen die Interessen schwarzer Delinquenten oder Opfer. Klar. Weniger klar ist allerdings, weshalb kein Sturm kollektiver Entrüstung anhebt, wenn ein offensichtlich schuldiger Täter freigesprochen wird, wenn er schwarz – und die urteilende Jury zufällig ebenfalls mehrheitlich schwarz ist – wie im einige Jahre zurückliegenden Fall des Sport- und Filmstars O. J. Simpson geschehen, der mutmaßlich einen Doppelmord begangen hat, vom Strafgericht aber – trotz erdrückender Indizienbeweislast – freigesprochen wurde.

Verurteilen weiße Geschworenen einen Schwarzen oder sprechen einen beschuldigten Weißen frei: Rassismus. Liegen die Dinge umgekehrt: Gerechtigkeit. Wählen Weiße einen Weißen zum Präsidenten: reaktionäre Rassisten. Votieren Schwarze für einen Schwarzen: reife Demokraten und emanzipierte Bürger. Das ist die wunderbare und phantastisch einfach funktionierende Welt der politischen Korrektheit.

Eine weitere Auffälligkeit in der Berichterstattung ist die – stets kritisch-abschätzige – Betonung des Umstandes, daß der Todesschütze einem privaten Sicherheitsdienst („Neighbourhood watch“) angehört, deren es in den USA viele gibt. Ein Skandal! Wie kann eine Gemeinschaft von Bürgern auf die in den Augen von brav auf die Rolle des hilflosen Untertanen konditionierten Europäern völlig abartige Idee kommen, selbst für ihre Sicherheit sorgen zu wollen? Ja, derfen´s denn des? Dafür ist doch nur und ausschließlich der beamtete Freund und Helfer zuständig, der im Fall des Falles ja auch immer und überall prompt zugegen ist. Wer hätte je von einem Fall gehört, in welchem der nächste Polizist zum Zeitpunkt einer Straftat meilenweit entfernt und das Opfer auf sich allein gestellt war? Merke: sind alle privaten Aktivitäten schon grundsätzlich verdächtig – ohne staatliches Gütesiegel geht ja bekanntlich gar nix – bedeuten nichtstaatliche Maßnahmen im Sicherheitsbereich geradezu den Auftakt zur Anarchie. Mon Dieu! Das darf nicht sein! Wehret den Anfängen!

Die dritte Besonderheit betrifft den in den USA stark entwickelten, in der Alten Welt mit gebührender Fassungslosigkeit kommentierten, Willen zur Selbstverteidigung. Diesem wird durch das in rund 30 Bundesstaaten geltende „Stand-your-ground-law“ Vorschub geleistet. Während man als Europäer von Kindesbeinen an eingebläut bekommt, im Falle einer gewalttätigen Bedrohung möglichst schnell davonzulaufen oder mit dem Täter zu „kooperieren“ – sich also dem Unrecht zu beugen – ist man in den USA eher geneigt, dem Unrecht Widerstand zu leisten und sich, notfalls mit Waffengewalt, zu wehren – und zwar ohne zuallererst den Großen Bruder um Hilfe anzuflennen.

Das ist für den Hauptstromjournalismus in Euroland Anlaß genug, von „Selbstjustiz“ zu phantasieren. Dem Rechtsbruch keinen Raum zu geben, ist unerhört (zumindest, so lange es nicht um Steuerhinterziehung geht). Täter werden zu Opfern, Opfer zu Tätern umgedeutet. Wer sich eines Angreifers erwehrt, ist ein latent gefährliches Subjekt, das nur auf den rechten (sic!) Moment gewartet hat, um seine mühsam unterdrückten Gewaltphantasien endlich auszuleben. Wollte doch der Angreifer nur seinen Beitrag zur „sozialen Umverteilung“ leisten, so ist der Selbstverteidiger der wahre Feind der Gesellschaft, der sich – welche Anmaßung – mit seiner Rolle als Untertan, Steuerzahler und hilfloses Verbrechensopfer, nicht still bescheiden will.

Daß es zu einem „Notwehrexzess“ kommen kann, wenn das Opfer bewaffnet ist, soll nicht bestritten werden. In solchen Fällen wird anschließend, wie im aktuellen Fall in den USA auch geschehen, das Gericht über die Angemessenheit der Gewaltanwendung durch den Angegriffenen zu entscheiden haben. Die Pflege des Grundsatzes, daß Recht dem Unrecht niemals zu weichen hat, ist indes dennoch uneingeschränkt zu bejahen.

Damit sind wir auch schon bei der – gebetsmühlenartig wiederholten – Kritik an der „Waffenkultur“ in den USA. Gäbe es keine legal erwerbbaren Feuerwaffen, so die hundertfach widerlegte Behauptung der einschlägigen „Experten“, würden morgen schon keine Gewalttaten mehr verübt werden. Daß eine restriktive Waffengesetzgebung und eine hohe Zahl an Gewaltdelikten klar miteinander korrelieren – ein Waffenverbot daher eben nicht die ersehnte Verbesserung bringt, kann nicht wahr sein, weil es nicht wahr sein darf! Mit Zahlen und Fakten sind die Gläubigen der Antiwaffenreligion nicht zu überzeugen: Daß die überwiegende Mehrzahl der Gewaltdelikte – beiderseits des Atlantiks – mit anderen Mitteln als mit Schusswaffen begangen wird, wird nicht zur Kenntnis genommen. Daß viele – in keiner Statistik aufscheinende – Gewaltverbrechen gar nicht erst zur Ausführung oder zum Erfolg kommen, weil wehrhafte Bürger sich rechtzeitig entsprechend ausgerüstet und ihr Werkzeug auch eingesetzt haben, spielt keine Rolle. Ein unversehrtes Verbrechensopfer interessiert kein Schwein. Wichtig ist einzig und allein, daß der Täter den Tatort unversehrt verlassen kann – an dessen „Karriere“ hat ja ausschließlich „die Gesellschaft“ schuld! – und die bedingungslose Behauptung des staatlichen Gewaltmonopols. Letztes gilt auch dann noch als „heilig“, wenn es ausschließlich zum Nachteil der Bürger eingesetzt wird.

Für die im alleinigen Besitz von Einsicht und Moral befindlichen Redakteure der Hauptstrommedien liegt der Fall klar auf der Hand: Die USA werden – Obama hin oder her – in Wahrheit von den unverbesserlichen Rassisten der NRA regiert. In Europa hätte ein „Fall Trayvon Martin“ niemals passieren können. Denn hier gibt es zum Glück keine „rassistischen Hobbypolizisten“ – schon gar keine bewaffneten. Hier stirbt jeder nach einem langen, erfüllten Leben im Bett – selbst üble Berufsverbrecher…

a.toegel@atomed.at

 

58 Gedanken zu „Kleine Relativitätstheorie des Rassismus

  1. wollecarlos

    “… Ein einziger Zeuge, John Good, sah den Kampf.

    Er sagte vor Gericht:
    «Ich öffne meine Tür. Ein schwarzer Mann mit einem schwarzen Kapuzenshirt war auf dem andern, einem Kerl mit einem roten Sweatshirt, der am Boden war und rief:‚”Hilfe!” Ich versuchte, ihnen zu sagen, sie sollten aufhören… und dann hämmerte der Kerl oben einfach Schläge auf den andern Kerl, etwa im Stile von MMA [mixed martial art – orientalische Kampfsportart].»

    Es wurde auch bekannt, dass Martin kein schmächtiges Büblein (1 Meter 83 gross, 72 kg schwer) und kein Unschuldsengel war. Er nahm Drogen, die Polizei fand bei ihm gestohlene Ware, und in der Schule war er bekannt als Raufbold. …”
    (Weltwoche)

    Und dieser Weninger schwafelt von “provozierten Notwehrreaktionen” !!

  2. Weninger

    @wollecarlos
    Good hat vor Gericht seine Aussage später stark abschwächen müssen und vieles nicht wegen Dunkelheit und Regen so genau gesehen wie er zuvor behauptet. Und das wissen Sie.
    Und was dazu kommt, hätte Zimmerman den Verdächtigen verfolgt, wenn er keine Schußwaffe dabei gehabt hätte oder sich nur deswegen stark gefühlt? Ist das nicht genau ein Argument dafür, dass man als Privater keine Schußwaffe herumschleppen sollte, weil da ja dann was passieren kann, was ohne Waffe nicht passiert wäre? Wir wissen übrigens noch immer nicht was genau vorgefallen ist, auch Good hat nicht gesehen, was dem Gerangel vorausgegangen ist an Worten oder Taten. Aber Sie wissen es scheinbar. Das Gericht hat freigesprochen “aus Mangel an Beweisen”. Vergessen?
    Was Sie anhand meiner Person vor ein paar Wochen eindrucksvoll argumentierten. Was darf also Zimmerman, was ich und andere Privatleute besser nicht tun sollten, Ihrer Meinung nach?
    Sie rennen die ganze Zeit gegen Ihre eigenen Argumente von früher an, als Sie sagten, dass Sie private Waffen nicht erlauben würden, sehr seltsam.

  3. wollecarlos

    Ja, Ja, es ist schon schwer zu verstehen, daß es sich hier um zwei Ebenen handelt!

    Das eine ist die Ebene des privaten Waffenbesitzes. Da hat sich meine Ansicht nicht geändert.

    Die zweite Ebene ist die der Notwehr.

    Und darüber wird hier diskutiert!

    War es Notwehr oder nicht! Die Geschworenen waren sich vielen Stunden der Anhörung und Beweisaufnahme EINSTIMMIG der Meinung, daß es Notwehr gewesen sei.

    Und SIE kommen -obwohl Sie nur das gelesen haben, was in den Medien veröffentlicht wurde- zu einem anderen Ergebnis.

    Verschleppte Wahrnehmung oder selektives Lesen?

  4. Weninger

    In Anerkennung der Beweislage im Zweifel für den Angeklagten. Das schließt eben moralische Aspekte wie auf eigene Faust jemandem mit einer Waffe im Sack zu folgen, nur weil der eventuell ein Verbrechen vorhaben könnte. Das ist eben der Knackpunkt, wo sogar Amerikaner die Legitimität von Notwehr zumindest in Frage stellen.

    Sie schrieben vor wenigen Monaten in bezug auf mich:

    “Nur: Wenn ich keine Schusswaffe habe, kann ich mangels Masse damit auch keinen Menschen töten, oder zum Krüppel schießen!
    Also: Risikominimierung durch Restriktionen!
    Wozu dient eine Schusswaffe, zu welchem Zweck wird sie konstruiert und hergestellt? Soldaten und Polizisten zeigen es uns.
    Und Sie, der “Privatmann” ?”

    Das alles gilt für das fragwürdige Verhalten von Zimmerman nicht? Es wäre ebeen nie dazu gekommen, wenn er nicht gemeint hätte mit einer Schusswaffe selbst Gesetz zu spielen, wovon ihm die Polize dezidiert abriet.

  5. wollecarlos

    @Weninger
    Das Urteil der Geschworenen fiel EINSTIMMIG aus.
    Zweifel kamen eben nicht auf, obwohl Sie das immer wieder behaupten!
    Darum auch kein dubio pro reo.
    Warum verdrehen Sie die Tatsachen?

  6. Weninger

    @wollecarlos
    Das Urteil ist wie es ist, auch wenn jedes Urteil mit derart unsicherer Beweislage einen bitteren Beigeschmack hat … aber es sollte eben genau dazu dienen, jene Diskussionen anzustoßen, die Sie vor Monaten mit mir geführt haben. Deswegen geht es mir auch nicht um das Urteil, sondern um Ihren damaligen Gedanken, den Sie heute offensichtlich nicht mehr vertiefen wollen:

    “Und hier nur kann man ansetzen, das ist auch mein Bestreben. Darum habe ich ja auch in einem vorherigen Beitrag geschrieben, das man das Risiko minimieren muss. Und dieses “minimieren” bestünde hauptsächlich darin, Schusswaffen aus Privathand zu verbannen.
    Nicht nur SIE, sondern alle Menschen sind “potentiell gefährliche Kreaturen” (Zitat Weninger). Und da ich mich auch zu dieser Spezies zähle, gilt das folgerichtig auch für mich.
    Nur: Wenn ich keine Schusswaffe habe, kann ich mangels Masse damit auch keinen Menschen töten, oder zum Krüppel schießen!”

  7. wollecarlos

    @Weninger
    Ist es nicht schön (für mich!), daß ich von meiner damaligen Aussage nichts, aber überhaupt nichts, zurückzunehmen habe?

    Wenn man so verfahren hätte, wie ich es mir vorstelle (“Und dieses “minimieren” bestünde hauptsächlich darin, Schusswaffen aus Privathand zu verbannen.”), würde der junge Mann mit großer Sicherheit noch leben!

  8. Weninger

    @wollecarlos
    Ja, aber vielleicht hätte T Martin auch dem leichtsinnigen Zimmermann den Schädel eingeschlagen, weil er dem Jugendlichen ohne Schusswaffe gefolgt wäre und der hätte seine Dummheit mit dem Leben bezahlt? Alles hat eben zwei Seiten. Sie lehnen zwar Waffenbesitz ab, aber wenn diese gesetzeskonform benutzt werden, kennen Sie auf einmal keinen Protest? Wenn ein gewaltbereiter Einbrecher zu mir ins Haus kommt und mir den Schädel einschlagen will, und ich ihn erschieße, weil ich eine Waffe im Haus habe, wer bekäme dann Ihr Mitleid? Der wegen meines Waffenbesitzes Getötete oder ich der ich ein paar Cuts und Platzwunden im Gesicht hätte, hmm?
    Übrigens Juryurteile werden in den USA immer EINstimmig gefällt, was anderes gibts gar nicht. Es hängt dann halt von der Überzeugungskraft jeder Seite ab. Am Anfang neigten auch drei Jurymitgleider dazu Zimmermann schuldig zu sprechen.

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