Kompetenz oder Prominenz

(EUGEN SEMRAU +) Im Herbst 2001 fand in Wien eine spektakuläre Veranstaltung statt, in der unter dem Vorsitz des ehemaligen sowjetischen Ministerpräsidenten Michael Gorbatschow die „Männer des Jahres“ ausgezeichnet wurden. Unter den Preisträgern befand sich auch der Wiener Experimentalphysiker Anton Zeilinger. Wer diese Veranstaltung im ORF verfolgte, konnte in der umfangreichen Berichterstattung zwar die internationale Prominenz von Luciano Pavarotti bis Richard Branson bewundern und zur Kenntnis nehmen, daß Steven Spielberg aus Terrorangst den Flug über den Atlantik gescheut hatte. Über den österreichischen Preisträger war aber so gut wie nichts zu erfahren.

 

Dabei ist Anton Zeilinger nicht irgendwer. Seine Forschungsarbeit war dem Scientific American eine Titelstory wert, und eben wurde der weltweit renommierte Wissenschaftler zu einer zweijährigen Vortragsreise durch China eingeladen. Zeilinger ist auch einer der vierzig Persönlichkeiten weltweit, die den Ordre pour le Mérite erhalten haben. Aufgefallen ist diese Ignoranz des öffentlich-rechtlichen ORF meiner Beobachtung nach lediglich einem Leserbriefschreiber der Presse, der diese Beobachtung als Beispiel für die Vernachlässigung des Kulturauftrags durch den ORF hingestellt hat. Ihm ist natürlich recht zu geben – aber was sind schon Princeton oder das MIT gegen den Küniglberg?

 

Vielleicht war das alles nur ein Zufall und der Redakteur wußte ganz einfach nicht, wer Zeilinger ist. Das kann schon passieren, wenn man nicht von der Wissenschaftsredaktion kommt und sich vor allem im Seitenblicke-Milieu auskennt. Aber eine kritische Beobachtung der österreichischen Wirklichkeit legt den Schluß nahe, daß die Angelegenheit doch symptomatisch ist. Wer beispielsweise die Vorgangsweise bei der Besetzung der neuen ORF-Gremien verfolgt hat, dem wird auch hier eine Neigung zur Bevorzugung der Prominenz zu Lasten der ohnehin nicht üppig vorhandenen Fachleute nicht verborgen geblieben sein.

 

Es geht nur um Emotion und um sonst nix.

DJ Ötzi

 

Wir müssen heute einen weitgehenden Bedeutungsverlust der kulturellen Elite konstatieren. Sie wurde in den Medien und in der Politik und damit in der öffentlichen Wahrnehmung weitgehend von der Prominenz verdrängt. Auf Bildschirmen und in Magazinen wimmelt es von Stars: Fernsehlieblingen, Schlagersternchen, Haubenköchen und Disc-Jockeys, Fitness-Gurus, Schiläufern und Szenetypen. Ein sich permanent neu kostümierendes Panoptikum unverwechselbarer und doch immer gleicher Banalitäten, geschminkt, kameragerecht lächelnd und sich im Bewußtsein der eigenen Wichtigkeit sonnend.

 

„Es ist so schön, daß sie gekommen ist“, bekannte mir einmal die Veranstalterin einer Ausstellung mit dankbarem Blick auf die prominente Schauspielerin, die in meiner Begleitung erschienen war. Und als das Objekt der Sehnsucht dann noch eine Wortspende in die Kamera ablieferte, war das Glück vollkommen. Denn wer als bedeutend gilt, muß auch etwas Bedeutendes zu sagen haben.

 

Eine kritische Bewertung dieses kleinen Erlebnisses führt zu einer Diagnose, die schon Axel Corti  vor Jahren in einem seiner legendären „Schalldämpfer“ gestellt hat: Österreichs Öffentlichkeit krankt an einer ständigen Verwechslung von Prominenz und Kompetenz. Und nirgends wird dieses Phänomen augenfälliger, als im Bereich der Kultur und der öffentlichen Debatte über kulturelle Angelegenheiten.

 

„Der Generalnenner heutiger Eliten ist die Prominenz“, ist eine der Thesen von Georg Frank in seinem Buch über die „Ökonomie der Aufmerksamkeit“ in dem er den Bedeutungsverlust des Materiellen in der heutigen Gesellschaft analysiert. Es reiche heute nicht mehr, so Frank, nur reich oder nur gebildet zu sein. Wer etwas sein will, muß schon auch ein bißchen prominent sein. Prominenz ist ein Attribut, das selektiver ist, als Geld oder Bildung. Prominenz bedeutet Präsenz in den Medien und ist deswegen so attraktiv, weil sie Beachtung durch ein Massenpublikum bedeutet.

 

Das Kerngeschäft der Medien ist die Vermittlung öffentlicher Ausstrahlung. Die Medien bieten Information, um an die Beachtung des Publikums zu kommen. Nicht der Verkauf von Information gegen Geld hat die Medien großgemacht, so Frank, sondern der Tausch von technisch reproduzierter Information gegen lebendige Beachtung. Je moderner sich ein Medium gibt, desto avancierter ist seine Technologie der Attraktion und der Lenkung von Beachtung.

 

Unangefochtener österreichischer Champion in der Disziplin der  “Attraktionsökonomie“ ist die Zeitschrift News. Dort werden etwa alljährlich Rankings der „Hundert wichtigsten Österreicher“ publiziert, die von sogenannter Prominenz nur so wimmeln. Deren Leistung liegt vor allem in der Provokation, wobei ich diesen Begriff im eigentlichen Wortsinn verstanden wissen will. Prominente provozieren, das heißt, sie rufen etwas hervor – sie fokussieren Aufmerksamkeit. Gerüchtehalber macht News auch entsprechende Umfragen und Tests, um herauszubekommen, mit welchen prominenten Gesichtern am Cover sich die entsprechenden Hefte am besten verkaufen.

 

News hat erkannt, daß die Grundorientierung der heutigen Gesellschaft auf das Gewinnen von Aufmerksamkeit anderer Menschen gerichtet ist. Anstelle des materiellen oder geistigen Wohlergehens ist der Wunsch getreten, im Mittelpunkt zu stehen. Diese darauf aufbauende Strategie verhilft News zu kommerziellem Erfolg, indem dieses Magazin eine Pseudo-Elite formiert, die sich in der laufenden Berichterstattung des Magazins immer wieder gleichsam selbstreferenziell bestätigt.

 

Egal ob zur Weltlage oder zum Thema Kindererziehung, zum Krieg in Afghanistan oder über oder Ernährungsgewohnheiten, zur Innenpolitik oder zum ewigen Reizthema Haider – Prominente sind „Aufreger“, die sich zu allem und jedem äußern können. Die Lenkung der Beachtung funktioniert in Interviews und Cover-Stories, im Wechselspiel zwischen Ansagen und Gegenansagen und in inszenierten Streitgesprächen an runden Tischen. Damit wird einer „Kultur des Narzißmus“ (Christopher Lash) Vorschub geleistet, in der nur mehr die Selbstdarstellung zählt und die Frage nach der inhaltlichen Kompetenz zu einer Marginalie verkommt.

 

Vieles auf der Welt wäre völlig uninteressant, wenn es nicht prominent wäre.

(Eine Anleihe bei William Faulkner)

 

Josef Haslinger hat in diesem Zusammenhang zu Recht einmal die Frage gestellt, was uns denn zu der Ansicht bringen würde, daß etwa Schauspieler ein besseres politisches Urteilsvermögen haben könnten, als ein Fleischhauer oder ein Bäcker. Haslingers Frage ist in diesem Zusammenhang nur rhetorisch zu verstehen. Prominente sind vielfach auch deswegen prominent, weil sie sich vielfältig instrumentalisieren lassen. Sie eignen sich nicht nur als Attraktoren für Aufmerksamkeit, sondern auch als Aufputz für Parteitage genauso wie als Feindbilder in parteipolitisch motivierten Kampagnen.

 

Es war eine der wirklich nachhaltigen Leistungen der österreichischen Sozialdemokratie, sich diesen Umstand politisch zu Nutze gemacht zu haben. Bruno Kreiskys Aufforderung an Künstler und Intellektuelle, mit ihm „ein Stück Weges gemeinsam zu gehen“ wurde damals von einem Großteil der Kulturschaffenden und der Medien internalisiert und wirkt bis heute fort.

 

In dieser Strategie waren freilich von Anfang an Kombattanten gefragt, die Qualität der künstlerischen oder intellektuellen Leistung galt als zweitrangig. Die jahrzehntelange kulturpolitische Hegemonie der Sozialdemokratie hat viele Kulturschaffende und Intellektuelle dazu verführt, sich auf eine Komplizenschaft mit der Politik einzulassen. Die durch politischen Protektionismus begünstigte Medienpräsenz hat diese Gruppe dazu gebracht, sich als Meinungselite zu fühlen und entsprechend zu gerieren.

 

Es entwickelte sich in der Folge eine Szene voll von „österreichischen Weltmeistern, deren Leistungen schon in Freilassing nicht mehr zählen“, wie dies einer meiner satirisch begabter Freunde einmal treffend formuliert hat. Und diese Prominenz dominiert heute die Meinungslandschaft, in der es zu einer weitgehenden Gleichsetzung politischer Werthaltungen oder parteipolitischer Präferenzen im Sinne einer postulierten political correctness mit künstlerischer Qualität und intellektueller Redlichkeit gekommen ist.

 

Das hat zu einer Verzerrung der kulturpolitischen Diskussion geführt, in dem vernünftige werkgerechte Diskurse, in denen Kompetenz der Maßstab ist, nicht mehr möglich sind. Sie sind einer Art „erpreßten Solidarität“ (Robert Menasse) gewichen. Beispiele dafür gibt es zahllose. So war es etwa unmöglich, vernünftige Einwände gegen das Alfred Hrdlickas Mahnmal gegen Faschismus und Krieg vorzubringen, ohne damit automatisch in das faschistische Eck abgedrängt zu werden. Gleiches galt seinerzeit für den Neubau von Hans Hollein am Wiener Stephansplatz, wo jeder, der sachlich begründete Hinweise auf die mangelnde Funktionalität des Hauses vorbrachte, als „Verhinderer“ abgestempelt wurde.

 

Was passieren kann, wenn Prominente aus der von im Sinne einer political correctness erpreßten Solidarität ausscheren, hat sich erst jüngst in der kulturpolitischen Debatte in Folge des letzten Regierungswechsels deutlich gezeigt. Differenzierte Stellungnahmen wie sie etwa von Rudolf Burger oder Miguel Herz-Kestranek kamen, wurden sofort bekämpft, ohne sich damit inhaltlich auseinanderzusetzen. Persönliche Freundschaften wurden den „Verrätern“ aufgekündigt und Herz-Kestranek mußte sich sogar als „Nazi-Jude“ beschimpfen lassen.

 

Die Verhältnisse hierzulande sind banausisch, kunstfeindlich und geisttötend.

Karl Kraus

 

Begünstigt, oder vielleicht gar ermöglicht wird die unkritische Wahrnehmung kultureller Kompetenz durch das weitgehende Fehlen einer kritischen Öffentlichkeit, eines kompetenten Publikums, das imstande wäre, Qualität und Kompetenz abseits und unbeeinflußt vom Medienecho zu beurteilen. Der Unterschied in der öffentlichen Wahrnehmung etwa zwischen Walter Vopava und Christian Ludwig Attersee oder Anselm Glück und André Heller liegt nicht in der Qualität ihres künstlerischen Schaffens. Dafür sind andere Kriterien verantwortlich: Attersee und Heller sind prominent, die beiden anderen Künstler sind es nicht.

 

Es ist natürlich Kulturschaffenden nicht anzukreiden, wenn sie ihre Prominenz entsprechend nutzen, auch nicht dafür, sich einer Qualitätsdiskussion zu entziehen. Das Problem ist, daß ihnen dies weitgehend gelingt. Pablo Picasso hat in diesem Zusammenhang einmal angemerkt, daß – seit Kunst nicht mehr die Nahrung der Besten ist – der Künstler sein Talent für alle Wandlungen und Launen seiner Phantasie verwenden könne: „Ich bin nur ein Spaßmacher, der seine Zeit verstanden hat und alles, was er konnte, herausgeholt hat aus der Dummheit, der Lüsternheit und Eitelkeit seiner Zeitgenossen“. Eine derartige Selbstkritik ist österreichischen Kulturschaffenden weitgehend fremd.

 

Man muß nicht so weit gehen, wie Karl Kraus oder Thomas Bernhard, welche diese  Verhältnisse als „banausisch und geisttötend“ gegeißelt haben. Doch die Feststellung ist berechtigt, daß der Mangel an Qualität in der kulturpolitischen Debatte auch eine Folge des Mangels an inhaltlicher Qualität der prominenten Protagonisten ist. Ohne ein an Qualität interessiertes Publikum ist eine an Kompetenz orientierte öffentliche Debatte nicht möglich. Das Fehlen dieses Publikums hat nicht nur den medialen Lobbyismus produziert, der in Österreich diese Debatte substituiert, sondern auch dazu geführt, in Ermangelung eines an Kompetenz interessierten Publikums immer wieder mit Erfolg an negative Emotionen, wie etwa Angstgefühle oder den in Österreich weit verbreiteten Neidkomplex appelliert werden kann.

 

So erklären uns beispielsweise derzeit Prominente, wie die Jazz-Gitti oder „Taxi-Orange-Star“ Chris in der Anti-Temelin-Kampagne der Kronenzeitung, warum wir unseres Lebens nicht mehr sicher sein können, wenn Tschechien auf dieses Atomkraftwerk nicht verzichtet. Dabei geht es natürlich nicht um Sachverstand oder ein besseres Urteilsvermögen, sondern allein darum, daß eine derartige Kampagne nur auf der Basis von negativen Emotionen funktionieren kann und Prominente imstande sind, diese Emotionen hervorzurufen und zu kanalisieren.

 

Natürlich schließen einander Prominenz und Kompetenz nicht grundsätzlich aus. Viele Persönlichkeiten, die auf einem Gebiet etwas geleistet haben, sind auch prominent. Das Problem ist aber nicht, daß Kompetenz und Prominenz miteinander nicht kompatibel wären, sondern daß in der öffentlichen Wahrnehmung der Prominenz die Kompetenz keine Rolle mehr spielt.

 

Die Attraktivität der Prominenz hat aber auch psychologische Ursachen. Sie kommt zum Teil auch aus einem tiefsitzenden Minderwertigkeitskomplex, der vielleicht etwas zutiefst Österreichisches ist. Er nährt sich aus einer mangelnden Einschätzung des eigenen Wertes und aus einer Unsicherheit, die eigene Leistung betreffend. Erst in der Einschätzung die wir von anderen erfahren, lernen wir, was wir von uns selbst halten dürften. Da das Streben nach mitmenschlicher Beachtung im postmaterialistischen Zeitalter immer wichtiger wird, können Prominente dieses Defizit kompensieren. In ihrer Gegenwart fühlen wir uns selbst bedeutend, allein ihre Präsenz adelt die eigene Leistung.

 

Zusammenfassend läßt sich sagen, daß der öffentliche Bedeutungsverlust der kulturellen Elite nicht von ungefähr kommt. Er hat seine Ursachen vor allem in einer von den Massenmedien gesteuerten Veränderung der öffentlichen Wahrnehmungsmuster. Diese Veränderungen haben eine neue Elite geschaffen, deren Haupteigenschaft die Fähigkeit ist, Aufmerksamkeit zu binden und zu kanalisieren. Die von den Medien geschaffene und gesteuerte Prominenz bildet eine Art Erregungspotential, welches nicht mehr thematisch gebunden, jederzeit aktiviert werden kann und damit politisch instrumentalisierbar ist. Zumindest in Österreich hat dies zu einem Bedeutungsverlust der kulturellen Elite in der Öffentlichkeit geführt, an ihre Stelle ist die Prominenz getreten.

 

In einer von den Medien beherrschten Öffentlichkeit befindet sich die Politik in einem Dilemma. Sie ist auf Kompetenz angewiesen, aber auch auf Prominenz. Kompetenz wird benötigt, um Sachentscheidungen vorzubereiten oder zu begründen. Prominenz ist dagegen oft hilfreich, um diese politischen Entscheidungen der Öffentlichkeit zu „verkaufen“. Aus diesem Grund sind für die Politik auch sogenannte „Quereinsteiger“ attraktiv. Wie die Erfahrung gezeigt hat, können diese allerdings mangels Sachkompetenz die in sie gesetzten Erwartungen in den seltensten Fällen erfüllen. Positive Ausnahmen, wie etwa Franz Morak bestätigen diese Regel.

 

Dabei kann es für einen Politiker durchaus Vorteile haben, selbst als Prominenter zu gelten. Der Schriftsteller Frederic Morton hat in einer klugen Analyse am Beispiel des früheren amerikanischen Präsidenten Bill Clinton herausgearbeitet, was für Folgen es für Persönlichkeiten öffentlichen Interesses (wie etwa Politiker oder Manager) haben kann, zunehmend als Berühmtheiten wahrgenommen zu werden. Für die Einschätzung ihres Handelns gelten dann andere Kriterien die mit ihrer Qualifikation und ihren Leistungen nichts zu tun haben. Clinton hätte alle persönlichen und politischen Krisen in den Augen Mortons vor allem deswegen überstanden, weil sein Verhalten in den Augen der Öffentlichkeit nicht mit fachlichen oder moralischen Maßstäben gemessen wurde. Er wurde nicht  mehr als Politiker beurteilt, sondern einfach als Prominenter, wie etwa ein Film- oder ein Rockstar.

 

In Österreich nutzte etwa Jörg Haider diesen Bonus. Er lieferte den Medien konsequent die aufregenden „Sager“ und stories und nützte die dadurch erreichte Prominenz für seine eigenen Zwecke. Ohne diesen Mechanismus wäre Haider ein mäßig erfolgreicher Provinzpolitiker geblieben, so wurde er zum Star. Seine Aussagen und Aktionen profitieren von dem Erregungspotential seiner Prominenz, genauso wie das jeweilige Medium. Haider am Cover garantiert Aufmerksamkeit und Auflage.

 

Das hübsche Bonmot des amerikanischen Historikers Daniel Boorstin, wonach es Menschen gäbe, „die für nichts so berühmt wären, wie für ihren Ruhm“, bringt es auf den Punkt: Prominenz ist ein mediales Konstrukt. Sie hat nichts mit den tatsächlichen Eigenschaften der betreffenden Person zu tun, sondern bezieht sich allein auf die Attraktivität der Erscheinung, weil nur diese öffentliche Beachtung garantiert. Prominenz ist der Heiligenschein des Medienzeitalters.

 

Klug kann nur ein guter Mensch sein.

Marie von Ebner-Eschenbach

 

„Es gibt sie noch, die guten Dinge“. Mit diesem Slogan wirbt das Versandhaus Manufactum erfolgreich für seine Kollektion qualitativ hochwertiger Artikel. Das Unternehmen hat sich mit einem Angebot hochwertiger Waren eine Marktnische abseits vom mainstream des Konsums erschlossen und beliefert eine Zielgruppe von Menschen, die Qualität nicht nur zu schätzen wissen, sondern auch imstande sind, diese zu erkennen.

 

Sinngemäß könnte man auch sagen, daß es sie noch gibt, die kulturelle Elite, aber sie wird kaum mehr wahrgenommen. Denn Kompetenz liegt meist nicht im mainstream der öffentlichen Meinung und gehorcht keinen Modetrends. Kompetenz zeichnet sich durch umfassenden Sachverstand aus, aber auch durch die Fähigkeit, das fachliche Wissen in einen Gesamtzusammenhang einzuordnen. Kompetente Menschen neigen zu abwägendem Urteilen und zur Differenzierung, was in der medialen Welt der schnellen und originellen „Sager“ nicht zu einfach nutzbar zu machen ist.

 

Kompetente Menschen unterscheiden sich auch von vielen Experten, die manchmal zu Recht polemisch als „Fachidioten“ bezeichnet werden. Letztere verfügen zwar immer über ein umfassendes, oft spezialisiertes Faktenwissen, es mangelt ihnen aber oft an der Fähigkeit, dieses Wissen in einen politischen oder kulturellen Gesamtzusammenhang einzuordnen. Experten sind im Gegensatz zu kompetenten Menschen eindimensional, weil diese über Bildung verfügen.

 

Aufgrund dieser Eigenschaften läßt sich Kompetenz im Gegensatz zur Prominenz, aber auch zum Expertenwissen nur schwer instrumentalisieren. Denn Kompetenz geht auch immer mit Moral einher, die aus dem verantwortungsbewußten Umgehen mit dem eigenen Wissen und Können kommt. Kompetente Menschen fühlen sich meist der Wahrheit verpflichtet, auch wenn diese unbequem ist oder den tagespolitischen Interessen nicht dienlich sein kann.

 

An der öffentlichen Karriere verschiedener Themen läßt sich ein gewisser Mechanismus ganz gut nachvollziehen: Ein Kompetenter schreibt ein Buch über das Thema, ein Prominenter wird von News interviewt oder geht in die Seitenblicke. Das Buch erscheint in der Regel mit Zeitverzug und wird nur von wenigen Menschen gelesen. Die meist bestenfalls oberflächliche oder launige Meinung des Prominenten erreicht ein Massenpublikum. Dieses hält die Meinung des Prominenten für kompetent, wodurch sich oft Unsinniges und Halbwahrheiten schneller in der öffentlichen Meinung festsetzen, als kompetente Urteile.

 

Das von verständigen Kritikern manchmal beklagte Fehlen eines substantiellen Diskurses ist eine direkte Folge des öffentlichen Bedeutungsverlustes der kulturellen Elite: die Kompetenz hat zugunsten der Prominenz abgedankt. Wenn uns weiter die Jazz-Gitti oder DJ Ötzi als das Maß aller Dinge in der Beurteilung öffentlicher Angelegenheiten erscheinen, ist die fortschreitende Banalisierung der öffentlichen Meinung nicht mehr aufzuhalten. Die Konsequenz ist eine teilweise irreparable Verzerrung des gesellschaftlich notwendigen politischen Diskurses in unserem Gemeinwesen. Das sollte all jenen zu denken geben, welche Eigenschaften wie Sachverstand oder Klugheit, Weitsicht oder Bildung für die Qualität einer Demokratie für unverzichtbar halten. (Eugen Semrau war ein österreichischer Kommunikationswissenschaftler. Er ist 2015 verstorben)

 

Publiziert in:

Die Fortschrittmacher. 

Eliten und ihre gesellschaftliche Relevanz im 21. Jahrhundert

Gerhard Feltl (Herausgeber), Molden Verlag (2002)

ISBN 3-85485-088-3

 

8 comments

  1. Thomas Holzer

    Zu dieser Problematik schrieb Jean Baudrillard schon 1986! in “Die göttliche Linke” u.a. wie folgt: “Die Politikerklasse hat virtuell keinen spezifischen Charakter mehr. Ihr Element ist nicht mehr Entscheidung und Handlung, sondern das Videospiel”………….und weiter………”Dagegen kann man heute beobachten, daß die Politikerklasse durch noch performativere Hyperprofis ersetzt wird, durch Journalisten oder Show-Leute, denen ihr Ansehen als Spezialisten, Experten, Champions oder Stars beinahe automatisch eine Stimme in den öffentlichen Angelegenheiten gibt”

  2. Fragolin

    Es ist das Volk, das Brot und Spiele will:
    Wer durch harte Arbeit und Unternehmergeist Millionär wird ist ein Ausbeuter, ein neoliberaler Verbrecher, ein Dieb am Volksvermögen und muss am Besten mit 110% Steuerlast unter den Boden geknebelt werden, um dem Volk Brot zu spendieren.
    Wer sich Millionen ersingt, ertanzt oder erkickt dagegen ist ein Held, ein Künstler, der sich das Geld ehrlich verident hat und Dank verdient, wenn er medienwirksam einen kleinen Obelix in irgendeine Spendenkasse klingeln lässt.
    In unserem Operettenstaat ist es seit jeher schlechte Angewohnheit, den Besitzer der Baufirma, der mit dem Bau des Opernhauses reich wird, als miesen Ausbeuter anzuspucken und den Trällervogel, der dann auf der Bühne singt, zu bejubeln. Und sich dabei noch als kunsterleuchtete Elite zu fühlen.
    Ohne Leute wie den Baumeister würden die Affen noch heute am Baum sitzen und dem zujubeln, der am schönsten brüllen kann…

  3. Selbstdenker

    Ich möchte mich beim Betreiber dieses Blogs herzlich bedanken.

    Die heute veröffentlichten Texte übertreffen nochmals das bereits gewohnt hohe Niveau.

  4. Reini

    Gertrude Oma,… eine Ausschwitz überlebende veröffentlicht ein Video gegen Rechtspoplisten und für VdB,… ich bin voll bei ihrer Meinung, nur hat sie eines vergessen bzw. leider nicht darüber nachgedacht wie es soweit gekommen ist! … wie war das nochmal 1920,… Arbeitslosigkeit, Hunger, Inflation, … Schuldige, “Bürgerkrieg”, Säuberung, usw… und dass wir jetzt genau wieder darauf hinsteuern! …
    Frau Gertrude … es werden andere Politiker kommen, da erscheint Herr Hofer als Linkspopolist!
    Es werden Hunderte Millionen “Flüchtlinge” kommen, es wird 1Million Arbeitslose in Österreich geben, und wir werden Pleite sein! usw. … diese Gedanken haben nichts mit Rechts zu tun, sondern mit Realismus!
    Durch die finanzielle Scheinpolitik wird das Volk abgefüttert und lebt im blinden Reichtum,…

    “Brot und Spiel” (alles auf Pump) sollten mal zur Gedankenanregung gestrichen werden!

  5. Herzberg

    Hervorragender Text! Zwei Fußnoten dazu:

    Bruno Kreiskys Aufforderung an Künstler und Intellektuelle, mit ihm „ein Stück Weges gemeinsam zu gehen“ wurde damals von einem Großteil der Kulturschaffenden und der Medien internalisiert und wirkt bis heute fort.

    Kulturmarxismus wirkt weltweit und manifestiert sich im gezielten Austausch natürlicher Autoritäten durch Armeen empörungs- und artikulationsfreudiger Resonzanzkörper, die in einem inzestiösen System nach oben schwappen und somit Sichtbarkeit (=Prominenz) erlangen.

    Josef Haslinger hat in diesem Zusammenhang zu Recht einmal die Frage gestellt, was uns denn zu der Ansicht bringen würde, daß etwa Schauspieler ein besseres politisches Urteilsvermögen haben könnten, als ein Fleischhauer oder ein Bäcker.

    Laut “Presse”, vom 17.11.2015 moniert Haslinger, wonach er die Zustände im Land und damit die Regierenden permanent kritisiert und hierfür von diesen, paradox anmutend, gelobt wird (“Habe ich nicht den Österreichern immer meine Meinung ins Gesicht gesagt? Eingelullt haben sie mich, mit Ehrungen, Preisen, Stipendien. Zum Staatskünstler wollten sie mich erheben, zu Tode streicheln.”)

    Nähme er sich selbst und seine eigenen Worte ernst, würde er die seiner Meinung nach vergifteten Geschenke nicht annehmen, die ihm aber — und das ist ja der Witz dabei — schlicht und ergreifend nur deshalb tonnenweise zugeschoben, weil er Sozialisten dafür kritisiert, nicht ausreichend links zu agieren.

    Wie sonderbar mutet doch ein Aussage über die politische Urteilskraft von Schauspielern an aus dem Munde dessen, der gemeinsam mit Koryphöen wie Georg Danzer, Marianne Mendt, Resetaritz, Heller und so weiter und so fort über die Plattform SOS-Mitmensch sich in der Politik der Presseaussendungen und Lichermeere im Kampf gegen die Wiederauferstehung des Dritten Reichs versucht und angesichts des aktuell ablaufenden Wahlkampfs “präfaschistische Zeiten” diagnostiert.

    Haslinger weiß vielleicht bescheid, daß er ein mit Ehrungen, Preisen und Stipendien gekaufter Hofnarr ist, ob er aber deshalb redlicher ist, als seine weniger luziden Staatskünstler-Kollegen, sei dahingestellt.

  6. Kluftinger

    Gerd Bacher hat den Text von Semrau auf seine Art zusammengefasst: “Elite entsteht durch Leistung, Prominenz durch Applaus” (ersetzen sie Leistung durch Kompetenz dann stimmt die Gleichung ?)
    Dieses Bonmot fällt mir immer ein, wenn unsere Bundespolitiker (Kern et al..) von Eliten sprechen und sich selbst meinen.

  7. Hallo Dienstmann

    den Herren Semrau (post mortem) und Ortner (dessen wortkreation bzw -spende Prolokratie als Beschreibung unserer Republik Regierungsform ich trefflich fand) sowie dem feinsinnigen Fragolin erschalle mein Dank für die gelungenen Texte. Nur zu.

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