Krieg und Fortschritt

Von | 21. Mai 2020

(ANDREAS TÖGEL) “Der Krieg ist der Vater aller Dinge”: Jedermann kennt Heraklits Zitat. Über seine Interpretation streiten die Gelehrten. Fest steht, dass Kampf und Krieg seit Urzeiten den Menschen begleiten und dass seine Fähigkeit zum Kampf die Verfügbarkeit dazu geeigneter Mittel voraussetzt. Entwicklung und Einsatz überlegener Waffen hatten zweifellos einen kaum zu überschätzenden Einfluss auf den Gang der Geschichte.

Im Zweiten Weltkrieg wurde der Begriff „Wunderwaffen“ von der nationalsozialistischen Propaganda dazu eingesetzt, um den Durchhaltewillen der Volksgenossen zu heben, nachdem sich ab 1942/43 die militärischen Rückschläge zu häufen begannen. Gemeint waren überlegene Erfindungen deutscher Physiker und Ingenieure, die der Wehrmacht technische Vorteile gegenüber ihren Gegnern verschaffen sollten. Als herausragende Beispiele seien genannt: die Entwicklung des ersten einsatzfähigen Düsenjägers, der Messerschmitt 262, oder das als V2-Rakete in die Militärgeschichte eingegangene „Aggregat 4“, das erste von Menschenhand geschaffene Objekt, das den Weltraum erreichte. Für viele Entwicklungen wie den Nurflügler Horten H IX (Ho 229) kam das Kriegsende indes zu früh. In seinem Fall blieb es beim Bau von Prototypen. Allen deutschen „Wunderwaffen“ war am Ende gemein: zu wenig, zu spät. Strategische Bedeutung oder entscheidenden Einfluss auf den Kriegsverlauf konnte keine dieser Waffen entfalten.

Jenseits des Atlantiks, in Los Alamos in New Mexico, wurde ab 1942 an der Entwicklung einer anderen „Wunderwaffe“ gearbeitet, die gegen das Dritte Reich eingesetzt werden sollte. Sie wurde im Sommer 1945 dann allerdings über zwei japanischen Städten abgeworfen – die Atombombe. Das zum Bau einer Nuklearwaffe aufgesetzte „Manhattan-Projekt“ war die größte und kostspieligste Rüstungsanstrengung, die bis zu diesem Zeitpunkt je unternommen wurde. Unter der Führung Robert Oppenheimers versammelten sich die besten Wissenschaftler und Ingenieure, die den USA zur Verfügung standen. Den Einsätzen der Uranbombe „Little Boy“ gegen Hiroshima und der Plutoniumbombe „Fat Man“ gegen Nagasaki kam keine militärische Bedeutung zu. Vielmehr ging es um zynische Versuche an lebenden Zielen und um eine Machtdemonstration im sich bereits abzeichnenden Kalten Krieg als Nachfolgekonflikt.

Blickt man in die Überlieferungen militärischer Auseinandersetzungen zurück, findet man viele Fälle, in denen militärische Erfolge dem Einsatz überlegener Waffen zu verdanken waren. Ein sehr eindrucksvolles Beispiel bildet das „Griechische Feuer“ (Seefeuer) – ein Vorläufer des modernen Flammenwerfers. Von „Dromonen“ genannten Kriegsschiffen aus wurde eine entflammte, brennbare Flüssigkeit mittels doppelwirkender Pumpen (Siphons) auf gegnerische Schiffe gespritzt, was auf hölzerne Galeeren verheerend wirkte. Der Einsatz des „Griechischen Feuers“ gegen die Schiffe der arabischen Belagerer Konstantinopels in den Jahren 674 bis 678 brachte den christlichen Verteidigern schließlich den Sieg und trug dazu bei, den Bestand Ostroms für weitere rund 900 Jahre zu sichern.

Als eine weniger spektakuläre, aber nicht minder wirkungsvolle „Wunderwaffe“ erwies sich der legendäre englische Langbogen. Im Verlauf des Hundertjährigen Krieges gegen Frankreich (1337 bis 1453) wurden beispielsweise die Schlachten von Crécy (am 26. August 1346) und Azincourt (am 25. Oktober 1415) maßgeblich durch den Einsatz der bis über 200 Meter weit wirkenden Langbögen entschieden. Der Abschuss von „Pfeilwolken“ durch die gut trainierten englischen Bogenschützen, die bis zu zehn Pfeile pro Minute verschießen konnten, hatte, dank der hohen Durchschlagskraft dieser Projektile, eine verheerende Wirkung – selbst gegen gepanzerte französische Kavallerie und Fußtruppen. Der Effekt dieser Waffe ist mit jenem einer Sprenggranaten verschießenden, leichten Artillerie zu vergleichen.

Und heute? Ob aktuelle Entwicklungen wie der russische Superkavitationstorpedo „Schkwal“, der mit bis zu 370 Kilometer pro Stunde (!) läuft und die Seekriegsführung revolutionieren könnte, auch die Bezeichnung „Wunderwaffe“ verdienen, wird sich erst zeigen. Im Einsatz nämlich.

Dieser Text ist soeben in der Ausgabe Nr. 203 des ef-Magazins erschienen

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